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Handystrahlung verursacht Schlafstörungen

Industrieforschung liefert unbequemes Ergebnis
Die eigenen Wissenschaftler der Mobiltelefonhersteller fanden heraus, dass der Gebrauch von Handys zur Schlafenszeit zu Kopfschmerzen, Verwirrung und Depression führen kann.

Die Strahlung von Mobiltelefonen hemmt und verkürzt gemäss einer neuen Studie den Schlaf und verursacht Kopfschmerzen und Verwirrung.

Die Forschung, finanziert durch Mobilfunkgesellschaften selbst, zeigt, dass Menschen, die vor dem Zubettgehen Handys benützen, länger brauchen, um die Tiefschlafphase zu erreichen und kürzer in dieser verbleiben, was sich störend auf die Fähigkeit, Schäden zu reparieren, die während des Tages aufgetreten sind, auswirkt.

Die Erkenntnisse sind speziell für Kinder und Teenager alarmierend, denn die meisten von ihnen - darauf weisen Überprüfungen hin - benutzen ihr Handy spät nachts, dann, wenn sie den Schlaf besonders nötig hätten. Das Schlafmanko kann zu einer schlechten Gemütverfassung und Persönlichkeitsveränderung führen, zu ADHD-ähnlichen Symptomen (ADHD (dt. ADHS): Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung), zu Depression, Konzentrationsmangel und schlechten Lernleistungen.

Die Studie - ausgeführt von Wissenschaftlern des Blue-Chip-Karolinska Instituts und der Universität Uppsala in Schweden und der Wayne State University in Michigan, USA - wird als die umfassendste ihrer Art angesehen.

Veröffentlicht durch das Massachusetts Institute of Technology Progress im Electromagnetics Research Symposium und finanziert durch das Mobil Manufacturers Forum, das die führenden Hersteller vertritt, hat es ernsthafte Besorgnis unter den Schlafexperten ausgelöst. Einer von ihnen sagte, dass es da nun "mehr als genug Beweis" gebe, dass "der Tiefschlaf beeinträchtigt werde."

Die Wissenschaftler untersuchten 35 Männer und 36 Frauen im Alter zwischen 18 und 45 Jahren. Einige wurden der Strahlung ausgesetzt und es wurde exakt festgehalten, was geschieht, wenn Handys benutzt werden; andere wurden genau den gleichen Bedingungen ausgesetzt, aber nur einer Scheinexposition, die also überhaupt keine Strahlung enthielt.

Die bestrahlten Menschen brauchten länger, um in die ersten Tiefschlafphasen zu fallen und verblieben kürzere Zeit in der tiefsten Phase. Die Wissenschaftler schlossen daraus: „Die Studie weist darauf hin, dass während der Laborexposition bei 884 MHz drahtloser Signale Schlafanteile wichtig sind für die Erholung von den täglichen Beanspruchungen und dem Verschleiss."

Das in Verlegenheit gebrachte Mobil Manufacturers Forum spielte die Resultate herunter, indem es darauf beharrte - mit offenkundigem Widerspruch zur veröffentlichten Schlussfolgerung- dass die „Resultate nicht beweiskräftig“ seien und dass "die Forscher nicht behauptet hätten, dass die Exposition Schlafstörungen verursachte."

Aber Professor Bengt Ametz, der die Studie geleitet hatte, sagt: "Wir haben tatsächlich Auswirkungen von Mobiltelefonen in den Szenarien bei der Exposition gefunden, die realistisch waren. Dies lässt darauf schliessen, dass sie messbare Auswirkungen auf das Gehirn haben." Er glaubt, dass die Strahlung das Stress-System im Gehirn aktivieren kann, "dass die Leute wacher und angeregter werden und die Fähigkeit vermindert wird, ruhiger zu werden und einzuschlafen."

Ungefähr die Hälfte der untersuchten Menschen glaubten selbst, sie seien "elektrosensitiv". Sie berichteten über Symptome wie Kopfschmerzen und verminderte kognitive Funktionen unter dem Einfluss von Handybenutzung. Aber sie erwiesen sich als unfähig zu sagen, ob sie während des Tests einer Strahlung ausgesetzt waren.

Dies bestärkt die Schlussfolgerung der Studie, da sie jeden Zweifel beseitigt, dass das Wissen um die Exposition die Schlafmuster beeinflusst. Sogar noch signifikanter zweifelt sie die Relevanz der Studien der Industrie an, die behaupten, dass die Strahlung keine messbaren Effekte hat.

Eine Reihe davon - darunter die bemerkenswerteste kürzlich veröffentlichte Studie der Essex Universität - haben in ähnlicher Weise herausgefunden, dass Menschen, die behaupten, elektrosensitiv zu sein, nicht unterscheiden konnten, ob die Strahlung unter Laborbedingungen eingeschaltet war und sie konnten nicht erkennen, ob sie direkt beeinträchtigt wurden.

Kritiker haben die Methologie der Studien angegriffen, aber neue Erkenntnisse geben diesen ein ernsthaftes Gewicht. Für sie zeigt es sich, dass die Strahlung einen sicheren Effekt hatte, dies sogar, obwohl die Leute nicht sagen konnten, wann sie exponiert waren.

Sie ergänzt auch andere neue Forschungen. Eine wichtige Studie, die 1,656 belgische Teenager während eines Jahres begleitete, fand heraus, dass die meisten von ihnen ihr Telefon vor dem Zubettgehen benutzten. Daraus folgerte sie, dass jene, die das einmal pro Woche machten, mehr als dreimal mehr und jene, die es öfter als fünfmal machten, angaben, "sehr müde" zu sein.

Dr. Chris Idzikowski, der Direktor des Edingburgher Schlafzentrums, sagt: "Es gibt mehr als genug Beweise von einer grossen Zahl angesehener Forscher, die finden, dass Mobiltelefongebrauch eine Stunde vor dem Schlafengehen nachteilige Auswirkungen auf den Tiefschlaf hat."

Dr. William Kohler vom Schlafinstitut Florida fügt hinzu: "Alles, was die Integrität Ihres Schlafes stört, hat potenziell negative Folgen auf den Tagesablauf, wie schlechte Laune, Konzentrationsschwierigkeit und bei Kindern Hyperaktivität und Verhaltensstörungen."

David Schick, der Geschäftsleiter von Exradia, die Schutzvorrichtungen gegen die Strahlung herstellt, rief die Minister auf, "offizielle öffentliche Untersuchungen" über die Auswirkungen von Mobiltelefonen durchzuführen.

Artikel veröffentlicht:
21.01.2008
Autor:
Geoffrey Lean, dt. Übersetzung Evi Gaigg | diagnose:funk
Quelle:
The Independent, 20.01.2008

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