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Busse und Bahnen sind für mich tabu!

Elektrosmog-empfindlich:eine Bürgerin berichtet
„Ich kann nicht mehr in Bussen und Bahnen fahren!“, berichtet eine Bürgerin aus Stuttgart. Anlässlich des 4-jährigen Engagements der Mobilfunk-Initiativen in Stuttgart wurde ein Interview mit einer von Elektrohypersensibilität Betroffenen geführt.

Vorbemerkung: Sie leben unter uns, Menschen, die Kopfweh, Erschöpfungszustände, Schlaflosigkeit oder Herzrasen durch elektromagnetische Felder von Antennen, Handys, DECT-Telefonen oder WLAN bekommen.

Gehen sie zu einem Arzt, werden sie oft als psychisch krank eingestuft. Bei Nachfragen stellt sich schnell heraus, dass die Ärzte sich mit diesem Thema gar nicht gründlich befasst haben, oft Argumente der Mobilfunkindustrie wiedergeben. In Schweden wird Elektrohypersensibilität als Behinderung anerkannt, in mehreren Bundesstaaten in den USA wird durch Proklamationen der Gouverneure auf diese Krankheit durch „Monate der Elektrosensibilität“ aufmerksam gemacht. Viele Menschen bei uns wissen aber gar nicht, dass ihre Symptome auch vom dauerstrahlenden DECT-Telefon oder Handymasten kommen können.

Interview:

Wie haben Sie gemerkt, dass Sie gerade auf die Strahlung mit Beschwerden reagieren? Es hat erst einmal fast 3 Jahre gedauert, bis ich dahinterkam, dass meine Beschwerden von Mobilfunkstrahlung herrührten. Ich hatte lymphatische Ödeme, Herzrhythmusstörungen, Schlaflosigkeit, Erschöpfung - ich wusste nicht mehr, wie es sich anfühlt, wach zu sein, und alles habe ich nur noch wie durch Nebel wahrgenommen. Erst ein Freund hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass auf dem Dach des Nachbarhauses am Kernerplatz ein Mast steht. Ein Elektrobiologe hat durch Messungen bestätigt, dass meine Wohnung, besonders mein Schlafzimmer, sehr belastet ist - auch durch das DECT-Telefon des Nachbarn unter mir. Ich selbst hatte nie ein Handy oder ein schnurloses Telefon.

Was haben Sie dagegen getan? Ich bin umgezogen, seither geht es mir besser. Zuerst war das Gefühl von Nebel weg, nach 3 Wochen verschwanden die lymphatischen Ödeme, der Schlaf wurde erst im Lauf von 3 Jahren wieder besser - schließlich lebe ich auch dort nicht im Funkloch und bin täglich S-Bahn und Bus gefahren. Natürlich war dieser Umzug aus meiner Eigentumswohnung in eine Mietwohnung mit enormen finanziellen Belastungen verbunden.

Was sind Ihre Erfahrungen mit Ärzten? Die Ärzte konnten meine Symptome überhaupt nicht erklären, Untersuchungen führten zu keinem Ergebnis. Erst als ich meinem homöopathischen Arzt davon berichtete - nach der Entdeckung der Ursache - zeigte er sehr großes Verständnis. Im Krankenhaus, wo ich wegen DECT und WLAN fast erstickt wäre (der Hals ist zugeschwollen, und ich wurde intubiert und künstlich beatmet), hatten die Ärzte das Wort Elektrosmog noch nie gehört. Sie unterstellten mir, dass ich vor der OP blutgerinnende Medikamente genommen hätte.

Kennen Sie noch andere Elektrohypersensible in Stuttgart? Ja, die sind teilweise noch schlimmer dran als ich, weil sie nicht umziehen können. Sie sind kaum in der Lage, sich im öffentlichen Raum zu bewegen. Es sind erhebliche Einschränkungen damit verbunden. Wir fahren nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln, gehen nicht mehr ins Restaurant oder Café, und beim Einkaufen müssen wir uns die Läden genau ansehen, ob es dort schnurloses Telefon, Handyindoorsender oder WLAN gibt. Wenn ich zum Arzt muss, telefoniere ich mindestens zwei Stunden, bis ich einen gefunden habe ohne DECT und WLAN. Die Lebensqualität der Elektrohypersensiblen ist erheblich reduziert.

Was soll sich Ihrer Meinung nach ändern? Viel! Zunächst einmal muss sich dringend die rechtliche Situation ändern. Es kann wohl nicht sein, dass man aus seiner Wohnung vertrieben wird, weil man es nicht mehr aushält. Die Unverletzlichkeit der Wohnung – auch gegen Einstrahlungen, muss ein Grundrecht sein. Die Nachweispflicht, dass man Beschwerden durch Mobilfunk hat, liegt immer noch beim Patienten! Und er muss nachweisen, dass die Beschwerden ausschließlich (!) vom Mobilfunk kommen. Die Elektrohypersensibilität muss als Krankheit anerkannt werden. Es herrscht, wie es aussieht, das Recht des Stärkeren, d.h. in dem Fall des Finanzkräftigeren. Leider stehen mir keine 50 Mrd. Euro zur Verfügung, um einen Einfluss auf Grenzwerte, Gesetzgebung, Forschung und Medien zu sichern. Vor allem sollte dafür gesorgt werden, dass vor der Einführung neuer Technologien – wie jetzt LTE - zweifelsfrei durch unabhängige Forscher die Unschädlichkeit nachgewiesen wird. Die Aussichten durch die totale Vernetzung z.B. des Verkehrs – die LTE bringen wird - sind für Elektrohypersensible geradezu verheerend! Damit sich etwas ändert, arbeite ich in der Bürgerinitiative mit.

Buchempfehlung:

Ein schönes Gefängnis
Auf der Flucht vor Elektrizität und Mobilfunkstrahlung

Das Buch handelt von Erwachsenen und Kindern, die empfindlich auf Elektrizität und Funkstrahlung reagieren und deshalb ihre Häuser, Arbeitsplätze und Schulen aufgeben mussten. Sie leben heute meist isoliert an abseits gelegenen Orten oder im Wald. Was sie dort der Autorin aus ihrem Leben erzählten, macht den Hauptteil des berührenden Buches aus.

Publikation zum Thema

1. deutschspr. Auflage, 2010Format: Taschenbuch, DIN A 5Seitenanzahl: 80 Veröffentlicht am: Sprache: DeutschHerausgeber: Bürgerwelle e.V.

Ein schönes Gefängnis

Auf der Flucht vor Elektrizität und Mobilfunkstrahlung
Autor:
Gunilla Ladberg
Inhalt:
Das Buch handelt von Erwachsenen und Kindern, die empfindlich auf Elektrizität und Funkstrahlung reagieren und deshalb ihre Häuser, Arbeitsplätze und Schulen aufgeben mussten. Sie leben heute meist isoliert an abseits gelegenen Orten oder im Wald. Was sie dort der Autorin aus ihrem Leben erzählten, macht den Hauptteil des berührenden Buches aus.
Artikel veröffentlicht:
30.08.2010
Quelle:
Vier Jahre Mobilfunkwiderstand in Stuttgart, Jubiläumsbroschüre Stuttgarter Bürgerinitiativen. Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis der Stuttgarter Bürgerinititative

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