diagnose funk

WHO in Kritik wegen Missachtung von Beweisen

Intransparente Verfahren bei Richtlinien
Kanadische Studie mit einer Umfrage unter älteren WHO-Beamten und Analyse verschiedener WHO-Richtlinien deckt Intransparenz auf.

WHO in der Kritik wegen Missachtung von Beweisen

Wenn beweiskräftige Richtlinien erstellt werden, vergisst die WHO kontinuierlich einen wichtigen Punkt: den Beweis. Dies ist das Urteil einer am Dienstag in „THE LANCET“ publizierten Studie. Die Kritik der medizinischen Zeitschrift an der WHO könnte so manchen in der globalen Gesundheitsgemeinschaft schockieren, zumal es eine der Haupttätigkeiten der WHO ist, Richtlinien herauszugeben, angefangen vom Kampf gegen die Verbreitung der Vogelgrippe, über die Kontrolle von Malaria, bis zum Erlass einer Anti-Tabak-Gesetzgebung.

„Dies ist ein ziemlich erschütterndes Ereignis“, sagte der Herausgeber von LANCET, Dr. Richard Horton, der in die Recherchen für den Artikel nicht involviert war. „Es untergräbt den wirklichen Zweck der WHO.“ Die Studie wurde von Dr. Andrew Oxman und Dr. Atle Fretheim vom Norwegian Knowledge Centre for Health Services und von Dr. John Lavis an der McMaster University in Kanada durchgeführt. Sie befragten ältere WHO-Beamten und analysierten verschiedene Richtlinien, um festzustellen, wie diese entstanden sind. Was sie fanden, war ein unverkennbar intransparentes Verfahren.

„Es ist schwierig zu beurteilen, wieviel Glaubwürdigkeit man WHO-Richtlinien beimessen kann, wenn man nicht weiss, wie sie zustande gekommen sind“, sagte er. „In diesem Fall bleibt nur blindes Vertrauen.“

Die WHO gibt jedes Jahr ca. 200 Sammlungen von Empfehlungen heraus, wobei sie als öffentlicher Schiedsrichter für Gesundheit für die globale Gemeinschaft agiert, indem sie unter den sich konkurrierenden wissenschaftlichen Theorien und Studien jene heraussiebt, mit denen sie am besten Verfahren vorantreiben kann.

Der Direktor der Wissenschaftsabteilung der WHO, Dr. Tikki Pang, sagte, dass einige seiner WHO-Kollegen durch die Studie des LANCET schockiert waren, aber er anerkannte, dass die Kritik berechtigt war, und er erklärte, dass die Zeit drängt und ein Mangel, sowohl an Informationen, als auch an Geld, die Arbeit der WHO beeinträchtige. „Wir wissen, dass unsere Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht“, sagte Pang „und wir werden daran gehen, gemeinsam zu handeln.“

WHO-Beamte bemerkten, dass in vielen Fällen Beweise einfach nicht existieren. Daten aus Entwicklungsländern sind bestenfalls flickwerkartig vorhanden, und bei einem Ausbruch verändert sich die Information, sobald eine Krise entsteht.

Um sich dem Problem zuzuwenden, sagten sie, versucht die WHO neue Wege zu suchen, um die Informationen in den armen Ländern zu sammeln. Sie sieht vor, ein Komitee zu gründen, um einen Überblick über die Sammlung aller Gesundheitsrichtlinien zu bekommen.

Die LANCET-Studie, die von 2003 bis 2004 durchgeführt wurde, um die WHO-Richtlinien zu analysieren und WHO-Beamte zu befragen, fand heraus, dass die WHO-Beamten selbst über die Methoden der Behörde besorgt waren. Ein ungenannter Direktor wurde in der Studie mit den Worten zitiert: „Ich hätte gerne mehr Beweise gehabt, um Richtlinien herauszugeben.“ Ein anderer sagte: „Wir hatten nie eine gut dokumentierte Grundlage.“

Pang sagte, während einige Richtlinien zweifelhaft sein mögen und sich nur auf einige Expertenmeinungen stützten, wurden andere in strengen Studien erarbeitet und waren darum zuverlässiger. Z.B. war kürzlich der Rat der WHO zur Behandlung der Vogelgrippe unter eingehender Prüfung entstanden.

Oxman bemerkte auch, dass die WHO ihre eigene Qualitätskontrolle hat. Als 1999 Richtlinien über die Behandlung von Bluthochdruck unter anderem kritisiert worden waren, weil sie teure Medikamente statt billigere ohne bewiesene Vorteile empfohlen hatten, gab die Gesellschaft ihre „Richtlinie zum Schreiben von Richtlinien“ heraus, welche dann zur Revision ihrer Ratschläge über Bluthochdruck führte.

„Die Leute sehen die Absicht der WHO“, sagte Oxman. „Das Problem ist nur, dass gute Absichten und plausible Theorien nicht genug sind.“

Es bleibt abzuwarten, wie die 193 WHO-Mitgliedsländer auf die Studie von THE LANCET reagieren werden, die herauskam, gerade bevor sich nächste Woche die WHO-Körperschaft - die World Health Assembly - im U.N. Hauptquartier in Genf treffen und über zukünftige Gesundheits-Strategien entscheiden.

„Wenn Länder kein Vertrauen in die technische Kompetenz der WHO haben, dann steht ihre eigentliche Existenz in Frage“, sagte Horton, der Herausgeber der Zeitschrift. „Diese Studie zeigt, dass innerhalb dieser Organisation ein veritables Problem besteht, die es ablehnt, die Wissenschaft an erste Stelle zu setzen.“

WHO-Generaldirektorin, Dr. Margarte Chan, die ihren Posten in diesem Jahr angetreten hat, wird jetzt mit der Antwort auf die Kritik der Studie unter Druck kommen.

„Wir brauchen eine starke WHO; wie man in den vergangenen Jahren gesehen hat, zerbröckelte ihre Unabhängigkeit und das Vertrauen in sie ist geschwunden,“ sagte Horton. „Nun gibt es eine fabelhafte Gelegenheit für die WHO, sich zurück zu besinnen auf ihre Rolle als die technische Behörde, die sie immer meinte, gewesen zu sein.“

Anmerkung der diagnose-funk:

Wenn die WHO Richtwerte für elektromagnetische Felder empfiehlt, liegt das Problem nicht darin, dass es an Studien fehlen würde, sondern daran, dass man die Evidenz schlicht ignoriert oder ihr mit fadenscheinigen Sätzen keine Bedeutung zumisst. Es verwundert auch nicht, denn der bis Juni 2006 amtierende Leiter der EMF-Abteilung, Michael Repacholi, und vormalige Vorsitzende des industrienahen Vereins „ICNIRP“ e.V., arbeitete bereits 1990 für den australischen Stromversorger „Electricity Commission of New South Wales“ und schrieb dort für seine Lobby gerichtliche Gutachten um Schadenersatzansprüche gesundheitlich betroffener Bürger abzuwehren. (Siehe auch den Bericht von Prof. Andrew Marino, s.u. weiterführende Links [1].

In der WHO machte er sich dann einen Ruf als Lobbyist, indem er kritische Wissenschaftler zu Kongressen und Workshops entweder nicht einlud, vor der Tür des Hauptsitzes in Genf kaum einlassen wollte oder gar deren Tagungseingaben komplett umschreiben liess, bevor sie dann unter dem Namen des betroffenen Forschers von der WHO publiziert wurden (so z. B. geschehen mit assoc. Prof. Olle Johansson, Karolinska Institute, Stockholm). Auch im Bereich ionisierender Strahlung machte sich Repacholi einen Namen: In einem BBC Interview bezeichnete er acht Studien, welche eine krebserregende Wirkung von abgereichertem Uran fanden, als „Märchenkram“.

Schliesslich gab er gemäss Microwavenews vor der Presse zu, dass er pro Jahr 150'000 Dollar für die Organisation von Meetings und seine Reisespesen direkt von der Industrie erhielt – womit er die Richtlinien der WHO gravierend missachtete; jedoch wie so oft ohne Folgen.

Kurz nach seiner Pensionierung arbeitete Repacholi für die Mobilfunkfirma „Jersey Airtel“ und wenige Monate später für die Stromkonzerne „Northeast Utilities“ und „United Illuminating Co.“. Er versuchte dort weiterhin, Behörden von einer Verschärfung der Grenzwerte abzuhalten, s.u. weiterführende Links [2].

Repacholis Nachfolgerin in der WHO, Emilie van Deventer, scheint nun in seine Fussstapfen zu treten: Als Elektro-Ingenieurin hat sie in der Szene der Elektrobiologen den Ruf, dass Sie für die gesundheitlichen Auswirkungen der elektromagnetischen Felder etwa so viel Interesse aufbringt wie ein Metzger für die Folgen eines überhöhten Fleischkonsums.

Artikel veröffentlicht:
19.05.2007
Autor:
Deutsche Übersetzung: Evi Gaigg | diagnose:funk
Quelle:
Associated Press, Maria Cheng (AP medical writer), 07. Mai 2007

Schlagwörter dieses Artikels