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Kälber wegen Handyantennen erblindet

Mikrowellen auch für menschliches Auge gefährlich?
Seit bei Ernst Weber eine Handyantenne steht, kommen viele seiner Kälber mit Augendefekten zur Welt. Experten befürchten, dass Handystrahlen auch den Augen von Menschen schaden.

Im Jahr 2003 kam auf dem Hof von Ernst Weber das erste Kalb mit einem Augenschaden auf die Welt. «Es lief ständig in Hindernisse, weil es sie nicht sah», so der Landwirt aus Hadlikon ZH. «Schliesslich mussten wir es schlachten.»

In den Folgejahren erblindeten zwei weitere Kälber. Auch sie mussten geschlachtet werden. Für Ernst Weber ist klar: Schuld an den Missbildungen ist eine Handyantenne, die auf seiner Scheune steht. Vor zehn Jahren hatte Weber der Swisscom erlaubt, die Antenne zu bauen – für 100 Franken pro Monat.

Nicht nur die Tiere leiden an den Handystrahlen. Bei Webers meldete sich auch eine Nachbarin, die auf Elektrosmog sensibel reagiert. Die Folgen sind Muskelkrämpfe, starke Kopfschmerzen, Augen- und Nervenentzündungen.

«Ein Kalb mit schwerem grauem Star findet das Euter der Mutter nicht»

Das gab für Weber den Ausschlag. «Wenn die Antenne sogar den Menschen schadet, muss sie weg», sagte er sich. Der Vertrag mit der Swisscom läuft Ende dieses Jahres aus, sodass die Antenne dann abgeschaltet wird. Die Swisscom nahm zu dem Fall keine Stellung.

Auch andere Bauern berichten von blinden Kälbern wegen Handymasten. Besonders hart traf es Hans Sturzenegger in Winterthur: Seitdem auf seinem Hof eine Orange-Antenne stand, kam ein Drittel der Kälber mit Augenschäden auf die Welt. Insgesamt waren rund 50 Tiere betroffen. Nach jahrelangem Seilziehen brach Orange 2006 die Antenne ab.

Michael Hässig, Professor für Tiermedizin an der Universität Zürich, untersuchte Sturzeneggers Tiere – sie hatten grauen Star. «Ein Kalb mit schwergradigem grauem Star findet das Euter der Mutter nicht», sagt Hässig.

Breit angelegte Studie beweist erhöhtes Risiko

Die Häufung von grauem Star beunruhigte Hässig. Deshalb starteten er und sein Team eine breit angelegte Studie (Anmerk. Diagnose-Funk: Studientitel - "Nukleärer Katarakt bei neugeborenen Kälbern welche in der Nähe von Handy-Antennen gehalten werden", s. Abstract unter den nebenstehenden Downloads als PDF). Sie untersuchten in der ganzen Schweiz die Augen von über 250 Kälbern. Das Ergebnis war eindeutig. Hässig: «Wenn nahe beim Stall der trächtigen Kuh eine Handyantenne steht, ist das Risiko signifikant erhöht, dass das Kalb grauen Star hat.»

Wissenschafter befürchten, dass Handystrahlen auch beim Menschen grauen Star auslösen könnten. Erste Hinweise gab es in den Sechzigerjahren, sagt Lothar Geppert von der Umweltorganisation Diagnose-Funk: «Grauer Star war damals eine Berufskrankheit von Radartechnikern.» Verantwortlich dafür waren Röntgenstrahlen, aber auch Mikrowellen. Geppert: «Ganz ähnliche Mikrowellen strahlen heute Handys und Handyantennen aus.»

Wenn der Mensch mit dem Handy telefoniert, bekommt das Auge einen Teil der Strahlung ab. Die möglichen Folgen haben Forscher in China an Kaninchen getestet: Sie bestrahlten die Augen der Tiere mit der etwa sechsfachen Feldstärke, wie sie beim Handygebrauch auftritt. Bereits nach drei Stunden konnten sie Vorstufen von grauem Star feststellen.

Ähnliche Mechanismen bei Kühen und Menschen

Laut Veterniär-Professor Hässig ist es unsicher, ob Handystrahlen auch beim Menschen grauen Star auslösen können. Anders als Menschen seien Kühe, auf deren Stall eine Handyantenne stehe, ständig dem Elektrosmog ausgesetzt. «Wir Menschen fahren dagegen zur Arbeit oder sind sonst oft unterwegs. So ist die Strahlung mal höher, mal tiefer.» Entwarnung gibt Hässig aber nicht. Es sei weitere Forschung nötig, um die Frage zu klären. Die Erkenntnisse bei den Kälbern seien dabei ein wichtiger Anhaltspunkt: «Viele Mechanismen laufen bei der Kuh gleich ab wie beim Menschen. Schliesslich sind beides Säugetiere.»

Artikel veröffentlicht:
08.05.2009
Autor:
Christian Egg | Konsumentenzeitschrift saldo
Quelle:
saldo Nr. 8 | 28. April 2009 Veröffentlicht auf diagnose:funk mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

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