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Verbraucherzentrale fordert WLAN-Moratorium

Experten-Anhörung in Südtirol
Verbraucherzentrale Südtirol fordert nach der Anhörung im Landtag ein Moratorium für die Einführung von WLAN an Schulen und in öffentlichen Einrichtungen.

Als erste Region in Italien führte der Südtiroler Landtag eine Anhörung zu allen Aspekten des Mobilfunks durch. Dazu waren Experten aus Italien, Österreich und Deutschland eingeladen, 22 Abgeordnete waren anwesend. Auf Vorschlag der Verbraucherzentrale Südtirol wurden eingeladen:

Dr. Florenzo Marinelli ( Staatl. Forschungsinstitut CNR, Biologische Auswirkungen), Prof. Michael Kundi (Med. Uni Wien, Stand der med. Forschung zur Krebsgefahr), Dr.Ing. Martin Virnich (Technische Aspekte, Strahlenbelastung), RA Stefano Bertone (Juristische Aspekte, Vorsorgeprinzip), Peter Hensinger (Diagnose-Funk e.V., Pädagogische Aspekte digitaler Medien).

Wir veröffentlichen drei Vorträge - (Siehe Downloads)

Prof. Dr. Michael Kundi (Medizinische Universität Wien) referierte über "Auswirkungen des Mobilfunks auf die Gesundheit-epidemiologische Befunde".
Er stellte lückenlos die Gesamtstudienlage zur Frage Gehirntumoren vor mit drei Hauptaussagen:

1. Die Dänische Kohortenstudie, die oft als Beleg für kein Auftreten von Gehirntumoren zitiert wird, wird fehl interpretiert. Die richtige Interpretation der Daten ergibt für Männer statt einem Inzidenzverhältnis von 0.98 ein solches von 1.68, d.h. eine 68%-ige Erhöhung der Wahrscheinlichkeit für einen Gehirntumor (Folie 10).
2. Zu den Ergebnissen der Interphone-Studie und der Studien von Hardell et al. trug Prof. Kundi vor:
"Die Evidenz aus epidemiologischen Studien weist derzeit auf ein erhöhtes Risiko der Mobiltelefonnutzung für Hirntumore hin, wobei eine kausale Interpretation zulässig ist. Wegen der noch immer kurzen Nutzungsdauer (im Vergleich zur Entwicklungsdauer der Krankheit) kann das Risiko in seiner Höhe noch nicht beziffert werden." (Folie 23)
3. Statistische Auswertungen zeigen ein Ansteigen der Hirntumoren (Folien 21,22,26), was aber derzeit wegen der Latenzzeit nicht auf eine krebsauslösende, sondern krebspromovierende Wirkung der nicht-ionisierenden Strahlung zurückgeführt werden müsse. Eine geschädigte Zelle entwickle sich schneller und früher zum Tumor. Die krebspromovierende Wirkung kann als gesichert angesehen werden. Die neue Studie von Lerchl et al., die vom deutschen Bundesamt für Strahlenschutz im März 2015 veröffentlicht wurde, bestätige diese Auffassung, führte Prof. Kundi in der Diskussion aus.

Peter Hensinger: Digital und kabellos lernen - Faszination mit Nebenwirkungen. Aufwach(s)en im Umgang mit digitalen Medien.

Peter Hensinger fasst die pädagogische Diskussion über die Einführung digitaler Medien anhand der aktuellen kritischen Literatur zusammen und entwickelt daraus 6 Thesen als Handlungsoptionen für die Bildungspolitik.

P. Hensinger übergab den Abgeordneten eine Studienrecherche mit 52 Studien zu Risiken von WLAN (die Recherche ist dem Vortrags-PDF angehängt).

Dr.-Ing. Martin H. Virnich: Technische Aspekte der Mobilfunktechnologien

M. Virnich gibt einen hervorragenden Überblick über die Technik, die wirklichen Stärken der Stahlungsbelastung, die durch den Antennengewinn erzielt werden, z.B. bei UMTS bis zu 40.000 Watt (Peak) (S.4), diskutiert die Bedeutung der Nebenkeulen und schlussfolgert u.a.:
"Diese Ergebnisse widerlegen eindeutig die oft zu hörende Behauptung, die Mobilfunkantenne müsse gerade auf der Schule, dem Kindergarten usw. montiert werden, da ja „unter der Antenne nichts ist“.
Solche Äußerungen zeugen von der Unkenntnis des Einflusses der Nebenzipfel im nahen Umfeld der Antenne." (S.6) Ausführlich wird anhand von Messungen auf die rasant steigende Belastung durch Smartphones eingegangen.

Am Tag nach der Anhörung forderte die Verbraucherzentrale Südtirol einen Stopp der Einführung von WLAN an Schulen:

"Bozen, 04.05.2015: Verbraucherzentrale Südtirol, Bürgerwelle* und Dachverband für Natur und Umweltschutz verlangen Moratorium für WLAN in öffentlichen Räumen

Schulen, Krankenhäuser und Altersheime sollen Alternativen einsetzen
Bei der Gesundheit Vorsorge- statt Nachsorge-Prinzip anwenden

Die Anhörung zum Thema Mobilfunk im Südtiroler Landtag vor wenigen Tagen hat noch einmal kräftig untermauert, wie wichtig und dringend die Anwendung des Vorsorgeprinzips angesichts der aktuellen Datenlage geworden ist. Im Landtag haben 14 Experten aus dem In- und Ausland die Landtagsabgeordneten über 4 wichtige Aspekte der drahtlosen Kommunikation informiert: den technischen, den gesundheitlichen, den pädagogischen sowie den juridischen Aspekt ...

Verbraucherzentrale, Bürgerwelle sowie Dachverband für Natur- und Umweltschutz sehen sich nach dieser Anhörung in der Pflicht, die sofortige Anwendung des Vorsorgeprinzips und ein MORATORIUM zur Einführung und zum Betrieb von bestehenden WLAN-Anlagen in den Räumen von Schulhäusern, Landeseinrichtungen, Krankenhäusern und Altersheimen zu fordern.

Wie Prof. Kundi (Medizinische Universität Wien) und Dr. Marinelli (CNR Bologna) vorgetragen haben, besteht in der Wissenschaft auch eine bedeutende Evidenz für Krebsgefahr durch die Nutzung von Smartphones, Tablets und WLAN. Die öffentliche Hand muss dies in ihrer Verantwortung für den Gesundheitsschutz in Südtirol beachten und sich nicht nur neutral verhalten, sondern auch aktiv für diesen Schutz intervenieren – wie übrigens RA Dr. Bertone (Kanzlei Ambrosio & Commodo Turin) untermauert hat.

Bisher wurde vor allem an Schulen die WLAN-Vernetzung vorangetrieben, in der Überzeugung, dass es sich um eine didaktische Notwendigkeit handele. Peter Hensinger (Verbraucherorganisation Diagnose- Funk) konnte jedoch auch diesbezüglich in Anlehnung an die wissenschaftlichen Arbeiten von den Neurobiologen Prof. Spitzer und Dr. Lembke argumentieren, dass die Schule vor allem für eine Erziehung zur Medienmündigkeit antreten sollte. Wo es Sinn macht, kann die Arbeit mit digitalen Medien mittels verkabelten Geräten oder aber über innovative Technologien ermöglicht werden, wie die VLC (visible light communication)...

Auch an Krankenhäusern bestehen (z.B. in der Geburtenabteilung in Meran) WLAN-Netze, meist für die Unterhaltung der Patienten. Im Rahmen des Moratoriums und vor dem Hintergrund des Vorsorgeprinzips sind solche Anwendungen nicht weiter zu tolerieren.

Die Landesregierung wird ersucht, mit Verbraucherzentrale, Bürgerwelle und Dachverband enger zusammenzuarbeiten und gefährliche Kommunikationstechnologien nicht anzuwenden, bzw. nicht weiter zu forcieren, bis die Beweise deren Ungefährlichkeit nicht erbracht wird. Harmlose, effiziente Alternativen sind da und müssen beachtet werden."

* Die Bürgerwelle Südtirol ist ein lokaler Zusammenschluss von Südtiroler Bürgerinitiativen und Aktivisten, die auch bei Diagnose-Funk Mitglied sind.

Artikel veröffentlicht:
06.05.2015
Autor:
diagnose:funk

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