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Klima, Biodiversität und Gesundheit in Gefahr

Interview mit MdEP Klaus Buchner (ÖDP) zu 5G
Der Europaabgeordnete Prof. Klaus Buchner arbeitete unter anderem am Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik in München, wo er in Physik promovierte, sowie am europäischen Forschungszentrum CERN in Genf. Er verbrachte mehrere Jahre im Ausland und forschte unter anderem an der Universität Kyoto (Japan) sowie an der Universität Chandigarh (Indien). Von 1973 bis zur Pensionierung 2006 war er Dozent und Professor an der mathematischen Fakultät der TU München. Seit 1979 ist er Mitglied der wissenschaftlichen Akademie Accademia Peloritana dei Pericolanti in Messina und erhielt 1992 die Goldene Verdienstmedaille der Universität Breslau. 1983 trat er der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) bei. Als ihr Bundesvorsitzender von 2003 bis 2010 war eines seiner Hauptanliegen die Vernetzung der ÖDP mit lokalen Bürgerinitiativen. Er hält derzeit fast wöchentlich Vorträge zu 5G.
Bild: Simone Lettenmayer

diagnose:funk: Herr Prof. Buchner: Als EU-Abgeordneter arbeiten Sie vor allem über Handelsabkommen und an Exportbeschränkungen von Überwachungstechnik. Warum engagieren Sie sich gegen 5G?

Buchner: Gerade für die Überwachungstechnik ist 5G wichtig. Vom Handel mit persönlichen Daten profitiert nicht nur die Werbe-Industrie, sondern besonders auch die Überwachung der gesamten Bevölkerung. William Binney, der ehemalige technische Direktor der NSA, sagte am 3. Juli 2014 vor dem NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags über seine Behörde: „Sie wollen Informationen über alles haben. Das ist wirklich ein totalitärer Ansatz, den man bisher nur bei Diktatoren gesehen hat. … Nach dem 11. September gab es so etwas wie Privatsphäre nicht mehr.“ und weiter: „Wir haben uns wegbewegt von der Sammlung dieser Daten (d.h. bei Terror- und Kriminalitätsverdacht) hin zur Sammlung von Daten der sieben Milliarden Menschen unseres Planeten.“ Da mit 5G möglichst alle Geräte in einem Haushalt Informationen ins Internet einspeisen, ist es kaum noch möglich, einen Missbrauch auszuschließen. So hat meine Frau einen Fernseher gekauft, der eine Kamera enthält. Dabei kann durch Gesichtserkennung festgestellt werden, wer gerade welchen Film ansieht. Über Emotionserkennung, deren Entwicklung allerdings erst am Anfang steht, erhält man die Information, wer bei welcher Filmszene welche Emotionen hat. Damit weiß man, wie jeder Mensch reagiert und welche Bedürfnisse, Wünsche und Ängste er hat. Mit solchen Möglichkeiten hat nicht einmal George Orwell in seinem Roman „1984“ gerechnet.

diagnose:funk: Das sind auch sehr wichtige Informationen für eine Werbung, die auf individuelle Vorlieben und Bedürfnisse abgestellt ist.

Buchner: Ja, diese Informationen können automatisiert verarbeitet werden um Produkte zu suchen, die eine Person kaufen soll, und die dann in der passenden Stimmungslage des Interessenten angeboten werden. Aber es geht nicht nur um Werbung, sondern ganz allgemein um Beeinflussung und Kontrolle. Man kann z.B. mit diesen Informationen auch unwahre, einseitige oder übertrieben dargestellte Nachrichten verschicken, um Menschen zu steuern. Ein Beispiel dafür ist Cambridge Analytica, das weltweit in über 100 Fällen Wahlen beeinflusst hat, dabei aber meist nur mäßigen Erfolg hatte. Mit 5G hat man aber wesentlich mehr Informationen für eine wirksamere Beeinflussung. Ich sehe hier eine Gefahr für unsere Demokratie. Armin Grunwald, der Leiter des Büros für Technikfolgenabschätzung im Deutschen Bundestag, sagte „Zu keiner Zeit in der Menschheitsgeschichte hat es derart gute Bedingungen für eine totalitäre Diktatur gegeben wie heute. Was Hitler an Propaganda-Möglichkeiten, was die Stasi an Überwachungsapparat hatte, ist Kinderkram gegen das, was heute möglich ist.“ (Süddeutsche Zeitung vom 29.1.2018)

diagnose:funk: Überwachung und Beeinflussung sind aber nicht Ihre einzigen Einwände gegen 5G. Was kritisieren Sie noch?

Buchner: 5G schädigt außerdem unser Klima. Der Stromverbrauch wird immens ansteigen, um die geplanten 200 Milliarden neuen sendefähigen Objekte und die Basisstationen zu versorgen, die alle 100 bis 200 Meter aufgestellt werden müssen. Dazu kommen gut 20.000 Satelliten, die nicht nur beim Start der Raketen Klimagifte freisetzen, sondern auch auf ihrer Umlaufbahn mit ihren starken Sendern viel Energie verbrauchen. Auch auf der Erde wird der Stromverbrauch durch die Informationstechnologie enorm ansteigen: Heute benötigt das Internet weltweit ca. 10% des gesamten Stroms. Man schätzt, dass es 2030 etwa 30% sein werden.

Auch die Biodiversität wird durch 5G ganz wesentlich geschädigt. Bäume absorbieren die Strahlung sehr stark und sterben nach einigen Jahren ab, wenn sie nahe an einem Sender stehen und direkte Sichtverbindung haben. Manche Insekten wirken durch ihren Körperbau als gute Antennen. Dadurch nehmen sie Energie auf, die ihre Organe schädigt. Außerdem haben einige Tiere wie Bienen und Zugvögel Zellen, die leicht magnetisiertes Eisen enthalten. Diese Zellen versuchen sich nach dem Erdmagnetfeld auszurichten. So erhalten die Tiere wichtige Informationen für ihre Flugrichtung. Durch starke Funkstrahlung werden die Zellen entmagnetisiert. Dann finden die Bienen nicht mehr zurück zu ihrem Stock und verenden.

diagnose:funk: Werden auch Menschen durch 5G beeinträchtigt?

Buchner: Nicht nur durch 5G, sondern allgemeiner durch praktisch jede Funkstrahlung. Das ist schon seit 1932 bekannt, als der Arzt Erwin Schliephake die Folgen der Kurzwellentherapie untersuchte. In Russland wurde die Botschaft der USA seit Ende der 1950er Jahre lange Zeit mit Mikrowellen bestrahlt, deren Stärke unter den heutigen Grenzwerten lag. Die Folgen waren nicht nur Befindlichkeitsstörungen, sondern auch Jahre danach ungewöhnlich viele Krebsfälle und Nervenschäden. Bei der Einführung der Handys wusste man also, was wir zu erwarten haben.

diagnose:funk: Warum hat man trotzdem den Mobilfunk eingeführt?

Buchner: Mit Mobilfunk wird sehr viel Geld verdient. 2018 betrug der Umsatz allein in Deutschland 26,6 Mrd. Euro. Deshalb hat sich schon sehr früh eine Lobbygruppe der Mobilfunkindustrie mit dem Namen ICNIRP gebildet, die alle Gesundheitsschäden durch Funkstrahlung leugnet, wenn der Körper um weniger als ein Grad Celsius erwärmt wird. Mit dieser Behauptung hat sie auch unsere Grenzwerte festgelegt. Ihren politischen Einfluss hat diese Lobbygruppe, weil sie im Bundesamt für Strahlenschutz mietfrei untergebracht ist. Die wissenschaftliche Koordination ihrer Arbeit wird praktischerweise vom Bundesamt gleich miterledigt. So hat sie nicht nur direkten Einfluss auf die deutsche Gesetzgebung; mit den 100.000 Euro, die sie jedes Jahr vom Steuerzahler bekommt, finanziert sie auch ihre Lobbyarbeit in den „wissenschaftlichen“ Beratergremien der UNO und der EU-Kommission.

diagnose:funk: Dabei argumentiert ICNIRP, die wissenschaftlichen Ergebnisse seien widersprüchlich. Deshalb sei die Gefährlichkeit der Funkstrahlung unterhalb der Grenzwerte nicht bewiesen, und Schutzmaßnahmen seien unnötig.

Buchner: Allein diese Begründung sind schon ein Verstoß gegen geltendes Recht. Denn selbst wenn es stimmen würde, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse widersprüchlich sind, müsste die Bundesregierung angesichts der behaupteten schweren Schäden handeln und weitere Untersuchungen anstellen. Auch der EU-Vertrag schreibt ausdrücklich vor, dass schon bei einem begründeten Verdacht auf Gesundheitsschäden Vorsorge getroffen werden muss (Art. 191 AEUV). Sowohl die Bundesregierung, als auch die EU-Kommission verhalten sich daher gesetzwidrig.

diagnose:funk: Können Sie diesen „begründeten Verdacht“ etwas genauer beschreiben?

Buchner: Es gibt keine typische „Mikrowellenkrankheit“. Deshalb ist es im Einzelfall manchmal mühsam, Funkstrahlung als die Ursache einer Krankheit zu ermitteln. Denn wenn eine Strahlenquelle eingerichtet wird, merken die meisten Menschen zum Glück nichts. Nur bei einem kleinen Prozentsatz treten untypische Beschwerden auf wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Ruhelosigkeit oder Konzentrationsprobleme. Sie werden meist als psychische Störungen abgetan. Manchmal kommen aber schon nach kurzer Zeit ernstere Probleme dazu wie Tinnitus, Herzrasen, Veränderungen des Hormonspiegels, verminderte Fruchtbarkeit, sowie Entwicklungs- und Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Andere Krankheiten treten erst nach Jahren auf.

diagnose:funk: Gehört Krebs dazu, wie vor einigen Jahren in der Presse diskutiert wurde?

Buchner: Ja, das wird inzwischen kaum noch bestritten. Für mich ist besonders wichtig, dass die US-Regierung im sog. „National Toxicology Program“ eine Studie in Auftrag gegeben hat, die das im Tierversuch eindeutig nachweist. Prof. Lin, ein früheres Mitglied von ICNIRP, hat sogar eine Auswertung dieser Studie unter dem Titel „Klarer Beweis des Krebsrisikos durch Mobilfunkstrahlung“ (Clear evidence of cell phone RF radiation cancer risk“) in einem Journal der Mobilfunkindustrie veröffentlicht. Die Gruppe um Prof. Lennart Hardell konnte mit einer Auswertung tausender Krankenakten zeigen, dass Mobilfunkstrahlung auch beim Menschen die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, erheblich erhöht. Die Folge: Einige Krebsarten wie Leukämie und Lymphome, die u.a. mit Strahlung von Funkstationen in Verbindung gebracht werden, treten in Deutschland immer häufiger auf – allein zwischen 2008 und 2013 stiegen sie um mehr als 30%! Natürlich können diese Krebsarten nicht nur durch Funkstrahlung, sondern auch durch andere Einflüsse entstehen. Deshalb ist es wichtig festzustellen, dass auch die primären bösartigen Tumore im Gehirn und im Zentralnervensystem von 14 bis 19-jährigen Jugendlichen signifikant angestiegen sind, die bisher eher selten vorgekommen sind. Diese Körperregionen werden nämlich beim mobilen Telefonieren besonders stark belastet. In den USA läuft seit Jahren eine Sammelklage wegen Tumoren bei Vieltelefonierern.

diagnose:funk: Entstehen diese Schäden durch Gendefekte?

Buchner: Ja! Viele wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Funkstrahlung Gendefekte verursacht, die natürlich auch zu Missbildungen führen können. Für Menschen gibt es in Deutschland zwar keine systematische Erfassung von Missbildungen. Aber Beobachtungen in Tierzuchten bestätigen das. Ich war an einer Untersuchung beteiligt, wo in der Nähe einer Schweinezucht ein Mobilfunkmast aufgestellt wurde. Die Strahlung lag sehr weit unter den Grenzwerten. Trotzdem entstanden nach dessen Inbetriebnahme Missbildungen, die in all den Jahren zuvor noch nie aufgetreten sind. Es waren zwar nicht viele: 63 Fälle bei 5.000 untersuchten Ferkeln. Trotzdem ist diese Beobachtung besorgniserregend. In der letzten Zeit wurden auch in Deutschland, wie schon früher in Frankreich, Kinder mit fehlenden Händen geboren. Diese Fälle sind jedoch nicht typisch für Strahlenschäden. Deshalb kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen, dass sie durch Mobilfunk verursacht wurden.

diagnose:funk: Aber ICNIRP und die Politik behaupten, Genschäden können nicht durch Mobilfunk entstehen, weil man sich keinen Mechanismus vorstellen kann, wie sie erzeugt werden.

Buchner: Aber dieser Mechanismus ist inzwischen gut erforscht: Im Kern jeder menschlichen Zelle gibt es nur verhältnismäßig wenige „Calzium-Ionen“, außerhalb dagegen sehr viele. Bei bestimmten biologischen Vorgängen, aber auch durch Funkstrahlung werden Löcher in der Zellmembran geöffnet, die den Zellkern umschließt. Dann können die Calzium-Ionen in den Zellkern fließen und dort chemische Reaktionen verursachen. Im Gegensatz zu den natürlichen biologischen Vorgängen strömen die Calzium-Ionen bei Bestrahlung durch Funk lange Zeit in die Zellkerne. Dabei entstehen mehrere sehr aggressive Stoffe, z.B. „Freie Radikale“, die viele der beobachteten Schäden verursachen. Weil auch Radioaktivität diese Freien Radikale erzeugt, gleicht ihre Langzeitwirkung in vieler Hinsicht der von starker Funkstrahlung.

diagnose:funk: Kann man sich überhaupt vor Funkstrahlung schützen?

Buchner: Auf jeden Fall kann man viele Sender im eigenen Haus vermeiden: Funkmäuse und Funktastaturen bestrahlen die Menschen gerade dort, wo sie Erbschäden und Unfruchtbarkeit erzeugen können. Auch Schnurlostelefone sollte man vermeiden. Will man sie trotzdem verwenden, dann nur solche mit „Öko-Modus“, die nicht ständig funken, auch wenn sie nicht benützt werden, und die außerdem ihre Sendeleistung auf das nötige Maß beschränken. Auch WLAN lässt sich meist vermeiden. Auf jeden Fall sollte es nachts ausgeschaltet werden. Handys nie direkt ans Ohr, sondern im Abstand von einigen Centimetern halten! Das schreiben inzwischen sogar die meisten Hersteller im Kleingedruckten der Betriebsanleitung vor, um sich von Haftungsansprüchen zu befreien. Ich schalte, wenn irgend möglich, den Lautsprecher ein, um den Abstand zum Ohr zu vergrößern. Man soll das Handy nie in der Brust- oder Hosentasche tragen. Hier können schon nach kurzer Zeit der Kreislauf, das Hormonsystem und die Fruchtbarkeit beeinträchtigt werden. Besondere Vorsicht ist bei Schwangerschaft und bei Kleinkindern nötig. Denn je jünger der Embryo oder das Kind ist, desto schneller teilen sich die Zellen, und desto mehr Schäden können Funkstrahlen anrichten.

diagnose:funk: Kann man auch etwas speziell gegen die Einführung von 5G tun?

Buchner: In Deutschland haben sich sehr viele Bürgerinitiativen gegen 5G gebildet. Jeder sollte die nächstgelegene nach seinen persönlichen Möglichkeiten unterstützen. Außerdem nützt 5G dem privaten Verbraucher wenig. Für praktisch alle Anwendungen reicht 4G völlig aus. Wenn wir nicht bereit sind, für 5G-Verträge mehr zu zahlen, wird 5G aus wirtschaftlichen Gründen scheitern. Dann ist die Industrie vielleicht endlich bereit, von der Funktechnik zur Lichttechnik überzugehen, die, wenn sie richtig (d.h. ohne 10 Hz-Taktung) angewendet wird, wohl keine Gesundheitsschäden verursacht. Außerdem kann sie die Daten wesentlich schneller übermitteln als 5G.

diagnose:funk: Herr Buchner, wir danken für das Gespräch und für Ihren unermüdlichen Einsatz.

Video der ÖDP mit Prof. Klaus Buchner

Prof. Klaus Buchner auf der Podiumsdiskussion im Mainzer Symposium 2019 der Kompetenzinitiative, v.l.n.r.: Klaus Buchner, Jean Huss (Luxemburg, ehem. MdEP Grüne), Judith Rommel (Vertret. der Elektrohypersensiblen), Peter Hensinger (diagnose:funk), Peter Ludwig (Kompetenzinitiative). Bild:S. Grgic
Artikel veröffentlicht:
14.10.2019
Autor:
Klaus Buchner / diagnose:funk