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"Digitale Medien und Unterricht. Eine Kontroverse"

Sammelband der pädagogischen Tagung futur iii 2018 (FH Offenburg) erschienen
"Digitale Medien und Unterricht. Eine Kontroverse," beim renommierten Beltz-Verlag erschien im April dieser Sammelband u.a. mit Beiträgen, die auf der pädagogischen Konferenz futur iii 2018 an der Fachhochschule Offenburg gehalten wurden. Herausgeber sind die Medienpädagogen Prof. Paula Bleckmann und Prof. Ralf Lankau. Dieser kurzweilig zu lesende Band ist jedem Pädagogen, Erzieher und Lehrer, aber auch allen Eltern, die sich Gedanken über die Bildungspolitik machen, zu empfehlen.

Das  Buch ist im Buchhandel erhältlich als:

Print: ISBN 978-3-407-25814-4  / E-Book (PDF): ISBN 978-3-407-63134-3  / E-Book (E-PUB): ISBN 978-3-407-63135-0. 1. Auflage 2019, Beltz Verlag

Digitale Bildung: Neuerung ohne Steuerung

Die sogenannte "Digitale Bildung" ist eine "Neuerung ohne Steuerung" (S. 15), das weisen die kritischen Beiträge nach. Die Erkenntnisse der Neurobiologie, der Medizin und der Pädagogik über die Wirkung digitaler Medien auf die Entwicklung der Sinne und des Lernens werden von der Bildungspolitik durch "Exklusion sowohl von wissenschaftlicher Expertise" (S.19) als auch von Praxiswissen ignoriert. Aus der Perspektive des Datenschutzes, der Reifung des Gehirns, einer Erziehung zur Medienmündigkeit wird die Bildungspolitik als Anpassung an industrielle Vermarktungsinteressen kritisiert. "Denkwerkzeuge - das ist es, was Schulen vermitteln müssen", schreibt Ralf Lankau. Digitale Bildung orientiert sich dagegen am Behaviorismus, der Mensch soll tun, was die Systeme ihm sagen. "Digitale Bildung" ist eine "Neuerung ohne Steuerung" durch die Erziehungswissenschaft, gesteuert wird sie aber durch die Geschäftsinteressen v.a. der BITKOM-Industrie. Gegen diese Dehumanisierung der Bildung, die mit dem Digitalpakt finanziert werden soll, streitet diese Schrift: "Wer sich gegen die derzeit praktizierte Digitalisierung durch Monopole stellt, ist nicht rückwärtsgewandt, sondern im Gegenteil modern. Avantgarde sogar," schreibt Lankau (S.64). Wie eine Erziehung zur Medienmündigkeit aussehen kann, das durchzieht die Beiträge. Interessant ist das Buch auch dadurch, dass die Befürworter Digitaler Bildung zu Wort kommen, so kann der Leser sich ein Bild über die Kontroverse verschaffen.

Auch das Problemfeld WLAN und Digitale Bildung wird im Buch behandelt. In dem Artikel "WLAN an Kitas und Schulen: Ein Hype verdrängt Risiken", gehalten als Vortrag von Peter Hensinger auf der futur iii - Tagung, ist ausführlich die Studienlage zu WLAN dargestellt, eine Auseinandersetzung mit den Verharmlosungen der Wirkungen der WLAN-Strahlung wird geführt. Die Neurobiologin Prof. Gertraud Teuchert-Noodt gibt in ihrem Artikel "Die Rechnung kann nicht ohne den Wirt gemacht werden: Das Gehirn des Kindes" wertvolle Hinweise, warum die Strahlung zu Funktions- und Lernstörungen führen kann. Sie schreibt:

  • "Experimentelle Studien zur elektro-chemischen Kopplung von Hirnfunktionen wurden fast über ein halbes Jahrhundert hin sträflich vernachlässigt. Erst seit der Jahrtausendwende hat die elektro-physiologische Neurobiologie eine Renaissance erfahren. Es ist naheliegend anzunehmen, dass auch externe elektromagnetische Felder auf die hirneigenen Rhythmen unmittelbaren Einfluss nehmen (Hecht 2018) und Elektrosmog zu allgemeinen kognitiven Funktions- und Lernstörungen fuhrt. Die Experimentalforschung schweigt weitestgehend noch zu dieser hoch brisanten Problematik, die in vielerlei Hinsicht belegt ist (Hensinger 2018)." (S.93)  

Ihre Ausführungen über ihre eigenen Forschungsergebnisse zu den Gehirnfrequenzen zeigen erstaunliche Schnittmengen mit den Forschungsergebnissen über Wirkungen elektromagnetischer Felder auf das Gehirn.

Die Digitalisierungspläne der Bundesregierung durchzieht das Prinzip "Neuerung ohne Steuerung", eine fehlende Technikfolgenabschätzung, ob in der Bildung, der Smart City oder bei 5G. Dies stellt der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umwelt­veränderungen (WBGU) in seiner besorgten Stellungnahme fest: "Die Digitalisierung entfaltet ihre disruptive (also zerstörerische,df) Kraft mit großer Geschwindigkeit und globaler Reichweite, während ihre Regulierung größtenteils nacheilend erfolgt." [1]

Eine öffentliche Debatte und Bürgerbeteiligung darüber ist überfällig. Das Buch ist dafür eine gute Grundlage.

[1] https://www.diagnose-funk.org/publikationen/artikel/detail&newsid=1377

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Jasmin Zimmer/Paula Bleckmann

Technikfolgenabschätzung bei »Digitaler Bildung«

Michael Zieher

Auf dem Weg in die digitale Zukunft der Schulen

Edwin Hübner

Entwicklungsorientierte Medienpädagogik im Zeitalter der verschwindenden Schrift

 

Ralf Lankau

Vom Unterrichten zum Bildungscontrolling

Uwe Büsching

Hat die Digitalisierung der Lebenswelten unserer Kinder und Jugendlichen so viele Vorteile?

Gertraud Teuchert-Noodt

Die Rechnung kann nicht ohne den Wirt gemacht werden: Das Gehirn des Kindes

Till Reckert

Bildung und Medien – Die Perspektive eines Kinder- und Jugendarztes

Sonja Hoffmann

Polizeiliche Prävention zu Mediengefahren

Ingo Leipner

Crossmediale Angriffe auf Kinder – die dunkle Seite des Marketings

Peter Hensinger

WLAN an Kitas und Schulen: Ein Hype verdrängt Risiken

Thomas Breyer-Mayländer

Regional koordinierte digitale Bildungsprojekte

Ullrich Böttinger/Tanja Lott/Marisa Bruder/Angela Schickler

Vom Bedarf zum flächendeckenden Angebot: Das Präventionsprogramm »ECHT DABEI – Gesund groß werden im digitalen Zeitalter«

Ralph Stalter/Thomas Mößle/Eva Maria Bitzer

Präventionsprogramm ECHT DABEI – Gesund groß werden im digitalen Zeitalter

  • Mit einem Grußwort von Hartmut Graßl, Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW)
Artikel veröffentlicht:
20.04.2019
Autor:
diagnose:funk