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Wäre Luther für „Godspot“ und Roboter-Segen gewesen?

Interview mit Professor Werner Thiede
Die WLan-isierung und Digitalisierung macht auch vor der ev. Kirche nicht halt. So wurde letztes Jahr das fragwürdige Projekt 'GodSpot' gestartet, bei dem Kirchen mit WLan ausgestattet wurden. diagnose:funk hat mit dem Theologen, Buchautoren und Mobilfunk-Experten Prof. Werner Thiede über Luther, den eingeschlagenen Weg der ev. Kirche und sein neuestes Buch gesprochen.

diagnose:funk: Herr Pfarrer Thiede, im Vorfeld des 500. Reformationsjubiläums mehren sich Thesen, wonach Martin Luther die smarten Funkgeräte unserer Zeit bestimmt gern kommunikativ genutzt hätte. Was meinen Sie: Hätte der Reformator getwittert?

Prof. Dr. Werner Thiede:  Was auf Anhieb dafür sprechen könnte, ist Luthers Befürwortung von Verbreitungsmedien im Interesse der christlichen Botschaft. Die Erfindung der Druckma­schinerie hat ihm zu seiner Zeit ja sehr genutzt. Aber ich meine, als gewissenhafter Zeitgenos­se wäre er heute gut informiert über die gesundheitlichen Risiken der Strahlung von Mobil- und Kommunikationsfunk. Deshalb bin ich mir alles andere als sicher, ob die hier und da anzutreffende Vereinnahmung des Reformators für die Anwendung smarter Funkgeräte haltbar ist.

diagnose:funk: Denken Sie, er hätte die Sozialen Medien heute gemieden, die ja meist über Funkverbindungen laufen? Oder wäre ihm die hier so praktisch erscheinende Verbreitung des Evangeliums wichtiger gewesen?

Thiede: Man kann davon ausgehen, dass er die diversen Ambivalenzen von Social Media wahrgenommen und entsprechend vorsichtig votiert hätte. Überhaupt hätte er in Sachen Internet­nutzung sehr differenziert abgewogen im Wissen um die bekannten kritischen Seiten des Netzes – ich nenne neben der Funk-Problematik nur Stichworte wie Überwachung, Süchte, Darknet und so fort. Wahrscheinlich wäre ihm wie einigen heutigen Zeitgenossen durchaus aufgefallen: Das Internet ist eigentlich kaum ein angemessener Ort für Besinnlichkeit, Stille und Tiefgang. Dazu habe ich mich ausführlicher in meinem Buch "Digitaler Turmbau zu Babel" geäußert.

diagnose:funk: Was Sie sagen, gilt doch wohl auch mit Blick auf die Förderung der Internetnutzung durch das Godspot-Programm in Kirchengebäuden? Das haben Sie sich ja schon voriges Jahr in unserem Kompakt und heuer in Ihrem neuesten Buch "Evangelische Kirche – Schiff ohne Kompass?" kritisiert.

Thiede: Ja, gerade bei kirchlichen Gebäuden halte ich die Installation von WLAN für abwegig. Kirchen sind eben selber keineswegs eine Art Marktplatz. Nicht von ungefähr hat der Verein Deutsche Sprache wegen der Begriffsschöpfung "Godspot" die evangelische Kirche zum "Sprachpanscher des Jahres 2017" gekürt.

diagnose:funk: Dem hat nun aber im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern, dessen Chefredakteur Sie ja einmal waren, Inge Wollschläger entgegengehalten: Der Reformator wäre der Erste gewesen, der für kostenloses Wlan in Kirchen geworben und sich also für "Godspot" ausgesprochen hätte!

Thiede: Mit Verlaub, als langjähriges Mitglied der Luther-Gesellschaft und als Autor einschlägiger Bücher kann ich diese Ansicht nicht teilen. Luther wäre wohl eher der Letzte gewesen, der sich so geäußert hätte. Ihm wäre theologisch klar gewesen, dass die Sakralität von Kirchen die systematische Installation einer auch ärztlich nicht unumstrittenen Technologie höchst fragwürdig erscheinen lässt.

diagnose:funk: Frau Wollschläger hat sich in ihrem Kommentar obendrein zu Gunsten der Segnung durch einen Computer ausgesprochen. Ein solcher Roboter namens Bless U-2 ist immerhin Teil der aktuellen Weltausstellung der Reformation in Wittenberg!

Thiede: Eine derartige Konstruktion soll dort die vorbei laufenden Nutzer nachdenklich stimmen. Indem ich hierüber nachdenke, komme ich zu der Überzeugung, der Reformator hätte kopfschüttelnd gesagt: "Wenn da ein Apparat ‚Ich segne dich‘ spricht, welch ein Ich redet und handelt denn da? Augen auf und den Verstand eingeschaltet, lieber Christenmensch!" Wer sich segnen lassen will, soll zu einem Geistlichen oder einem getauften Mitchristen gehen, aber nicht zu einer Maschine.

diagnose:funk: Wie steht es im digitalen Zeitalter um das Beichtgeheimnis in der Kirche? Facebook, Twitter und WLAN, aber auch z.B. funkende Wasserzähler drohen die Privatsphäre immer mehr aufzuheben, Big Data ist der neue allwissende Gott in Gestalt der Industrie und Konzerne. Was hätte Luther zu dieser Entwicklung zum gläsernen Bürger gesagt?

Thiede: In der Tat kommt es in unserer durchdigitalisierten Kultur zu einer zunehmenden Erosion der Privatsphäre. Diese Entwicklung wird von mancher Seite sogar begrüßt und von den Bürgerinnen und Bürgern  in erstaunlichem Maße hingenommen. Bislang anhaltende Bemühungen um die Aufrechterhaltung von Datenschutz und Privatsphäre werden nicht zuletzt durch das oft marginalisierte Hacker-Problem torpediert. Bekanntlich ist der Schutz der Privatsphäre in der Univer­sellen Er­klärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 genauso verbrieft wie in der Europäischen Konvention der Men­schen­rechte. Die Kirchen haben allen Anlass, auf den Erhalt dieser Rechte zu drängen – nicht nur im Blick aufs Beichtgeheimnis! Luther würde sie daran erinnern, wenn sie es vergäßen. Aber nach meiner Wahrnehmung haben sie das Thema Datenschutz sozusagen auf dem Bildschirm, während das beim Thema Strahlenschutz in Sachen Funk und Radar leider bisher kaum der Fall ist. Das ist bedauerlich und sollte sich aus ethischen Gründen in Zeiten weiter steigender Strahlenbelastung unbedingt ändern.

Publikation zum Thema

12. Februar 2015Format: 14,9 x 1,7 x 21,1Seitenanzahl: 238 Veröffentlicht am: 12.02.2015 ISBN-10: 3865817270ISBN-13: 978-3865817273

Digitaler Turmbau zu Babel

Der Technikwahn und seine Folgen
Autor:
Werner Thiede
Inhalt:
Unsere Gesellschaft hat im Zeichen der digitalen Revolution einen riskanten Weg eingeschlagen. Begeistert von den geradezu magisch anmutenden Chancen und Möglichkeiten des Digitalen meinen viele, die damit verbundenen Risiken verrechnen, kleinreden oder gar in Abrede stellen zu können. Prof. Werner Thiede plädiert indessen für eine ganzheitliche Wahrnehmung der Risiken des vorherrschenden Technizismus. Er macht deutlich, dass es bei der digitalen Revolution nicht nur um technische, sondern auch um kulturelle Veränderungen geht, deren Folgen zum Teil gravierende ethische Fragen aufwerfen. Trägt das globale Programm totaler Vernetzung Potentiale des Totalitären in sich? Thiede beschließt das Buch mit 95 Thesen, die zu einem Umdenken in Gesellschaft und Kirche auffordern.
2., aktualisierte Auflage, veröffentlicht 2014Format: 14,4 x 2 x 21,1 cmSeitenanzahl: 258 Veröffentlicht am: 30.10.2013 ISBN-10: 3643124015ISBN-13: 978-3643124012Sprache: Deutsch

Die digitalisierte Freiheit

Morgenröte einer technokratischen Ersatzreligion
Autor:
Prof. Dr. Werner Thiede
Inhalt:
Aus einer Besprechung in der Zeitschrift 'Umwelt-Medizin-Gesellschaft': "Thiede beschreibt eindringlich vier Freiheitsfallen, nämlich die politische, die ökologische, die lebenspraktische und die spirituelle Freiheitsfalle. Der Autor macht deutlich, dass es sich beim Internet der Dinge nicht um die ferne Zukunft handelt, sondern um die nächsten zehn Jahre. Umso leidenschaftlicher sein Appell zum ‚lebenspraktischen‘ Widerstand: ‚Dem zunehmenden Digitalisierungsdruck mutigen Freiheitswillen entgegenzustellen, statt freiheitsgewohnter Bequemlichkeit alle Wachsamkeit und Achtsamkeit zu opfern, ist heute erste Bürgerpflicht."
04.10.2012Format: 14,9 x 2 x 21,1 cm Seitenanzahl: 302 Veröffentlicht am: 04.10.2012 ISBN-10: 3865814042ISBN-13: 978-3865814043Sprache: Deutsch

Mythos Mobilfunk

Kritik der strahlenden Vernunft
Autor:
Prof. Dr. Werner Thiede
Inhalt:
In der Auseinandersetzung mit der zunehmenden Luftverschmutzung unserer Lebenswelt durch elektromagnetische Felder markiert die perspektivenreiche Publikation einen neuen Meilenstein. Sie zeigt die trügerische Faszination, die von den Funk-Techniken ausgeht, aber auch das Maß an verdeckter Lüge und Gewalt, das sie in die Gesellschaft eingeführt haben und immer mehr Menschen zumuten – auf Kosten ihrer Gesundheit und Lebensqualität. Der erkennbaren Korrumpierbarkeit der menschlichen Vernunft und der Ethik-Vergessenheit von Politik und Industrie stellt Thiede eine theologisch und philosophisch fundierte Enttabuisierung des ‚Mythos’ entgegen, die der menschlichen Vernunft ihre Möglichkeiten und Rechte zurückgeben möchte.