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AUVA veröffentlicht den ATHEM-Report II

Untersuchung athermischer Wirkungen elektromag. Felder
Im August 2016 hat die österreichische Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) den ATHEM-Report II "Untersuchung athermischer Wirkungen elektromagnetischer Felder im Mobilfunkbereich", veröffentlicht, durchgeführt an der Medizinischen Universität Wien. Ein Anlass der Untersuchung war, dass in Italien das Cassationsgericht Rom, die höchste Gerichtsinstanz, erstmals den Gehirntumor eines Managers auf sein häufiges Mobiltelefonieren zurückgeführt hat. Der Kläger erhält eine 80% Berufsunfähigkeitsrente.

Beim ATHEM - Projekt lag ein Schwerpunkt auf Labor-Untersuchungen zum zellulären Mechanismus möglicher gentoxischer Wirkungen. Der ATHEM-Report bestätigt:

  • Mobilfunkstrahlung schädigt das Erbgut (DNA)
  • Der Schädigungsmechanismus ist oxidativer Zellstress
  • Die Schädigungen sind athermische Wirkungen, vor denen die  geltenden Grenzwerten nicht schützen

Damit ist die Öffentlichkeit innerhalb kurzer Zeit mit mehreren Studien konfrontiert, die ein krebserregendes Potential nichtionisierender Strahlung nachweisen:

  • Bereits 2011 wurde die Strahlung von der WHO als "möglicherweise krebserregend" eingestuft, Grundlage waren die Ergebnisse der Interphone Studie (Interphone Study Group (2011)) für Vielnutzer (mehr als 1640 Stunden/Jahr) und die Studien des schwedischen Onkologen und Epidemiologen Prof. Lennart Hardell, der für Vielnutzer mit über 20 Jahren Handynutzung ein bis zu 5-fach erhöhtes Tumorrisiko nachwies, für dieselben Tumorarten, die jetzt auch die bestrahlten Tiere in der NTP-Studie (s,u) entwickelten.
  • Im März 2015 hat das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz nach den Ergebnissen einer Replikationsstudie bekannt gegeben, dass eine krebspro­movierende Wirkung unterhalb der Grenz­werte als gesichert angesehen werden muss (Lerchl et al. (2015)).
  • Die statistischen Auswertungen von Prof. M. Kundi, vorgetragen im Mai 2015 bei der Anhörung im Südtiroler Landtag, zeigen ein Ansteigen der Hirntumoren, das auf eine krebspromovierende Wirkung der nicht-ionisierenden Strahlung zurückgeführt werden muss. Eine geschädigte Zelle entwickle sich durch die Mobilfunk - Exposition schneller und früher zum Tumor, so Kundi.
  • In den USA wurden am 27.05.2016  die ersten Teil-Ergebnisse der Studie des National Toxicology  Program (NTP), der bisher umfassendsten Tierstudie (Ratten) zu nicht-ionisierender Strahlung und Krebs, vorgestellt (Wyde et al. (2016)). Das Ergebnis der NTP-Studie: Mobilfunkstrahlung kann zu Tumoren führen.
  • Neben  den Groß-Studien (REFLEX-Studie, INTERPHONE, NTP) die auch medial Aufsehen erregten, gibt es inzwischen mehr als 50 Einzelstudien in-vivo und in-vitro, die DNA-Strangbrüche nachweisen (Rüdiger 2009; Hardell/Carlberg  2012; BioInitiativeReport 2012 , Kapitel 11-14).

Diese Entwicklung  wird durch die Auswertung der US-Krebsstatistik von Gittleman et al. (2015) bestätigt. Bei bestimmten Krebsarten gibt es signifikante Anstiege bei Kindern und Jugendlichen: „Die Fälle von gutartigen Tumoren des zentralen Nervensystems haben jedoch deutlich zugenommen. Zum Vergleich kam es bei Jugendlichen zu einer Zunahme von bösartigen und gutartigen Tumoren des zentralen Nervensystems. Bei Kindern kam es zu einer Zunahme von akuter myeloischer Leukämie, Non-Hodgkin-Lymphomen sowie bösartigen Tumoren des zentralen Nervensystems.“  

Auch das Robert-Koch-Institut dokumentiert für alle Malignome bei Kindern einen Anstieg von ca. 25% zwischen 1994 und 2012 (RKI: Krebs in Deutschland, 2015, S.137). Prof. Franz Adlkofer, Koordinator des REFLEX-Projektes, kommt nach der NTP-Studie zu dem Schluss: "Die Gentoxizität der Mobilfunk­strah­lung kann entsprechend dem Stand der Forschung inzwischen als gesichert angesehen werden."

Hauptergebnisse des ATHEM-Reports

Die Humanexperimente ergaben, dass "die HF-EMF Exposition an Mundschleimhautzellen geringe gentoxische und zytotoxische Wirkungen hervorrufen kann. Bei Viel-Telefonierern fanden sich diskrete Hinweise auf die Kumulation der Wirkungen durch die Exposition" (Zusammenfassung ATHEM - Report).  Die in-vitro-Ergebnisse bestätigen das Risikopotential:

  • " Es gibt empfindliche und strahlungs- unempfindliche Zellen. Die Untersuchung von insgesamt 8 Zelltypen bestätigte den ATHEM-1 Befund, dass die HF-EMF Exposition bei einigen Zellen die DNA-Läsionsrate erhöht, während andere Zellen keine Veränderungen erfahren. Publizierte Ergebnisse zu Wirkungen (an einem sensiblen Zelltyp) sind also KEIN Widerspruch zu Ergebnissen mit unsensiblen Zellen.
  • Es gibt eine Latenzzeit. Der Befund aus ATHEM 1, dass es zwischen Beginn der Exposition bis hin zum Auftreten der Wirkungen Zeit braucht, wurde bestätigt.
  • Die Oxidationsrate steigt. Wir beobachteten, dass HF-EMF Exposition die DNA oxidieren - und somit - brüchig machen kann. 
  • HF-EMF Exposition kann synergistisch mit anderen Einflüssen zusammenwirken, wie z.B. Zellstress. Bei vorgestressten Zellen erhöhte die HF-EMF Exposition die DNA-Bruchrate signifikant.
  • HF-EMF Exposition kann spezifische zelluläre Reparaturmechanismen aktivieren. Dieser Befund bestätigt einerseits, dass DNA-Läsionen aufgetreten sind, und stützt andererseits die Annahme, dass die durch HF-EMF Exposition entstandenen DNA-Schäden repariert werden können. Die DNA-Brüche werden repariert. Wir konnten einen weiteren Befund aus dem ATHEM-1 Projekt erhärten, dass nach Expositionsende die in den Zellen entstandenen DNA-Schäden innerhalb ca. 2 Stunden verschwanden."(ebda)

Die Erkenntnis im ATHEM-Report über Zellen, die nicht auf eine EMF-Exposition reagieren (Non-Respon­der), zu denen Lymphozyten gehören, hat politische Bedeutung. So präsentierte die deutsche Strahlenschutzkommis­sion im Jahr 2013 im 5. Mobilfunk­bericht an die Bundesregierung (Drucksache 17/12027) die Ergebnisse einer Studie an Lymphozyten, um damit die REFLEX-Ergebnisse zu widerlegen. Dies war ein Betrug an den Abgeordneten, denn gerade durch die Ergebnisse der REFLEX-Studie war bekannt, dass Lymphozyten Non-Responder sind (Schwarz et al. (2008)). In einem Brennpunkt hat diagnose:funk 2013 diesen Betrug aufgedeckt.

Anmerkung zur DNA - Reparatur: die Möglichkeit, dass diese auch scheitern kann, wiesen Belyaev et al. (2008) nach. Die Ursache: UMTS-Bestrahlung verzögert die DNA-Reparatur, dadurch kann die Zelle entarten.

Fazit: Die Bevölkerung muss von den Gesundheitsbehörden über dieses krebserregende Risikopotential aufgeklärt werden, v.a. über die Schlussfolgerungen, die im ATHEM-Report für einen risikominimierten Umgang mit der Mobilfunktechnologie vorgeschlagen werden. 

Im Text angeführte Studien:

Belyaev IY et al.: Microwaves from UMTS/GSM mobile phones induce long-lasting inhibition of 53BP1/gamma-H2AX DNA repair foci in human lymphocytes.  Bioelectromagnetics 2009; 30 (2): 129-141

BIOINITIATIVE REPORT 2012: A Rationale for Biologically-based Public Exposure Standards for Electromagnetic Fields (ELF and RF), www.bioinititive.org

Gittleman et al. (2015): Trends in Central Nervous System Tumor Incidence Relative to Other Common Cancers in Adults, Adolescents, and Children in the United States, 2000 to 2010. Cancer 1-2015, S. 102 ff

Hardell L et al.: Pooled analysis of case-control studies on malignant brain tumours and the use of mobile and cordless phones including living and deceased subjects. Int J Oncol 2011; 38 (5): 1465 - 1474

Hardell/Carlberg: "Das Hirntumorrisiko im Zusammenhang mit der Nutzung von Mobil- und Schnurlostelefonen" in: Langzeitrisiken des Mobil-und Kommunikationsfunks, Hrsg. Kompetenzinitiative e.V., 2012

Hardell et al: Mobile Phone use and brain tumor risk: early warnings, early actions, in: European Environment Agency: Late lessons from early warnings: science, precaution, innovation, EEA-Report 1/2013

Hardell L et al.:  Case-control study of the association between malignant brain tumours diagnosed between 2007 and 2009 and mobile and cordless phone use. Int J Oncol 2013; 43 (6): 1833-1845

Interphone Study Group: Acoustic neuroma risk in relation to mobile telephone use: Results of the INTERPHONE international case-control study, Cancer Epidemiol 2011; 35(5): 453-464

Lerchl A et al.: Tumor promotion by exposure to radiofrequency electromagnetic fields below exposure limits for humans. Biochem Biophys Res Commun 2015; 459 (4): 585 - 590

RKI (Robert-Koch-Institut): Krebs in Deutschland, 2015

Ruediger HW:  Genotoxic effects of radiofrequency electromagnetic fields. Pathophysiology (2009),doi:10.1016/j.pathophys. 2008.11.004.

Schwarz C et al.: Radiofrequency electromagnetic fields (UMTS, 1,950 MHz) induce genotoxic effects in vitro in human fibroblasts but not in lymphocytes. Int Arch Occup Environ Health 2008; 81 (6): 755-767

Wyde ME et al.: Report of Partial Findings from the National Toxicology Program Carcinogenesis Studies of Cell Phone Radiofrequency Radiation in Hsd: Sprague Dawley® SD rats (Whole Body Exposures). 26.06.2016.

Publikation zum Thema

07.08.2016Format: A4Seitenanzahl: 188 Veröffentlicht am: 06.08.2016 Sprache: DeutschHerausgeber: Ein Projekt der AUVA (Allgemeine Unfallversicherungsanstalt)

AUVA: ATHEM-Report 2

Untersuchung athermischer Wirkungen elektromagnetischer Felder im Mobilfunkbereich
Autor:
AUVA-Versicherung, Med. Univ. Wien, Seibersdorf Labor GmbH
Inhalt:
Beim ATHEM-2 Projekt ging es neben der Untersuchung von kognitiven Wirkungen darum, ob und wie die HF-EMF Exposition Zellen des menschlichen Körpers verändert.
2. revidierte Auflage, September 2011Format: A4Seitenanzahl: 175 Veröffentlicht am: 15.09.2011 Sprache: DeutschHerausgeber: Ein Projekt der AUVA (Allgemeine Unfallversicherungsanstalt)

AUVA: ATHEM-Report

Untersuchung athermischer Wirkungen elektromagnetischer Felder im Mobilfunkbereiche
Autor:
AUVA-Versicherung, Med. Univ. Wien, Seibersdorf Labor GmbH
Inhalt:
Das ATHEM-Projekt untersucht die athermischen (wärme-unabhängigen) biologischen Wirkungen von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern auf interdisziplinärer Basis (Allgemeine Unfallversicherungsanstalt, Medizinische Universität Wien, Seibersdorf Labor GmbH).
Format: A4Seitenanzahl: 10 Veröffentlicht am: 20.07.2009 Bestellnr.: 201Sprache: Deutsch

Brennpunkt: ATHEM-Report

Athermische Wirkungen bestätigt - Grenzwerte in Frage gestellt - Vorsorge gefordert.
Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Die österreichische Allgemeine Unfallversicherung legt einen Forschungsbericht zu athermischen Wirkungen der Mobilfunkstrahlung vor und fordert eine Vorsorgepolitik.