diagnose funk

Dialogbüro 5G der Bundesregierung: Störfall Bürgerengagement.

Der Absturz vom Dialog- zum Monologbüro
diagnose:funk schickt als Geschenk das Buch "Weltrisikogesellschaft" des Soziologen Ulrich Beck an das Dialogbüro 5G der Bundesregierung und das Bundesamt für Strahlenschutz. Anlass ist die Absage ihrer Beteiligung an einer Podiumsdiskussion, weil auch ein diagnose:funk-Vertreter eingeladen sei. Der folgende Artikel setzt sich mit diesem Vorgang auf der Grundlage der Beck´schen Gesellschaftsanalyse auseinander. Beck analysiert in seinem Buch eine solche Politik und weist dem informierten, kritischen „Laien“ als Akteur für eine lebenswerte Zukunft eine zentrale Bedeutung zu. Wir hoffen, dass die Lektüre dieses Buches und Artikels dazu beiträgt, dass die vom Dialogbüro mitgeteilte Entscheidung unter einer neuen Bundesregierung in den Ämtern keinen Bestand mehr hat.
J. Gutbier / P. Hensinger: Geschenkpakete für Bundesämter;Bild:diagnose:funk

Dialogbüro 5G der Bundesregierung: Störfall Bürgerengagement. Der Absturz vom Dialog- zum Monologbüro

Jörn Gutbier, Peter Hensinger

Das Dialogbüro 5G der Bundesregierung und das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sagten die Teilnahme ihrer Referenten bei einer gemeinsamen Veranstaltung des BUND Naturschutz e. V. Kreis­gruppe Rosenheim, Gesellschaftspolitisches Forum der Stadtteilkirche Rosenheim-Inn, Kolping Rosen­heim, Caritas, Kreiskatholikenrat und der KAB ab. Der Grund: Zur Veranstaltung sei auch Jörn Gut­bier, Vorsitzender von diagnose:funk, eingeladen. Die Begründung für die Absage:

  • "Aus unserer Sicht laufen Auswahl und Besetzung des Podiums auf eine false balance hinaus. Was ist eine false balance?...Wenn neben eine Person, die den Konsens der Forschungsgemein­schaft vertritt, jemand gestellt wird, der seine Behauptungen gar nicht belegen kann. Das wirkt für Laien ausgewogen, ist aber eine Scheinausgewogenheit, eine falsche Balance ... Die aktuelle Themenzuordnung ermöglicht keine ausgewogene Debatte und ähnliche Podiumsbesetzungen haben zu absurden Erfahrungen mit eben jener false balance geführt, bei der schließlich Forschung und Meinung aufeinanderprallen und sich nicht versöhnen lassen. Wir möchten Ihnen im Namen der gesamten Dialoginitiative und des für Digitalisierung zuständigen Referats des BMVI vorschlagen, dass wir uns gemeinsam über Inhalt und Aufstellung einer evidenzbasierten und ausgewogenen Podiumsrunde austauschen"(Briefwechsel bei den Autoren).

Das ist also eine offizielle Positionierung eines Bundesministeriums, des BMVI (Bundesministerium für Verkehr und Infrastruktur). Diese Absage ist kein Einzelfall, in Bayern wird seit diesem Jahr bei Treffen von Bürger­meistern vor diagnose:funk Vertretern offiziell gewarnt! Das Erstaunlichste: dem "Laien", also dem Bürger, und den NGOs wird eine Urteilskraft abgesprochen. Die "absurden Erfahrungen" der BfS- und Ministeriumsreferenten scheinen bei Diskussionen v.a. mit Vertretern von diagnose:funk z.B. bei der Münchner Rückversicherung oder bei Versammlungen von Bürgermeistern gemacht worden zu sein, in denen die Behördenvertreter durch Beiträge von diagnose:funk Referenten "aus der Balance" gekom­men sind. Tatsächlich: diagnose:funk stimmt nicht ein in einen angeblichen "Konsens der Forschungs­gemeinschaft", den die Bundesregierung darin sieht, dass von Mobilfunkstrahlung keine Risiken ausge­hen würden. Dass die Veranstalter neben Konsens-"Experten" auch einen Vertreter einer kritischen NGO eingeladen hatten, so das Dialogbüro, sei nicht akzeptabel:

  •  "Sie haben aktuell für das Thema „Chancen“ die Bundesregierung angefragt und für das Thema „Risiken“ Menschen ausgesucht, die sich nicht durch eigene Forschung auszeichnen und in der Forschungsgemeinschaft nicht anerkannt sind. Ihre Zuordnung ist damit leider bereits in einem Sinne erfolgt, als würden die Institutionen der Bundesregierung gar nicht über Risiken nachdenken"(ebda).

Über die Risiken denkt die Bundesregierung tatsächlich nach, beim Mobilfunk aber mit dem Ziel, entweder das Problem und die damit verbundene Vorsorge zu individualisieren[1] oder sich immer neue Taktiken der Risikoentsorgung auszudenken. Eine Variante heißt nun false balance. Eine überra­schen­de  Positionierung: Wer nicht selbst forscht und v.a. den (faktisch nicht vorhandenen!) "Konsens der Forschungs­gemeinschaft" nicht mitträgt, soll mit einem Bann belegt werden. In der Geschichte der Bürger- und Umweltbewegungen wurden deren Vertreter als Kriminelle und Revoluzzer verteufelt, ignoriert und unterdrückt, von Whyl, Gorleben, Brokdorf, den Stationen der Anti-AKW-Bewegung bis zum Hambacher Forst oder zu fortschrittsfeindlichen Spinnern und Wutbürgern erklärt, wie bei Stuttgart 21.[2] Es hat nicht viel genützt: Ihre kritischen, "nicht konsensfähigen" Argumente waren gut begründet und erwiesen sich als berechtigt. Die Schaffung des Dialogbüros 5G[3] und der Außenstelle Cottbus des BfS[4] sind der Versuch, ein funktionierendes Gegengewicht gegen den mobilfunkkritischen Widerstand aufzubauen. Das ist bisher gescheitert. Nun sollen die Kritiker einfach nicht mehr gehört werden. Eine klare Absage an den Bürgerdialog. Gehört werden sollen nur noch die "Experten", die die eigene Meinung, den gewünschten Konsens nicht in Frage stellen.

"Schweigen entgiftet!"- Störfall Bürgerengagement

Dieser Konsens ist eine Wunschvorstellung. Die Kritik an der Strahlenschutzpolitik des BfS kam bereits 2005 von Sachbearbeitern des Amtes auf. Sie formulierten in den "Leitlinien Strahlenschutz", dass das Amt seine Aufgaben nur noch unzureichend wahrnimmt und wollten die bestehende false balance korrigieren.[5] Daraufhin protestierte der Unternehmerverband BITKOM, und nach kurzer Zeit waren die Leitlinien auf der Homepage gelöscht, die Verharmlosungspolitik auf Grundlage der ICNIRP-Richtlinien und des thermischen Dogmas wurde fortgesetzt.[6] Spätestens nach den 50 Milliarden Lizenzeinnahmen in 2001 war die Richtung klar. Die Bundesregierung hat sich aktuell darauf festgelegt, den Mobilfunkausbau zu beschleunigen, dafür wurde der Städte- und Gemeindebund eingespannt und die MIG (Mobilfunkinfra­struktur­gesellschaft) gegründet.[7] Das Dialogbüro und die BfS-Außenstelle in Cottbus sollen flankierend die Bürger und Bürgermeister überzeugen. Denn Umfragen ergaben, dass 48% der Bürger sich über die Strahlenbelastung Sorgen machen, außerdem sind in hunderten Kommunen Bürgerinitia­ti­ven aktiv.[8] Sie stellen kritische Fragen und stützen sich auf die von diagnose:funk veröffentlichten Fakten und Informationen, die Dokumentation der Studienlage, die Datenbank www.emfdata.org. So dokumen­tierte diagnose:funk die Ergebnisse der NTP- und Ramazzini-Studien zum Krebsrisiko,[9] die Eingrup­pierung der Strahlung als möglicherweise Krebs erregend durch die IARC der WHO,[10] Verlautbarungen von wissenschaftlichen Diensten der EU,[11] die ein 5G-Moratorium fordern oder die Enthüllungen über das Lobbysystem ICNIRP.[12] Alles belegte Fakten über nachgewiesene Risiken, die Staat und Industrie bestreiten, wie z.B. Vodafone-Deutschland-Chef Dr. Ametsreiter in einem Interview:"Wir kennen keine anerkannte Studie, die gesundheitliche Schäden durch 5G belegt".[13] Gesundheitsbedenken zur Mobilfunkstrahlung seien "irrationale Ängste". Die kapitalistische Gesell­schaft, nur noch profitorien­tiert, kann mit den selbster­zeug­ten Risiken nicht mehr umgehen, mehr noch, so der Soziologe Ulrich Beck[14] in seinem Standard­werk „Weltrisikogesellschaft“ (2007):

  •  „Diese Probleme existieren erst gar nicht. Wer sie zur Sprache bringt – wie soziale Bewegungen und Gegenexperten –, der ist die eigentliche Quelle der Gefahr, weil durch den „Lärm“, den sie oder er erzeugt, das reibungslose Funktionieren der Systeme „gestört“ wird. Ich habe das kritisch-ironisch auf die Formel gebracht: „Schweigen entgiftet!“(S.345, alle folgenden Seitenzahlen bezie­hen sich auf dieses Buch).

Auf Diskussionsveran­staltungen sind Behördenvertreter zunehmend im Argumentationsnotstand - out of balance - angesichts faktenbasierter wissenschaftlicher Kritik. Bürger, die sich Fachwissen aneignen, eine Meinung bilden und nachfragen, sind unbequem. Und Referenten, die die Mobilfunk-Studienlage erläutern, ein rotes Tuch. Um diesen Störfall Bürgerengagement zu vermeiden, erklärt man nun Bürger und NGOs für inkompetent und versucht sie auszuschließen.

Der Soziologe Ulrich Beck über die "organisierte Unverantwortlichkeit“ ...

Diese Versuche, sich die Bürgerkritik vom Leib zu halten, hat Ulrich Beck als ein Grundübel analysiert:

  • "Die herrschenden Definitionsverhältnisse weisen den Technik- und Naturwissenschaften eine Monopolstellung zu: Sie (und zwar der Mainstream, nicht Gegenexperten und Alternativ­wissenschaftler) entscheiden ohne Beteiligung der Öffentlichkeit, was angesichts drohender Unsicher­heiten und Gefahren tolerierbar ist und was nicht" (S.70, 73).

Sogenannte Akzeptanzmanager versuchen zunächst, Bürgerkritik einzubinden.[15] Das sollte mit der Dialoginitiative 5G geschehen, man wollte die Deutungshoheit zurückgewinnen, doch das ist krachend gescheitert. Nun will man offensichtlich zur Ausgrenzung übergehen, so wie es Beck vorzeichnete:

  • "Die Normalreaktionen von Industrie und Politik sind das Abblocken von Forderungen nach wirkungsvollen Veränderungen und die Verurteilung des trotz offizieller Beschwichtigungen ausbrechenden Proteststurms als "irrational" und "hysterisch"... Die Rechtsordnung stiftet keinen sozialen Frieden, weil sie die Lebensbedrohungen - und zugleich die Bedrohungen der Politik - verallgemeinert und legitimiert" (S. 174 / 175).

Den Staat als "Legitimationsorgan" (Beck) von Industrieinteressen haben wir in den letzten Jahren dutzendfach erfahren, bei der Klimakrise, der Genehmigung von Pestizideinsätzen in der Landwirt­schaft, bei der Endlagersuche, Antibiotika in der Massentierhaltung, beim Rauchen. Beck beschreibt, wie die Gefahren für Gesundheit und Umwelt „im Legitimationszirkel von Verwaltung, Politik, Recht und Management normalisiert werden und ins unkontrollierbar Globale wachsen “ (S. 172). Er bringt diese Politik mit dem  Begriff "organisierte Unverantwortlichkeit“ (S.345) auf den Punkt und schreibt: "Die Formen von Allianzen, die der neoliberale Staat eingegangen ist, instrumentalisieren den Staat (und die Staats­theo­rie), um die Interessen des Kapitals weltweit zu optimieren und zu legitimieren" (S. 128).

Die kritischen Bürger erleben seit Jahrzehnten, wie "Experten" der Regierung die Industrie protegieren. Wie diese Symbiose von Industrie, Staat und gekaufter Wissenschaft in den letzten 100 Jahren die Legitimationsfunktion wahrnahm, analysiert die EUA (Europäische Umweltagentur) in ihren Bänden "Späte Lehren aus frühen Warnungen".[16] Die EUA deckt auf, wie bestellte Experten und Gefälligkeits­wissenschaftler mit staatlich organisierter "false balance" dazu beigetragen haben, absehbare Katastro­phen kleinzureden, den Widerstand zu paralysieren und damit mitverantwortlich für unsere heutigen katastrophalen Gesundheits- und Umweltprobleme sind. Oder, fragen wir das Dialogbüro, sind für diese Zustände die permanent protestierenden Bürgerinitiativen verantwortlich?

Das Misstrauen der Bürger ist gewachsen, sie trauen der Industrie und dem Staat immer weniger, und seine aktuellen Maßnahmen beschleunigen den Vertrauensverlust: Formulierungen von Teilen eines geplanten Berichtes zur Technikfolgenabschätzung des Bundestages zum Mobilfunk wurden an die Industrie vergeben,[17] 5G wird eingeführt ohne Technikfolgen­abschätzung,[18] Studienergebnisse werden bewusst falsch interpretiert, Stimmen kritischer Wissenschaftler ignoriert,[19] eine Strahlenschutzpolitik findet nicht statt.[20] Pläne der Industrie werden 1:1 durchgewunken.[21] So publizierte im Juni 2021 als Hauptherausgeber das Informationszentrum Mobilfunk (IZMF), die PR-Zentrale der Mobilfunkbe­trei­ber, die Broschüre "Mobilfunk und Gesundheit", in Kooperation mit dem Deutschen Städte- und Gemein­de­­bund, mit Caroline Herr, Leiterin des Sachgebietes für Arbeits- und Umweltmedizin am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und einem Lobbyvertreter der Schweizer Mobilfunkindustrie, Gregor Dürrenberger. Diese Symbiose von Industrie und Politik ist praktizierte "false balance" in Reinform. Die Affäre Prof. Alexander Lerchl, lange Mitglied der Strahlen­schutz­­kommission, und seine Kampagne gegen die REFLEX-Studie, sind ein weiteres Lehrbeispiel staatlich organisierter "false balance".[22] Wie einst Franz-Josef Strauß in Bayern einen Wissenschaftler aushielt, nämlich Prof. Klaus-Rüdiger Trott, der ihm die Gefällig­keitsgutachten lieferte, u.a. für Wackers­dorf, und man daraufhin von der Ver"trott"elung der Wissenschaft sprach,[23] so sichert auch das Bundesamt bis heute seine Verharmlosungspolitik mit ähnlichen Charakteren ab.[24]  Das Amt macht sich nicht nur abhängig von Industrie-Kartellen wie der ICNIRP, die seit 1992 eine unhaltbare pseudo-wissenschaftliche Minderheitenmeinung vertritt, sondern organisiert, finanziert und legitimiert diese auch noch.[25]

diagnose:funk schlägt der Politik Alternativen vor

... und die Rolle des informierten Bürgers

Weil der Bürger gesund leben will, nicht am Profitstreben beteiligt ist, ist auch nur noch der Bürger an der Wahrheit und an Lösungen interessiert, so eine von Beck´s Hauptthesen:

  • "Da Risiko gleichbedeutend mit Risikokonflikt ist, wird das Gegeneinander sozialer Akteure innerhalb und zwischen Institutionen, politischen und subpolitischen Handlungsfeldern und sozialen Bewegungen zu einer stark sprudelnden Quelle möglicher Alternativen"(S. 373).  

diagnose:funk hat in der nun über 10-jährigen Auseinandersetzung mit der staatlichen Mobilfunk­poli­tik Alternativen propagiert. "Technik sinnvoll nutzen", entsprechend dieser Maxime veröffentlichten wir bereits 2010 einen Glasfaserappell und kritisierten den schleppenden Ausbau, forderten die Tren­nung der Indoor- und Outdoorversorgung mit intelligenten Netzen zur Strahlungsminimierung; Visible Light Communication wurde von uns als Alternative zu WLAN öffentlich gemacht. Wir fordern, dass der Staat regulierend eingreift, um negative Folgen der Digitalisierung für Umwelt, Natur und Demo­kratie zu verhindern. Unser "Offener Brief" (2020) an das BfS mit Vorschlägen für Alternativen wurde bis heute nicht beantwortet.[26] Der Staat wurde zur Fortschrittsbremse, weil er sich kritiklos den Vermark­tungs­­konzepten der Industrie unterwarf und ihr das Ausbaumonopol für derweil 60 Milliarden Euro Lizenzgebühren überließ. Die Gesundheit wurde hier anscheinend gleich mit verkauft. Wie in allen Umweltbewegungen bildeten sich Bürgerexperten mit Alternativkonzepten heraus, die die staatlichen Experten als Akteure "organisierter  Unverantwortlichkeit" (Beck) erscheinen lassen. Im manchmal kom­pli­ziert formulierten, aber präzisen Soziologendeutsch beschreibt Beck das Versagen des Staates, dessen eigentlich regulierende Funktion nun dem kritischen Bürger zufällt:

  • "Die drei Säulen der Sicherheit erodieren - der Staat, die Wissenschaft, die Wirtschaft versagen bei der Erzeugung von Sicherheit - und ernennen den "selbstbewussten Bürger" zu ihrem recht­mä­ßigen Erben."(S.93) "Selbstverständlich ist ... das öffentliche Wissen um die Risiken häufig kein Experten-, sondern ein Laienwissen, dem die gesellschaftliche Anerkennung verweigert blieb" (S.163).

Bereits 2002 zog die Europäische Umweltagentur dieselbe Schlussfolgerung aus 100 Jahren Vertu­schung von Risiken:

  • "In den USA beispielsweise dokumentierten die wegweisende Studie des National Research Council (NRC) unter dem Titel „Understanding risk“ (NRC, 1996) und der vom Präsidialausschuss vorgelegte Folgebericht (Omen et al., 1997) die Grenzen der herkömmlichen eingeschränkten Risikoabschätzung und machten deutlich, wie wichtig es ist, interdisziplinäre Gesichtspunkte, Laienwissen und divergierende Standpunkte von Interessengruppen in die Charakterisierung von Risiken und die Festlegung der geeigneten Herangehensweise bei der Risikoabschätzung einzu­beziehen."[27]

Das Dialogbüro 5G und das BMVI sind argumentativ in der Sackgasse. Mit diagnose:funk sehen sie sich mit einer Verbraucherschutzorganisation konfrontiert, die mit Schriften und Datenbanken ein Exper­ten­wissen eines internationalen Netzwerks von Wissenschaftlern und Ärzten aufgebaut hat, das sich durch Bürgerinitiativen verbreitet. Damit wird die etablierte Zusammenarbeit von Staat und Industrie, "das reibungslose Funktionieren der Systeme „gestört“" (Beck). Der nun erklärte Rückzug vom Dialog ist das Eingeständnis des Versagens: ein Absturz vom Dialog- zum Monologbüro! Mission not accom­plished! Mission failed! Das Dialogbüro 5G und das BMVI haben für ihre Aufkündigung der Bürger­beteiligung und ihre Angst vor der Auseinan­der­setzung gleich den scheinwissenschaftlichen Begriff mitgeliefert: false balance. Er fällt mit Wucht auf sie zurück. Die Bundesregierungen der letzten Jahrzehnte haben mit ihrer Politik und ihren "Experten" dazu beigetragen, dass sich eine Umwelt- und  Klimakatastrophe entwickelte, die das Überleben der Menschheit in Frage stellt. Der Kündigungsbrief des Dialogbüros ist eine Blaupause dieser gescheiterten Industriepolitik, die Natur und Klima aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Diese false balance zu korrigieren wird zur Überlebensfrage. Denn die Digitalisierung, bei deren Komplexität die Funktechnologie eine überragende Rolle spielt, ist, so warnen die renommierten Think Tanks WBGU (Wissenschaftlicher Beirat für globale Umweltverän­der­ungen der Bundesregierung) und WFC (World Future Council), ein Brand­beschleuniger der Umwelt- und Klimakrise, weil sie den Energie- und Ressourcenverbrauch explo­dieren lässt. [28] Der Soziologe Harald Welzer bringt dies auf den Punkt:

  • "Die Digitalisierung ist in ihrer unmittelbaren Verschwisterung mit dem Konsum von Gütern und Dienstleistungen nichts anderes als die radikalisierte Fortschreibung des wachstumswirt­schaf­t­lichen Programms, das weder an der vernünftigen Einrichtung von Gesellschaften noch an einem zukunftstauglichen Naturverhältnis interessiert ist. Hier zählt nur die reine Gegenwart und wie ihre Gegebenheiten auszuschöpfen sind. Auch in dieser Hinsicht ist das Digitale fossil. Es ver­brennt Zukunft. Radikal"(Smarte Diktatur, S.287). [29]

Der  gebildete "Laie", der Bürger, der nicht im Geflecht von Profit, Drittmittelakquise und Karriereinte­r­es­sen gefangen ist, bekommt als Akteur für eine lebenswerte Zukunft eine zentrale Bedeutung. So wie es Ulrich Beck bereits 2007 prophezeite und die EUA schon 2002 forderte. Um diese Wissenslücke des Dialogbüros 5G zu schließen, hat diagnose:funk ihm nach Berlin ein Exemplar von Becks "Weltrisikoge­sellschaft" zugeschickt, im festen Glauben an die Lernfähigkeit eines jeden Menschen, auch denen in der Filterblase der Berliner Politik. Ein weiteres Exemplar wurde an die Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz gesandt.

Fußnoten

[1] Beispielhaft für die Individualisierung ist die Argumentation beim Thema Endgeräte und WLAN. Statt die Industrie dazu aufzufordern und zu verpflichten, endlich sog. Full-Eco-WLAN-Router auf den Markt zu bringen, wo kein hochgradig problematischer 10 Hz Takt mehr zu Einsatz kommt und das Endgerät darüber bestimmt, ob z.B. der heimische Router an oder aus ist, wird die vorhandene wissenschaftliche Literatur als irrelevant bezeichnet und darauf hingewiesen, man solle aber aus Gründen der persönlichen Vorsorge und Angstbewältigung, den Router nicht ins Kinderzimmer stellen und könne auch mal ausschalten, wenn dieser nicht gebraucht wird. https://t1p.de/x4bp . Beim Mobilfunkendgerät ähnlich. Es werden viele Tipps zur individuellen Vorsorge gegeben (https://t1p.de/kwa7h), aber keinerlei sichtbaren politische Anstrengungen unternommen, dafür zu sorgen, dass z.B. die im Vergleich extrem strahlungsintensive GSM-Technik aus den 90er Jahren endlich abgeschaltet wird,damit einerseits die hohe Grundlast, durch die immer mit maximaler Leistung strahlenden Pilotkanäle der Sendeanlagen reduziert wird und andererseits die überflüssig hohen Emissionen an den Endgeräten endlich ein Ende haben.

[2] Julia von Staden (2021): Stuttgart 21. Eine Rekonstruktion der Proteste, Bielefeld

[3] diagnose:funk (2021): Artikelserie zum 5G-Dialog "Deutschland spricht 5G" der Bundesregierung Teil I-V. diagnose:funk setzt sich mit den Argumenten der Kampagne der Bundesregierung auseinander. https://www.diagnose-funk.org/1657

[4] diagnose:funk (2020): Neues Kompetenzzentrum Mobilfunk des Umweltministeriums in Cottbus. Sprachrohr der Industrie oder Schritt zum Strahlenschutz? https://www.diagnose-funk.org/1519

[5] diagnose:funk (2020): 15 Jahre Leitlinien Strahlenschutz: Vom Anspruch zur Anpassung. Über ein verschwundenes Papier des BfS. https://www.diagnose-funk.org/1507

[6] Das thermische Dogma schließt nicht-thermische Wirkungen der Strahlung aus. Auseinandersetzungen damit:

diagnose:funk (2019): Behauptungen und Scheinargumente Teil I. "Mobilfunkstrahlung hat zu wenig Energie, um Zellen zu schädigen. Oxidativer Stress ist unplausibel." https://www.diagnose-funk.org/1441

diagnose:funk (2019): Behauptungen und Scheinargumente Teil VIII. Prof. Lerchls Vortrag und FMK-Interview auf dem Prüfstand: „5G: Medizinische Aspekte“. https://www.diagnose-funk.org/1502

[7] diagnose:funk (2020): Mobilfunkgipfel einigt sich auf beschleunigte Durchsetzung von LTE- und 5G-Sendeanlagen. Kampfansage an die kommunale Selbstverwaltung und Bürgerinitiativen. https://www.diagnose-funk.org/1580

diagnose:funk (2020): Das Schulze-Scheuer-Papier zum 5G-Ausbau an die Bürgermeister. Die Kommunen sollen zum Marktplatz digitaler Geschäftsmodelle werden. https://www.diagnose-funk.org/1555

diagnose:funk (2020): Kompetenzen kommunaler Entscheidungsträger beim Mobilfunkausbau. Zwei Fachartikel in der Neuen Zeitschrift für Verwaltungsrecht bestätigen die Rechte der Kommunen. https://www.diagnose-funk.org/1632

[8] diagnose:funk (2020): 48% gegen Mobilfunkmasten - Unternehmerverband Bitkom alarmiert. Bitkom fordert Bundesregierung auf, Bürgerinitiativen zu widerlegen und zu bändigen. https://www.diagnose-funk.org/1554

diagnose:funk (2020): Lichtblick 2020: Proteste zeigen Wirkung. Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz erklärt den denkenden Bürger zum Problem. https://www.diagnose-funk.org/1504

[9] diagnose:funk (2019): Europa ignoriert mögliches Krebsrisiko von 5G. Tagespiegel recherchiert zu 5G / Mobilfunkstudienlage. https://www.diagnose-funk.org/1335

diagnose:funk (2019): Im SPIEGEL vom 20.07.2019: Bundesamt für Strahlenschutz im Entwarnungsmodus.Wie das BfS versucht, wichtige Studien zu disqualifizieren. https://www.diagnose-funk.org/1431

diagnose:funk (2020): Professor James C. Lin: Die NTP-Studie weist das Krebspotential der Mobilfunkstrahlung nach. Neuer diagnose:funk-Brennpunkt erschienen. https://www.diagnose-funk.org/1508

[10] diagnose:funk (2019): Einstufung: "Wahrscheinlich krebserregend" oder höher? IARC soll Hochfrequenz-Krebsrisiko überprüfen. https://www.diagnose-funk.org/1397

[11] diagnose:funk (2021): 5G: EU-Technikfolgenabschätzung: Nachgewiesene Risiken erfordern einen Ausbaustopp (Moratorium). STOA legt 175-seitigen Review vor. https://www.diagnose-funk.org/1740

[12] diagnose:funk (2021): Dokumentation: Das Lobbysystem ICNIRP und Bundesamt für Strahlenschutz - 4 Analysen. https://www.diagnose-funk.org/1702

[13] https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.vodafone-deutschland-chef-ametsreiter-unsere-mitarbeiter-bestimmen-ihren-arbeitsplatz-selbst.79e865df-ddb2-4c56-9145-d5175d93d348.html?reduced=true

[14] Prof. Ulrich Beck (1944-2015) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Soziologen in der Nachkriegszeit: https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Beck

[15] diagnose:funk (2020): Mit Akzeptanz-Managern gegen 5G-Proteste. Im Argumentationsnotstand: Regierungen rekrutieren Risikokommunikatoren. https://www.diagnose-funk.org/1602

[16] diagnose:funk (2016): Späte Lehren aus frühen Warnungen, Band II. Deutsche Übersetzung der Zusammenfassung. https://www.diagnose-funk.org/1039

[17] diagnose:funk (2021): "Endlich mal zuhören! Richtig hinschauen, nachlesen, verstehen – das wären meine Wünsche an die Politik." 5G-Anbieter.info im Interview mit Jörn Gutbier von diagnose:funk zur Strahlenbelastung von LTE/5G. https://www.diagnose-funk.org/1725

[18] diagnose:funk (2020): Österreich: Parlamentsbericht "5G-Mobilfunk und Gesundheit" warnt vor Risiken. https://www.diagnose-funk.org/1532

diagnose:funk (2021): 5G: EU-Technikfolgenabschätzung: Nachgewiesene Risiken erfordern einen Ausbaustopp (Moratorium). STOA legt 175-seitigen Review vor. https://www.diagnose-funk.org/1740

[19] diagnose:funk (2019): Voll daneben oder wie bestellt? Stiftung Warentest zum Risiko Handy. https://www.diagnose-funk.org/1453

diagnose:funk (2021): Studie für die Schweizer Regierung weist nach: EMF Ursache vieler Krankheiten durch oxidativen Zellstress. k .o. für die Mobilfunkpolitik von BfS und ICNIRP. https://www.diagnose-funk.org/1692

diagnose:funk (2019): Im SPIEGEL vom 20.07.2019: Bundesamt für Strahlenschutz im Entwarnungsmodus. Wie das BfS versucht, wichtige Studien zu disqualifizieren. https://www.diagnose-funk.org/1431

diagnose:funk (2019): 5G Versteigerung | die Krebsdebatte. Offenbarungseid des Bundesamtes für Strahlenschutz. https://www.diagnose-funk.org/1359

diagnose:funk (2019): Video mit Dr. Ron Melnick zur NTP-Studie. Adverse Healt Effects. NTP findings and Cancer. In seinem Vortrag auf dem Wireless Tech Forum "Risks: Adverse Healt Effects. NTP Student findings and Cancer" verteidigt Dr. Ron Melnick die NTP-Studie gegen die Angriffe der Industrie. https://www.diagnose-funk.org/publikationen/1358

diagnose:funk (2020): NTP Studie: Richtigstellungen der Verfälschungen. Eiertänze um die Risiken der Handystrahlung. https://www.emfdata.org/en/documentations/detail?id=219

diagnose:funk (2019): NTP-Studie: 'Sorgfältigst durchgeführte Untersuchung'. Diskussion um NTP-Studie auf der BIOEM 2016. https://www.diagnose-funk.org/1122

[20] diagnose:funk (2020): Wann gibt es in Deutschland wieder einen Strahlenschutz? diagnose:funk schreibt dem Bundesamt für Strahlenschutz. https://www.diagnose-funk.org/1566

[21] diagnose:funk (2020): Mobilfunkgipfel einigt sich auf beschleunigte Durchsetzung von LTE- und 5G-Sendeanlagen. Kampfansage an die kommunale Selbstverwaltung und Bürgerinitiativen. https://www.diagnose-funk.org/1580

diagnose:funk (2020): Das Schulze-Scheuer-Papier zum 5G-Ausbau an die Bürgermeister. Die Kommunen sollen zum Marktplatz digitaler Geschäftsmodelle werden. https://www.diagnose-funk.org/1555

[22] diagnose:funk (2021): Microwave News: Die Lerchl IARC-Affäre. Die bisher unerzählte Geschichte über Prof. Lerchls Ablehnung für das WHO Krebs-Entscheidungsgremium 2011. https://www.diagnose-funk.org/1670

diagnose:funk (2021): Das Hanseatische Oberlandesgericht Bremen verurteilt Professor Alexander Lerchl zur Rücknahme seiner Fälschungsbehauptung gegenüber der REFLEX-Studie. https://www.diagnose-funk.org/1662

Ingo Leipner (2021): Moderne Rattenfänger, Redline, S. 125-156, s.a. https://www.diagnose-funk.org/1770

[23] zu Prof. Trott siehe Strahlentelex, 2008, 524/525: Von der Gefahr der  Vertrottelung in  Kommissionen und in der Wissenschaft, http://www.strahlentelex.de/Stx_08_524_S07-08.pdf

[24] MicrowaveNews (2021): Rich Rewards for Bad Behavior. Alexander Lerchl Has Received $5 Million in Research Grants from German Government. https://www.microwavenews.com/short-takes-archive/rich-rewards-bad-behavior

diagnose:funk (2021): Microwave News: Die Lerchl IARC-Affäre. Die bisher unerzählte Geschichte über Prof. Lerchls Ablehnung für das WHO Krebs-Entscheidungsgremium 2011. https://www.diagnose-funk.org/1670

[25] Vgl. Prof. Buchner im Webinar Nr. 9: Das ICNIRP-Kartell und die Mobilfunkindustrie, www.diagnose-funk.org/1709; Butler-Recherchen: www.diagnose-funk.org/1683; Buchner/Rivasi-Report über die ICNIRP, www.diagnose-funk.org/1701

[26] diagnose:funk (2020): Wann gibt es in Deutschland wieder einen Strahlenschutz? diagnose:funk schreibt dem Bundesamt für Strahlenschutz. Offener Brief mit Handlungsoptionen an die Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz, Dr. Inge Paulini. https://www.diagnose-funk.org/1566

[27] EUA Kopenhagen (2002): Späte Lehren aus frühen Warnungen: Das Vorsorgeprinzip 1896–2000, Kurze Zusammenfassung, https://www.eea.europa.eu/de/publications/environmental_issue_report_2001_22/at_download/file

[28] diagnose:funk (2020): Ist 5G der Weg zu einer umweltschonenden Mobilfunk-Infrastruktur? Das eigene Amt widerspricht der Ministerin! https://www.diagnose-funk.org/1642

diagnose:funk (2019): Digitalisierung: Brandbeschleuniger gegenwärtiger Krisen. Bundesumwelt­mini­sterium reagiert auf WBGU-Gutachten. https://www.diagnose-funk.org/publikationen/1416

diagnose:funk (2019): WBGU: Weckruf zur Digitalisierung. Kritik an fehlender gesellschaftlicher Debatte, https://www.diagnose-funk.org/1377

World Future Council (2021): Die Auswirkungen des 5G Netz-Ausbaus auf Energieverbrauch, Klimaschutz und die Einführung weiterer Überwachungstechniken. Analyse von Dr. Matthias Kroll. https://www.diagnose-funk.org/1718

d:f Artikelserie (2021): Digitalisierung, Mobilfunk, 5G und ihre Auswirkungen auf das Klima. https://www.diagnose-funk.org/1752

[29] diagnose:funk Rezension des Buches von H. Welzer (2016): https://www.diagnose-funk.org/1075