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Pittsburgh Cancer Center warnt vor Mobilfunk

Internes Memo an Fakultät und Mitarbeiter
Der Leiter eines prominenten Krebsforschungsinstituts verbreitete eine bis dahin noch nie da gewesene Warnung an seine Fakultät und die Mitarbeiter: Begrenzen Sie den Gebrauch von Mobiltelefonen wegen möglichen Krebsrisiken. Diagnose-Funk hat den Artikel übersetzt.

Das Pittsburgh Cancer Center warnt vor Mobilfunkrisiken

PITTSBURGH. Die Warnung von Dr. Ronald B. Herberman, Direktor des Krebsinstituts der Universität Pittsburgh, steht im Gegensatz zu den zahlreichen Studien, die keinen Zusammenhang zwischen Krebs und Mobiltelefongebrauch finden und einem allgemeinen Mangel an Besorgnis der U.S. Food and Drug Administration.

Herbermans Alarm gründet seine Warnung auf frühe, noch nicht publizierte Daten. Er sagt, es würde zu lange dauern, bis man Antworten von der Wissenschaft bekäme und er glaubt, die Menschen sollten jetzt handeln – insbesondere wenn es um Kinder geht. „Tatsächlich besteht meine dringende Besorgnis darin, dass wir nicht warten sollen, bis eine definitive Studie herauskommt, sondern dass wir auf Nummer sicher gehen, lieber früher als dann leider zu spät“, sagte Herbermann

Keine anderen bedeutenden akademischen Krebsforschungsinstitute haben sich so alarmierend zum Mobiltelefongebrauch vernehmen lassen. Aber Herbermans Empfehlung wird sicher unter Mobiltelefonbenutzern, insbesondere Eltern, Besorgnis auslösen.

In einem Memo, dass er am Mittwoch an ca. 3000 Fakultäten und Kollegen sandte, sagt er, Kinder sollten Mobiltelefone nur im Notfall benutzen, weil sich ihr Hirn immer noch in Entwicklung befinde.

Die Erwachsenen sollten ihr Mobiltelefon vom Kopf weghalten und Freisprechanlagen oder ein drahtloses Headset benutzen, sagte er. Er warnt sogar vor Mobiltelefonbenutzung an öffentlichen Orten, wie z.B. im Bus, weil es andere Menschen den elektromagnetischen Feldern aussetzt.

Die Angelegenheit, die einige Wissenschaftler beunruhigt – obwohl nirgends ein Konsens besteht – ist die elektromagnetische Strahlung, speziell wegen der möglichen Wirkung auf Kinder. Es ist kein bedeutendes Thema auf den Konferenzen von Hirnspezialisten.

Eine Analyse an der Universität von Utah 2008 betrachtete neun Studien –eingeschlossen einige Herberman-von Hebermann zitierte – mit tausenden von Hirntumorpatienten und zieht den Schluss: „ Wir fanden keine insgesamt höheren Risiken von Hirntumor unter Mobiltelefonbenützern. Das potenziell erhöhte Risiko von Hirntumoren von Langzeit-Mobiltelefonbenutzern benötigt eine Bestätigung durch weitere Studien.“

Im letzten Jahr sind Studien in Frankreich und Norwegen zum gleichen Schluss gelangt.

„Wenn es da ein Risiko durch solche Produkte gibt – und derzeit erkennen wir nicht, dass es eines gibt – ist es wahrscheinlich sehr klein“ sagt die U.S. Food and Drug Administration auf ihrer Webseite.

Dennoch zitiert Herberman eine wachsende Menge von Literatur, die einen Zusammenhang zwischen Langzeittelefonierern und möglichen schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit, inklusive Krebserkrankungen zeigt.

„Obwohl die Beweislage noch kontrovers ist, bin ich überzeugt, dass es genügend Daten gibt, die es rechtfertigen, Ratschläge zu Vorsichtsmassnahmen zum Mobiltelefongebrauch herauszugeben“ sagte er in seinem Memo.

Die treibende Kraft hinter diesem Memo war Devra Lee Davis, die Direktorin des Universitätszentrums für Umwelt-Onkologie.

„Die Frage ist die, ob Sie russisches Roulette mit unserem Gehirn spielen wollen“, sagte sie in einem Mobiltelefon-Interview, das sie, wie empfohlen, über eine Freisprechanlage führte. „Ich weiss nicht, ob Mobiltelefone gefährlich sind, aber ich weiss auch nicht, ob sie sicher sind.“

Besorgnis erregend sind die noch unbekannten Auswirkungen während mehr als einer zehnjährigen Periode des Mobiltelefongebrauchs, mit Studien, die wachsende Beunruhigungen auslösen, sagte Davis, eine frühere Gesundheitsberaterin der Clinton Administration.

Sie sagte, 20 verschiedene Gruppen haben dem Rat, den das Pittsburgh Krebs-Institut herausgegeben hat, zugestimmt und Behörden in England, Frankreich und Indien haben vor der Mobiltelefonbenutzung durch Kinder gewarnt.

Herberman und Davis weisen auf ein massives laufendes Forschungsprojekt, bekannt als Interphone, hin, in das Wissenschaftler von 13 Nationen involviert sind, die meisten aus Europa. Resultate dieses Projekts, die schon in peer-reviewed Zeitschriften veröffentlicht wurden, sind nicht so alarmierend, aber Herberman zitiert Arbeiten, die noch nicht publiziert wurden.

Die veröffentlichte Forschung richtet sich auf mehr als 5000 Fälle von Hirntumoren. Das National Research Council in den USA, welches am Interphone-Projekt nicht teilgenommen hat, berichtete im Januar, dass die Hirntumor-Forschung „Auswahlverzerrungen“ hatte. Das heisst, sie vertraute Leuten mit Krebs, wie oft sie sich erinnerten, Mobiltelefone benutzt zu haben. Dies gilt nicht als die genaueste wissenschaftliche Vorgehensweise.

Die umfangreichste publizierte Studie, die im Journal of the National Cancer Institut (Zeitschrift des Nationalen Krebsinstitut) im Jahr 2006 erschien, befragte 420 000 dänische Mobiltelefonbenutzer, eingeschlossen Tausende, die ein Mobiltelefonen mehr als 10 Jahre benutzt hatten. Sie fand kein gestiegenes Krebsrisiko unter den Mobiltelefonbenutzern.

Eine französische Studie, basierend auf der Interphone-Forschung, die im Jahr 2007 publiziert wurde, schloss, dass regelmässige Mobiltelefonbenutzer „kein signifikant höheres Risiko“ für drei Haupttypen von Tumoren des Nervensystems hatten. Sie merkte jedoch an, dass es die Möglichkeit eines steigenden Krebsrisikos für einen Typ von Hirntumor unter den stärksten Telefonbenutzern gebe“, aber um das zu verifizieren, sei mehr zukünftige Forschung nötig.

Frühere Forschung hat auch keinen Zusammenhang gefunden.

Joshua E. Muscat von der Penn State University, der in anderen Forschungsprojekten, die teilweise von der Mobilfunkindustrie finanziert worden waren, über Krebs und Mobiltelefone geforscht hat, sagte, dass es mindesten ein Dutzend Studien gibt, die keinen Krebs-Mobiltelefon-Zusammenhang gefunden hätten. Er sagte, eine schwedische Studie, die von Herberman als Stütze für seine Warnung zitiert worden war, war voreingenommen und fehlerhaft.

"Wir kennen wirklich keine Mechanismen, bei welchen die Exposition durch Funkstrahlung einen kanzerösen Effekt in den Zellen verursacht. Wir wissen nicht, ob dies möglicherweise geschehen könnte", sagte Muscat.

Mobiltelefone emittieren hochfrequente Energie, einen Typ von Strahlung, die, gemäss dem Nationalen Krebsinstitut eine Form von elektromagnetischer Strahlung ist. Obwohl Studien durchgeführt werden, um zu sehen, ob es einen Zusammenhang zwischen dieser und Hirntumoren und dem zentralen Nervensystem gibt, gibt es keinen definitiven Link zwischen den beiden, sagt das Institut auf seiner Webseite.

„Auf jeden Fall, wenn sich eine Person dazu bemüssigt fühlt, Vorsorge zu treffen, um die Zunahme von elektromagnetischen Strahlen in ihrem Körper zu reduzieren, so sollte sie dies auf alle Fälle tun“, sagte Dan Catena, ein Sprecher der American Cancer Society. „Aber gleichzeitig müssen wir daran erinnern, dass es keinen schlüssigen Beweis gibt, dass Mobiltelefone einen Zusammenhang mit Krebs haben, sei es nun Hirntumore oder 20 andere Krebsarten.“
Joe Farren, ein Sprecher der CTIA - The Wireless Association, einer Interessenvertretungsgruppe der drahtlosen Industrie, sagte, die Gruppe glaubt, dass es ein Risiko von Falschinformation der Öffentlichkeit gibt, wenn die Wissenschaft nicht als ultimativer Führer in der Sache benutzt wird.

„Wenn Sie auf die überwiegende Mehrheit von Studien blicken, die peer reviewed und in wissenschaftlichen Zeitschriften auf der ganzen Welt publiziert worden sind, so werden sie keine Beziehung zwischen der Drahtlosnutzung und gesundheitsschädlichen Auswirkungen finden“, sagte Farren.
Frank Barnes, der beim Januar-Bericht des National Research Councils den Vorsitz führte, sagte am Mittwoch, dass „das letzte Wort nicht gesprochen ist“, wie eine riskante Langzeit-Mobiltelefon-Benutzung sein könnte.

Der Professor für Electrical and Computer Engineering an der Universität von Colorado in Boulder, der über sein Mobiltelefon sprach, sagte, dass er keine speziellen Vorsorgemassnahmen für seinen eigenen Gebrauch unternehme. Und er bot auch den Leuten, die sich wegen dieser Sache fürchteten, keinen spezifischen Rat an.

Es ist die Sache jedes Einzelnen, zu entscheiden, wie und ob er irgendwas tun wolle. Wenn die Menschen Mobiltelefone statt Festnetz benutzen, „dann werden sie selbst dafür verantwortlich sein“.

Susan Juffe, eine 58jährige Hilfsschullehrerin hatte von Herbermans Warnungen vor Mobiltelefonen am frühen Morgen im Radio gehört.

„Nun fürchte ich mich. Es macht mir Angst“, sagte sie,
Sie sagt, sie überlege zweimal, ob sie ihrer 10 Jahre alten Tochter Jayne erlauben solle, ein Mobiltelefon zu benutzen. „Ich möchte bestimmt nicht, dass sie ihn (den Hirntumor) bekommt und ich möchte auch keinen“ erklärte sie ihrer Tochter.

Sara Loughran, eine 24-jährige Medizinstudentin an der Universität Pittsburgh, sass am Mittwoch an einer Bushaltestelle und chattete per Mobiltelefon mit ihrer Mutter. Sie hatte die Morgennachrichten auch gehört, aber sie war nicht besorgt.

„Ich denke, wenn sie mir spezielle Zahlen und spezifische Informationen gegeben hätten und diese wären genügend angsteinflössend, wäre ich besorgt“, sagte Loughran, während sie plante, ihre Mutter in einigen Minuten nochmals anzurufen. „Ohne spezifische Zahlen, ist es mir zu unklar, um mich zu verunsichern.

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Jennifer Yates reported from Pittsburgh. Science Writer Seth Borenstein
reported from Washington. Reporter Ramit Plushnick-Masti contributed from
Pittsburgh and Science Writer Malcolm Ritter contributed from New York.
 

Artikel veröffentlicht:
18.08.2008
Autor:
Jennifer C. Yates and Seth Borenstein, Associated Press Writers, dt. Übersetzung: Diagnose-Funk
Quelle:
USA Today, 24.07.2008 'Pittsburgh cancer center warns of cell phone risks'

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