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Schwarzenburg-Resultate doch noch publiziert

Acht Jahre nach dem Ende des Kurzwellensenders
Der Kurzwellensender Schwarzenburg hat sich offensichtlich negativ auf den Schlaf der Leute in der Umgebung ausgewirkt. Das bestätigen Studien von 1996 und 1998, deren Resultate aus verschiedenen Gründen erst jetzt vorliegen.

Acht Jahre nach dem Ende des Kurzwellensenders Schwarzenburg liegen neue Untersuchungsergebnisse vor

Der Name Theodor Abelin ist vielen Schwarzenburgern ein Begriff. Der ehemalige Professor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern leitete nämlich 1992 und 1993 zwei Studien, die zeigten, dass eine nachweisbare Beziehung besteht zwischen der Stärke des elektronischen Magnetfelds des Kurzwellensenders Schwarzenburg und Schlafstörungen der Menschen, die in seiner Umgebung lebten. Abelin sagte 1997, dass eine weitere Untersuchung stattgefunden habe und eine vierte geplant sei. Diese wurde 1998 tatsächlich durchgeführt. Doch da Abelin und sein Team Mühe hatten, diese Resultate in einer Fachzeitschrift zu publizieren, der Professor in den Ruhestand trat und ein anderer Untersuchungsleiter die Stelle wechselte, blieben die Ergebnisse dieser zwei Studien jahrelang liegen. Bis vor etwa zwei Jahren Martin Röösli zum Institut und auf die Resultate stiess. Der Dozent hat es nun geschafft, die Ergebnisse in Fachzeitschriften unterzubringen.

Melatoningehalt stieg

Zwei Artikel sind es, die kürzlich in «Somnologie» und «Bioelectromagnetics» auf Englisch erschienen. Im ersten werden alle vier Studien zwischen 1992 und 1998 zusammengefasst, der zweite gibt wieder, was die «Schwarzenburg Shut-Down Study» von 1998 zeitigte. Sie beruhte auf einer Befragung von 54 Personen eine Woche vor der Schliessung («Shut-Down») des Senders und eine Woche nach dem Ende. Die Leute mussten beispielsweise angeben, wie frisch sie sich am Morgen fühlten. Ausserdem wurde der Melatonin-Gehalt im Speichel gemessen. Melatonin ist das Hormon, das den Tag-Nacht-Rhythmus des Körpers steuert. Die Autoren der Studie kommen zum Schluss, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Betrieb des 1939 installierten Senders und Schlafstörungen. Nach der Betriebseinstellung stieg beispielsweise die Qualität des Schlafs – allerdings nur bei schlechten Schläfern. Wer immer gut geruht hatte, schlief weiterhin gut. Und der Melatoningehalt der Testpersonen erhöhte sich um 15 Prozent.
Die Wissenschaftler der Uni Bern schreiben aber auch, was in allen anderen Untersuchungen zum Sender steht: Es kann sein, dass die Studienresultate durch psychologische Effekte beeinträchtigt werden. Sprich: Wer glaubt, elektromagnetische Strahlung sei schädlich, wird ohnehin negative Auswirkungen spüren – ob es sie nun gibt oder nicht. Interessant in diesem Zusammenhang ist allerdings, dass 1993 auch dann Testpersonen angaben, besser geschlafen zu haben, als sie gar nicht wussten, dass der Sender eine Zeit lang ausser Betrieb war. Die Autoren warnen davor, Rückschlüsse auf die Wirkungen von Mobilfunk zu ziehen: Ein Kurzwellensender verwende eine andere Frequenz.

Frühgeburten bleiben seither aus

Bisher weitgehend unbekannt war auch, dass die Wissenschaftler nicht nur in der Gemeinde Wahlern, sondern auch in Rüeggisberg forschten. Die Weiler Brügglen, Schwanden und Fultigen liegen zwar weiter entfernt als jene um Schwarzenburg, aber befanden sich damals, da an einem Hang gelegen, auf etwa gleicher Höhe wie die Antennen. Die Wissenschaftler waren wegen der Absenz von Untersuchungen in diesem Gebiet kritisiert worden und erkannten nach Messungen, wie jetzt nachzulesen ist, dass es tatsächlich stärker betroffen war, als sie angenommen hatten.
Einer, der sich vage daran erinnert, damals zwecks Abgabe von Speichel Wattebäuschchen gekaut und Fragebogen ausgefüllt zu haben, ist der heutige Rüeggisberger Gemeinderat Bruno Rankwiler. Er habe immer gut geschlafen, sagt er, nicht aber seine Frau – sie tue dies seit 1998 aber «wesentlich besser». Auch Bäuerin Christine Jenni erinnert sich mehr an den vor 1998 ständig gestörten Radioempfang zu Hause als an die Fragebogen, doch bestätigt auch sie die Untersuchungsresultate: «Früher hatten wir mehrmals pro Jahr im Stall Frühgeburten. Seit dem Abschalten des Senders keine mehr.»

Der Sender

Der Kurzwellensender Schwarzenburg wurde 1998 angeblich aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen. Die Sendungen von Schweizer Radio International wurden seither vom Ausland aus ausgestrahlt.
Eine Umweltverträglichkeits-studie der damaligen Telecom, der Besitzerin, hatte 1997 noch ergeben, der geplante Um- und Ausbau sei umweltverträglich. Was bei den Gegnern der Anlage, dem Verein «Schwarzenburg ohne Kurzwellensender» (SchoK), für Skepsis und Kritik sorgte.
Der Sender in der Ebene bei Mamishaus sorgte in der Umgebung für die kuriosesten Effekte: Beispielsweise gaben Dachabflussrinnen Musik wieder und störten am Telefon Interferenzen. Anwohner beklagten nebst Schlafstörungen auch Gelenk- oder Gliederschmerzen. (ry)

Artikel veröffentlicht:
05.06.2006
Autor:
Der Bund, Rainer Schneuwly, 23.05.06
Quelle:
espace.ch | 05.06.2006

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