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Dr. Oberfeld zu Mobilfunksendeanlagen

Epidemiologische Untersuchungen
Auf dem 1. Bamberger Mobilfunk-Symposium hat Dr. med. Gerd Oberfeld, Referent für Umweltmedizin der Österr. Ärztekammer, einen Vortrag gehalten.

1. Bamberger Mobilfunksymposium

29. Jänner 2005
Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Deutschland
Markushaus, 96047 Bamberg


Epidemiologische Untersuchungen bei Mobilfunksendeanlagen
Beispiele und künftige Überlegungen

Abstract

Die Geschichte zeigt, dass Entscheidungen an der Schnittstelle Umwelt und Gesundheit überwiegend auf der Basis der Beobachtung von Auswirkungen getroffen wurden. Dabei war es in der Regel unerheblich, ob ein Wirkungsmechanismus in Teilen oder vollständig bekannt war. Die Beobachtung und Analyse von Risikofaktoren ist das Aufgabengebiet der Epidemiologie bzw. Umweltepidemiologie.

Prominentes Beispiel ist die Beobachtung des Londoner Arztes John Snow im Jahr 1854, der alle Todesfälle einer Durchfallsepidemie und alle öffentlichen Brunnen in einem Stadtplan eintrug und dadurch die massive Häufung im Umfeld der Broad Street Pump zeigen konnte. Der Verdacht, dass das Trinkwasser der Auslöser des tödlichen Durchfalls ist, wurde durch den Rückgang der Erkrankungen nach der Entfernung des Pumpengriffs bestätigt. Das eigentliche Agens, nämlich die Cholerabakterien, wurden erst 30 Jahre später durch Robert Koch entdeckt. Die weitere Abklärung des Wirkmechanismus über Choleratoxine und Hemmung eines Enzyms der Dünndarmschleimhaut erfolgte erst nach weiteren 70 Jahren. Weitere 50 Jahre später steht heute ein oraler Choleraimpfstoff zur Verfügung. Die einfachste Maßnahme, die Sperre des mit Bakterien verunreinigten Trinkwassers, wurde mit Erfolg durchgeführt und kein rational denkender Mensch würde die Forderung nach einer vollständigen Abklärung der Wirkungskette erheben, sobald schlüssige Verdachtsmomente vorliegen.

Weitere Beispiele sind die Auslösung von Rippenfellkrebs durch Asbestfasern, Intelligenzdefizite durch Tetraethylblei im Benzin und das erhöhte Risiko für vorgezogene Todesfälle durch lungengängige Partikel in der Luft.

In Anlehnung an die umfangreichen epidemiologischen Untersuchungen zur Wirkung von Luftschadstoffen würde man meinen, dass es im Bereich hochfrequenter Strahlung im Allgemeinen und Mobilfunk im Speziellen schon viele Untersuchungen gibt. Die Antwort ist zum Einen leider nein, zum Anderen werden die in zahllosen Einzelfällen berichteten Gesundheitsprobleme in den bisher vorliegenden Untersuchungen bestätigt. In Zusammenschau aller verfügbaren Informationen steht für mich schon jetzt zweifelsfrei fest, dass gewisse im Alltag regelmäßig auftretende Mobilfunkexpositionen zu verschiedensten gesundheitlichen Störungen und Schäden führen können.

Zur Frage des Zusammenhangs zwischen Mobilfunkexpositionen und verschiedenen Symptomen liegen vier epidemiologische Untersuchungen aus Frankreich [1], Österreich [2] und Spanien [3, 4] vor. Diese Arbeiten zeigen übereinstimmend eine signifikante Beziehung zwischen selbstberichteten Beschwerden wie etwa häufigere Müdigkeit,
Schwindelgefühl, Depressionen, Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme und Schlafstörungen unter Alltagsbedingungen und der Intensität der hochfrequenten Strahlung von Mobilfunksendeanlagen. Die methodischen Zugänge waren jeweils verschieden, die Ergebnisse ergänzen sich jedoch gut und geben ein plausibles und stimmiges Expositions-Wirkungs-Bild bei GSM-Expositionen im Schlafbereich von 10 bis 100 μW/m2; und höher. Weitere Untersuchungen sind dringend nötig, um die Frage nach den Expositions- und Wirkungsbeiträgen unterschiedlicher Quellen hochfrequenter Strahlungen sowie elektrischer und magnetischer Wechselfelder besser zu quantifizieren.

Diese bei Anwohnern von Mobilfunkbasisstationen regelmäßig auftretende Symptomatik gleicht dem von Schliephake 1932 [5] mitgeteilten Beschwerdebild mit Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen, Depressionen, das bei anfälligen Personen aufgetreten war, die sich längere Zeit in der Nähe eins schlecht abgeschirmten Senders aufgehalten hatten. Ähnliche Erscheinungen sind auch bei der Diathermie als Kurzwellenkater bekannt geworden.

Die Befunde bei Mobilfunksendern werden durch Untersuchungen von Altpeter [6] beim Schweizer Kurzwellensender Schwarzenburg, die Zusammenhänge zwischen der gemessenen Feldstärke und Schlafstörungen zeigten, gestützt. Zusammenhänge wurden auch zwischen einer mit 24,4 Hz gepulsten Frühwarnradaranlage (154-162 MHz) in Litauen und verlangsamter Reaktionsgeschwindigkeit, verringerter Gedächtniskapazität und Aufmerksamkeit bei 9-18 jährigen Kindern und Jugendlichen beobachtet [7].

Im Hinblick auf Zusammenhänge zwischen hochfrequenter Strahlung und einem erhöhtem Krebsrisiko gibt es mehrere epidemiologische Untersuchungen im Umwelt- und Arbeitsbereich, die im Generellen ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen bzw. Krebssterblichkeit zeigen [8]. In Zusammenschau mit dem Nachweis einer gentoxischen Wirkung bei verschiedenen Zellen [9] sowie der Evidenz aus Tierversuchen [10, 11, 12] ist selbst bei der methodischen Limitierung, die sich vor allen aus der nicht optimalen Expositionserhebung der einzelnen Epidemiologischen Studien ergibt (ökologisches Studiendesign, Job-Exposure-Matrix), ein erhöhtes Krebsrisiko als plausibel anzusehen. Aktuell wurde 2004 durch Lönn [13] die von Hardell bereits 2002/2003 [14, 15] gefundene Risikoerhöhung für Hörnervtumoren bei langjähriger Mobiltelefonnutzung bestätigt.

Zu Frage eines Zusammenhangs zwischen dem Einfluss von Mobilfunkbasisstationen und Krebs liegt aktuell die Studie aus Naila vor, die im Nahbereich einer GSM-Mobilfunkanlage (0-400 m) gegenüber dem Fernbereich (>400 m) nach 5 Jahren Exposition eine signifikante Zunahme der Malignominzidenz um das dreifache, sowie ein um 8,5 Jahre jüngeres Erkrankungsalter zeigt. Auffällig war insbesondere das Mammakarzinom, das als mögliches Markerkarzinom für elektromagnetische Wellen angesprochen wird [16].

Die Grenzwerte sind auf ein Niveau abzusenken, das unerwünschte Gesundheitseffekte vermeidet. Es geht nicht um den Nachweis, sondern um den Grad an Evidenz aus wissenschaftlichen und empirischen Erkenntnissen und das jeweils adäquate Handeln der verantwortlichen Menschen – sprich der Entscheidungsträger in Wissenschaft, Verwaltung und Politik und der Gesellschaft als Einheit. Zum Handeln braucht es Evidenz. Wie schon eingangs erwähnt kommt guter epidemiologischer Forschung hier eine Hauptaufgabe zu.

Kern guter epidemiologischer Forschung ist die optimale Methodik und Durchführung. Insbesondere sollte dabei beachtet werden: Je besser die individuelle Exposition an den Hauptaufenthaltsorten (Schlaf- und Arbeitsplatz) erfasst wird, um so geringer ist die Expositionsfehlklassifikation, die im Extremfall dazu führt, dass Effekte nicht entdeckt werden können, obwohl sie vorhanden sind. Wenn mehrere Faktoren zu einem erhöhten Risiko beitragen, sollten möglichst alle starken Faktoren erhoben und multivariat ausgewertet werden. Die Auswertung sollte zum Ziel haben, Expositions-Wirkungs-Beziehungen darzustellen und nicht mit Cut-Off Werten zu arbeiten, wie bei einigen Magnetfeldstudien zu kindlichen Leukämien. Die Durchführung und Förderung umweltepidemiologischer Forschung muss als zentrale öffentliche Aufgabe mit hoher Transparenz verstanden werden. Je eher wir damit beginnen, um so mehr wird die Gesellschaft und jeder Einzelne durch ein Mehr an Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit profitieren.

Artikel veröffentlicht:
29.01.2005
Autor:
Dr. Gerd Oberfeld
Quelle:
Veröffentlicht auf diagnose:funk mit freundlicher Genehmigung des Autoren.

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