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Brustkrebs - Ein Dorf sprengt die Statistik

TV-Bericht: Sendemast in Verdacht
Statistisch gesehen erkrankt jede zehnte Frau an Brustkrebs. In einer thüringischen Siedlung aber wird dieser Wert mehrfach überschritten. Im Verdacht steht ein Sendemast.

Brustkrebs - Ein Dorf in Thüringen sprengt die Statistik
Manuskript des Beitrages von Andrea Besser, Anja Riediger

Steinbach-Hallenberg im Thüringer Wald. Für die Nachbarinnen aus der Arzbergstraße gibt es nur ein Gesprächsthema: die Angst vor dem Krebs. Operationen und Chemotherapien - viele hier haben das durchstehen müssen.

O-Ton: Helga Pfannschmidt, Krebspatientin
"Auf 500 Metern sind es 9 Frauen, die nur Brustkrebs haben. Von unten angefangen. In einem Haus ist es die Mutter, die Tochter. Also es ist sagenhaft, was hier los ist. Ich denk mir mal, dass der Turm da groß mitspielt. Das das begünstigt wird."

Der Turm - das ist der Sendemast der Mobilfunkstation hinter ihren Häusern. 1994 wurde er gebaut. Seit Ende der 90er Jahre häufen sich die Krebsfälle in der Nachbarschaft - insgesamt 17 innerhalb von 4 Jahren, die allermeisten davon: Brustkrebs. Auf der Suche nach einer möglichen Ursache stach nur der Mobilfunkmast ins Auge. Die Anwohnerinnen befragten die Nachbarn, untersuchten die Fälle und stellten fest, sie liegen alle in der Hauptstrahlungsrichtung des Sendemastes.

O-Ton: Frauen
"Hier haben wir die Strahlungsrichtung.
Und da haben wir die ganzen Fälle die Straße lang. Hier sind 2 und da sind 3, hier und hier."

Messungen haben ergeben, dass die Strahlung weit unter den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerten liegt. Aber das reichte der Gemeindeverwaltung als Beruhigung nicht aus. In offenen Briefen an zahlreiche Ministerien forderten die Stadträte bis zur Klärung des Gesundheitsrisikos einen Ausbaustopp für den Mobilfunk - erfolglos.


O-Ton: Silke Schubert, Hauptamtsleiterin Steinbach-Hallenberg
"Es ist eigentlich keine befriedigende Lösung. Aber wir können nicht beeinflussen, dass eine Antenne nicht an diesen Standort kommt. Da sind uns die Hände gebunden vom Gesetzgeber."

Mittlerweile klagen zahlreiche Anwohner über Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme. Aber das schlimmste bleibt die Angst vor dem Krebs.

Wir fahren nach Berlin zum zuständigen Krebsregister. Hier werden Fälle gezählt und ausgewertet. Steinbach-Hallenberg als gesamter Ort ist bisher nicht aufgefallen. Wir legen die Zahlen für die Arzbergstraße vor. Roland Stabenow errechnet ein um das Achtfache erhöhte Brustkrebsrisiko - erschreckend. Auch wenn die Zählung natürlich nicht wissenschaftlich abgesichert ist.

O-Ton: Roland Stabenow, Krebsregister
"Ich muss sagen ich war sehr überrascht, geschockt muss ich sagen. 10 Fälle bei 1,25 erwarteten, das wird jeder Statistiker nachempfinden können. Das ist ein sehr, sehr seltenes Ereignis, diese enorme Anzahl an Brustkrebsfällen dann zu beobachten."

Kann der Mobilfunk die Krebsfälle in Steinbach-Hallenberg zumindest begünstigt haben? Können Elektromagnetische Felder die Gesundheit überhaupt beeinträchtigen? Seit Jahren werden diese Fragen kontrovers diskutiert. Am Münchner Flughafen treffen wir Uwe Kullnick. Für den Vertreter der Mobilfunkindustrie ist die Sache ganz klar.


O-Ton: Uwe Kullnik, Bundesverband für Telekommunikation
"Ganz einfach. Es besteht keine Gefahr durch Mobilfunkfelder. Wir stützen uns auf die Ergebnisse langjähriger wissenschaftlicher Forschung. Und es lässt sich daraus keine Gefährdung der Menschen oder der Tiere oder der Natur ableiten."

Viele Wissenschaftler, die sich mit den möglichen Auswirkungen elektromagnetischer Felder befassen, sehen das nicht so eindeutig. Wir fahren nach Hannover zum ECOLOG-Institut. Die Physiker hier arbeiten im Auftrag von Landes- und Bundesbehörden sowie Mobilfunkbetreibern. Sie messen unter anderem die so genannte Exposition von Basisstationen und werten weltweit wissenschaftliche Studien aus.

O-Ton: Peter Neitzke, ECOLOG-Institut
"Wir haben eine ganze Reihe Experimente sowohl an Menschen als auch an Tieren und an Zellkulturen, die zeigen, dass diese Strahlung auch bei sehr niedrigen Intensitäten also niedriger als die gesetzlichen Grenzwerte zulassen, zu biologischen Effekten führt, die sich auch auf die Gesundheit auswirken können. Aber es gibt zwischendurch auch Experimente, wo nichts gefunden wird. Teilweise widersprüchliche Ergebnisse aber teilweise eben auch Ergebnisse, die so ernst zu nehmen sind, dass wir nicht sagen können: Mobilfunk ist harmlos, wenn die gesetzlichen Grenzwerte eingehalten werden."

Welche biologischen Wirkungen der Strahlung, die von Mobilfunkmasten ausgeht, wurden bislang registriert? Im Laborversuch gibt es schwache Hinweise auf eine verstärkte Zellvermehrung und stärkere Hinweise auf erhöhte Zellstressreaktionen, die zu gesundheitlichen Schäden führen könnten. Das Zentrale Nervensystem wird durch die Mastenstrahlung beeinflusst.
Dass sie die Entstehung von Krebs befördern könnte, wurde aber bei niedrigen Strahlungsintensitäten bisher nicht gezeigt.

Trotzdem will Roland Stabenow vom Krebsregister in Berlin den Fall der Arzbergstraße weiterverfolgen. Schließlich steht die Horrorzahl eines Achtfachen Krebsrisikos im Raum. In einem ersten Schritt sollen die Ärzte vor Ort befragt werden, um wissenschaftlich verwertbares Material zu bekommen. Danach wäre auch eine analytische Studie denkbar, die sich auf die Suche nach möglichen Krebsursachen begibt.

O-Ton: Roland Stabenow, Krebsregister
"Ich würde vorschlagen, wir machen eine Reanalyse vor Ort. Machen das in Zusammenarbeit mit dem regionalen Tumorzentrum in Suhl. Gehen in die Region, erheben die Fälle vor Ort neu, schauen welche Fälle wir noch nicht registriert haben, das ist auch möglich, dass wir einige Fälle bei uns noch nicht registriert haben."

Dass die Ängste der Steinbach-Hallenberger von einer Gesundheitsbehörde ernst genommen werden, ist immerhin ein erster Schritt. Auch wenn die Frauen aus der Arzbergstraße hofften, dass sofort nach konkreten Ursachen der Krebsfälle gesucht würde. Nach wie vor haben sie Angst vor der Mobilfunkstrahlung. Handys benutzen sie schon lange nicht mehr. Und auch andere schnurlose Telefone haben sie aus ihren Häusern verbannt.

O-Ton: Helga Pfannschmidt, Krebspatientin
"Das ist eins mit Schnur wieder. Das haben wir neu gekauft was nicht so sehr strahlt. Das andere, was auf Station war, was ein Handy war, ein schnurloses, das haben wir weggetan. Weil die Strahlenbelastung zu hoch war."

Drahtlose Funkverbindungen sind hier generell tabu. Gertraut Holland-Cunz will sich auch gegen die Strahlung vom Mast schützen. Dank einer Schutzfolie an den Fenstern und einer abschirmenden Tapete schläft sie jetzt etwas ruhiger. Aber nur, wenn sie nicht an die Krebsfälle in der Nachbarschaft denken muss.

zuletzt aktualisiert: 24. März 2006 | 17:00

Artikel veröffentlicht:
22.03.2006
Quelle:
MDR 'exakt' vom 21.03.2006 | Andrea Besser, Anja Riediger