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Strahlenschäden: Betreiber setzen auf Tarnung

27-Meter-Mobilfunkmast seit 15 Jahren in Betrieb
Die Sunday Times berichtete ganzseitig über die Zunahme von Krebsfällen und Erkrankungen von Kindern um einen Masten in Coleshill und die heftigen Auseinandersetzungen.

Margaret Hines-Randle kämpft gegen den Krebs, doch sie steht nicht allein in ihrem Kampf. Die meisten Menschen in ihrer Straße kämpfen gemeinsam mit ihr seitdem sie selbst auch an dieser Krankheit leiden. Nach der neuesten Zählung leiden 30 ihrer unmittelbaren Nachbarn ebenfalls an der Krankheit bzw. sind bereits an ihr gestorben.

"Wir stehen alle in einer Reihe, das ist recht außergewöhnlich", so die 64-Jährige, bei der vor acht Jahren Brustkrebs diagnostiziert wurde. "Das ist eine sehr dramatische Häufung von Krebsfällen. Die Leute im Haus hinter uns und die Leute im Nebenhaus haben Krebs. Die Leute in den ersten beiden Bungalows in der Straße hatten ebenfalls Krebs und sind daran gestorben. Nun hat auch die Frau, die in einen dieser Bungalows einzog, Brustkrebs."

Die Straße runter, an der St Edward's Roman Catholic Primary School, hat Pat Ward die Taschen mit Papiertaschentüchern voll, doch er hat keine Erkältung. Der stellvertretende Schulleiter braucht sie, um das Nasenbluten seiner Schulkinder zu stillen – die Nasen seiner Schüler bluten so oft, dass er stets einen kleinen Vorrat an Taschentüchern zur Hand haben muss.

Gleich nebenan, an der Woodlands Special School, traten in den letzten paar Jahren bei nicht weniger als sieben Lehrkräften Tumore auf, so auch bei Wards 46 Jahre alten Frau Sally, die hier unterrichtet. Zwei sind daran gestorben. Bei einem Hausmeister ganz in der Nähe wurde im Alter von 37 ein Prostata-Tumor diagnostiziert. Selbst die Schülerlotsin, die den Kindern über die Straße half, starb an Krebs.

Die Ursache dieser ganzen Erkrankungen in Coleshill ist unklar. Doch viele derer, die in dem wohlhabenden Städtchen in Warwickshire leben, glauben, dass die Ursache in großen Teilen in einem Mobilfunkmast zu suchen ist, der die Südhälfte des Ortes bedrohlich überragt. Der 27 Meter hohe Mast überschattet seit annähernd 15 Jahren die beiden Schulen direkt neben ihm.

Noch besorgniserregender ist vielleicht, dass die außergewöhnliche Häufung von Erkrankungen in Coleshill keineswegs einzigartig ist. Häufungen von Krebs- und anderen Krankheitsfällen in der Nähe von Masten wurden auch in anderen Landesteilen festgestellt und die Furcht vor Mobilfunkmasten ist weit verbreitet.

Es ist eine anerkannte Tatsache, dass es eine Verbindung zwischen elektromagnetischer Strahlung, die von Starkstrom-Freileitungen ausgeht, und Leukämie bei Kindern gibt – was gleichfalls über viele Jahre umstritten war. Aktivisten schätzen, dass es in Großbritannien heute laufend ca. tausend Streitigkeiten um Mobilfunkmasten gibt.

Es gibt bereits mehr als 47.000 Mobilfunkmasten, doch die Telefongesellschaften stellen täglich weitere auf und Ängste über deren Sicherheit nehmen rapide zu.

Eileen O'Connor, Anti-Mobilfunkmast-Aktivistin und Mitglied einer von der Gesundheitsschutzbehörde organisierten Diskussionsgruppe über elektromagnetische Felder dazu: "Mit dieser Technologie wird einfach nicht vorsichtig genug umgegangen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir vor einem großen öffentlichen Gesundheitsproblem stehen."

Sind Mobilfunkmasten also sicher? Sind die zulässigen Strahlungspegel in Ordnung und sollten Minister und Regulierungsbehörden mehr unternehmen um die Menschen zu schützen? In der vergangenen Woche gab sich ein Reporter der Sunday Times gegenüber fünf großen Mobiltelefonnetzbetreibern – O2, Orange, 3, T-Mobile und Vodafone –als Hausbesitzer aus und gab vor, sich über die Möglichkeit einer Installation eines Masts auf seinem Haus informieren zu wollen. Alle außer Vodafone ergriffen die Gelegenheit beim Schopf und sagten zu, sie würden jährlich zwischen 1.000 und 2.500 Pfund für das Recht zur Installation eines Masts bezahlen. Sie würden den Mast sogar tarnen, um Ärger mit den Nachbarn zu vermeiden.

Kevin Hull, Netzberater bei O2: "In Stadtzentren zahlen wir höhere Mieten, auf dem Land sind die Mieten geringer, entsprechend dem erwarteten Umsatz. Wir halten uns an ein Best Practice-Regelwerk, das eine Öffentlichkeitsbeteiligung vorsieht, aber wir können auch verschiedene Lösungen zur Tarnung der Masten anwenden. Die Standard-Masten ähneln in ihrem Erscheinungsbild den Masten der Straßenbeleuchtung. Daneben verwenden wir aber auch Masten aus Glasfasermaterial, die Telegrafenmasten nachgebildet sind oder auch solche, die wie Zypressen aussehen und sogar Äste mit Nadeln haben."

Mike Yates, Akquisitionssachbearbeiter beim Mobiltelefonanbieter Orange sagte, sein Unternehmen können ebenfalls behilflich sein. "Wahrscheinlich wird eine Baugenehmigung erforderlich sein, kommt darauf an, worum es sich handelt, und damit würde es dann bei den Nachbarn bekannt. Wir hatten schon Maste auf Häusern, die Regenrohren nachgebildet waren, aber natürlich ist eine solche Tarnung auch ein Kostenfaktor".

Es ist gerade diese Kombination aus finanzieller Belohnung und Tarnung, die es den britischen Telefongesellschaften ermöglichte, in so kurzer Zeit so viele Masten aufzustellen. Dies erklärt auch, warum so viele Gemeinden erst jetzt auf die potentielle Gesundheitsgefahr aufmerksam werden.

Unter Wissenschaftlern besteht kein Zweifel, dass elektromagnetische Strahlung der Art, wie sie von Telefonmasten ausgeht, bei hoher Intensität Krebs verursachen und genetische Schäden hervorrufen können. Die Wissenschaft ist jedoch darüber uneins, welche Pegel als unschädlich zu betrachten sind. Für die Mobilfunkbranche in Großbritannien gelten Emissionsrichtwerte, die von allen Masten sicher eingehalten werden. Einige Wissenschaftler glauben jedoch, dass diese Grenzwerte bei Weitem zu hoch angesetzt wurden. Sie weisen auf andere Städte in Europa hin, insbesondere auf das österreichische Salzburg, wo – auf wissenschaftlichen Rat hin – Strahlungsgrenzwerte eingeführt wurden, die nur einen Bruchteil der in Großbritannien zulässigen Werte betragen.

Sir William Stewart, Vorsitzender der Gesundheitsschutzbehörde, verfasste im Jahr 2000 einen Bericht, in dem er feststellte, dass es keinen schlüssigen Beweis für Auswirkungen auf die Gesundheit Erwachsener gab, ein Standpunkt, den sich auch die Weltgesundheitsorganisation zu eigen machte. Im Jahr 2005 veröffentlichte er jedoch einen weiteren Bericht unter dem Titel "Mobile Phones and Health" (Mobiltelefone und Gesundheit), in dem er feststellte, dass Kinder eher nicht der Strahlung von Mobiltelefonen ausgesetzt werden sollten. Auch stellte er darin fest, dass sichergestellt werden sollte, dass Strahlungskeulen von Masten nicht auf Schulen gerichtet werden.

"Ich kann nicht glauben, dass sie für drei- bis 8-jährige ohne weiteres zu rechtfertigen sind", sagte er. Und zu Telefonen im Allgemeinen fügte er hinzu: "Nur weil es da draußen 50 Millionen davon gibt, heißt das noch nicht, dass sie absolut sicher seien."

Trotz dieser Bedenken kam eine BBC-Studie vor drei Jahren zu dem Ergebnis, dass jede zehnte Schule von einem Telefonmast überragt wird. Nach einer anderen Studie, die in London durchgeführt wurde, steht in der Nähe fast jeder Schule ein Mast.

Im Fall der St. Edwards Primary School, einer der führenden Grundschulen im Land, und der Woodlands Special School sind Kinder und Lehrer Tag für Tag der Strahlung eines verdächtigen Masts ausgesetzt, der sich nur 40 m entfernt befindet.

Ausgelöst von Berichten über Krebsfälle, begannen sich die Eltern von Schülern der St. Edwards Primary School gemeinsam mit den Schulbehörden und einer Gruppe von Anwohnern vor zwei Jahren für einen Abriss des Masts einzusetzen. Sie organisierten Umfragen zu gesundheitlichen Problemen von Schülern, Lehrern und Anwohnern.

"Wir mussten eine Menge Klinken putzen und mit Leuten vor den Schultoren reden, aber was wir herausgefunden haben, war schockierend", so Jacqui Slater, eine der Organisatorinnen. Die Ergebnisse waren in der Tat alarmierend. Neben der Unmenge von Krebserkrankungen litt mehr as die Hälfte der an der St. Edwards Primary School befragten Kinder an Kopfschmerzen und mehr als ein Viertel berichtete über regelmäßiges Nasenbluten und Übelkeit. Fast alle der befragten Mitarbeiter beider Schulen fühlten sich erschöpft und hatten Schlafstörungen, fast die Hälfte litt unter Schwächeanfällen und Ohrensausen.

Eine Umfrage unter 1.300 Anwohnern förderte eine weitere Überraschung zu Tage. In einer einzigen Straße, Castle Drive, und einem Teil der angrenzenden Straßen wurden 31 Fälle von Krebs festgestellt, insgesamt war damit fast jede zweite Person im unmittelbaren Umfeld betroffen. "Als ich die Ergebnisse vor mir sah, wurde mir selbst richtig schlecht", so Pat Jones, ein weiterer Anwohner und Aktivist. "Im Mobilfunkgeschäft geht es um viel Geld und doch scheinen die Betreiber gar nicht wissen zu wollen, was mit den Menschen passiert."

Die rohen Daten wurden an Dr. John Walker, seines Zeichens Physiker und Mitglied des Electromagnetic-Radiation Research Trust, weitergegeben, der mehrere ähnliche Fälle von Häufungen von Krebserkrankungen in der Nähe von Mobilfunkmasten an anderen Orten im Vereinigten Königreich untersucht hat.

"Die Maste senden normalerweise Mikrowellen in drei Richtungen aus, und dort, wo die Strahlen auf den Boden treffen, trifft man meistens eine Häufung von Krebsfällen oder anderen Krankheiten an", so Dr. Walker.

"Coleshill hat die größte Einzelhäufung von Krebsfällen, die mir bisher untergekommen ist, und dies kann vielleicht damit erklärt werden, dass am Castle Drive die Strahlung von zwei Masten zusammenkommt – einer an der Schule, der andere auf der anderen Seite des Orts gelegen. Bei Anwohnern und Lehrern treten mit höherer Wahrscheinlichkeit Gesundheitsprobleme auf, da sie über eine größere Anzahl Jahre der Strahlung ausgesetzt sind, als die Schüler, die letztendlich von der Schule abgehen."
Schule abgehen."

Eine ganze Zeit lang waren die Gemüter in der Gemeinde sehr erhitzt – Elternproteste wurden organisiert, mit eintägigen "Streiks", in denen die Eltern ihre Kinder nicht in die Schule ließen. Zwölf Monate lang wurde die Kampagne immer schärfer. O2 erhielt Briefe, in denen angedroht wurde, man werde das Unternehmen verklagen, wenn sich die medizinischen Beweise in Zukunft verdichten würden, und auch die Diözese schickte Protestbriefe.

Dann wurde Mike O'Brien, Parlamentsabgeordneter für den Wahlkreis, von den Aktivisten um Hilfe gebeten. Er wandte sich an die Mobilfunkbetreiber, verzichtete aber bewusst darauf, die gesundheitlichen Bedenken der Anwohner als Argument anzuführen.

"Ich sagte O2, dass ich die Sache nicht auf medizinischer Ebene behandeln wolle, da sie ohnehin bestreiten, dass dies ein Problem sei. Ich argumentierte vielmehr mit der Tatsache, dass die Schule das Land, auf dem der Mast steht, haben wolle und dass dies ein alter, hässlicher Mast sei, der schon längst ersetzt gehöre", so O'Brien.

Sein Vorgehen, gestützt durch die scharfen Proteste der Aktivisten und ihre außerordentlichen Untersuchungen, führte jetzt dazu, dass sich O2 bereit erklärte, den Mast abreißen zu lassen. Alternativstandorte weit weg von den beiden Schulen wurden gefunden.

Es ist jedoch absehbar, dass die Konflikte um bestehende und geplante Masten mit der Einführung der dritten Generation der Mobilfunktechnologie zunehmen werden, die einen Internetzugang über Mobiltelefone ermöglicht und weitere Antennen im ganzen Land erforderlich macht.

Mancher jedoch ist der Ansicht, dass für beide Seiten zufrieden stellende Vereinbarungen zwischen Mobiltelefonunternehmen und verärgerten Anwohner erreicht werden könne, wenn man dem Vorbild von Coleshill folgt. O'Brien hierzu: "Dies hier ist vielleicht ein Präzedenzfall. Ein großer Teil des Problems rührt daher, dass Anwohner das Gefühl haben, dass ihnen etwas angetan wird wovon sie keine Ahnung haben und bei dem sie nichts zu sagen haben".

Für Hines-Randle und ihre Nachbarn, die bereits an Tumoren leiden, geht der Kampf jedoch weiter. "Ich weiß nicht, ob mein Krebs von den Masten verursacht wurde" sagte sie in der letzten Woche, "aber die Sache ist es wert, dass sich jemand damit mal genauer beschäftigt."

Artikel veröffentlicht:
25.07.2007
Autor:
Daniel Foggo und Maurice Chittenden | Übersetzung: Bürgerinitiative Mobilfunk Stuttgart-West
Quelle:
The Sunday Times, 22.04.2007