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"Elekrohypersensible sind wirklich kranke Leute!"

Interview mit ehem. Umweltreferenten der ÖÄK
Interview mit Dieter Schmidt, vormaliger Umweltreferent der Ärztekammer, über Elektrosensibilität und Probleme Betroffener. Aus vom 8. SEPTEMBER 2014. Veröffentlicht durch Diagnose-Funk mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von 'Kleine Zeitung'.

Herr Doktor, wie viele elektrosensible Menschen gibt es in Österreich?

DIETER SCHMIDT: Das lässt sich in Ermangelung von Statistiken nicht beziffern. In Deutschland spricht man von einem Anteil von elf bis 18 Prozent Elektrosensiblen in der Bevölkerung, von denen wiederum zehn bis 15 Prozent sogar hochsensibel sind. In Österreich dürfte es nicht viel anders sein.

Warum hat es dieses Thema so schwer, in das öffentliche Bewusstsein zu dringen?

SCHMIDT: Weil es zwar ganz klare Hinweise auf dieses Krankheitsbild gibt, aber keinen wissenschaftlichen Beweis. Der Nachweis funktioniert vereinfacht gesagt so:

Ich schalte eine Strahlungsquelle aus und dem Elektrosensiblen geht es besser.

Wie häufig sind Sie in Ihrer Praxis als Allgemeinmediziner mit Elektrosensibilität konfrontiert?

SCHMIDT: Aufgrund meiner einschlägigen Vorträge wenden sich mehr Menschen an mich als an andere Kollegen. Ich kenne spektakuläre Einzelschicksale, fünf von ihnen habe ich bei einem Kongress vorgetragen. Mit dem Effekt, dass mir Kollegen von ähnlichen Erfahrungen berichtet haben.

Kann man aufgrund dieser Erfahrungen davon ausgehen, dass viele Menschen zwar Beschwerden haben, aber gar nicht ahnen, dass sie elektrosensibel sind?

SCHMIDT: Meine Beobachtung geht in diese Richtung. Wenn ich zum Beispiel an das häufige Krankheitsbild leichte Depression denke, behaupte ich, dass die Psychiater einen Gutteil der Patienten als gesund entlassen könnten, würden sie Schlafplatzmessungen durchführen.

Was müsste man angesichts dessen vom Gesundheitsministerium erwarten?

SCHMIDT: Wir brauchen Forschung, Studien. Und hohe Priorität hätte es, die Grenzwerte zu überdenken.

Das wird alles viel Zeit benötigen. Aber wie kann man akut auf das Problem reagieren?

SCHMIDT: Indem man Elektrosmog so gering wie möglich hält. Und da soll man bei den Kindern anfangen. Das heißt: WLAN in den Schulen abschalten, erst gar kein WLAN im Kindergarten.

Ein heikles Thema ist der Umgang mit Elektrosensibilität und vor allem Betroffenen in der Gesellschaft.

SCHMIDT: Die Dunkelziffer ist auch deswegen so hoch, weil viele sich nicht trauen, sich mit ihren Problemen zu outen. Wir müssen diese Schicksale ernst nehmen. Das sind keine Spinner. Das sind wirklich kranke Leute!

Artikel veröffentlicht:
14.10.2014
Autor:
Veröffentlicht durch Diagnose-Funk mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.
Quelle:
Kleine Zeitung, Österreich, 08.09.2014