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diagnose:funk enthüllt: Strahlenschutzpolitik von industrienaher, unwissenschaftlicher Lobbyorganisation ICNIRP dominiert

Pressemitteilung von diagnose:funk, 29.4.2021
Forscher kritisieren: ‚Internationale Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung‘ (ICNIRP) ist verlängerter Arm der Mobilfunkindustrie und ‚closed club‘ ohne demokratische Legitimation

Stuttgart, 29.4.2021: Die Umwelt- und Verbraucherorganisation diagnose:funk enthüllt heute, wie die Strahlenschutzpolitik in Deutschland von der industrienahen und unwissenschaftlich argumentierenden Lobbyorganisation ICNIRP dominiert wird.

Die englische Abkürzung ICNIRP steht für ‚Internationale Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung‘. Die Organisation besteht ausschließlich aus von ihr selbst ernannten Mitgliedern, die vielfach große Nähe zur Mobilfunkindustrie haben. Mobilfunkkritische Wissenschaftler wurden bislang nie in die ICNIRP aufgenommen. Die ICNIRP hat ihren Sitz mietfrei in einem Gebäude des Bundesamtes für Strahlenschutz in Oberschleißheim, ihre wissenschaftliche Sekretariatsstelle ist in Personalunion besetzt mit einer Führungskraft des Bundesamtes für Strahlenschutz.

„Die Fakten sind jetzt klar: Die ICNIRP, auf deren Vorgaben unsere Mobilfunkgrenzwerte basieren, ist der verlängerte Arm der Mobilfunkindustrie und zudem noch ein ‚closed club‘ ohne demokratische Legitimation“, sagt Jörn Gutbier, Vorsitzender von diagnose:funk. „Das zeigen die Analysen mehrerer international anerkannter Wissenschaftler und zweier Europaabgeordneter. Deren Ergebnisse sprechen eine klare Sprache: Die ICNIRP liefert die verharmlosenden Botschaften zur Vermarktung von 5G, Smartphones und WLAN-Router, indem Studien, die Gesundheitsrisiken nachweisen, entweder nicht in die Bewertung aufgenommen, die Ergebnisse pauschal angezweifelt oder verzerrt dargestellt werden. So lässt sich die deutsche Strahlenschutzpolitik von der ICNIRP am Gängelband führen und übernimmt deren industriefreundliche Argumentation. Damit muss Schluss sein! Das Bundesamt für Strahlenschutz muss die Zusammenarbeit mit der ICNIRP beenden.“

diagnose:funk bezieht sich auf vier neue ausführliche Analysen zur ICNIRP (s.u.) durch international anerkannte Wissenschaftler und EU-Politiker sowie auf Erkenntnisse des Recherchenetzwerks ‚Investigate Europe‘.
Übersicht: https://www.diagnose-funk.org/1702

Analyse 1
Prof. Tom Butler, Wirtschaftssoziologen und Ingenieur am University College Cork enthüllt den Einfluss der Industrie auf die weltweite Strahlenschutzpolitik.

Prof. Butler analysiert die Geschichte der ICNIRP als Ausgeburt und verlängerten Arm der Industrie, als „schlecht getarnte Organisation“, deren Hauptaufgabe darin besteht, „wissenschaftliche Erkenntnisse zielführend zu verwerfen.“ Butler dokumentiert, wie in den frühen 1990er-Jahren Gesundheits- und Sicherheitsschutzrichtlinien erlassen wurden. Diese Richtlinien basierten jedoch nur auf thermischen Gesundheitsrisiken. Forschungsergebnisse, die gesundheitsschädliche Auswirkungen von nicht-thermischen Expositionen aufzeigten, wurden ignoriert. Bis zum Jahr 2020 hat sich der Forschungsstand zu Gesundheitsgefahren erheblich erweitert. Dennoch bleiben die Richtlinien aus den 1990er-Jahren unverändert. Butler weist den institutionellen und organisatorischen Akteuren unethisches Verhalten nach, das ein erhebliches Risiko für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Erwachsenen und Kindern zur Folge hat.
https://www.diagnose-funk.org/1683

Analyse 2
Prof. Dariusz Leszczynski, ehemaliger Leiter der finnischen Strahlenschutzbehörde und Mitglied vieler internationaler Kommissionen: „ICNIRP gibt Sicherheitsrichtlinien zu 5G-Mobilfunk heraus, die für die Telekommunikationsindustrie überlebenswichtig sind.“

In einem Blog-Beitrag nimmt Leszczynski Stellung zu den Grenzwertfestlegungen und Aussagen der ICNIRP zur Sicherheit von 5G. Der Kern seiner Kritik: „ICNIRP gibt Sicherheitsrichtlinien heraus, die für die Telekommunikationsindustrie überlebenswichtig sind. Jeder der behauptet, dass es keinen Einfluss von und keine Interaktion zwischen beiden gibt, darf getrost als naiv bezeichnet werden ... Es gibt keine ausreichende Forschung zu 5G-Millimeterwellen, um zu behaupten, dass die ICNIRP-Sicherheitsrichtlinien wissenschaftlich fundiert sind und die Sicherheit aller Nutzer bei jahrzehntelanger Exposition gewährleisten.“
https://www.diagnose-funk.org/1686

Analyse 3
Lennart Hardell und Michael Carlberg von der schwedischen ‚Environment and Cancer Research Foundation‘: „Gesundheitsrisiken durch hochfrequente Strahlung, einschließlich 5G, sollten von Experten ohne Interessenkonflikte bewertet werden“

In einem Artikel in den Oncology Letters 20:15, 2020, von Lennart Hardell und Michael Carlberg, wird die Rolle der ICNIRP in der Schweizer und internationalen Strahlenschutzpolitik analysiert. Hardell / Carlberg decken dabei die Interessenkonflikte der ICNIRP-Mitglieder auf. Die Gründe, warum hunderte Wissenschaftler ein Moratorium für den Einsatz der 5G-Strahlung forderten, bis eine ordnungsgemäße wissenschaftliche Bewertung der möglichen negativen Folgen durchgeführt worden ist, werden im Bericht einer Expertengruppe der Schweizer Regierung und in einer Veröffentlichung der ICNIRP ignoriert. Dies führen Hardell / Carlberg auf ein Kartell von Einzelpersonen zurück, die die Bewertungsausschüsse monopolisieren und so das Null-Risiko-Paradigma stärken. Hardell / Carlberg: „Wir glauben, dass diese Tätigkeit als wissenschaftliches Fehlverhalten einzustufen ist“. Und weiter: „Die Arbeitsergebnisse der ICNIRP sollten bestenfalls ignoriert, aber keinesfalls für internationale Grenzwert-Festlegungen herangezogen werden.“
https://www.diagnose-funk.org/1697

Analyse 4
Report der EU-Abgeordneten Michèle Rivasi (Europe Écologie) und Klaus Buchner (Ökologisch-Demokratische Partei) über die ICNIRP: „Die ICNIRP: Interessenkonflikte, „Corporate Capture“ und der Vorstoß zum Ausbau des 5G-Netzes“

Dieser Bericht wurde von den beiden EU-Abgeordneten in Auftrag gegeben, koordiniert und veröffentlicht und von der Fraktion ‚Grüne/EFA‘ im Europäischen Parlament finanziert. Zum Ergebnis schreiben die Autoren: „Die Ergebnisse dieser Untersuchung lösen in uns ein unbehagliches Déjà-vu-Gefühl aus: Viele Tatsachen und Prozesse, die zu der gegenwärtigen Situation führen, wobei die Europäischen Behörden – angefangen von der Europäischen Kommission bis hin zu den meisten Mitgliedsstaaten – einfach ihre Augen vor den realen wissenschaftlichen Fakten und Frühwarnsignalen verschließen. Genau dasselbe Szenario haben wir bereits in den Debatten über Tabak, Asbest, Klimawandel und Pestizide erlebt ... Die ICNIRP gibt vor, dass es sich bei ihren Mitgliedern um unabhängige Wissenschaftler handelt, die frei von den eigennützigen Interessen der Telekommunikationsindustrie agieren. Mit diesem Bericht zeigen wir, dass die ICNIPR diesbezüglich mit der Wahrheit spielt oder diese Aussage schlichtweg gelogen ist. ... Die ICNIRP ist ein selbstverliebter Wissenschaftsclub, dem es an biologisch-medizinischem Sachverstand ebenso mangelt wie an wissenschaftlicher Kompetenz bei spezifischen Risikobewertungen.“
https://www.diagnose-funk.org/1701
https://klaus-buchner.eu/die-internationale-kommission-zum-schutz-vor-nichtionisierender-strahlung-interessenkonflikte-corporate-capture-und-der-vorstoss-zum-ausbau-des-5g-netzes/

Bereits im Januar 2019 hatte das Recherchenetzwerk ‚Investigate Europe‘ im Tagesspiegel seine ausführlichen Recherchen zum ICNIRP-Kartell veröffentlicht.
https://www.diagnose-funk.org/1335

Artikel veröffentlicht:
29.04.2021
Autor:
Matthias von Herrmann