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Dokumentation: Das Lobbysystem ICNIRP und Bundesamt für Strahlenschutz - 4 Analysen

National und international wird die Strahlenschutzpolitik zur Mobilfunkstrahlung dominiert von den Grenzwert-Richtlinien und Forschungsinterpretationen der ICNIRP (International Commission on Non​-Ionizing Radiation Protection), die ihren Sitz im deutschen Bundesamt für Strahlenschutz hat. Bedeutende Wissenschaftler aus der Medizin, Soziologie, Epidemiologie und Politiker kritisieren in neuen Analysen die ICNIRP als Lobbyorganisation der Industrie.

Über die ICNIRP sind nun fundierte Analysen erschienen. Sie kommen zum gleichen Schluss:

  • Die ICNIRP ist ein „Closed-Club“ ohne demokratische Legitimation und Struktu­ren, der nur Mitglieder mit industriekompatibler Meinung aufnimmt.
  • Die ICNIRP vertritt nicht die Meinung der Mehrheit der wissenschaftlichen Gemeinschaft.
  • Die ICNIRP hat ein selbstreferentielles System geschaffen, das darin besteht, dass in nationalen Schutz- und Beurteilungsgremien weltweit, in großen europäischen Staaten, der Europäischen Union und der WHO ICNIRP-Mitglieder sitzen, die sich auf ihre eigenen Gutachten berufen.

Die ICNIRP liefert der Industrie die Argumente zur Vermarktung der Mobilfunktechnik, indem Studien, die Gesundheitsrisiken nachweisen, entweder nicht in die Bewertung aufgenommen, die Ergebnisse angezweifelt oder verzerrt dargestellt werden.

Analyse I

Butler-Recherchen enthüllen den Einfluss der Industrie auf die weltweite Strahlenschutzpolitik

Prof. Tom Butler (Irland) analysiert die Geschichte der ICNIRP als Ausgeburt und verlängerter Arm der Industrie, deren Hauptaufgabe darin besteht, „...wissenschaftliche Erkenntnisse zielführend zu verwerfen." Butler dokumentiert, wie in den 1950er-Jahren im militärisch-industriellen Komplex bereits die Risiken bekannt waren, aber für zivile Anwendungen erst in den frühen 1990er-Jahren Gesundheits- und Sicherheitsschutzrichtlinien erlassen wurden. Leider basierten diese Richtlinien nur auf den thermischen Risiken, Forschungsergebnisse, die schädliche gesundheitliche Auswirkungen von nicht-thermischen Expositionen aufzeigten, wurden ignoriert. Bis zum Jahr 2020 habe sich dieser Forschungsstand erheblich erweitert. Dennoch bleiben die Richtlinien aus den 1990er-Jahren unverändert. Butler weist den institutionellen und organisatorischen Akteuren unethisches Verhalten nach, das ein erhebliches Risiko für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Erwachsenen und Kindern zur Folge habe.

Analyse II

Prof. Dariusz Leszczynski: ICNIRP gibt Sicherheitsrichtlinien zu 5G heraus, die für die Telekommunikationsindustrie überlebenswichtig sind.

Prof. Dariusz Leszczynski, ehemaliger Leiter der finnischen Strahlenschutzbehörde und Mitglied vieler internationaler Kommissionen, nimmt Stellung zu den Grenzwertfestlegungen und Aussagen der ICNIRP zur Sicherheit von 5G. Der Kern seiner Kritik:

  • "ICNIRP gibt Sicherheitsrichtlinien heraus, die für die Telekommunikationsindustrie überlebenswichtig sind. Jeder der behauptet, dass es keinen Einfluss von und keine Interaktion zwischen beiden gibt, darf getrost als naiv bezeichnet werden ... Es gibt keine ausreichende Forschung zu 5G-Millimeterwellen, um zu behaupten, dass die ICNIRP-Sicherheitsrichtlinien wissenschaftlich fundiert sind und die Sicherheit aller Nutzer bei jahrzehntelanger Exposition gewährleisten."

Analyse III

Brennpunkt zur Hardell / Carlberg-Analyse: Grenzwerte, die von der Lobbyorgani­sation ICNIRP mit Sitz im Bundesamt für Strahlenschutz empfohlen werden, schützen nicht.

In diesem Brennpunkt veröffentlichen wir den Artikel in den Oncology Letters 20:15, 2020, von Lennart Hardell und Michael Carlberg „Gesundheitsrisiken durch hochfrequente Strahlung, einschließlich 5G, sollten von Experten ohne Interessenkonflikte bewertet werden“, der die Rolle der ICNIRP (International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection) in der Schweizer und interna­tionalen Strahlenschutzpolitik analysiert. Hardell / Carlberg decken die Interessenkonflikte der ICNIRP-Mitglieder auf. Die Gründe, warum hunderte Wissenschaftler ein Moratorium für den Einsatz der 5G-Strahlung forderten, bis eine ordnungsgemäße wissenschaftliche Bewertung der möglichen negativen Folgen durchgeführt worden ist, würden im Bericht einer Expertengruppe der Schweizer Regierung und in einer Veröffentlichung der Internationalen Kommission zum Schutz vor nicht-ionisierender Strahlung (ICNIRP) ignoriert. Dies führen Hardell / Carlberg auf ein Kartell von Einzelpersonen zurück, die die Bewertungsausschüsse monopolisieren und so das Null-Risiko-Paradigma stärken: "Wir glauben, dass diese Tätigkeit als wissenschaftliches Fehlverhalten einzustufen ist".

Aktualisierung Juli 2021. Neue Analyse der Arbeitsgruppe um Hardell: Lennart Hardell, Mona Nilsson,Tarmo Koppel, Michael Carlberg (2021): Aspects on the International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection (ICNIRP) 2020 Guidelines on Radiofrequency Radiation
Journal of Cancer Science and Clinical Therapeutics; J Cancer Sci Clin Ther 2021; 5 (2): 250-285 DOI: 10.26502/jcsct.5079117
 

Analyse IV

Der Buchner/Rivasi-Report über die ICNIRP

Der Report "Die Internationale Kommission zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung: Interessenkonflikte, „Corporate Capture“ und der Vorstoß zum Ausbau des 5G-Netzes" erschien zuerst im Juni 2020 in englischer, französischer und deutscher Sprache in Brüssel. Dieser Bericht wurde von zwei EU-Abgeordneten – Michèle Rivasi (Europe Écologie) und Klaus Buchner (ÖDP, Ökologisch-Demokratische Partei) – in Auftrag gegeben, koordiniert und veröffentlicht und von der Fraktion Grüne/EFA im Europäischen Parlament finanziert. Zum Ergebnis schreiben die Autoren:

  • "Die Ergebnisse dieser Untersuchung  lösen in uns ein unbehagliches Déjà-vu-Gefühl aus: Viele Tatsachen und Prozesse, die zu der gegenwärtigen Situation führen, wobei die Europäischen Behörden - angefangen von der Europäischen Kommission bis hin zu den meisten Mitgliedsstaaten - einfach ihre Augen vor den realen wissenschaftlichen Fakten und Frühwarnsignalen verschließen. Genau dasselbe Szenario haben wir bereits in den Debatten über Tabak, Asbest, Klimawandel und Pestizide erlebt ... Die ICNIRP gibt vor, dass es sich bei ihren Mitgliedern um unabhängige Wissenschaftler handelt, die frei von den eigennützigen Interessen der Telekommunikationsindustrie agieren. Mit diesem Bericht wollen wir zeigen, dass die ICNIPR diesbezüglich mit der Wahrheit spielt oder diese Aussage schlichtweg gelogen ist."
Das ICNIRP-Kartell. Grafik: Berliner Tagesspiegel

Weitere Analysen zu ICNIRP

Tagespiegel recherchiert zu ICNIRP / 5G / Mobilfunkstudienlage

Das Journalistenteam Investigate Europe legt im Tagesspiegel am 13.01.2019 unter dem Titel "Strahlendes Versprechen" eine zweiseitige Recherche zur Mobilfunk-Studienlage, zur Rolle der ICNIRP und zum 5G-Ausbau vor.

Prof. J. W. Frank, renommierter kanadisch-englischer Epidemiologe, fordert 5G-Moratorium

Der Epidemiologe Prof. John William Frank, der am Usher Institute der Universität von Edinburgh lehrt, publizierte ein Essay mit dem Titel "Electromagnetic fields, 5G and health: what about the precautionary principle?" in der Januar-Ausgabe 2021 des Journal of Epidemiology and Community Health. Auf Grund der Studienlage fordert er ein Moratorium für 5G (Ausbaustopp). Er analysiert auch die Rolle der ICNIRP.

Drei Videos zur Rolle der ICNIRP

  • Der Tagesspiegel-Clip stellt den Closed-Club ICNIRP dar
  • Zeitzeuge Franz Adlkofer im Interview über die praktische Tätigkeit der ICNIRP-Mitglieder
  • diagnose:funk Video über das War Gaming der Mobilfunkindustrie und die Rolle der ICNIRP
Artikel veröffentlicht:
28.04.2021
Artikel aktualisiert:
22.07.2021
Autor:
diagnose:funk