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Butler-Recherchen enthüllen den Einfluss der Industrie auf die weltweite Strahlenschutzpolitik

Lobbysystem ICNIRP und Bundesamt für Strahlenschutz - Teil I
National und international wird die Strahlenschutzpolitik zur Mobilfunkstrahlung dominiert von den Richtlinien und Forschungsinterpretationen der ICNIRP (International Commission on Non​-Ionizing Radiation Protection), die ihren Sitz im deutschen Bundesamt für Strahlenschutz hat. Prof. Tom Butler (Irland) analysiert die Geschichte der ICNIRP als Ausgeburt und verlängerter Arm der Industrie, deren Hauptaufgabe darin besteht, „...wissenschaftliche Erkenntnisse zielführend zu verwerfen."

Der irische Wirtschaftssoziologe und Ingenieur Prof. Tom Butler analysiert in zwei Unter­suchungen die Risiken der Mobilfunktechnologie, den Stand der Forschung und die His­torie der Lobbyarbeit der Mobilfunkindustrie.[1]

Sein zusammenfassendes Arbeitspapier „Drahtlose Technologien und das Risiko schädlicher gesundheitlicher Aus­wirkungen auf die Gesellschaft: Eine retrospektive ethische Risikoanalyse von Gesund­heits- und Sicherheitsrichtlinien“ publiziert diagnose:funk in diesem Brennpunkt. Es basiert auf einem Studienreport, in dem er die Gesamtstudienlage zur nicht-ionisierenden Strahlung aufarbeitet (s. Downloads).

Butler weist als Insider nach, wie die Mobilfunk-Lobby weltweit die Entscheidungsgremien und über sie die Politik vieler Regierungen beherrscht mit dem Ziel, die Risiken zu vertu­schen. In den letzten 25 Jahren war ihr Instrument dafür die International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection (ICNIRP). Sie hat ihren Sitz im deutschen Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), das in personeller und finanzieller Symbiose mit der ICNIRP arbei­tet. Die deutsche Strahlenschutzpolitik fußt auf den Richtlinien der ICNIRP. Sie vertritt zwei Theorien,

  • (i) die nicht-ionisierende Strahlung schädige nur durch thermische Wirkungen und
  •  (ii) das unwissenschaftliche Postulat, dass nur bei einem eindeutigen Beweis (Kausali­tätsprinzip) ein Handlungsbedarf für einen Strahlenschutz bestehe.[2]

Damit wird Regierun­gen und der Industrie weltweit ein Instrumentarium gegeben, um das Vorsorgeprinzip außer Kraft zu setzen und unerwünschte Forschungsergebnisse auszublenden.

Tom Butler seziert diese profitlegitimierenden ICNIRP-Theorien und beweist, dass die ICNIRP eine schlecht getarnte Lobbyorganisation der Industrie ist. Diese Analyse müsste eigent­lich das Aus für die ICNIRP und auch für das Bundesamt für Strahlenschutz in seiner jet­zigen Struktur bedeuten.

Schon 2019 deckte der Berliner Tagesspiegel den Lobbycha­rakter der ICNIRP auf, der Journalist Harald Schumann bezeichnete sie als eine "plumpe, gänzlich unwissenschaftliche Lobbyorganisation". Die Akteure, die im Bundesamt für Strahlenschutz die ICNIRP-Politik absichern, und die ICNIRP-Mitglieder sind klassische Mietmäuler der Industrie. Ihre Taktik ist es, Zweifel zu säen und verwirrende Debatten durch nebensächliche Fragestellungen zu initiieren. Stu­dien, die Gesundheitsrisiken nachweisen, stellen sie infrage, sie finanzieren Gegenstudien, beeinflussen und desinformieren die Presse und die Politik durch ihre Beratertätigkeit.

Das Krebsgeschwür des Lobbyismus beschäftigt anhand der Corona-Maskenaffären derzeit die deutsche Republik. Die ICNIRP ist eine von der Industrie geschaffene Zelle, mit der sie die demokratischen Entscheidungsprozesse weltweit infizierte. Das deckt Butler auf. Seine Analyse fußt auch auf den Analysen von Hardell (2020) und Buchner/Rivasi (2020), die zu denselben Schlüssen kommen. [3] Die Tatsachen, die in diesen Recherchen aufgedeckt wurden, entziehen einer Strahlen“schutz“politik, die auf den Grenzwerten der ICNIRP basiert, die Legitimation. Diese Analysen bestätigen, dass die Bürgerinitiativen mit ihrer Kritik richtig liegen. Wir fordern :

  • Einsetzung einer Untersuchungskommission durch den Bundestags zur Untersuchung der Verflechtungen zwischen Mobilfunkindustrie, ICNIRP und Bundesamt für Strahlenschutz.
  • Auflösung des ICNIRP-Büros im Bundesamt für Strahlenschutz.[4]
  • Stopp der Bundeszahlungen an die ICNIRP.[5]
  • Schluss mit der Anerkennung der ICNIRP-Grenzwerte.
  • Neubesetzung der Strahlenschutzkommissionen mit industrieunabhängigen Wissenschaftlern und Vertretern der Umweltverbände.
  • Neufestlegung der Grenzwerte durch eine unabhängige Kommission.
  • Einführung von Vorsorgewerten für Orte sensibler Nutzung und neue Produkte und Dienstleistungen.[6]

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Closed Club ICNIRP - ein Video des Redaktionsnetzwerkes Investigate Europe

Publikationen von diagnose:funk zur Lobbypolitik der ICNIRP und des Bundesamtes für Strahlenschutz

Einige Schlüsseldokumente, die Butler zitiert, sind als diagnose:funk Brennpunkte erschienen, ebenso setzt sich unsere Onlineserie „Behauptungen & Scheinargumente“ mit den Argumenten der Mobilfunklobby auseinander.

diagnose:funk (2020): Wann gibt es in Deutschland wieder einen Strahlenschutz? Offener Brief mit Handlungsoptionen an die Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz, Dr. Inge Paulini.

diagnose-Funk Brennpunkt (2020): Der Kausalitäts-Betrug. Was die Mobilfunkdiskussion mit Alkohol, einem Affen und Kater zu tun hat.

diagnose:funk Brennpunkt (2020): Professor James C. Lin: „Die NTP-Studie weist das Krebspotential der Mobilfunk­strahlung nach“, Übersetzung des Artikels Lin JC (2019) „The Significance of Primary Tumors in the NTP Study of Chronic Rat Exposure to Cell Phone Radiation“, DOI 10.1109/ MMM.2019.2935361, IEEE Microwave Magazine | November 2019

diagnose:funk Brennpunkt (2019): „Auswirkungen hochfrequenter Strahlung von Mobiltelefonen und anderen draht­losen Geräten auf die Gesundheit und das Wohlbefinden“, Übersetzung des Reviews von Miller AB et al. (2019): Risks to Health and Well-Being From Radio-Frequency Radiation Emitted by Cell Phones and Other Wireless Devices. Front. Public Health 7:223. doi: 10.3389/fpubh.2019.00223

diagnose:funk Homepage (2019): Analyse der Journalisten Harald Schumann und Elisabeth Simantke im Tagesspiegel zur Rolle der ICNIRP, https://www.diagnose-funk.org/1335, Artikel vom 14.01.2019

diagnose:funk Brennpunkt (2017): Mobilfunk - Grenzwerte entzaubert: Studie weist nach, wie Grenzwerte scheinwissenschaftlich legitimiert werden. Übersetzung der Studie: Starkey SJ (2016): Inaccurate official assessment of radiof-requency safety by the Advisory Group on Non-ionising Radiation. Veröffentlicht in: Rev Environ Health 2016; 31 (4): 493-503 ,

diagnose:funk Brennpunkt (2017): Handystrahlung und Gehirntumore. Stand der Forschung. Übersetzung der Studie Carlberg M, Hardell L (2017): Evaluation of Mobile Phone and Cordless Phone Use and Glioma Risk Using the Bradford Hill Viewpoints from 1965 on Association or Causation, Review Article BioMed Research International, Volume 2017, Article ID 9218486, https://doi.org/10.1155/2017/9218486

diagnose:funk (2019): Behauptungen & Scheinargumente Teil I. „Mobilfunkstrahlung hat zu wenig Energie, um Zellen zu schädigen. Oxidativer Stress ist unplausibel.“ Online auf https://www.diagnose-funk.org/1441

diagnose:funk (2019): Behauptungen & Scheinargumente Teil III. Der Grenzwertbluff: „Unbedenklich - die Grenzwerte werden eingehalten!“ Online auf: https://www.diagnose-funk.org/1375

diagnose:funk (2019): Behauptungen & Scheinargumente Teil VIII. Prof. Lerchls Vortrag und FMK-Interview auf dem Prüfstand: „5G: Medizinische Aspekte“, Online auf https://www.diagnose-funk.org/1502

Quellen

[1] Butler, Tom (2020): Wireless Technologies and the Risk of Adverse Health Effects in Society: A Retrospective Ethical Risk Analysis of Health and Safety Guidelines, Online Working Paper Butler, Tom (2020): A Report on the Non-Thermal Effects of Radio Frequency Radiation and the Adequacy of Health and Safety Guidelines to Protect Pu­blic Health, Online Paper

[2] Zur Scheinlogik des Kausalitätsprinzips hat diagnose funk eine eigene Analyse in der Reihe „Brennpunkt“ vorgelegt: Der Kausalitäts-Betrug. Was die Mobilfunkdiskussion mit Alkohol, einem Affen und Kater zu tun hat. https://www.diagnose-funk.org/1539

[3] Buchner/ Rivasi (2020): Die Internationale Kommission zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung: Interessenkonflikte, „Corporate Capture“ und der Vorstoß zum Ausbau des 5G-Netzes, Broschüre der Kompetenzinitiative, erscheint im April 2021

Hardell / Carlberg (2020): Gesundheitsrisiken durch hochfrequente Strahlung, einschließlich 5G, sollten von Experten ohne Interessenkonflikte bewertet werden, in deutscher Übersetzung demnächst als diagnose:funk Brennpunkt; erschienen in ONCOLOGY LETTERS 20: 15, 2020.

[4] Das BfS stellt am Standort Neuherberg in Oberschleißheim der ICNIRP kostenfrei ein Büro und die koordinierende Sekretärin (derzeit Frau Dr. Gunde Ziegelberger) zur Verfügung, die auch gleichzeitig die Leiterin der Abteilung Wirkungen & Risiken NIS (WR 4) ist.

[5] Die Bundesregierung zahlt jährlich ca. 100.000 € an die ICNIRP. Das entspricht ca. 2/3 ihres Jahresbudgets. Im Deutschlandfunk Kultur beantwortet die BfS-Chefin Dr. Paulini im Feb. 2019 die Fragen von Philip Banse im Interview „Der zweifelhafte Umgang mit der Strahlungsgefahr“: https://t1p.de/jp9z

[6] Orte sensibler Nutzung: Wo sich Menschen i.d.R. länger als 1 Stunde aufhalten

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War Gaming für den Profit - diagnose:funk Film über die Industrietaktik zur Verschleierung von Risiken

Publikation zum Thema

Format: A4Seitenanzahl: 46 Veröffentlicht am: 26.03.2021 Bestellnr.: 243Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Die Butler-Recherchen enthüllen den Einfluss der Mobilfunkindustrie auf die weltweite Strahlenschutzpolitik


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Die Strahlenschutzpolitik national und international wird dominiert von den Richtlinien und Forschungsinterpretationen der ICNIRP (International Commission on Non​-Ionizing Radiation Protection), die ihren Sitz im Bundesamt für Strahlenschutz hat. Prof. Tom Butler (Irland) analysiert ihre Geburt und Geschichte als verlängerter Arm der Industrie.