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Aktionsbündnis Freiburg 5G-frei: Neujahrsbrief an den Gemeinderat zur Umweltproblematik von 5G

Das Aktionsbündnis Freiburg 5G-frei hat einen Neujahrsbrief an den Gemeinderat zur Umweltproblematik von 5G geschrieben.
Freiburger Rathaus. Bild Wikipedia

Sehr geehrte Frau Stadträtin, sehr geehrter Herr Stadtrat,

mit unseren besten Wünschen für ein gesundes Neues Jahr melden wir uns 2021 zurück. Gerade angesichts der Einschränkungen zum Schutz vor Corona wollen wir dazu beitragen, dass mit der gleichen Sorgfalt die gesund­heitliche Vor­sor­ge gegenüber Funk­strahlung einschließlich Schutz des Klimas, unserer Demokratie- und Freiheits­­rechte sowie der Eindämmung von Energie- und Ressourcen­ver­brauch die notwen­dige Aufmerk­samkeit erhalten:

 

Mobilfunk­planung vor Ort ist Vorsorge und zugleich Klimaschutz!

90% der Sendeenergie werden nur dazu benötigt, Haus­wän­de zu durch­drin­­gen. Eine Technik mit diesem Wirkungsgrad ist untauglich, um so mehr, als sie hier überflüssig ist. Der damit bezweckte Mobil-Funkempfang im Hausinnern wird in Wahrheit zu 80% gar nicht genutzt. Denn ganz „unmobil“ werden heute in die­sem Umfange nur Filme gestreamt. Das geschieht alternativ mit Fest­netz, Kabel/Glasfaser und WLAN.

Und dieser zusätzlich mit Funk aufrecht erhaltene „Haus-Service“ – genannt Indoor-Funk­ver­sorgung –  wird ständig gleichzeitig von 3 Mobil­funk­be­trei­bern (d.h. mehr­fach, aber partiell stets nutzlos) bereit gehalten und verursacht auch im Freien einen um das 200-fache überhöhten Pegel.

Das spitzt sich jetzt zu: 5G wird 68% mehr Energie als 4G brauchen, meint Huawei[1]. An­de­re Fachleute meinen: 100% -  z.B. jeder 5G-Sender 3 Mal mehr als 4G.[2] 

Diese Energieverschwendung und Strahlenbelastung durch die „Indoor“-Versorgung muss been­det werden. Dazu sagt das Umweltbundesamt:

  • Der Mobilfunk ist für den Hausanschluss ungeeignet und aus Sicht des Umwelt- und Klimaschutzes nicht tragfähig.[3]

So ist es höchste Zeit, den Ausbau von 5G anzuhalten und zuerst moderne Konzepte für Telefon­­­ver­sor­gung und Datenanbindung zu beschließen – auch in Freiburg, z.B. mit 100% Glas­faser bis ins Haus und Kleinzellenfunk nur im Freien, was auch ohne 5G möglich wäre.

Nur so können Gemein­den das Klima schonen, den Schutz der Gesund­heit er­höhen und ihren Bür­gerin­nen und Bürgern die Freiheit von Dauerbestrahlung in ihren 4 Wänden wieder geben. Wir alle wollen das in Freiburg – oder wer und warum nicht?

Gerade für Neubaugebiete sind nunmehr Be­bau­ungspläne mit kombinierten Mo­bil­­­funk- und Glas­faserkonzep­ten erforderlich (§ 1 Abs. 3 BauGB). Dabei dürfen Ge­mein­den nach höchstrichterlicher Rechtsprechung das Klima schützen (BVerwG 2006).

Und der Freiburger Gemeinderat hat be­reits 2009 be­schlos­sen, die Entwick­lung eines Mobil­funk­kon­zepts für Freiburg zu prüfen!

Spätestens jetzt ist der Tag da­für gekommen!

Des­halb hat das Aktionsbündnis Freiburg 5G-frei einen Ein­woh­ner­antrag nach  § 20b GemO auf den Weg gebracht mit konkreten Forderungen und Vorschlägen.

Zum Beispiel erscheint es weiter geboten, den Rahmenplan für Dieten­bach[4] durch ein Mobil­funk­konzept für Klimaschutz und Risiko­vor­sorge weiter zu entwickeln.

Wir stehen für Auskünfte und zur Mitwirkung bereit und bitten um eine entsprechende Diskussion und Beschluss­fassung.

Erneut grüßen wir herzlich und wünschen für 2021 Erfolg und vor allem Gesundheit!

Freiburg, den 14. Januar 2021

Aktionsbündnis Freiburg 5G-frei           

i.A.  Beate Limberger, Dr. Wolf Bergmann, Bernd Irmfrid Budzinski

Quellen:

[1] Mit Einsparung https://carrier.huawei.com/~/media/CNBG/Downloads/Spotlight/5g/5G-Power-White-Paper-en.pdf

[2] https://winfuture.de/news,110321.html und https://www.mobilegeeks.de/news/netz-trifft-nachhaltigkeit-was-5g-mit-erneuerbarer-energie-zu-tun-hat/: Anteil der Mobilfunkbasisstationen am Energieverbrauch des Netzes 65%.

[3] Energie- und Ressourceneffizienz digitaler Infrastrukturen, Ergebnisse des Forschungsprojektes „Green Cloud-Computing“;https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/energie-ressourceneffizienz-digitaler

[4] Siehe die BZ v. 07.12.2020, S. 15

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Eine Analyse zum Digitalisierungs-Hype

Prof. Armin Grunwald, Leiter des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) hält nichts von der Schönfärberei, mit denen Politiker und Bundestagsparteien über die Risiken der Digitalisierung hinweggehen. In seinem Buch analysiert er Nutzen und Risiken. Das Buch endet mit den Sätzen:

  • "Unsere Aufgabe ist es, die digitalen Technologien so zu entwickeln und einzusetzen, dass wir, und das schließt alle Menschen auf dieser Welt mit ein, ein möglichst gutes analoges Leben führen können. Digitale Techniken sind vielfach wunderbare Mittel zum Zweck - aber sie sind nicht der Zweck selbst. Im digitalen Überschwang gerät da manchmal etwas durcheinander. Aber auch der digitale Überschwang äußert sich in ganz analogen Empfindungen und Hoffnungen, gelegentlich sogar in Erlösungserwartungen. Es bleibt dabei: Wir leben in einer analogen Welt, die wir gestalten können und für die wir Verantwortung übernehmen müssen." (S. 246)

Armin Grunwald: "Der unterlegene Mensch", München, 2019

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Kommentar diagnose:funk zum Neujahrsbrief der BI Freiburg: Viele Kommunen sind Pilotprojekte für 5G und stolz darauf. Dies sei der Fortschritt. Gleichzeitig sind sie Mitglied im europaweiten Klimabündnis von 1800 Kommunen[1] und rufen den Klimanotstand aus. Das passt nicht zusammen. Der digitale Umbau der Kommunen und Landkreise für die digitalen Geschäftsmodelle der Industrie, v.a. das Internet der Dinge und autonomes Fahren, gilt als Brandbeschleuniger der Klima- und Umweltkatastrophe. Das ist das Ergebnis z.B. der Analysen des WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen), der Bosch-Stiftung und eines Gutachtens des Umweltbundesamtes (UBA). Alle weisen darauf hin, dass die Digitalisierung und 5G den Energie- und Ressourcenverbrauch explodieren lassen. Dazu kommt die wachsende Belastung mit Elektrosmog. Das wird von der Politik vertuscht, mit Propaganda wie in der Dialoginitiative der Bundesregierung. "In der angeblichen Wissens- und Wissenschaftsgesellschaft zählen Fakten wenig, wenn sich mit ihrer Verdrängung noch eine Weile Profit machen lässt," so kommentiert der Autor Fabian Scheidler diesen Grundzug deutscher Politik.[2]

Von der Digitalisierung als Geschäftsmodell der Industrie geht eine mehrfach zerstörerische Wirkung aus, die von digitalen Annehmlichkeiten und tatsächlichem Nutzen im Bewusstsein verdrängt wird. Denn "der Mythos ist stärker als die Realität", schreibt der Leiter des Technikfolgenausschusses im Bundestag, Prof. Armin Grunwald und schlussfolgert: "Leider ist also die Digitalisierung nicht an sich umweltfreundlich, sondern erzeugt sogar neue oder verschärft bestehende Umweltprobleme." Im Gutachten der Bosch-Stiftung heißt es noch zugespitzter:

  • "Wenn diese Gesellschaft scheitert, dann scheitert sie global und deswegen auch total. Mit der Digitalisierung bekommt dieses Problem den drängenden Charakter einer Flächenbrandes."[3]

Die Freiburger Bürgerinitiative wirft mit ihrem Brief letztlich die Frage auf: ist die Mitgliedschaft unserer Stadt im Klimabündnis nur ein Lippenbekenntnis? Wenn nein, dann muss sie das tun, was Gutachten fordern: Der Staat und seine Institutionen müssen regulierend eingreifen, dazu ist als erstes für jeden Schritt in der Digitalisierung die Erstellung eines ökologischen Fußabdruckes zwingend. Die Stuttgarter Zeitung schreibt zum Ernst der Lage: "Die Klimakrise ist viel bedrohlicher als Corona. Die Welt hinkt einer Lösung hinterher ... Die Welt steuert auf eine Katastrophe zu, die die Corona-Pandemie in der Rückschau wie ein vergleichsweise kleines Problem erscheinen lässt." (11.12.2020) Die Bürgerinitiativen sollten überall mit solchen Briefen an ihre Gemeinderäte die Diskussion führen.

[1] Klimabündnis der Kommunen: https://www.klimabuendnis.org/kommunen/das-netzwerk.html

[2] Fabian Scheidler: CHAOS. Das neue Zeitalter der Revolutionen, 2019, Wien, S. 10

[3] Felix Sühlmann-Faul / Stefan Rammler: Der blinde Fleck der Digitalisierung, 2018, München, S. 20

Armin Grunwald: "Der unterlegene Mensch", München, 2019, S. 97, 225

Publikation zum Thema

Format: A5 Seitenanzahl: 92, Preis 6,00 Euro Veröffentlicht am: 19.10.2020 Bestellnr.: 788ISBN-10: 978-3-88515-321-4Sprache: DeutschHerausgeber: pad-Verlag 59192 Bergkamen, Am Schlehdorn 6

Fortschritt 5G? Mythen für den Profit.

Smart City, Smart Country, Breitband und 5G – die Folgen für Demokratie, Mensch und Umwelt
Autor:
Jörn Gutbier / Peter Hensinger
Inhalt:
Artikel: Fortschritt 5G? Über 5 Mythen! / Mit Akzeptanz-Managern gegen 5G-Proteste / Zellen im Strahlenstress. Zum Stand der Forschung über Sendemasten, Smartphones, Tablets & Co. Diese Broschüre analysiert im Hauptartikel anhand neuestem Material die Ziele des 5G-Ausbaus und seine Folgen, v.a. auch für die Umwelt. Ein zweiter Artikel beschreibt die Taktiken der Bundesregierung, den Widerstand, der sich trotz der Corona-Krise landesweit entwickelt, in den Griff zu bekommen. Und schließlich stellen die Autoren den aktuellen Stand der Forschung zu den gesundheitlichen Risiken der Mobilfunkstrahlung und 5G dar. Mit 175 Fußnoten sind alle Darstellungen ausführlich dokumentiert. Für alle, die die gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklung hinterfragen und v.a. für die Aktivisten der Bürgerinitiativen ist diese neue Broschüre eine Hilfe, sich zu orientieren und ein Nachschlagewerk für neue Argumente in Diskussionen.