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Österr. Umweltmediziner: Leitfaden Senderbau und 5G

"Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt" (ÄGU) kritisieren Risiko-Geringschätzung
Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) und die Vereinigung der Umweltärzte ÄGU klären aktiv auf über die Risiken der Mobilfunkstrahlung und führen die Auseinandersetzung mit den Verharmlosungen der Mobilfunkbetreiber und der Regierung. Die ÖÄK hat zusammen mit Wirtschaftsverbänden (!) 2014 einen "Leitfaden Senderbau" publiziert, in dem eine Höchstbelastung von 1 mWatt/m2 vorgeschlagen wird. Darüber und über 5G publizierte die Zeitschrift der ÄGU medi.um 4/2020 den nachfolgenden Artikel.
Leitfaden Senderbau

Leitfaden Senderbau und 5G

Autoren Hans Peter-Hutter, Hanns Moshammer, Peter Wallner

In letzter Zeit beklagte die Mobilfunkindustrie auch in Österreich Druckausübung von 5G-Gegnern. Wir haben bisher eigentlich nur erlebt, wie das »Forum Mobilkommunikation FMK « z.B. unbotmäßige Journalisten quälte und Gegendarstellungen forderte, schräge »offene Briefe« an Wissenschafter verfasste oder von Organisationen forderte, dass unser »Leitfaden Senderbau« von der Homepage genommen werde.

Wir möchten dazu festhalten, dass bei der Erstellung des Leitfadens Experten für Senderbau und Netzbetrieb eingebunden waren. Alle Autoren haben Erfahrung in Planung und Bewilligungsverfahren von Basisstationen. Der Leitfaden stammt aus dem Jahr 2014 (2. Auflage). Die darin vorgeschlagene Vorgehensweise hat sich vielfach bewährt. Eine Abschaffung der Mobilfunknetze ist dadurch bisher nicht eingetreten und auch nicht von den Autoren beabsichtigt.

medi.um, Zeitschrift der Umweltmediziner

Die Auswahl der Studien ist nicht - wie vom FMK (Forum Mobilkommunikation, PR-Stelle der österr. Mobilkfunkindustrie, df) behauptet - tendenziös, sondern es werden alle zum Erscheinungsdatum relevanten Studien zu Basisstationen zitiert. Die Interphone-Studie hat sich nicht mit Basisstationen befasst. Entgegen den Behauptungen des FMK hat die Interphone-Studie ein signifikant erhöhtes Krebsrisiko von Vieltelefonierern nachgewiesen. Die gesundheitlichen Schlussfolgerungen sind wohlbegründet und stehen nicht im Widerspruch zu den Erkenntnissen der IARC. Nach unserer Erfahrung kann ein gut begründeter und strenger anlagenbezogener Richtwert sehr wohl helfen, Besorgnis zu verringern. Weiters möchten wir darauf hinweisen, dass es keine anlagenbezogenen Grenzwerte in einem österreichischen Regelwerk gibt. Also können diese auch nicht »unterminiert« werden. Neue Entwicklungen wie insbesondere das Übertragungsprotokoll 5G sind im Leitfaden von 2014 noch nicht berücksichtigt. Eine Überarbeitung und Neuauflage wäre zu überlegen.

Über den aktuellen Sachstand zu 5G und Gesundheit hat das lnstitut für Technikfolgenabschätzung ITA der österreichischen Akademie der Wissenschaften im Auftrag des Parlaments 24 Stellungnahmen von 14 wissenschaftlichen Gremien ausgewertet.

Für etablierte Generationen des Mobilfunks gebe es hinsichtlich einer Vielzahl an Effekten - Beeinträchtigung der Schlafqualität über neuronale Störungen bis hinzu Krebs im Kopfbereich - keine Einigkeit unter den Expert*innen, so das ITA. Bei der Diskussion um gesundheitliche Risiken von 5G gehe es derzeit um möglicherweise zum Einsatz kommende Frequenzen im Millimeterwellenbereich (26 GHz und mehr). Insbesondere werde Forschung zu Schadenshypothesen im Bereich der Augen und der Haut sowie bezüglich Insekten und Mikroorganismen eingefordert. »Expert*innen erkennen einheitlich an, dass gezielte, hochwertige Forschung zu 5G noch weitgehend fehlt«, so das ITA.

Das ITA empfiehlt daher u.a.: Anwendung der Schutzprinzipien der »umsichtigen Vermeidung«; Formulierung von Leitlinien für den Sendeanlagenbau, das technische Design von Endgeräten und die Gestaltung der Grundversorgungsinfrastruktur; Information zu den technischen Details aller geplanten Ausbaustufen, den tatsächlich erwartbaren Anwendungsbereichen, Geräten und Anlagen und damitzu der zu erwartenden Expositionssituation; Förderung unabhängiger Forschung; neue Wege und Orte der Unsicherheits - und Risikoinformation und des Dialoges. Politik und Medien waren oflensichtlich enttäuscht, dass kein 5G-Freibrief ausgestellt wurde und schwiegen die Arbeit des ITA praktisch tot. Für das »Durchwinken« hat Ministerin Köstinger ohnehin den sog. Wissenschaftlichen Beirat Funk bei der Hand.

Aus: medi.um, Mensch-Medizin-Umwelt, 04 / 2020, Zeitschrift der Ärzte und Ärztinnen für eine gesunde Umwelt, Wien; Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autoren.

Publikation zum Thema

2. Auflage Oktober 2014Format: A4Seitenanzahl: 44 Veröffentlicht am: 01.10.2014 Herausgeber: Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt

Leitfaden Senderbau

Vorsorgeprinzip bei Errichtung, Betrieb, Um- und Ausbau von ortsfesten Sendeanlagen
Autor:
Wiener Arbeiterkammer; AUVA – Allgemeine Unfallversicherungsanstalt; Wirtschaftskammer - Bundesinnung der Elektro-, Gebäude-, Alarm-, u. Kommunikationstechniker; Wiener Umweltanwaltschaft; Österreichische Ärztekammer; Wissenschaftler der MedUni Wien, Institut für Umwelthygiene und Institut für Krebsforschung.
Inhalt:
Die Einführung und weltweite Verbreitung von radiofrequenten Funkdiensten (z.B. W-LAN, Mobilfunk) ist in der Geschichte technischer Innovationen ohne Beispiel. Die rasante Entwicklung wird von Bedenken zu gesundheitlichen Auswirkungen begleitet. Dies führt zu erheblichen Widerständen seitens der Bevölkerung besonders dort, wo Infrastruktur ohne Einbindung der Anrainer ausgebaut wird. Der vorliegende Leitfaden beschreibt Strategien und Vorgangsweisen, um dem Bedürfnis nach technischer Innovation einerseits und dem verständlichen Wunsch nach geringen Immissionen andererseits gerecht zu werden. Die Empfehlungen basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen vergangener Jahre. Der Leitfaden bietet konkrete Empfehlungen für ein partizipatives Vorgehen bei der Errichtung von Basisstationen für Baubehörden, Anrainer und Betreiber-Gesellschaften mit dem Ziel gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen zu berücksichtigen. Konfliktträchtige Bauvorhaben können so über einen konstruktiven dialoggesteuerten Prozess im Konsens mit den Anrainern verwirklicht werden.
Artikel veröffentlicht:
11.01.2021
Autor:
medi.um / ÄGU