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Digitalpakt Schule: Holzweg aus Bits und Bytes

Bündnis für humane Bildung nimmt Stellung

Holzweg aus Bits und Bytes

Digitalpakt setzt allein auf IT und ignoriert Bedürfnisse von Kindern

Der „Digitalpakt Schule“ ist am Freitag in Kraft getreten: „Ein absoluter Holzweg der Bildungspolitik“, kritisiert Prof. Ralf Lankau vom „Bündnis für humane Bildung“. „Statt eine gesunde Entwicklung der Kinder ins Auge zu nehmen, wird einseitig auf Technik gesetzt.“ Im Mittelpunkt stünden die ökonomischen Interessen der IT-Industrie, die „mit einem Marketing der Angst Hard- und Software in die Schulen drücken.“, so Lankau. Die fünf Milliarden Euro würden in die digitale Aufrüstung des Bildungssystems gesteckt - im Irrglauben, bereits Kinder in der Grundschule für digitale Technologie fit machen zu müssen. „Gerade auf dieser Stufe der Bildung“, so Lankau, „zählen ganz andere Ziele: emotionale Intelligenz, Impulskontrolle oder soziale Fähigkeiten.“ 

Das sei alles viel besser zu erreichen, wenn Technik nicht den direkten Kontakt störe, der sich täglich im Klassenzimmer zwischen Lehrern und Schülern ergibt. Daher setzt sich das „Bündnis“ für digitalfreie Kindergärten und Grundschulen ein, wie es eine europaweite Petition gemeinsam mit dem anthroposophischen Netzwerk ELIANT fordert.

Web: http://www.aufwach-s-en.de/2018/03/petition-eliant-und-buendnis-fuer-humane-bildung/

Kinder in der Grundschule brauchen keine digitalen Medien, um Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Im Gegenteil: „Wir brauchen in den Grundschulen und Kindergärten digitalfreie Räume, um das Übermaß medialer Reizüberflutung in den Elternhäusern zu kompensieren“, fordert Lankau. 

Dazu hat seine Organisation zum ersten Mal die aktuelle Kritik an digitaler Bildung gebündelt - und aus vier wesentlichen Perspektiven auf den Punkt gebracht. Titel: „Digitale Medien im Kreuzfeuer der Kritik“.

Web: http://www.aufwach-s-en.de/2019/05/digitale-medien-im-kreuzfeuer-der-kritik/#more-1547 

  • 1. Perspektive: Es wird die individuelle Situation von Kindern beleuchtet, wenn sie zu früh mit digitalen Medien konfrontiert werden. Das kann negative Folgen für die psychische Entwicklung haben, etwa bei der emotionalen Intelligenz oder kognitiven Reifeprozessen (Impulskontrolle, Belohnungsaufschub, Suchtverhalten etc.). Daher ist eine evidenzbasierte Forschung zu fordern, um den Einfluss digitaler Technologie auf die Gesundheit der Kinder zu untersuchen.
  • 2. Perspektive: Mit Hilfe der Neurobiologie lässt sich zeigen, wie stark digitale Medien in das Gehirn von Kindern eingreifen, indem sie u. a. suchtauslösende Impulse setzen. „Dauerhaft trainierte Muskeln vollbringen gute körperliche Leistung“. Das gilt auch für das Gehirn, das nur durch eine „größtmögliche Eigenaktivierung“ zu geistigen Leistungen in der Lage ist.
  • 3. Perspektive: Schule ohne Überwachung. Digitale Konzepte für Unterricht kommen oft nicht aus der Pädagogik, sondern aus Kybernetik und Behaviorismus. Lernen wird zu einem mess- und steuerbaren Prozess umgedeutet, Bildung zu einer Ware, obwohl sie eigentlich an menschliches Bewusstsein gebunden ist, nicht an Medien(technik). Daher ist Lernen endlich wieder als individueller und sozialer Prozess zu verstehen.
  • 4. Perspektive: Gesellschaftliche Dimensionen. Die moderne Daten-Ökonomie beginnt im Bildungssystem, wo sich bereits wertvolle Erkenntnisse über Schüler gewinnen lassen, etwa durch Lernprogramme, die jeden Schritt am Rechner dokumentieren (Learning Analytics). Der Mensch wird zum Datenlieferanten, das Ideal einer freien Gesellschaft mit autonomen Bürgern ist bedroht.

Prof. Lankau: „Unsere Botschaft an die Bildungspolitiker: Werft Euch  angesichts dieser fundierten Kritik nicht in den Rachen eines ökonomisch und technologisch getriebenen Hypes.“

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„Bündnis für humane Bildung“: 

Hochschullehrer, Wissenschaftler und engagierte Bürger gründeten 2017 das „Bündnis für humane Bildung“. Ihre Überzeugung lautet: Bildung lässt sich nicht digitalisieren! Digitale Instrumente können Bildungsprozesse nur unterstützen. Alternativen sind gefragt.

Web:

http://www.aufwach-s-en.de

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Landtag Niedersachsen: Stellungnahme Bündnis für humane Bildung

Stellungnahme zu den Anträgen im Kultusausschuss des Niedersächsischen Landtages im Vorfeld der Anhörung der öffentlichen Sitzung des Kultusausschusses des Niedersächsischen Landtages am 24. Mai 2019

Bildung in der digitalisierten Welt
Antrag der Fraktion der SPD und der Fraktion der CDU – Drs. 18/2898

Technik alleine macht nicht glücklich – Schulen nicht alleine lassen: Schaffung einer umfangreichen, pädagogisch fundierten Digitalisierungsstrategie an Schule, Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen – Drs. 18/3367

Chancen des „DigitalPakt Bildung“ und des Grundgesetzes für die Bildung nutzen, Antrag der Fraktion der FDP – Drs. 18/3425

Zusammenfassung

Der niedersächsische Landtag entscheidet bei der Diskussion und Abstimmung über die drei genannten Anträge über mehr als nur die Verteilung der Investitionsmittel aus dem „Digitalpakt Schule“. Es geht um grundsätzliche Fragen: Wer bestimmt über Lehrinhalte an staatlichen Schulen und über eingesetzte (Medien-)Technik? Bleibt die Bildungspolitik des Landes dem Anspruch und Recht der Schülerinnen und Schüler nach individueller Bildung und Persönlichkeitsentwicklung verpflichtet, wie es in der Landesverfassung (§1(4)) und im Niedersächsischen Schulgesetz (§2 Bildungsauftrag, NschG) steht?

Vermitteln öffentliche Schulen weiterhin eine fundierte Allgemeinbildung als Grundlage sozialer Teilhabe in demokratischen Gemeinschaften? Oder setzen sich Wirtschaftsverbände und IT-Lobbyisten durch, die für mehr und den immer früheren Einsatz von digitalen Endgeräten in Bildungseinrichtungen eintreten? Die „Programmieren bereits in der KiTa“ fordern und Schulen mit „leistungsstarken WLAN ausleuchten“ wollen (CDU/SPD-Antrag), ohne über Strahlung auch nur nachzudenken? Werden Schulen qua Landtagsbeschluss zu Ausbildungsstätten und Berufsvorbereitung (Münch, 2018, 177) – oder nicht?

Dabei ist wissenschaftlich belegt, dass die Qualität von Schule und Unterricht gerade nicht an Medientechnik gekoppelt ist. Entscheidend sind immer qualifizierte Lehrpersönlichkeiten, ein gut strukturierter, altersgerechter Unterricht und der soziale Umgang miteinander. (Studien von Hattie, Telekom, OECD u.a.) Lehren und Lernen sind individuelle und soziale Prozesse, keine technisch steuerbaren Abläufe. Unberücksichtigt bleiben in den Anträgen sowohl die historischen Belege des Scheiterns von Medientechnik (Pias) wie bereits gegenläufige Entwicklungen aus den USA. Kinder in (teuren) Privatschulen werden wieder von realen Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet und genießen den „Luxus menschlicher Interaktion“. Bildschirme sind dort aus den Schulen verbannt. während Kinder an öffentlichen Schulen an Tablets ohne LehrerInnen lernen müssen (Bowles, 2018).

Der niedersächsische Landtag entscheidet bei diesen Anträgen also darüber, ob bereits gescheiterte IT-Konzepte aus den USA wiederholt werden oder ob eine Diskussion über sinnvolle und pädagogisch fundierte Medienkonzepte für Schulen eröffnet wird, die nicht auf Digitaltechnik verkürzt werden darf. Wer also bestimmt über Lehrinhalte und Medientechnik an Schulen? Die IT-Wirtschaft und Vertreter der Daten-Ökonomie, die Lehrangebote digitalisieren und privatisieren wollen? Oder entscheiden Volksvertreter, nach pädagogischer Expertise, die den Schülerinnen und Schülern verpflichtet sind?....

  • Die gesamte Stellungnahme des Bündnisses für humane Bildung unter Links.

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Presseinformation  „Bündnis für humane Bildung“                          Stuttgart, 23.05.2019

Thema: Stellungnahme für Kultusausschuss in Niedersachsen  (24.05.2019)

Anhörung zur digitalisierten Schule

Ohne Not Fakten schaffen!

Warum Experten befragen, wenn alles schon beschlossen ist?

  • „522 Mio. Euro werden Bund und Land in die digitale Infrastruktur der niedersächsischen Schulen investieren“, kündigte der Kultusminister von Niedersachsen, Grant Hendrik Tonne, am 14.05.2019 im Landtag an. Außerdem sollten weitere Mittel aus dem „Digitalpakt Schule“ für die Entwicklung von Cloud-Lösungen genutzt werden. „Damit schafft die Landesregierung Fakten und erstickt eine kritische Diskussion im Keim“, so Prof. Ralf Lankau. Der Vertreter vom „Bündnis für humane Bildung“ fragt sich, warum überhaupt am Freitag, 24.05.2019, eine Anhörung zu diesem Thema stattfindet, organisiert vom Kultusausschuss des Landtags. „Die Weichen sind längst gestellt, die Bildungspolitik ignoriert systematisch kritische Stimmen“, so Lankau. Mit dem Prinzip der angeblichen „Alternativlosigkeit“ werde durchregiert.

Gerade das „Bündnis für humane Bildung“ formuliere wichtige Alternativen zur einseitigen Digitalisierung der Schulen, wie sie die Politik fast einstimmig fordere, sagt Prof. Lankau. In einer Stellung-nahme seiner Organisation heißt es für die Anhörung im Niedersächsischen Kultusausschuss: „Der pädagogisch ausdifferenzierte und methodisch begründete Einsatz von Digitaltechnik im Unterricht unterscheidet nach Altersstufen, Schulformen und Fächern.“ Hier die vollständige Stellungnahme auf der Bündnis-Website:  http://www.aufwach-s-en.de/wp-content/uploads/2019/05/lt_ns_stellungnahme_buendnis_fhb.pdf

Daher fordert das Bündnis: „Kindertagesstätten und Grundschulen bleiben in der pädagogischen Arbeit digitalfrei. Kinder müssen erst in der realen Welt zu Hause und dort sicher sein, bevor sie virtuelle Welten erkunden.“ Lesen, Schreiben und Rechnen seien als klassische Kulturtechniken manuell einzuüben. Genauso wichtig: „Basteln, Malen, Zeichnen und Musizieren, auch Theater und Tanz, Sport und Naturerlebnis“. Prof. Lankau: „Wer schon Grundschule und Kindergarten digitalisieren will, folgt schlicht einem Marketing der Angst, mit dem Hard- und Software immer früher ins Bildungssystem gedrückt werden.“

In weiterführenden Schulen ist es dagegen sinnvoll, das Ziel der „Medienmündigkeit“ zu verfolgen: Kinder und Jugendliche sollten selbst entscheiden lernen, „welche Medien sie für welche Zwecke nutzen“, heißt es in der Bündnis-Stellungnahme.

Weiter wird in diesem Papier vorgeschlagen: „Bei Medienprojekten am Ende der Mittel-, besser in der Oberstufe, werden Bilder und Filme erstellt, eine Schülerzeitung oder Inhalte für Websites generiert und das ganze mit Offline-Produktionsrechnern umgesetzt.“ „Offline ist uns wichtig“, sagt Prof. Lankau, „weil die Rechner zwar untereinander vernetzt, aber nicht ans Internet angeschlossen sind.“ So ließen sich keine Schülerdaten auslesen und auswerten.

Genau diese Gefahr sieht das Bündnis bei „Cloud-Lösungen“, für die sich auch Kultusminister Tonne stark macht. So entwickle zurzeit das private „Hasso-Plattner-Institut“ (HPI) die „Schul-Cloud“: Sie soll bundesweit digitale Inhalte in Schulen nutzbar machen - ohne dass vor Ort kostspielige Investitionen in Hardware notwendig seien. „Das klingt viel zu schön, um wahr zu sein“, so Prof. Lankau, „ein zentral aufgebautes und personalisiertes IT-System wie die ‚Schul-Cloud‘  funktioniert nur mit personenbezogenen Daten.“

Damit das funktioniert, müssen die Programme alle Aktionen des Schülers speichern. „Das gilt für alle Tastenanschläge, jeden Abbruch beim Lernen, jede falsche oder richtige Antwort und jeden Mausklick“, erläutert Prof. Lankau. Genauso wird das Lerntempo erfasst - und die Forschung arbeitet bereits an biometrischen Merkmalen, um z. B. Motivation und Stress-Level zu messen. „Kultusminister Tonne befindet sich auf einem doppelten Holzweg“, so Prof. Lankau, „Cloudlösungen untergraben den Datenschutz in der Schule; die erzwungene Frühdigitaliserung unserer Kinder gefährdet deren gesunde Entwicklung.“