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5G & Bundeswehr: "Die Frequenzen sind die Macht der Zukunft"

Die Bundeswehr erprobt mit Hochdruck die digitale Vernetzung der Waffensysteme und Soldaten.
Das wohl größte Interesse am 5G-Ausbau haben alle Behörden mit Sicherheitsaufgaben, Polizei, Geheimdienste, aber v.a. die Bundeswehr. Die Bundeswehr erprobt mit Hochdruck die digitale Vernetzung der Waffensysteme und Soldaten.
Der Inspekteur des Heeres gibt an der Offizierschule des Heeres in Dresden am 6.12.2018 den Startschuss zur Digitalisierung der Landstreitkräfte (Quelle: Bundeswehr/Mario Bähr)

Gefechtsführung mit 5G muss in jedem Winkel der Republik möglich sein

Am 17. September 2018 fand im Cyber Innovation Hub (CIH) der Bundeswehr in Berlin-Charlottenburg eine ganztägige Veranstaltung “Nutzungsmöglichkeiten der 5G-Technologie im Bereich der Inneren und Äußeren Sicherheit“ statt:

  • "Bei dieser Veranstaltung sprach der Präsident der BDBOS, Andreas Gegenfurtner, über die Erwartungen an zukünftige 5G-Anwendungen aus der Perspektive der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben. Große Bedeutung komme dabei der Verfügbarkeit von Frequenzen zu. Die Anforderungen der Sicherheitsbehörden „müssen bei der anstehenden Vergabe weiterer Frequenzbänder ihre Umsetzung finden. Die Frequenzen sind die Macht der Zukunft. Eröffnet wurde das Nachmittagsprogramm durch einen Redebeitrag von Klaus Vitt, Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat und Beauftragter der Bundesregierung für Informationstechnik, der in seinem Vortrag unter anderem zur 5G-Technologie und deren Einfluss auf die Kommunikation der Sicherheitsbehörden ausführte.“"[1]

Erprobung im Panzerbatallion Munster

Im Krisen- und Kriegsfall muss jeder Winkel der Republik mit 5G vernetzt sein, um eine digital gesteuerte Gefechtsführung in Echtzeit zu ermöglichen. Im Bericht auf der Seite https://www.deutschesheer.de vom 6.12.2018 über den Startschuss zur Digitalisierung der Landstreitkräfte heißt es:

  • "In Munster (Panzerlehrbataillon 93, df)  werden die Soldatinnen und Soldaten ab sofort die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen. Sie werden dazu beitragen, nicht nur die Landstreitkräfte zukunftsfähig zu machen, sondern damit die Bundeswehr insgesamt zu stärken. „Der Testverband geht aktiv in die ‚Digitale Welt‘, um zu testen, was die neuen Produkte der Industrie tatsächlich können und wie sie das Kerngeschäft der Landstreitkräfte verändern“ sagte Generalleutnant Vollmer.

    Der Schwerpunkt des Vorhabens, mit dem das Heer auf dem Weg in die Zukunft vorangeht, liegt dabei zunächst auf der Führungsfähigkeit und der Digitalisierung in der Dimension Land.

    Das bedeutet beispielsweise, dass Systeme des Heeres wie Aufklärungsdrohnen, Schützenpanzer, Artilleriesysteme und viele mehr, bis hin zum Einzelschützen, mit den Gefechtsständen und anderen Führungseinrichtungen vernetzt werden. So können Daten und Erkenntnisse der Aufklärungskräfte (Sensor) über gegnerische Ziele oder Handlungen unmittelbar an die Waffensysteme (Shooter) weitergegeben und damit eine schnelle Aktion oder Reaktion durch Waffenwirkung erzielt werden. Auch die Kommunikation wird digitalisiert. Im Zuge der Digitalisierung Land können sehr große Datenmengen viel schneller übertragen und damit detailliertere Lagebilder gewonnen werden, um eigene Operationen zielgerichtet und deutlich schneller zu führen. Ebenfalls werden eigene Führungseinrichtungen vom Gegner schwerer aufgeklärt und identifiziert werden können. Die eigenen Kräfte können deutlich besser geschützt werden.

    Mit dem offiziellen Startschuss in Dresden öffnet Generalleutnant Vollmer den Raum für Experimente, fürs Ausprobieren – und leistet so einen Beitrag zur weiteren Entwicklung. Ziel ist, dass die Möglichkeiten der Digitalisierung handfeste Früchte tragen. Ganz konkret gilt das für eine bessere Führungsfähigkeit der Speerspitze der NATO, der Very High Readiness Task Force (Land), kurz VJTF (L), bereits für das Jahr 2023." [2]

Die militärische Komponente: Wirkungsüberlegenheit erlangen

Es ist kein Zufall, dass Katrin Suder Vorsitzende des Digitalrates des Bundesregierung wurde. Sie kam aus dem Strategie- und Beratungsunternehmen McKinsey, war dann Staatssekretärin bei Ministerin von der Leyen im deutschen Verteidigungsministerium und dort auch für Cyber-/Informationstechnik verantwortlich. Sie geht davon aus, dass diejenige Macht den nächsten Krieg gewinnt, die mit Künstlicher Intelligenz (KI) die Nase vorn hat.

Suder denkt strategisch und stellt in ihrer Antwort auf die Frage der sicherheitspolitischen Bedeutung von "starker KI"  den Zusammenhang her zwischen der zivilen Vernetzung und ihrer militärischen Bedeutung:

  • "... was in jüngster Zeit passiert, ist, dass es unfassbar viel mehr Daten gibt, weil inzwi­schen überall Sensoren sind. Alles ist vernetzt, überall sind Chips, im Handy, im Auto, in all den Kameras, bald vielleicht standardmäßig in unserer Klei­dung ... Gerade entstehen praktisch täglich neue Anwendungen – auch im militärischen Bereich mit entsprechenden sicherheitspolitischen Im­plikationen. KI ist zentraler Bestandteil des „digitalen Gefechtsfelds“ oder, ein bisschen drastischer formuliert, KI kann eine „Waffe“ sein."[3]

Die KI im Militär braucht als Basis ein vernetztes Gefechtsfeld, das die Daten liefert. Und das ist die lückenlos vernetzte landesweite Infrastruktur, die gegenwärtig ausgebaut wird. Auf die Frage nach der KI im Gefechtsfeld antwortet Frau Suder:

  • "Auch dort gibt es immer mehr Sensoren, insbesondere Kameras, aber auch Satellitenbilder, Informationen aus dem Internet, Mobilfunkdaten und so weiter. Es werden immer mehr Daten und Informationen gewonnen und ausgewertet. Und dadurch, durch die Digitalisierung der Erhebung, Verarbei­tung und Präsentation all dieser Daten, kann man Wirkungsüberlegenheit er­langen. Wer bessere Informationen hat, wem es gelingt, all diese Informatio­nen zusammenzufügen, der gewinnt ... Deshalb spielt KI sicherheitspolitisch eine so bedeutende Rolle – wie bei jeder Technologie geht es um Vorherrschaft. Wir befinden uns mitten in einem globalen Wettstreit, vor allem zwischen den USA und China. Vor etwa einem Jahr hat China seine KI-Strategie veröffentlicht – ein ausge­sprochen ambitionierter Plan, in dem ganz klar das Ziel formuliert wird, bis 2025 Weltspitze werden zu wollen"(ebda).

In diesem Wettstreit, der ein gnadenloser Wirtschafts-, Cyber- und letztlich auch Militärischer "Streit" ist, will Deutschland nun gleichziehen mit der "nationalen Strategie künstliche Intelligenz", so Bundeskanzlerin Merkel im Interview.[4]

Die digitale Transformation der Städte und die Kommunikations-Infrastruktur sind Teil der digitalen Aufrüstung, in der wie früher bei Gefechtsfeldkarten keine Lücke bleiben darf, heute nennt man die Lücken "Funkloch". In diesem Zusammenhang bekommt eine Aussage von Kanzlerin Merkel ihre eigentliche Bedeutung:

  • "Nicht die Abdeckung der Haushalte ist entscheidend, sondern überall telefonieren zu können, im Zug, auf der Fernstraße, auf der Heide, und idealerweise auf jeder Wiese in der Natur Filme streamen zu können".

Die Informationsstelle Militarisierung e.V. Tübingen weist in einer Analyse nach, dass die KI-Entwicklung im "Cyber Valley Neckartal" Teil dieser Militarisierung ist.[5] Sie wird von der Landesregierung als Chefsache gefördert. Dagegen gibt es Widerstand von Tübinger Studenten.[6]

Rheinmetall: Datenaustausch als Grundlage der Gefechtsführung der Bundeswehr

In der Rheinmetall Presseerklärung vom 28. Juni 2017 heißt es:

  • "Die modulare Kampfausstattung „Infanterist der Zukunft-Erweitertes System“ (IdZ-ES) bindet die abgesessen operierenden Soldaten in die vernetzte Operationsführung ein. Als „boots on the ground“ entdecken, erkennen und identifizieren sie Ziele und bekämpfen sie – entweder durch ihre eigenen Kampfmittel oder durch andere Effektoren des Verbundes Aufklärung-Führung-Wirkung. Die schnelle, präzise, angemessene Bekämpfung von Zielen trägt somit nicht nur zum Schutz eigener Kräfte, sondern auch zum Schutz der Bevölkerung und zur Vermeidung von Kollateralschäden bei. Seit Sommer 2013 befindet sich IdZ-ES im Einsatz in Afghanistan.
  • Die Bundeswehr hat seit 2012 in drei Losen insgesamt 90 Systeme zur Ausstattung für jeweils eine Zehn-Mann-Gruppe beschafft. Bei der jetzigen Beauftragung steht der Zug im Mittelpunkt der Betrachtung. Mit den 68 Zugsystemen lassen sich über 2460 Soldaten ausrüsten. IdZ-ES integriert als ganzheitlicher Systemansatz das „Gesamtsystem Infanterie“ – den Infanterie- bzw. Panzergrenadierzug mit ihren Fahrzeugen und den darin verbauten Basisstationen – in die vernetzte Operationsführung.
  • Besonders hervorzuheben ist das Kern- und Helmsystem. Der über einen Akkupack mit Energie versorgte Kernrechner – beides wird auf dem Rücken getragen („Elektronischer Rücken“) – steuert über diverse Schnittstellen alle Geräte und Sensoren, die der Soldat mitführt. Zu den Hauptfunktionen zählen Stromversorgungsmanagement, Zugangskontrolle und -überwachung, Informationssystem Soldat zur Karte/Lagedarstellung, Navigation, Meldewesen, Austausch von Aufklärungs- und Zieldaten, Verarbeitung diverser Sensordaten (z. B. Eigenposition, Blickrichtung), Bedienerschnittstelle und Visualisierung sowie die Systemkonfiguration.Über eine manuelle Bedieneinheit (BAG = Bedien- und Anzeigegerät) kann der Soldat das Soldatenführungssystem und die Kommunikation steuern. Auf dem BAG oder alternativ seinem OLED-Helmdisplay kann er alle relevanten Daten zur Lage, der Position eigener Kräfte (blue force tracking), zum Auftrag und zum Systemstatus erkennen."[7]

Quellen:

[1] https://www.bdbos.bund.de/SharedDocs/Meldungen/DE/2018/189819_cih_bundeswehr.html

[2] http://tinyurl.com/y6r2oq5n

[3] Interview: Es geht um den Kern von Sicherheit. Die frühere Staatssekretärin Katrin Suder über Künstliche Intelligenz, https://zeitschrift-ip.dgap.org/de/ip-die-zeitschrift/archiv/jahrgang-2018/juli-august-2018/es-geht-um-den-kern-von-sicherheit

[4] Online Interview mit Angela Merkel am 14.11.2018 bei t-online.de: "Merkel erklärt ihren Plan für Deutschlands digitale Zukunft"; https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id_84778790/angela-merkel-im-interview-ihr-plan-fuer-deutschlands-digitale-zukunft.html

[5] IMI-Analyse 18/2018: Das Cyber Valley in Tübingen und die Transformation zum Rüstungsstandort, Tübingen.  IMI-Analyse 2019/09: Ins gemachte Netz gesetzt. Bundeswehr steigt ins Digitalfunknetz der zivilen Sicherheitsbehörden ein. Offizielle Seite der Universität: https://cyber-valley.de/de

[6] https://www.heise.de/newsticker/meldung/Cyber-Valley-Gegner-fordern-mehr-Transparenz-zu-Kuenstlicher-Intelligenz-4255758.html

[7]   https://www.rheinmetall-defence.com/media/editor_media/rm_defence/publicrelations/pressemitteilungen/2017/2017-06-28_Rheinmetall_IdZ-ES_de.pdf

Video ab 2:45: https://www.youtube.com/watch?v=_8O-6P5ytME

Zur vernetzten Kriegsführung siehe auch:

https://de.wikipedia.org/wiki/Network-Centric_Warfare

Artikel veröffentlicht:
08.04.2019
Artikel aktualisiert:
13.04.2019
Autor:
diagnose:funk