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Bundesamt für Strahlenschutz korrigiert Fehlinformationen nicht

WLAN: Briefwechsel diagnose:funk mit dem Bundesamt
Alle reden über 5G. Wir auch. Parallel zu 5G läuft ein zweiter Feldversuch. WLAN an Schulen setzt unsere Kinder und die Lehrer hohen Gesundheitsrisiken aus. "Kein WLAN an Schulen!" - seit 2018 klärt diagnose:funk dazu auf. Und führt eine Auseinandersetzung mit den Behörden.

Strahlung ist nichts Esoterisches, sondern ein Bestandteil der Evolution. Und künstlich erzeugte Strahlung birgt hohe Risiken. Deshalb gibt es ein Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Es hätte die Aufgabe, jede Strahlungsart auf seine Verträglichkeit für Mensch, Tier und Natur zu überprüfen und ggf. Schutzbestimmungen vorzuschlagen. Dieses Bundesamt hat sich schon in der Diskussion um die Atomstrahlung mehrmals disqualifiziert. Bei der Mobilfunkstrahlung reagiert es reflexhaft. Wird ein Risiko durch Forschungsergebnisse bekannt, werden die Erkenntnisse verharmlost. Höhepunkt sind die Mobilfunkberichte des BfS an den Bundestag, in denen relevante Forschungsergebnisse ausgeklammert werden. In einem Brief, den wir eigentlich nicht veröffentlichen wollten, wandte sich der diagnose:funk Vorstand an die neue Präsidentin des BfS, Frau Dr. Inge Paulini, mit der Bitte um eine persönliche Unterredung. Der Grund: der Pressesprecher des BfS, Jan Lauer, reagierte auf den WLAN-Review von Isabel Wilke in umwelt-medizin-gesellschaft mit Aussagen, die man als Lügen bezeichnen kann. Frau Dr. Paulini stellte uns daraufhin im Frühjahr 2018 einen Termin für Herbst 2018 in Aussicht. Seither ist Schweigen. Das veranlasst uns, nun den Brief im vollen Wortlaut zu veröffentlichen.

An das

Bundesamt für Strahlenschutz                                                                            08.05.2018

z.H. Frau Präsidentin Dr. Inge Paulini, Willy-Brand-Straße 5, 38226 Salzgitter

WLAN-Review von Isabel Wilke
Stellungnahmen des Presssprechers des BfS

Sehr geehrte Frau Dr. Paulini,

mit großer Verwunderung haben wir die Äußerungen des Bundesamtes für Strahlenschutz in der Neuen Osnabrücker Zeitung (11.04.2018) und Frankfurter Rundschau (05.05.2018) zum Review von Isabel Wilke in der Zeitschrift umwelt-medizin-gesellschaft 1/2018 gelesen.[1] Wir bitten Sie, zu überprüfen, wie die in den Ausführungen Ihres Pressesprechers Jan Lauer enthaltenen Fehlinformationen und Unterstellungen zustande gekommen sind.

Zugleich möchten wir diesen Vorgang zum Anlass nehmen, Sie um einen Gesprächstermin zu bitten, bei dem die Vorsitzenden von diagnose:funk, Jörn Gutbier und Peter Hensinger, mit Ihnen einen Meinungsaustausch beginnen können über unsere Vorstellungen einer Verbraucherschutzpolitik angesichts des massiven Ansteigens der Strahlungsbelastungen durch Smart City, Smart Home, Smart Mobilitiy und 5 G.

Ihr Pressesprecher Herr Lauer hat in der Neuen Osnabrücker Zeitung und der Frankfurter Rundschau zum WLAN-Review in der Zeitschrift umwelt-medizin-gesellschaft für Ihr Haus Stellung bezogen. Die Autorin Dipl. Biologin Isabel Wilke wertet seit über 20 Jahren monatlich für die Zeitschrift Strahlentelex / Elektrosmog-Report die Studienlage zur nicht-ionisierenden Strahlung und zur Niederfrequenz aus und gilt als eine der kompetentesten Fachfrauen. Deshalb gaben wir ihr vor ca. drei Jahren den Auftrag, die internationale Studienlage auszuwerten. Anlass waren die Pläne, WLAN an Schulen einzuführen und der Review von Naziroglu / Akman (2014) im Springer Reference-Book, in dem erstmals umfassend die Risiken von WLAN dargestellt wurden.[2] Isabel Wilke hatte den Auftrag, nach wissenschaftlichen Standards die Studienlage bis 2018 zu erfassen.

Ihr Pressesprecher Herr Lauer unterstellt Frau Wilke eine unwissenschaftliche Methode und Subjektivismus in der Auswahl der Studien. Diese indirekte Disqualifizierung einer Wissenschaftlerin ist keine faire Argumentation. Die Fakten, mit denen Herr Lauer dies belegt, sind manipulativ. Herr Lauer wird in der FR wie folgt zitiert:

  • "Behördensprecher Jan Henrik Lauer, von der FR um eine Einschätzung der Wilke-Arbeit gebeten, wirft der Biologin unwissenschaftliche Methoden vor. Zu dem strittigen Frequenzbereich gebe es rund 2 800 experimentelle Studien. Wilke habe aber nur etwa hundert davon beachtet. „Es scheint, als ob ‚systematisch‘ Studien ausgewählt wurden, die gesundheitsrelevante Effekte zeigen, ohne dabei die Qualität und Aussagekraft des Studiendesigns in irgendeiner Hinsicht zu berücksichtigen“, kritisiert Lauer. Bewerte man die Gesamtheit aller Studien, so lasse sich keine „frequenzspezifische Gefährlichkeit von WLAN erkennen“."

1. Die Aussage von Herrn Lauer, es gäbe zur Frequenz von WLAN 2.800 Studien ist falsch und transportiert die manipulative, verharmlosende Botschaft: die 100 Studien im Wilke-Review seien ein unbedeutender Teil der Erkenntnisse. Es gibt in der Referenzdatenbank EMF-Portal zu allen Frequenzen (GSM, UMTS, LTE, TETRA, Bluetooth und WLAN) zum Stand November 2017 eine Gesamtzahl von 1.430 Studien, das dokumentiert das EMF-Portal selbst. Zu WLAN stehen im EMF-Portal je nach Kategorisierung zwischen 200 und 400 Studien.

2. Die "Gesamtheit der Studien" wurde in den Reviews von Naziroglu/Akman (2014), Wilke (2018) und Pall (2018)[3] dargestellt und bewertet. Die Reviews kommen in Bezug auf die Zelltoxizität zu ähnlichen Ergebnissen. Unsere Mail-Anfrage (17.04.2018) an Herrn Lauer zu seiner Behauptung, die "Gesamtheit aller Studien" ergebe keine „frequenzspezifische Gefährlichkeit" wurde von Herrn Lauer folgendermaßen beantwortet:

  • "Frage: Gibt es einen Review, der alle die von Ihnen benannten 2.800 Studien bewertet und auf dem Ihre Einschätzung beruht?
  • Antwort: Nein, gibt es nicht."

Wie kommt es dann zu dieser Desinformation an die Presse, und damit die Öffentlichkeit?

3. Die Aussage, Frau Wilke hätte den Review erstellt, "ohne dabei die Qualität und Aussagekraft des Studiendesigns in irgendeiner Hinsicht zu berücksichtigen", ist eine Unterstellung und vorgeschoben, um sich mit dem Inhalt des Reviews nicht auseinandersetzen zu müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Frau Wilke hat darauf in der FR geantwortet.

4. Weiter heißt es in der FR:

  • "Der BFS-Sprecher untermauert seine Kritik mit Beispielen: Wenn ein Laptop die Spermienqualität beeinträchtige, dann könne das auch an der Akku-Wärme liegen."

Das ist eine bewusst verwirrende Argumentation, mit einer Halbwahrheit, mit der von den vielen Studien, die im nicht-thermischen Bereich Schädigungen der Reproduktionsorgane nachweisen, abgelenkt wird.

5. Weiter antwortet Herr Lauer in der FR:

  • "Dass ein EEG durch hochfrequente Felder beeinflusst werde, sei unstrittig; doch aus Sicht von EEG-Experten seien solche Effekte gesundheitlich nicht relevant."

Auf welche Experten beruft sich Herr Lauer? Viele Experten, die EEG-Studien durchgeführt haben, weisen auf relevante Effekte hin, dokumentiert u.a. bei Wilke. Warum führt Herr Lauer nicht beide Standpunkte auf?

6. Herr Lauer sagt: "Oxidativer Stress sei ein natürlicher Prozess. Das Robert-Koch-Institut habe 2008 keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Umweltbelastung, oxidativem Stress und bestimmten Krankheiten bestätigen können." Das ist eine falsche und überholte Argumentation, das EMF-Portal schreibt im Glossar:

  • "Oxidativer Stress entsteht, wenn oxidative Vorgänge durch freie Radikale (z.B. Wasserstoffperoxid) die Fähigkeit der antioxidativen Prozesse zur Neutralisation übersteigen und das Gleichgewicht zugunsten der Oxidation verschoben wird. Verschiedene Schädigungen in den Zellen können hervorgerufen werden, z.B. Oxidation von ungesättigten Fettsäuren, Proteinen und DNA."[4]

Wir möchten uns auf diese 6 Punkte beschränken, die zeigen, dass das BfS sich nicht objektiv mit der Studienlage und dem Review auseinandersetzt, sondern statt aktiv Strahlenschutz und Vorsorge zu betreiben, in einer pauschalen Entwarnung seine Aufgabe sieht. Damit wird der Standpunkt "Digital First - Bedenken Second" bedient. Das kann nicht Aufgabe des BfS sein und widerspricht einer Vorsorgepolitik.

Sehr geehrte Frau Dr. Paulini,

obwohl uns bereits Anfragen zu den Aussagen von Herrn Lauer vorliegen, möchten wir mit unserer Kritik nicht an die Öffentlichkeit gehen, sondern würden diesen Vorgang, der die Arbeitsweise des BfS in den letzten 15 Jahren widerspiegelt, gerne in einem persönlichen Gespräch erörtern. Aber vor allem würden wir gerne die aktuellen Anforderungen an den Strahlenschutz im Bereich der nicht-ionisierenden Strahlung, wie wir sie als Verbraucherschutzorganisation sehen, mit Ihnen erörtern.

Mit den besten Grüßen

gez. Dipl.-Ing. Jörn Gutbier, Erster Vorsitzender

Quellenangaben:

[1] Wilke, I (2018) "Biologische und pathologische Wirkungen der Strahlung von 2,45 GHz auf Zellen, die Kognition und das Verhalten", umg 2018-1, Beilage

[2] Naziroğlu M, Akman H (2014): Effects of Cellular Phone- and Wi- Fi-Induced Electromagnetic Radiation on Oxidative Stress and Molecular Pathways in Brain. I. Laher (ed.), Systems Biology of Free Radicals and Antioxidants, 2431–2449; Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2014.

[3] Pall ML (2018): Wi-Fi is an important threat to human health. Environmental Research 164, 405–416

[4] siehe dazu auch:

Hecht K: Ist die Unterteilung in ionisierende und nichtionisierende Strahlung noch aktuell?, Forschungsbericht der Kompetenzinitiative e.V., 2015

Hensinger P, Wilke I: Mobilfunk: Neue Studienergebnisse bestätigen Risiken der nicht-ionisierenden Strahlung, umwelt · medizin · gesellschaft | 29 | 3/2016

Sies H: Oxidants and Antioxidants, Experimental Physiology(1997), 82, 291-295

Sies H: Oxidative stress: a concept in redox biology and medicine, RedoxBiology 4(2015)180-183

Yakymenko I et al.: Oxidative mechanisms of biological activity of low-intensity radiofrequency radiation. Electromagn Biol Med 2016; 35 (2): 186-202

Younes M: Freie Radikale und reaktive Sauerstoffspezies, in: Marquardt/Schäfer: Lehrbuch der Toxikologie,1994, Mannheim

Artikel veröffentlicht:
04.04.2019

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