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Interview mit Prof. Werner Thiede zu 5G

Tolle Welt oder Horrorwelt?
Die Versteigerung der 5G-Frequenzen steht ins Haus. Der Theologieprofessor, Weltan­schauungsexperte und Pub­lizist Werner Thiede zählt zu den differenziert argu­men­tie­renden Kritikern. Nach seiner 5G-Broschüre „Die digitale Fortschrittsfalle“, die jetzt in 2. Auf­lage vorliegt, lässt er nun eine weitere folgen: „Digitalisierung als Welt­anschauung. Wie die rigorose Vernetzungspolitik mit 5G-Mobilfunk ideologische Züge offenbart“ (90 S.). Peter Rath-Sangkhakorn vom www.pad-verlag.de hat dazu folgendes Interview mit Pfarrer Thiede geführt.

Frage: Herr Professor, manche Leitmedien der deutschen Presse preisen den kommenden Mobilfunkstandard der 5. Generation (5G) wie eine Erlösungsmacht. Laut Tomaso Duso („Der Spiegel“) er­möglicht er „eine tolle Welt“, in der die Menschen – so Thomas Heuzeroth („Die Welt“) – zum Beispiel „da­von pro­fitieren, wenn ihre Sensoren, darunter für Strom, Wasser, Über­wachung, Tempe­ra­tur und Rauchmelder mitein­ander vernetzt sind.“ Sie als Publizist und theo­logischer Ethiker sehen 5G anders?

Werner Thiede: Die Vorteile, die 5G-Mobilfunk mit sich bringt, muten mitunter geradezu magisch an und faszinieren deshalb manche Zeitgenossen. Sie bedeuten allerdings kaum Ab­hilfe von lästigen Übeln, sondern Luxus – wie etwa selbstlenkende Autos und automatisch funk­tionierende Haustechniken, die dann in Echtzeit funktionieren, also rasend schnell. Doch größere Teile der Bevölkerung können und wollen darauf gern verzichten. Sie sorgen sich zu­recht wegen der mit 5G verbundenen Strahlenbelastung. Dürfte doch der hundertmal schnellere Datendurchsatz mit einer vielleicht hundertmal höheren Strahlenbelastung auf der Straße und in manchen Häusern einhergehen! Der Nutzen steht dann meiner Meinung nach in keinem Ver­hältnis zum Gesund­heits­risiko.

Gilt das auch für den Nutzen auf dem Gebiet der Industrie 4.0?

Hier ist das Hilfreiche der Echtzeit-Funktion bei 5G eventuell nachvollziehbarer als im priva­ten Haushalt oder beim Telefonieren. Aber selbst unter diesem Aspekt gilt der ge­sund­heit­liche Vorbehalt, sofern etwa in den betreffenden Fabriken Menschen arbeiten. Schon gar nicht kann ich es begreifen, dass ein noch schnelleres Herunterladen von Videos die riskante 5G-Technologie rechtfertigen soll.

Sind denn die Risiken überhaupt bewiesen oder nur gering?

Das Bedenkliche besteht darin, dass eine Unschädlichkeit der neuartigen 5G-Strah­lung nicht bewiesen ist. Im Gegenteil: Es gibt einige Studien, die bei 5G durchaus kritische Effekte zei­gen. Eine ethisch bedachtsame Einstellung wäre deckungsgleich mit dem Vorsorgegebot, das in der EU eigentlich festgeschrieben ist und Experimente an der Bevölkerung verbietet.

Warum wird 5G dann in der EU und weltweit aufgebaut? Ist das gegen alle Vernunft?

Ganz so würde ich es nicht sagen: Es ist beim Rollout von 5G schon eine Vernunft dahinter, aber eben eine andere Grammatik, ein anderes Wertesystem, das eine andere Logik zur Folge hat. Man kann auch sagen: Beim 5G-Mythos herrscht ein anderes Paradigma, eine andere Weltanschauung vor. Da wird technischer Fortschritt absolut gesetzt und dafür die Würde und Gesundheit des Menschen zwar nicht einfach preisgegeben, aber doch eben ris­kiert! Sie stehen nicht mehr im Mittelpunkt, wie das christliche und neuzeitliche Denk­tra­di­tionen vorgegeben haben. Deshalb konnte man aus dem Gesund­heits­kom­missariat der EU hören, die An­wendung des Vorsorgeprinzips auf die Mobilfunk­tech­no­lo­gien sei „eine zu dras­tische Maß­nah­me“. So zu denken ist jedenfalls kein moralischer Fortschritt!

Hängt das mit einem veränderten Menschenbild zusammen?

Durchaus. Treuherzige Beteuerungen von Politikern und Technokraten, es werde wei­terhin um das Wohl des Menschen gehen, meinen damit inzwischen den Menschen auf dem Weg zur Selbstoptimierung, der zum Cyborg werden soll. Das ist das Menschenbild des Beha­viorismus, aber nicht mehr das der Auf­klärung, das noch im Kern an ein tradi­tionelles Ethos ge­bunden war. Und es ist erst recht nicht das Menschenbild der Kirchen – es sei denn, dass die Kirchenleitungen immer mehr auf Digitalisierungskurs gehen.

Könnte man das christliche Menschenbild nicht als altmodisch bezeichnen?

Wenn man sich am Begriff der Mode orientiert, dann mag man das in manchen Teilen unse­rer heutigen Welt tun. Aber das Verständnis des Menschen in seiner Bestimmung vor Gott ist nicht abhängig von Moden oder Philosophien. Die Botschaft des Christentums basiert auf Jesus Christus als dem ein für allemal Mensch gewordenen Gott. Da geht es nicht um eine Selbstoptimierung des Menschen in einer selbstfabrizierten Zukunft, sondern im Gegenteil darum, dass die Vollkommenheit von Mensch und Welt Gottes Geschenk an seine Schöpfung sein wird, wenn er sein Werk vollendet und mit dem Kommen seines Reiches auch seine Liebe und Gerechtigkeit universal offenbaren wird. Diese Botschaft nennt sich frohe Bot­schaft, also Evangelium, weil sie den Menschen frei macht von jeglichen Zwängen, sich quasi selbst zu erlösen.

Demnach wäre die digitale Revolution ein weiterer Versuch, den Himmel auf Erden zu schaf­fen und dabei vielmehr die Hölle auf Erden zu bereiten?

Ja, nur wegen der smarten Technologien noch folgenreicher als bisher. Für viele Menschen sind die Verheißungen, die mit der Einführung von 5G ein­her gehen, eine Horrorvorstellung. Sie empfinden es keineswegs als „Profit“, wenn das „Internet der Dinge“ auch noch ihre Bettdecke vernetzt, wenn funkende Strom-, Gas- und Was­serzähler, ja sogar Funkrauch­mel­der ihre privatesten Räume mit Elektrosmog überziehen. Oder wenn sie ihr Auto nicht mehr selbst steuern können. 5G spal­tet die Gesellschaft in den Teil der Technikvernarrten, die dem unendlichen Fortschritt frö­nen, und in den Teil der Be­sonnenen, die verant­wor­tungsbewusst die Risiken sehen und bedenken, dass Unend­lichkeit eine Eigenschaft Gottes und nicht der Welt ist. Meist sind die­ so gegensätzlich orien­tierten Bevölkerungsteile iden­tisch mit denen auf der einen Seite, die immer mehr Be­schleu­nigung wollen, und denen, die darin einen Irrweg für das Wohl von Mensch und Welt sehen, also eher auf Ent­schleunigung aus sind.

Also läuft 5G dem Entschleunigungsdenken zuwider?

Natürlich, zumal die technisch einzusparende Zeit dann oft auch wieder den technologisch vernetzten Spielen, Kommunikationen oder Virtualitäten gewidmet wird. Ich halte das alles für keine erstrebenswerte Realität – und kann zum Beispiel nur noch den Kopf schütteln, wenn ich in einem führenden Presseorgan zu 5G lese: „Wer will, kann in seinem Auto künftig 500 Stundenkilometer fahren und trotzdem noch das mobile Internet nutzen.“ Für viel Non­sense wird ein großes Risiko eingegangen. Ich frage mich: Wann wachen die Entschei­dungs­träger in der Politik endlich auf, statt weiter einen „Überwachungskapitalismus“ zu för­dern, wie das Shoshana Zuboff nennt?

… Und wann wacht die Bevölkerung auf, um Widerstand zu leisten?

Es geht nicht um Widerstand an sich, wohl aber darum, dass sich die Menschen gegen den technokratischen Umbau der Gesellschaft und ihrer Identität zu wehren, der von Silicon Val­ley aus diktiert wird. Die Mehrheit möchte keineswegs zu einem Maschinen-Menschen wer­den, ständig ausgespäht und in Wolken von Elektrosmog! Aber bislang verschlafen die Mas­sen ihre Möglichkeit, gegen die technologische Versklavung aufzustehen. Sie sind gro­ßenteils bereits manipuliert und bestochen von den zauberhaften Möglichkeiten neu­es­ter Technik. Man hört immerhin viele Stimmen, die wie zum Beispiel Richard David Precht sagen, wir könnten uns entscheiden und müssten nicht der Logik des Silicon Valley folgen, nach der alles schon vorgezeichnet ist. Demgegenüber meine ich: Mit jedem Jahr, ja mit jedem Monat schmilzt das Maß unserer bürgerlichen Entscheidungsfreiheit dahin. Heutiger Fortschritt bedeutet ein Fortschreiten in Richtung eines neuartigen Totalitarismus.

Gilt das auch im Blick auf die Mobilfunkpolitik?

Leider! Man sieht das daran, was derzeit gerichtlich verhandelt wird: das Ausmaß der Pflicht zur möglichst vollständigen sogenannten „Versorgung“ mit dieser wissenschaftlich doch so umstrittenen Strahlung, nicht aber Fragen der Gesundheitsgefahren! Derzeit formieren sich zwar erste Aktions­bündnisse gegen 5G, aber die Durchsetzungsmacht liegt bereits stark auf Seiten der digitalen Revolutionäre. So weist das EU-Gesundheitskommissariat gesundheit­li­che Bedenken gegenüber 5G zurück; meine Hoffnung ist gering, dass die Wahl zum Europa­parlament im Mai daran etwas ändern wird.

Arbeitet man derzeit nicht sogar schon am 6G-Mobilfunk?

Da ist wie gesagt ein gewaltiges Paradigma am Werk, und ich fürchte mit Tausenden Wis­sen­schaftler-Kollegen weltweit: ein verheerendes! Dem Internationalen 5G-Appell zufolge, den bislang über 54.000 Forscher, Ärzte, Umweltorganisationen und Bürger aus vielen Län­dern unterzeichnet haben, stellt der Einsatz von 5G ein nach internationalem Recht straf­ba­res Ex­periment an Menschheit und Umwelt dar. Im tiefsten Grunde ist es aber ein Weltan­schau­ungskampf, der über die weitere Weltgestaltung entscheidet. Ich hoffe, mit meinen beiden Bro­schüren auf diesen Sachverhalt aufmerksam machen zu können.