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5G-Ausbau: "Im Grunde ungeheuerlich!"

diagnose:funk im Interview mit Prof. W. Thiede
Im November sollen die Weichen für die Versteigerung der neuen 5G-Frequenzen im März gestellt werden. Deshalb ruft jetzt Prof. Dr. theol. habil. Werner Thiede, Autor des Buches „Mythos Mobilfunk“ (2012), zur Besinnung auf – in Gestalt einer Broschüre (Bestelldaten siehe ganz unten).

Prof. Dr. Helmuth Kern (Neckartenzlingen) vom Diagnose-Funk-Vorstand hat ihn zu seiner neuen Veröffentlichung mit dem Titel „Die digitale Fortschrittsfalle. Warum der Gigabitgesellschaft mit 5G-Mobilfunk freiheitliche und gesundheitliche Rückschritte drohen“ interviewt:

diagnose:funk:  Herr Prof. Thiede, mit Ihrer Broschüre reihen Sie sich ein in die Phalanx von Kritikern des bevorstehenden 5G-Mobilfunks, die sich derzeit aus allen Kontinenten zu Wort melden. Ist Ihr Zugang zum Thema ein anderer als der warnender Ärzte und IT-Experten?"

Prof. Dr. theol. habil. Werner Thiede

Prof. Thiede:  In der Tat argumentiere ich vorwiegend in meiner Eigenschaft als Systemati­scher Theologe – also unter ethischen Aspekten und mit analytischem Blick aufs Menschen­bild. Dabei greife ich selbst­verständlich die ärztlich-medizinischen und technischen Argu­men­te mit auf, wie sie kritisch zur vierten und insbesondere fünften Mobilfunk-Genera­tion kursieren. Mein Zugang ist aber primär ein geisteswissenschaftlicher: Ich stelle das komplexe Thema in einen theolo­gisch-philosophischen Rahmen. Und dafür erscheint mir die Bezug­nahme auf den Begriff des Fortschritts als besonders geeignet.

diagnose:funk:  Gehen Sie etwa als „Fortschrittsfeind“ an die Sache heran?

Thiede:  Kaum jemand wird sich selber als „Fortschrittsfeind“ betrachten; das ist ein polemi­scher Begriff der Digitalisierungstreiber. Die aber pflegen offenkundig einen eher naiven Fort­schritts­begriff – als sei alle technische Weiterentwicklung selbstverständlich zu begrüßen und für die Menschheit von Vorteil. Über eine solche Sicht der Dinge sollten wir im 21. Jahrhun­dert längst hinaus sein. Sie wird aber von den Propheten der digitalen Revolution hochge­hal­ten und geradezu als ein Gebot betrachtet, dem sich die Politik gefälligst unterzu­ordnen habe.

diagnose:funk:  Und die Politik spielt da gerne mit?

Thiede:  Die Politik weiß sich von jeher dem wirtschaftlichen Wachstum verpflichtet – einem Prinzip, das heute bekanntlich keineswegs mehr unumstritten ist. Unbedingtes Wachstum wird gern pauschal mit technischem Fortschritt in eins gesehen. Insbesondere konservative Parteien pflegen diese Vorstellung seit jeher. Deshalb plädieren in Deutschland gerade die C-Parteien für eine forcierte Digitalisierung, statt unter dem Blickwinkel eines christlichen Men­schen­bil­des auf die problematischen Aspekte einer Rundum-Vernetzung aufmerksam zu werden – und aufmerk­sam zu machen!

diagnose:funk:  Welche Punkte würden Sie da als Theologe vor allem nennen?

Thiede:  Wenn in Jesus Christus Gott selbst Mensch geworden ist, kommt jedem Men­schen eine grundsätzliche Würde zu. Im Zuge der Digitalisierung gerät aber die Menschen­würde ins Tru­deln. Da nehmen totalitäre Tendenzen zu – ich erinnere an das Buch der IT-Expertin Yvonne Hofstetter „Das Ende der Demokratie“ und an zahlreiche Bestseller zur digital be­werkstel­ligten Überwachungskultur. Zur Logik der digitalen Revolution gehört das Bestreben, den Men­schen optimieren und mit Maschinen verschmelzen zu wollen. Nicht mehr Gotteben­bildlichkeit, sondern Maschinenebenbildlichkeit wird zur Basis des Menschenbilds. Post- oder Transhumanismus heißen die philosophischen oder ideologischen Ansichten und Umwertun­gen.

diagnose:funk:  Könnten solche Cyber-Verschmelzungen denn nicht tatsächlich einen Fortschritt bedeuten?

Thiede:  Ich bestreite keineswegs, dass die Digitalisierung in mancher Hinsicht Vorteile ge­bracht hat und bringen wird, namentlich auf medizinischem Sektor. Aber ich verschließe nicht die Augen vor den Gesamtten­denzen der Entwicklung, und die bereiten mir – und nicht nur mir! – große Sorgen. Es geht ab in Richtung Technokratie, die Menschen immer mehr ent­mündigt, ja in „digitale Demenz“ abgleiten lässt, wie der Hirnforscher Manfred Spitzer und andere es formulieren. Die Digitalisierung führt und verführt viele Menschen hin zu letzt­lich selbstverschuldeter Unmündigkeit.

diagnose:funk:  Damit nehmen Sie auf den Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant Bezug?

Thiede:  Allerdings! Er hatte „Aufklärung“ als Aufwachen aus selbstverschuldeter Unmün­digkeit verstanden. Insofern passiert inmitten unserer sogenannten Informationsgesellschaft genau das Gegenteil: Menschen werden manipuliert, verführt, ausgespäht, informationell zu­gemüllt und durch ihnen vorausgeschickte Algorithmen von außen „eingeschätzt“. Das alles bedeutet im Grunde einen Irrweg hinein in eine neue Form von massenhafter Unmündigkeit – kein Fortschritt, son­dern ein gravierender Rückschritt!

diagnose:funk:  Erblicken Sie diese neue Form von Unfreiheit auch auf dem Mobilfunk-Sektor?

Thiede:  Ja, und zwar in bedrohlich wachsendem Maß. Wir erleben gerade ein gemeinsames Ringen von Politik und Konzernen um das Ziel, Mobilfunk möglichst bald flächendeckend hinzube­kommen und nahezu 100 Prozent der Bevölkerung zu „versorgen“. Und das ganz ungeniert im Jahr 2018, in dem doch neue, begründete Wissenschaftler-Warnungen vor dem krebserre­genden Potenzial dieser Strahlung aus den USA zu uns herübergekommen sind. Auch einige europäische Experten und Ärzte teilen diese kritische Sicht. Ich kann es durchaus bedächtig formulieren: Fakt ist, dass es interna­tional kontroverse Expertenmeinungen zu den möglichen Effekten der Mobilfunk-Strahlung gibt. Gerade aber weil die Forschungslage un­klar, also nicht wirklich geklärt ist, halte ich es im Grunde für ungeheu­erlich, Mobilfunk trotz der eben keineswegs risikolosen Dimension der Strahlung den Men­schen total, also quasi totalitär zuzumuten. Bürgerinnen und Bürger, die der Strahlung kritisch gegenüber stehen oder sie als Elektrosensible gar schmerzlich spüren, haben kaum mehr Chancen, ihr aus­zuweichen. Der Städte- und Gemeindebund rechnet wegen der vielen für 5G notwendig wer­denden Standorte von Funk­an­lagen bereits mit Widerstand in der Bevölkerung; man bereitet sich darauf vor, dem „rechtssicher“ zu begegnen. Vom ethischen Gedanken an „weiße Zonen“ zum Schutz der betroffenen Minderheit hört man in Politik und Wirtschaft meines Wissens gar nichts mehr.

diagnose:funk:  Setzen sich denn nicht wenigstens die Kirchen für Elektrosensible ein?

Thiede:  Das hielte ich für eine Selbstverständlichkeit unter Christen. Aber ich merke bei kir­chenleitenden Organen bislang so gut wie nichts davon. Im Gegenteil: Mit dem „Godspot“-Programm werden inzwischen WLAN-Hotspots in oder auf Kirchen installiert – für mich als Pfarrer, der sich mit der Materie auseindergesetzt hat und um mancherlei warnende WLAN-Studien weiß, ja selber immer wieder publizistisch gewarnt hat, einfach unfassbar! Man kann sich heutzutage just dank Internet sehr wohl kundig machen, wenn man nur will. Und da sich in der Forschung unterschiedliche, ja kontroverse  Bewertungen zeigen, die ja oft auch mit In­dustrienähe oder ‑Unabhängigkeit zu tun haben, gilt ethisch zumindest das Vorsorgegebot. Also das Ge­bot der Vorsicht und Rücksichtnahme: Be­denken first – Digitalisierung second!

diagnose:funk:  Ist nicht, wer so denkt, ein Fortschrittsbremser?

Thiede:  Tja, so wird es kurzschlüssig gesagt und empfunden. Meine Warnungen wollen aber eine Pseudo-Fortschritt bremsen, der in Wahrheit einen ethischen und damit menschheitlichen Rückschritt bedeutet. Wenn im Zuge der Digitalisie­rung immer mehr Entscheidungen an so­genannte Künstliche Intelligenz abgegeben werden, dann muss das gerade auch auf mili­tärischem Gebiet am Ende in die Katastrophe führen. Der­zeit baut sich eine gigantische Fortschrittsfalle auf. 5G-Mobilfunk dient zumindest indirekt diesem gefährlichen Prozess. Um das näher zu erläutern, habe ich die neue Broschüre ge­schrieben.

diagnose:funk:  Herr Professor Thiede, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Werner Thiede

"Die digitale Fortschrittsfalle. Warum der Gigabit-Gesellschaft mit 5G-Mobilfunk freiheitliche und gesundheitliche Rückschritte drohen"

Bergkamen 2018 (5 Euro, Staffelpreise), Be­stellungen direkt beim Pad-Verlag, Am Schlehdorn 6, 59192 Bergkamen, pad-verlag@gmx.net; im Buchhandel unter ISBN 978-3-88515-297-2.

Publikation zum Thema

04.10.2012Format: 14,9 x 2 x 21,1 cm Seitenanzahl: 302 Veröffentlicht am: 04.10.2012 ISBN-10: 3865814042ISBN-13: 978-3865814043Sprache: Deutsch

Mythos Mobilfunk

Kritik der strahlenden Vernunft
Autor:
Prof. Dr. Werner Thiede
Inhalt:
In der Auseinandersetzung mit der zunehmenden Luftverschmutzung unserer Lebenswelt durch elektromagnetische Felder markiert die perspektivenreiche Publikation einen neuen Meilenstein. Sie zeigt die trügerische Faszination, die von den Funk-Techniken ausgeht, aber auch das Maß an verdeckter Lüge und Gewalt, das sie in die Gesellschaft eingeführt haben und immer mehr Menschen zumuten – auf Kosten ihrer Gesundheit und Lebensqualität. Der erkennbaren Korrumpierbarkeit der menschlichen Vernunft und der Ethik-Vergessenheit von Politik und Industrie stellt Thiede eine theologisch und philosophisch fundierte Enttabuisierung des ‚Mythos’ entgegen, die der menschlichen Vernunft ihre Möglichkeiten und Rechte zurückgeben möchte.
2., aktualisierte Auflage, veröffentlicht 2014Format: 14,4 x 2 x 21,1 cmSeitenanzahl: 258 Veröffentlicht am: 30.10.2013 ISBN-10: 3643124015ISBN-13: 978-3643124012Sprache: Deutsch

Die digitalisierte Freiheit

Morgenröte einer technokratischen Ersatzreligion
Autor:
Prof. Dr. Werner Thiede
Inhalt:
Aus einer Besprechung in der Zeitschrift 'Umwelt-Medizin-Gesellschaft': "Thiede beschreibt eindringlich vier Freiheitsfallen, nämlich die politische, die ökologische, die lebenspraktische und die spirituelle Freiheitsfalle. Der Autor macht deutlich, dass es sich beim Internet der Dinge nicht um die ferne Zukunft handelt, sondern um die nächsten zehn Jahre. Umso leidenschaftlicher sein Appell zum ‚lebenspraktischen‘ Widerstand: ‚Dem zunehmenden Digitalisierungsdruck mutigen Freiheitswillen entgegenzustellen, statt freiheitsgewohnter Bequemlichkeit alle Wachsamkeit und Achtsamkeit zu opfern, ist heute erste Bürgerpflicht."
12. Februar 2015Format: 14,9 x 1,7 x 21,1Seitenanzahl: 238 Veröffentlicht am: 12.02.2015 ISBN-10: 3865817270ISBN-13: 978-3865817273

Digitaler Turmbau zu Babel

Der Technikwahn und seine Folgen
Autor:
Prof. Dr. Werner Thiede
Inhalt:
Unsere Gesellschaft hat im Zeichen der digitalen Revolution einen riskanten Weg eingeschlagen. Begeistert von den geradezu magisch anmutenden Chancen und Möglichkeiten des Digitalen meinen viele, die damit verbundenen Risiken verrechnen, kleinreden oder gar in Abrede stellen zu können. Prof. Werner Thiede plädiert indessen für eine ganzheitliche Wahrnehmung der Risiken des vorherrschenden Technizismus. Er macht deutlich, dass es bei der digitalen Revolution nicht nur um technische, sondern auch um kulturelle Veränderungen geht, deren Folgen zum Teil gravierende ethische Fragen aufwerfen. Trägt das globale Programm totaler Vernetzung Potentiale des Totalitären in sich? Thiede beschließt das Buch mit 95 Thesen, die zu einem Umdenken in Gesellschaft und Kirche auffordern.
Artikel veröffentlicht:
25.10.2018

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