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Dt. Pfarrerblatt: Zeitgeistkonform oder widerständig unterwegs?

Kirche und Dataismus
Unter dem Titel "Kirche und Dataismus. Zeitgeistkonform oder widerständig unterwegs in der Gigabit-Gesellschaft?" kritisiert der Theologieprofessor Prof. Werner Thiede die Anpassungsstrategie der evangelischen Kirche an den Digitalisierungshype. Er weist nach, dass die ehemaligen Internetpioniere inzwischen die Rolle des Internets und der digitalen Medien kritischer sehen als die Kirche. Er fordert die Kirche auf, die Risiken und Folgen der Digitalisierung zu analysieren, insbesondere weil hier eine Ersatzreligion entsteht.

Im Artikel heißt es: "Die sogenannte digitale Revolution ist in eine Krise geraten. Zwar steht Digitalisierung nach wie vor auf den Programmen der großen Politik und auch der Kirchen, die sich unter keinen Umständen nachsagen lassen wollen, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein: »Gemeinsam knüpfen wir das Netz der Zukunft«, steht beispielsweise über einem aktuellen Projekt der Württembergischen Landeskirche2; und im bayerischen Kirchenreformprogramm »Profil und Konzentration« (PuK)3 ist im abschließenden Leitsatz zu lesen: Die ELKB »lässt sich auf die hohe Innovationsfreudigkeit der digitalen Welt ein und entwickelt vielfältige Formate kirchlicher digitaler Arbeit.«4 Aber inzwischen ist auf der Höhe der Zeit, wer um den Techlash weiß, sprich: den erkennbaren »Rückschlag für die Technologiebranche insgesamt.«5 Der hat zu tun mit der global und gerade auch im Silicon Valley wachsenden Einsicht in die tiefere Problematik der digitalen Produkte für den Menschen und seine Zukunft. Und das sollte auch in der evangelischen Kirche ankommen.

Es mehren sich die Stimmen der Aufgeweckten

Bis vor kurzem noch wurden Warner vor »Digitaler Demenz« (M. Spitzer), vor der »Smarten neuen Welt« (E. Morozov), der »Digitalen Diktatur« (St. Aust), der »Smarten Diktatur« (H. Welzer), dem »Digitalen Debakel« (A. Keen), kurz: vor dem »Digitalen Turmbau zu Babel« (W. Thiede) als Kulturpessimisten und Fortschrittsverächter belächelt. Doch jetzt mehren sich die Aufgeweckten: »Manager und Entwickler bekunden öffentlich, wie sehr sie es bereuen, ihre Erfindungen auf die Menschheit losgelassen zu haben – Erfindungen wohlgemerkt, die sich als hocherfolgreich erwiesen haben und durch die sie stinkreich geworden sind.«6 Zu denken wäre hier an all »jene Valley-Dissidenten, die die Unternehmen, für die sie einst gearbeitet haben, mittlerweile als Teufelswerk verdammen«. So geißelt beispielsweise der frühere Google-Manager Tristan Harris die dämonische Kraft des Handys, dessen Gebrauch abhängig, weniger aufmerksam und vermindert kommunikationsfähig, ja im Teenageralter depressiv mache – und überhaupt wehrlos gegenüber den absichtlich so gestalteten Funkgeräten, die archaische Impulse und Belohnungssysteme aktivierten7. Ähnlich erklärt Loren Brichter, der Entwickler der App Tweetie: »Smartphones sind nützliche Werkzeuge, aber sie machen süchtig. Ich bereue die Nachteile.«8 Auch Chris Marcellino, Mitentwickler einer Apple-Push-Technologie, räumt inzwischen öffentlich ein, die neuen Technologien sprächen dieselben neuronalen Pfade an, wie das bei Glücksspiel oder Drogen der Fall sei..."

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Artikel veröffentlicht:
29.08.2018
Quelle:
Verband Evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e.V.

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