diagnose funk

Digitale Geräte können Verhaltensstörungen verstärken

Das Smartphone stört die Eltern-Kind-Beziehung
Ältere Menschen kennen noch diesen Ratschlag: „Tauch' den Schnuller in Schnaps, dann hört Dein Kind auf zu schreien.“ Heute stellen gestresste Eltern ihr Baby mit dem Smartphone oder Tablet still, und programmieren damit sein Gehirn auf Verhaltensstörungen. Das weist die neue US-Studie von Brandon T. McDaniel (Illinois State University) und Jenny S. Radesky (University of Michigan Medical School) nach.

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über sie mit dem Titel "Mama ist ein Zombie. Statt sich mit ihren Kindern zu beschäftigen, sind viele Eltern chronisch vom Smartphone abgelenkt. Diese emotionale Vernachlässigung beeinträchtigt die Entwicklung der Kleinen" (22.06.2018). Die Studie (1) in der Zeitschrift Pediatric Research, herausgegeben von Springer Nature, untersucht die Rolle und den Einfluss digitaler Geräte auf das Eltern- und Kinderverhalten. Eltern, die viel Zeit am Smartphone während gemeinsamer Familienaktivitäten wie Essen, Spielen und Schlafengehen verbringen, prägen ihre Kinder mit lebenslangen negativen Folgen. Diese "Technoferenz" (2) kann bei Kindern  Frustration, Hyperaktivität, Jammern, Schmollen oder Wutanfällen führen.

Die Smartphone Nutzung der Eltern hat also eine zweifache negative Auswirkung. (i) Die Studie weist auf massive Störungen der Eltern-Kind-Bindungsbeziehungmit der Folge von Verhaltensstörungen hin, (ii) die Kinder werden schon früh auf das Smartphone geprägt (3).  Kinder lernen durch Nachahmung. Wenn schon das Kleinkind sieht, der wichtigste Gegenstand meiner Eltern ist das Smartphone / TabletPC, dann verlangt auch schon das Zweijährige danach. Die Googlification der Sozialisation beginnt.

Monatlich erscheinen derzeit Studien, die negative Folgen dieser Prägung der Kinder auf Smartphones und Tablets nachweisen. Die Plattformen Facebook, Instagram, WhatsApp, die meisten Bildschirm-Spiele sind auf Sucht und Abhängigkeit programmiert, triggern das Belohnungssystem. In einem lesenswerten neuen Artikel "www (WeltWeiteWerbung) und die Folgen Radikalisierung, Spionage, Vertrauens- und Wahrheitsverlust" weist dies Prof. Manfred Spitzer detailliert nach (4). Die Zahl abhängiger, überdrehter, aggressiver und einsamer Kinder mit Aufmerksamkeits- und Lernstörungen nimmt zu. Die Kinder werden zu Gefangenen des Netzes und sind den Manipulationen der IT-Konzerne ausgeliefert. Es bestätigt sich: das Smartphone ist eine Droge. Die WHO nahm im Juni 2018 die Internetsucht als "Internet Gaming Disorder (IGD)" in den ID-11-Katalog als eigene Störung auf (5).

Was Prof. Manfred Spitzer vorausschauend in seinem Buch "Digitale Demenz" analysierte, wird zur Massenerscheinung. Die Reduzierung der sinnlichen Erfahrungen auf das Wischen am Bildschirm, die Reizüberflutung, die Entfremdung von der Natur, die Verkümmerung der Eltern-Kind-Beziehung führen zu Störungen der Psyche. Was Prof. Teuchert-Noodt in ihren Forschungen zu Störungen der Gehirnentwicklung und Prävalenzen zur Sucht herausfand, damit sind nun bereits ErzieherInnen und LehrerInnen konfrontiert (6). Bei 50% der Grundschüler werden Lernstörungen beim Lesen, Rechnen und Schreiben diagnostiziert (7). Die Autoren der BLIKK-Studie fordern deshalb, dass Kinder frühestens ab dem 12. Lebensjahr ein Smartphone bekommen. Wenn nun Kinderschutzorganisationen und Ministerien unter dem Einfluss des Medienhypes und der Lobby sich nicht mehr mit diesen Folgen auf die Eltern-Kind-Beziehung und die Kinder selbst auseinandersetzen, sondern Zeitlimits für die Droge Smartphone nach dem Schema: "Zur Orientierung können folgende Zeitangaben hilfreich sein:  4 – 6 Jahre ca. 20 Minuten/Tag ; 7 – 10 Jahre ca. 45 Minuten/Tag; 11 – 13 Jahre ca. 60 Minuten/Tag," vorschlagen, so ist dies mit einem Anfixen gleichzusetzen. Der Einstieg in die Droge wird damit legalisiert. Und die Kinder werden dazu noch einer für sie besonders krankmachenden Strahlenbelastung ausgesetzt (8).

Es wird Zeit, dass v.a. Kinderschutzorganisationen und Kultusministerien sich mit diesen Folgen auseinandersetzen und aufhören, sich die Bildungspolitik von den Geschäftsinteressen der  IT-Industrie diktieren zu lassen. Erziehung zur Medienmündigkeit ja! Aber auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Quellen:

(1) McDaniel, B.T.  Radesky, J.S. (2018). Technoference: Longitudinal Associations between Parent Technology Use, Parenting Stress, and Child Behavior Problems, Pediatric Research DOI: 10.1038/s41390-018-0052-6

(2) Da Beziehungen immer mehr von digitaler Informationstechnik beeinträchtigt werden (Interferenz), bekam dieser Zustand jetzt einen Namen: Technoferenz.

(3) Zur zentralen Bedeutung der frühkindlichen Bindungsbeziehung: Strüber N (2016): Die erste Bindung. Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen, Stuttgart

(4) Nervenheilkunde 2018; 37: 303–311; Schattauer 2018;

(5) Zur IGD siehe auch: Bühring, Petra: Internetabhängigkeit: Dem realen Leben entschwunden, Dtsch Arztebl 2016; 113(49): A-2252 / B-1857 / C-1833

Wartberg, Lutz; Kriston, Levente; Thomasius, Rainer: Prävalenz und psychosoziale Korrelate von Internet Gaming Disorder Studie auf der Grundlage einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe von 12- bis 25-Jährigen; Dtsch Arztebl Int 2017; 114(25): 419-24; DOI: 10.3238/arztebl.2017.0419

(6) Interview mit Prof. Teuchert-Noodt (UMG): Cyberattacke auf die Nervennetze des Gehirns, 

 (7) Siehe dazu: Hensinger P (2017): iDisorder: Auswirkungen der Digitalisierung des Erziehungswesens auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen umwelt · medizin · gesellschaft | 30 | 4/2017

(8) Peter Hensinger, Isabel Wilke: Mobilfunk: Neue Studienergebnisse bestätigen Risiken der nicht-ionisierenden Strahlung, umwelt · medizin · gesellschaft | 29 | 3/2016

Om P. Gandhi, L. Lloyd Morgan, Alvaro Augusto de Salles, Yueh-Ying Han4, Ronald B. Herberman, Devra Lee Davis: Exposure Limits: The underestimation of absorbed cell phone radiation, especially in children; Electromagnetic Biology and Medicine, Early Online: 1–18, 2011 Copyright Q Informa Healthcare USA, Inc. ISSN: 1536-8378print / 1536-8386; online DOI: 10.3109/15368378.2011.622827

In deutscher Übersetzung als diagnose:funk Brennpunkt erschienen.
_________________________________________________________

Presseerklärung von Springer Nature

Digitale Geräte während der Familienzeit können Verhaltensstörungen verstärken

Die Forschung zeigt, dass Eltern, die ihr Smartphone benutzen, um dem Stress des schlechten Verhaltens ihres Kindes zu entgehen, es noch schlimmer machen können.

Heidelberg | New York, 13. Juni 2018

New Content Item (1) © Springer Nature. Eltern, die viel Zeit am Telefon oder beim Fernsehen während Familienaktivitäten wie Essen, Spielen und Schlafengehen verbringen, können ihre langfristigen Beziehungen zu ihren Kindern beeinflussen. Dies ist das Ergebnis der Studie von Brandon T. McDaniel von der Illinois State University und Jenny S. Radesky von der University of Michigan Medical School, beide in den USA.  Sie sagen, so genannte "Technoferenz"* kann Kinder zu mehr Frustration, Hyperaktivität, Jammern, Schmollen oder Wutanfällen führen. Die Studie in der Zeitschrift Pediatric Research, die von Springer Nature herausgegeben wird, untersucht die Rolle und den Einfluss digitaler Geräte auf das Eltern- und Kinderverhalten.

Technoference ist definiert als alltägliche Unterbrechungen in der direkten und unmittelbaren Interaktion (Face-to-Face) aufgrund von technischen Geräten. Neuere Studien gehen davon aus, dass Eltern durchschnittlich neun Stunden am Tag Fernsehen, Computer, Tablets und Smartphones nutzen. Ein Drittel dieser Zeit wird mit Smartphones verbracht, die aufgrund ihrer mobilen Tragbarkeit  häufig bei Familienaktivitäten wie Essen, Spielen und Schlafen­gehen eingesetzt werden - alles wichtige Zeiten, die das sozial-emotionale Wohlbefinden eines Kindes prägen. Die Forschung zeigt, dass Eltern,  wenn sie an  ihren Geräten sind, weniger Gespräche mit ihren Kindern führen und aggressiver sind, wenn ihre Nachkommen versuchen, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

In dieser Studie im Rahmen eines zwischen 2014 und 2016 durchgeführten Forschungsprojekts über Elternschaft und Familienbeziehungen beantworteten 172 Zwei-Eltern-Familien (insgesamt 337 Elternteile) mit einem Kind im Alter von 5 Jahren oder jünger Online-Fragebögen. Die Teilnehmer gaben an, wie oft pro Tag verschiedene Geräte ihre Gespräche oder Aktivitäten mit ihren Kindern unterbrechen. Eltern bewerteten das verinnerlichende Verhalten ihres Kindes, wie oft sie schmollten oder wie leicht ihre Gefühle verletzt wurden, sowie ihr nach außen gezeigtes Verhalten, z.B. wie wütend oder leicht frustriert sie waren. Die Eltern berichteten auch über ihr eigenes Maß an Stress und Depression, die Unterstützung, die sie von ihren Partnern erhielten, und über die Bildschirm-Mediennutzung ihres Kindes.

In fast allen Fällen unterbrachen ein oder mehrere Geräte im Laufe des Tages erheblich die Interaktion zwischen Eltern und Kind. Technologie kann als Fluchtmöglichkeit für Eltern dienen, die mit schwierigem Kinderverhalten zurechtkommen müssen. Die Umfrageergebnisse zeigten jedoch, dass diese Taktik ihre Nachteile hat. Die Verwendung elektronischer Geräte entzieht Eltern wahrscheinlich der Möglichkeit, ihren Kindern sinnvolle emotionale Unterstützung und positives Feedback zu geben, was dazu führt, dass ihre Nachkommen zu noch problematischeren Verhaltensweisen wie Wutausbrüchen oder Schmollen zurückfallen. Dies verstärkte den Stress der Eltern nur noch mehr, was wahrscheinlich zu noch mehr Rückzug auf die Technologie führt, und die Spirale geht weiter.

"Diese Ergebnisse unterstützen die  These, dass die Beziehungen zwischen Eltern-Technoferenz und kindlichem Externalisierungsverhalten sich im Laufe der Zeit gegenseitig beeinflussen und verstärken," sagt McDaniel. "Mit anderen Worten, Eltern, die Kinder mit expressivem Verhalten haben, werden gestresst, was zu einem größeren Rückzug in die Technologie führen kann, was wiederum zu mehr Externalisierungsproblemen von Kindern führen kann."

"Kinder reagieren im Laufe der Zeit eher auf Technoferenz als auf Verinnerlichung," fügt Radesky hinzu, für den die Ergebnisse die Beobachtung bestätigen, dass schlechtes Verhalten eines Kindes oft eskaliert, um die Aufmerksamkeit seiner Eltern zu gewinnen, die mobile Geräte nutzen.(Eigene Übersetzung, es gilt der englische Originaltext)

*Note: The term “technoference” was originally referred to in the following article: McDaniel, B. T., & Coyne, S. M. (2016). “Technoference”: The interference of technology in couple relationships and implications for women’s personal and relational well-being. Psychology of Popular Media Culture, 5, 85-98. doi: 10.1037/ppm0000065 

Reference: McDaniel, B.T.  Radesky, J.S. (2018). Technoference: Longitudinal Associations between Parent Technology Use, Parenting Stress, and Child Behavior Problems, Pediatric Research DOI: 10.1038/s41390-018-0052-6

Quelle: https://www.springer.com/gp/about-springer/media/research-news/all-english-research-news/digital-devices-during-family-time-could-exacerbate-bad-behavior/15838792

https://www.nature.com/articles/s41390-018-0052-6

Link: https://www.br.de/nachrichten/der-blick-aufs-smartphone-stoert-die-eltern-kind-beziehung-100.html