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Digital dominierte Kindheit nicht alternativlos

Buchvorstellung: Heute mal bildschirmfrei
Sie machen da weiter, wo andere aufhören: Paula Bleckmann und Ingo Leipner wollen mit ihrem Buch „Heute mal bildschirmfrei“ Lehrer, Eltern und Erzieher ansprechen, damit sie (wieder) die existenzielle Bedeutung des analogen Lebens für Kinder verstehen - im digitalen Ansturm von Smartphone und Co. Daher haben sie den Anspruch, ein „Alternativprogramm für ein entspanntes Familienleben“ zu formulieren. So heißt es auf dem Cover des Buches, das „Droemer Knaur“ für 12,99 Euro auf dem Markt gebracht hat. Gelingt es den Autoren, diesen Anspruch einzulösen?

In 14 von 15 Kapiteln schildern der Journalist und die Medienpädagogin, was im digitalen Alltag mit Kindern schiefgehen kann: WhatsApp in der Nacht lässt Teenager nicht schlafen; schon bei den Kleinen greift das AADDA-Syndrom um sich: „Alle Anderen Dürfen Das Aber“. „Star Wars“ löst im falschen Alter Alpträume aus, ein Porno-Link wird in der Klasse als „Mutprobe“ verschickt, Kinder fallen raffiniertem TV-Marketing zum Opfer, das nicht mehr als Werbung zu erkennen ist. So geht es quer durchs digitale Familienleben …

Dabei schöpfen die Autoren aus einem großen Schatz authentischer Geschichten, die Paula Bleckmann durch wissenschaftliche Interviews zusammengetragen hat. Das Schreibduo hat sie zugespitzt - und so entstand ein spannender roter Faden, der durch das gesamte Buch verläuft. Eine gelungene Idee, weil so die Autoren die Leser geschickt bei eigenen Erfahrungen abholen. Jede dieser Geschichten findet erst eine Auflösung, die bewusst aufs Glatteis führt: die TINA-Lösung („There is no Alternative“). Von ihr sprach immer Maggie Thatcher, um umstrittene Politik besser durchsetzen zu können. Eine Methode, die heute auch in der Diskussion um „digitale Bildung“ zu beobachten ist. Dieser Haltung stellen Bleckmann und Leipner ihre „Kernbotschaft I“ entgegen: „Die digital dominierte Kindheit ist NICHT alternativlos. Eltern sind in der Lage, im Interesse ihres Kindes die Weichen anders zu stellen.“

Dafür gibt es eine Reihe guter Argumente und wissenschaftlicher Erkenntnisse. Sie tauchen klar umrissen und gut verständlich im Buch auf („Wissenschaft und Argumente“), immer nach der  „TINA-Lösung“, die sich als schlichte Mainstream-Antwort entzaubert. Geht es nicht viel besser? Ja! Das beweisen die Autoren mit ihrer „Idealen Lösung“ in jedem Kapitel: Eltern sammeln Smartphones am Abend ein - und stimmen sich dabei auf dem Elternabend ab. Schon wirkt das AADDA-Syndrom nicht mehr so stark. Für die „Star Wars“-Fans gibt es statt einer DVD Lichtschwerter aus Holz, grün und blau angemalt. Die Porno-Erfahrung wird verständnisvoll verarbeitet, wobei die Eltern nicht auf eine falsch verstandene „Pseudotoleranz“ hereinfallen. Und: Statt überzuckerten Pudding aus der TV-Werbung zu kaufen, ertragen die Eltern lieber das Gequengel - und kochen zum Vergnügen der Kinder einen eigenen Pudding.

Doch wir leben selten in einer idealen Welt - daran haben die Autoren ebenfalls gedacht und über 100 „Weitere Lösungen“ ins Buch gepackt. Lauter kleine und große Schritte zu einem „entspannten Familienleben“ - mit und ohne digitale Medien. Denn: Bei aller Kritik wollen Bleckmann und Leipner das digitale Rad nicht zurückdrehen. Sie plädieren aber für einen altersgemäßen Umgang mit Smartphone und Co., was für sie heißt: Kindergärten und Grundschulen müssen Orte bleiben, an denen Kinder Grundlagen erwerben, um in der digitalen Welt Gestalter und nicht nur Konsumenten zu werden. Also sagen die Autoren Ja zu  Daumenkino, Schach-AG und Theaterprojekten - und Nein zur digitalen Grundschule und erst recht zur Digital-Kita. Der Grund: Es gilt, dafür zu sorgen, dass Kinder in erster Linie Erfahrungen in der realen Welt sammeln (Sport, Musik, Natur).

Das passt zu wichtigen Erkenntnissen der Neurobiologie. So ist die kognitive Entwicklung der Kinder eng mit senso-motorischen Erfahrungen verknüpft, was die Autoren in einem Kapitel anschaulich schildern (mit kleinen Experimenten zum Selbermachen). Außerdem haben sie ein spezielles Kapitel geschrieben, das Kammerspiel: Es zeigt abwechslungsreich, wie eine Elterninitiative gegen die Digitalisierung ihrer Grundschule kämpft.

Ein „Alternativprogramm für ein entspanntes Familienleben“? Diesem Anspruch auf dem Cover werden die Autoren wirklich gerecht. Sie bleiben nämlich nicht bei einer Digital-Kritik stehen, im Gegenteil: Der besondere Wert dieses Buch besteht im Praxisbezug! Neben aktuelle wissenschaftliche Befunde treten viele positive  Ansätze, das Leben „heute mal bildschirmfrei“ zu gestalten. Manfred Spitzer („Digitale Demenz“) zu dem brandaktuellen Buch: „Seit Jahren warne ich vor den Risiken und Nebenwirkungen digitaler Medien - insbesondere bei Kindern und  Jugendlichen. ‚Heute mal bildschirmfrei‘ gibt Familien wertvolle Tipps, wie die Gefahren vermindert oder ganz vermieden werden können.“

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Zum Buch

Heute mal bildschirmfrei: Das Alternativprogramm für ein entspanntes Familienleben.
Broschiert – 1. März 2018 von Prof. Dr. Paula Bleckmann und Ingo Leipner

Produktinformation

  • Broschiert: 320 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. März 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426789256
  • ISBN-13: 978-3426789254
  • Größe und/oder Gewicht: 13,6 x 2,4 x 21,2 cm

Über die Autoren

Paula Bleckmann ist promovierte Medienpädagogin und habilitierte Gesundheitspädagogin. Sie hat derzeit die einzige Medienpädagogik-Professur in Deutschland mit einem Schwerpunkt auf der Prävention problematischer Bildschirmmediennutzung inne. Als Professorin an der Alanus Hochschule bildet sie angehende Kindheitspädagogen und Lehrer aus, und stellt geeignete Materialien und Methoden für die medienpädagogische Elternberatung vor. Als erste Vorsitzende von MEDIA PROTECT e.V. hat sie ein Präventionsprogramm entwickelt, das an Kindergärten und Grundschulen die ressourcenorientierte primäre Prävention problematischer Bildschirmmediennutzung der Kinder zum Ziel hat.

Ingo Leipner ist Diplom Volkswirt und Jopurnalist mit Schwerpunkt "Digitale Transformation der Gesellschaft" und hatals Co-Autor zwei Bücher zu diesem Thema veröffentlicht: „Die Lüge der digitalen Bildung. Warum unsere Kinder das Lernen verlernen" (Redline, München) und „Zum Frühstück gibt’s Apps. Der tägliche Kampf mit der digitalen Ambivalenz" (Springer, Heidelberg). ER ist darüberhinaus ein gefragter Dozent u. a. an der „Dualen Hochschule Baden-Württemberg" (DHBW) sowie bei der „Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg" (LpB).

Publikation zum Thema

4. Auflage; 17.10.2014Format: 13,3 x 2,8 x 21 cm Seitenanzahl: 251 Veröffentlicht am: 17.10.2014 ISBN-10: 3608946268ISBN-13: 978-3608946260Sprache: Deutsch

Medienmündig

Wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umgehen lernen
Autor:
Paula Bleckmann
Inhalt:
Die Autorin behandelt im Buch u. a. folgende Themen: - Können wir noch ohne Medien leben? - Fit für welche Zukunft? Nachhaltige statt nachhinkende Bildung - Kinder stärken ist keine »Expertensache«! - Eigene Gestaltungskraft entwickeln - Brücken bauen - was gegen Bildungsklüfte helfen könnte - Was Erwachsene über Medien wissen sollten - Daten zur Mediennutzung und Medienausstattung - Machen Medien dick, dumm, unkonzentriert, gewalttätig? - Überstunden am Bildschirm - Nutzungszeiten für verschiedene Altersgruppen - Medienmündig werden - Tipps und Tricks für den Alltag Ein Buch für Eltern, Erzieherinnen, Lehrer und alle, die mehr über einen souveränen Umgang mit den Medien herausfinden wollen. Mit Checks, Tipps und Tricks für den Alltag.
Artikel veröffentlicht:
04.03.2018
Autor:
diagnose:funk

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