diagnose funk

Bekifft 4.0 // Jamaika im Digitalisierungshype

'Digital first. Bedenken Second‘
Das Jamaika-Schauspiel des Kampfes um politische Positionen für eine neue Regierung in Deutschland wurde täglich inszeniert. Bei einem Thema herrschte unhinterfragte Einigkeit unter den vier Parteien: Digitalisierung muss sein! Die Digitalisierung an sich bringt vordergründig Vorteile. Rechen- und Datenkapazitäten erlauben es, Röntgenbilder bei Krankheiten um ein Vielfaches aussagekräftiger auszuwerten, Klimaprognosen mit höheren Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, jeder kennt Beispiele. Doch stellt man die Vorteile den Risiken gegenüber, die entstehen, wenn die Digitalisierung dem Profistreben unterworfen ist, dann sieht die Bilanz negativ aus. Darüber soll nicht nachgedacht werden: ‚Digital first. Bedenken Second‘., wie es die FDP propagiert. Wir haben es mit einem Propagandaphänomen zu tun wie einst bei der Atomkraft: die verharmlosend verklärte Perspektive.

Gingen in den 60er Jahren in Zukunft angeblich die Lichter aus, wenn wir keine AKWs bauen, so gehe heute die Wirtschaft ohne Digitalisierung und Wachstum bankrott. Ängste werden aufgebaut. Denn: nur die Industrie 4.0 mache wettbewerbsfähig, bringe Wachstum. Vielleicht, aber um welchen Preis? Technikfolgenabschätzung findet nicht statt. Wer soll denn noch mehr Autos kaufen? Wer wirft wen aus dem Wettbewerb? Wo es Sieger gibt, gibt es Verlierer. Können wir uns in einem endlichen Planeten das unendliche Wachstum leisten? 47% der Arbeitsplätze gehen durch die Digitalisierung verloren, was ist das für eine Perspektive? Die Wachstumsideologie, die von den Jamaika-Verhandlern nicht in Frage gestellt wird, führt zu noch mehr Ressourcenverbrauch, der noch mehr CO2-Ausstoß bringen wird. Die Bevölkerung wird mit dem Argument "Alternativlos" desinformiert, über Folgen nicht aufgeklärt. Natur und Mensch sind die Verlierer in diesem Wettbewerb.

Produkte von Industrie 4.0, das autonome Auto, das Internet der Dinge (IoT), sich selbststeuernde Maschinen, sie alle brauchen neue Funkfrequenzen, um explodierende Datenraten zu bewältigen. Mit der dafür entwickelten 5 G Technologie kommt der Elektrosmog total. Die verharmlosend - verklärte Perspektive, mit der die Technologie durchgesetzt wird, wird flankiert von einer Privilegierung der Konzerne. Begleitforschung oder Schutzvorschriften werden schon gar nicht gemacht oder Bestehende aufgeweicht. Für 5G sollen in der Schweiz die Grenzwerte angehoben, in Deutschland Millionen funkende Kleinzellen ohne Sicherheitsüberprüfung zugelassen werden. Erst die Technik, dann der Mensch "Digital first. Bedenken second." 190 Wissenschaftler protestieren im 5G-Appell gegen diese Politik. Die Pläne zur "Digitalen Bildung", der Lernfabrik 4.0, sind mit der gleichen Ideologie gestrickt. Wenn unsere Kinder nicht schon in der KiTa auf dem Tablet spielten, würden sie später im Kampf um einen Studien- und Arbeitsplatz die Verlierer sein. Diese Ängste werden den Eltern eingeredet. Damit öffnen sich die IT-Konzerne den milliardenschweren Absatzmarkt Kita-Schule-Hochschule und das Feld zum Datensammeln für digitale Zwillinge schon ab der KiTa. Die Googlification der Erziehung durch eLearning heißt: Algorithmen steuern das Lernen, Big Brother ist teaching you! Computerstimmen statt Lehrer sollen unterrichten! Pädagogen warnen: statt Bildung sollen die Kinder per Software dressiert werden für die Interessen der Industrie. BigData soll die Erziehung zum Untertan und Konsumenten automatisieren und perfektionieren. Dass diese Bildungsreform die Kinder dumm und krank machen wird, weisen jetzt schon Psychiater und Neurobiologen nach.

BigData ist Bedingung der Digitalisierung. Die Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts. Die  Totalüberwachung wird derzeit mit Hochdruck  ausgebaut. Aber so, dass es keiner merkt. Smartphones und Tablets sind Superwanzen. Der lautlose Rückkanal hebt die Privatsphäre auf. Die Infrastruktur dazu ist WLAN, natürlich kostenlos, da freut sich der Smartphone -Freak und vergisst, dass er sich, d.h. seine Daten, verkauft.  Der Selbstentmündigungsfatalismus führt in die Freiheitsfalle. Wir sind am Anfang einer Entwicklung, deren Ziele der Schweizer Think Tank Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) formuliert: "Mit der Digitalisierung des Menschen (!), die sowohl die Forschung wie auch die ICT-Branche in den nächsten Jahren anstreben, erreicht die digitale Revolution eine neue Stufe."  Der in Echtzeit aktualisierte Datendoppelgänger, erschaffen durch Social Sorting, wird das maßgebliche "Ich" für Behörden, Erziehungsinstitutionen, Geheimdienste, Krankenkassen, Banken und Personalabteilungen. Das Daten-Ich wird zum Avatar, zum lebenslangen Über-Ich:

„Algorithmen nehmen uns immer öfter das Suchen, Denken und Entscheiden ab. Sie analysieren die Datenspuren, die wir erzeugen, entschlüsseln Verhaltensmuster, messen Stimmungen und leiten daraus ab, was gut für uns ist und was nicht. Algorithmen werden eine Art digitaler Schutzengel, der uns durch den Alltag leitet und aufpasst, dass wir nicht vom guten Weg abkommen."  (GDI)

In China sehen wir bereits die Konsequenzen: am Ende wird auch bei uns ein Sozialkreditsystem stehen, wie es dort 2020 eingeführt wird. Algorithmen - geschrieben von den Machthabern - bestimmen, welche Rechte der Einzelne hat, wovon er ausgeschlossen wird. Die Digitalisierung ist nicht nur technischer Wandel, sie beseitigt die Privatsphäre und damit einen Kern der Demokratie. Ein Ausverkauf humanistischer Werte findet statt. Es geht also nicht darum: wollen wir Industrie 4.0, wollen wir freies WLAN, wollen wir digitale Bildung, sondern: wollen wir eine smarte Diktatur? 

Artikel veröffentlicht:
18.11.2017
Autor:
diagnose:funk

Schlagwörter dieses Artikels