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Gutachten Bildung 2030: Falsch zitiert und falsch gemeldet

Lankau und Lembke zum Gutachten des Aktionsrats Bildung
Am 10. Mai 2017 veröffentlichte der „Aktionsrat Bildung“ der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) das Gutachten „Bildung 2030“ - Veränderte Welt. Fragen an die Bildungspolitik". Die Kernbotschaft: Schulen müssen digitaler werden. Am Nutzen der Digitaltechnik bestehe kein Zweifel. Das Problem: In genau der Studie, auf der die Pressemeldung basiert, steht exakt das Gegenteil.

Stellungnahme von Ralf Lankau und Gerald Lembke zum Gutachten des Aktionsrats Bildung:

Falsch zitiert und falsch gemeldet  

Am 10. Mai 2017 veröffentlichte der „Aktionsrat Bildung“ der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) das Gutachten „Bildung 2030“ - Veränderte Welt. Fragen an die Bildungspolitik". Die Kernbotschaft: Schulen müssen digitaler werden. Am Nutzen der Digitaltechnik bestehe kein Zweifel. Das Problem: In genau der Studie, auf der die Pressemeldung basiert, steht exakt das Gegenteil.

Die dpa-Meldung zum VBW-Aktionsratsgutachten über den angeblichen Nutzen von Digitaltechnik im Unterricht verbreitete sich schnell. Süddeutsche Zeitung und Welt titeln unisono: „Schulen müssen digitaler werden“, der Einsatz digitaler Lehrmittel müsse bundesweit verstärkt werden. Und im Deutschlandfunk kommt Dieter Lenzen zu Wort, Lenzen ist Vorsitzender des Aktionsrats Bildung, Mitautor der Studie und Präsident der Universität Hamburg: Lehrerinnen und Lehrer müssten lernen, so Lenzen,  digitale Elemente in ihren Unterricht einzubauen. Er begründet das mit der angeblichen Kompetenzsteigerung durch Computernutzung und beruft sich auf Sekundäranalysen zu den IGLU- und TIMSS-Studien (IGLU 2011, TIMSS 2011), die Grundschullese-Kompetenzen und mathematisch-wissenschaftliche Schüler-Kompetenzen testen. In beiden Studien aber ist von solchen Kompetenzsteigerungen nicht die Rede.  

Dennoch heißt es im zuerst publizierten VBW-Gutachten (Seite 78), „dass Grundschülerinnen und Grundschüler in Deutschland, in deren Unterricht mindestens einmal wöchentlich Computer eingesetzt wurden, in den Domänen Mathematik und Naturwissenschaften statistisch signifikant höhere Kompetenzen aufwiesen als jene Grundschulkinder, die seltener als einmal pro Woche Computer im Unterricht nutzten “.

Computer-Einsatz in Schulen bewirkt signifikant niedrigere Kompetenzen

Nach Protesten aufmerksamer Leserinnen und Leser korrigierte der Aktionsrat die erste Version. In der neuen Version (16.05.2017) heißt es nun, dass „Grundschülerinnen und Grundschüler in Deutschland, in deren Unterricht mindestens einmal wöchentlich Computer eingesetzt wurden, in den Domänen Mathematik und Naturwissenschaften statistisch signifikant niedrigere Kompetenzen aufwiesen als jene Grundschulkinder, die seltener als einmal pro Woche Computer im Unterricht nutzten“.

Tatsächlich entspricht dies dem Stand wissenschaftlicher Forschung: der Einsatz von Computern senkt das Kompetenzniveau von Schülerinnen und Schülern.

Telekom-Studie „Schule digital“

Wilfried Bos vom Institut für Schulentwicklung (IFS) und Mitautor des VBW-Gutachtens weist in der Telekom-Studie „Schule digital. Der Länderindikator 2015“ selbst auf den fehlenden Nutzen von Digitaltechnik im Unterricht hin. Dort zitiert er die OECD-Studie „Students, Computers and Learning“: „Die Sonderauswertung hat auch gezeigt, dass Staaten, die in den letzten Jahren verstärkt in die Ausstattung der Schulen investiert haben, in den vergangenen zehn Jahren keine nennenswerten Verbesserungen der Schülerleistungen in den Bereichen Lesekompetenz, Mathematik oder Naturwissen-schaften erzielen konnten. Die verstärkte Nutzung digitaler Medien führt offensichtlich nicht per se zu besseren Schülerleistungen. Vielmehr kommt es auf die Lehrperson an.“ (S. 8)

Das ist auch Konsens aller validen wissenschaftlichen Studien: Die Lehrperson, nicht aber der Einsatz digitaler Medien im Unterricht ist der entscheidende Parameter für gelingenden Unterricht. Fraglich nur, wie der Aktionsrat zu seiner wissenschaftlich unbegründeten Forderung nach mehr Digitalisierung in Schulen kommt. Der Aktionsrat besteht aus dreizehn Wissenschaftlern. Offenbar hat keiner dieser Wissenschaftler gemerkt, dass das Gutachten zu frappierenden Fehleinschätzungen kommt. „Ärgerlich ist, dass weder der Aktionsrat noch die beteiligten Wissenschaftler die Falschmeldung ebenso öffentlichkeitswirksam korrigieren wie sie die Erstfassung der Studie verbreitet haben,“ so Gerald Lembke, „denn die Forderung des Aktionsrats aufgrund der nun korrekt zitierten Studie müsste sein: weniger Informationstechnik an Schulen, mehr Lehrkräfte und mehr personelle Betreuung statt Rechner und Software.“

Vor diesem Hintergrund sollte der Aktionsrat auch seine „Leitfragen an die Bildungspolitik“ (S. 83) überdenken. Weder der Aufbau eines bundesweiten digitalen Hochgeschwindigkeitsnetzes noch multimedial gestaltete Lehr-Lern-Umgebung oder zusätzliche finanzielle Mittel für den Aufbau einer „nachhaltigen digitalen Infrastruktur“ sind vom Kindeswohl oder von Bildungsprozessen aus ausgedacht. Vielmehr aber fordert der Aktionsrat eine digitale Bildungsmesstechnik, mit der Wissenschaftler empirische Bildungsforschung betreiben können (Learning Analytics mit Big Data und psychometrischer Vermessung des Menschen). Mit diesen digitalen Techniken ist eine automatisierte Lernleistungskontrolle und eine Lernprozessteuerung möglich. Das dient aber eher der IT-Industrie als Schülerinnen und Schülern. „Bildung aber ist kein Produktionsprozess, sondern an Persönlichkeiten auf Seiten der Lehrenden wie Lernenden gebunden“, so Ralf Lankau.

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Über Professor Gerald Lembke
Gerald Lembke ist Professor für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Sein Forschungsgebiet ist das digitale Mediennutzungsverhalten in Gesellschaft, Bildung und Wirtschaft.

Über Professor Ralf Lankau
Ralf Lankau ist Professor für Mediengestaltung und -wissenschaft an der Fakultät Medien und Informationswesen an der Hochschule Offenburg.

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Artikel veröffentlicht:
05.06.2017
Autor:
Ralf Lankau und Gerald Lembke