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Das Lernen in der Schule verlernen

Digitale Medien und Unterricht
Der Generalnenner der letzten zwei Dekaden ist das Vordringen der Digitaltechniken in nahezu alle Lebensbereiche. Ob Arbeitswelt oder Schule und Hochschule, ob Kommunikations­ oder Konsumverhalten: Ohne Rechner, Software und Netz scheint heute nichts mehr zu gehen. Laptops, Smartphones und Social Media sind markante Wegmarken auf diesem Weg zur „digitalen Gesellschaft“. Der jederzeit und überall mögliche Netzzugang durch mobile Geräte ist das (Status)Symbol digitalaffiner Gesellschaften, auch in Bildungseinrichtungen. Schulen ans Netz oder Tabletklassen heißen dazu die Schlagworte.

Wer allerdings Web & Co. für Unterhaltungs­ und Kommunikationsmedien, wer Smartphones, Apps und Social Media­Plattformen im Kontext von Schule und Weiterbildung für zeitgemäße Lernmittel hält, greift zu kurz. Das immer engere Netz der digitalen Infrastruktur hat als wesentliche Komponente einen permanenten Rückkanal. Alles, was der Einzelne im Netz tut, wird in Datenbanken gespeichert, mit Hilfe von komplexen Algorithmen ausgewertet und zu immer genaueren, personalisierten Profilen destilliert. Menschen sind nurmehr Datenlieferanten für die Mustererkennung und Profilierung durch Big Data. Digitalisierung ist das Synonym für die vollständige Überwachung und Kontrolle aller. Das Freiheitsversprechen des Web erweist sich somit als illusionär. Statt Individualität und Selbstbestimmung herrschen Gruppenzwang und Sozialkontrolle. Der erzwungene Verzicht auf Privatsphäre und Datenprostitution, um z.B. Teil einer Community wie Facebook oder LinkedIn zu werden bzw. zu bleiben, sind Beispiele. Wer an der Kommunikation der Sozialgemeinschaft (Schule, Hochschule, Verein) partizipieren will, wird ins Netz gezwungen.

Gesundheit und Bildung sind die beiden Systeme, die aktuell ganz oben auf der Agenda der Digitalisten stehen und mittels technischer Infrastruktur, Software und Netzwerken kontrolliert und gesteuert werden sollen. Selftracking oder Quantified Self heißt der Trend zum Sammeln körperbezogener Daten wie Puls, Körpertemperatur oder Schlafphasen. Online­ oder Mobile Learning heißt das gleiche für digitale Lehrmedien. Das Prinzip ist identisch. Es werden möglichst viele Daten über den Einzelnen gesammelt und daraus dann passende Angebote (oder Warnungen) berechnet. In Folge bestimmen Algorithmen, ob und welche Behandlungen ein Patient bekommt oder welches Lernmodul einem Lernling als nächstes auf dem Display oder Touchscreen eingespielt wird. Es sind zugleich die beiden Systeme, die extrem empfindlich auf effizienz­ und profitmaximierende Ökonomisierung reagieren, da sowohl ärztliche Beratung und Behandlung wie Lehr­ und Lernprozesse auf gegenseitigem Vertrauen, Achtung, wechselseitigem Respekt und Empathie beruhen. Wer nurmehr quantifiziert und algorithmisch regelt, nimmt diesen Systemen alles Humane.

Daher ist dieser Beitrag ein Appell:

  1. Gegen den Wahn der Digitalisierung im Bildungsbereich. Die Digitalistentrommeln zwar für ein Revival des Skinnerschen Behaviorismus und des programmierten Lernens, das wir aus den 1960er­Jahren kennen. Das mag technisch möglich sein, finanziell effektiv und für die Investoren gewinnbringend. Es war aber schon in den 1960er­Jahren vom Ansatz her grundfalsch und inhuman. Es wird durch die Wiederholung und Digitalisierung der Lehrmedien keinen Deut besser.
  2. Für die Besinnung auf Schulen und Hochschulen als Orte der Humanitas, des Von­ und Miteinanderlernens und des demokratischen Diskurses. Alle Versuche der Technisierung des Lernens sind gescheitert. (Siehe dazu Pias, Lernmaschinen, 2013)

Wer sich mit der Geschichte der Unterrichtsmaschinen beschäftigt, mit „Lerngutprogrammierung, Lehrstoffdarbietungsgeräten und Robbimaten“, wie der Medienwissenschaftler Claus Pias diese Apparate nennt, wird bei Kybernetik und Behaviorismus inhaltliche Parallelen in den wiederkehrenden Forderungen beim Einsatz von Medientechnik im Unterricht feststellen:

  • Unterricht habe abprüfbare Ziele; Lehre könne (!) und müsse daher automatisiert und inhaltlich normiert werden, um kostensparsam, effektiv und kontrollierbar zu sein;
  • Lehrende sollten mit Hilfe von Technik und Apparaten sachgemäßer und vor allem überprüfbar unterrichten;
  • bei vorgegebenem Medieneinsatz werde der Lehrer/die Lehrerin zum Hilfslehrer (so schon Comenius) oder zum/zur Lernbegleiter/in;
  • (digitale) Technik ermögliche es, individualisiert - d.h. dem jeweiligen (Schüler-)Subjekt und dem jeweiligen Wissensstand gemäß - Texte und Aufgaben am Bildschirm bereitzustellen.

Psychologen nennen das adaptive Lernumgebungen. In der Diskussion um digitale Lehrmedien heißt das dann „personalisiertes Lernen“, was insofern korrekt ist, da jede Person am Bildschirm als erstes eindeutig identifiziert und alle Handlungen personenscharf aufgezeichnet werden. Software erstellt den Lehrplan, Software stellt die Videos und Übungen zum Lernen zusammen, Software lobt und tadelt, Software nimmt die Prüfungen ab und bestimmt, was jemand studieren darf. Das mag technisch funktionieren. Das ist aber keine Schule, sondern ein dystopischen Lernkontrollszenarien, das an Laborratte und Drill denken nicht an Schule.

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Foto: D. Curticapean

Dr. phil. Ralf Lankau ist Grafiker, Philologe und Kunstpädagoge. Er unterrichtet seit 1985 das grafische Gestalten mit analogen und digitalen Techniken, seit 2002 als Professor für Mediengestaltung und Medientheorien der Hochschule Offenburg. Er leitet die grafik.werkstatt der Fakultät Medien und lnformationswesen an  der Hochschule Offenburg forscht und und publiziert zu Design, Kommunikationswissenschaft und (Medien)Pädagogik.

Artikel veröffentlicht:
29.03.2016
Autor:
Prof. Dr. phil. Ralf Lankau. Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Autors.
Quelle:
Der Artikel wurde im Mitgliedermagazin "Profil 3/2016" des Deutschen Philologenverband veröffentlicht.

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