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Buchtipp

Trilogie des mutigen Engagements

Zu Werner Thiedes Kritik an der Digitalen Revolution
Es gibt inzwischen zahlreiche Publikationen zur sog. Digitalen Revolution, auch immer mehr kritische. Seltener jedoch sind Stimmen zu hören, die bei aller Auseinandersetzung auch ganzheitliche Betrachtungsweisen der rasanten Veränderungen unserer Zeit anbieten. Drei Bücher des evangelischen Theologen Werner Thiede aus den letzten Jahren sind ein herausragendes Beispiel dafür. Es sind bemerkenswert mutige Beiträge, die den Diskussionen neue Impulse geben.

Magische Funktechnologien

Von Pionieren der IT-Branche bis hin zu aktuellen Kampagnenreitern der sog. Industrie 4.0 wird sehr häufig - wie zwanghaft - die Digitalisierung mit den gegenwärtigen Funktechnologien verbunden. In seinem Buch Mythos Mobilfunk (2012) zeigt Thiede auf dem Stand internationaler wissenschaftlicher Erkenntnisse u.a. auch magisch anmutende Momente der so verführerischen Technologie, dann aber auch die Korrumpierbarkeit der menschlichen Vernunft. Er beleuchtet gesellschaftliche Funktionen des Mobilfunk-Mythos, die gigantischen Wachstumsmärkte von Smartphone & Co., und untersucht, wie und warum Politik und Behörden den Mobilfunk-Mythos schützen.

Nach Thiede ist eine Entmythologisierung dieses Mythos dringend überfällig. Dass Wissenschaftler- und Ärzte-Initiativen die enorm gestiegene Strahlenbelastung mit guten Gründen hinterfragen, kommt dabei ebenso zur Sprache wie die Schädigungen an Pflanzen und Tieren durch Mobilfunk.

Thiede bietet hier einen neuen Zugang zum Thema, weil er mit der theologischen Dimension auch eine ethische Fundierung der Debatte vorgibt. Ihm gelingt ein großer Wurf auch deshalb, weil das Buch in seinem interdisziplinären Perspektivenreichtum zugleich weit über die Theologie hinausdenkt. Es sieht Christen aufgefordert, Übergriffen des Mythos Mobilfunk entgegenzuwirken: einen Widerstand zu leisten, der aus dem biblischen Auftrag zum Erhalt der Schöpfung resultiert.

Äußerungen der Revolution

Ideologen und Enthusiasten der Digitalen Revolution wird es ärgern, dass Thiede in seinem zweiten Buch Die digitalisierte Freiheit (2014) Technikbegeisterten unüberhörbares Unbehagen entgegenhält. Thiede bündelt und zitiert kritische Zeitdiagnostik, die angesichts der Umwälzungen zunehmend lauter wird: aus zurückliegenden und jetzt erneut aktuellen politischen, philosophischen und theologischen Debatten, aus Medien- und Tagesgesprächen, aus literarisch-künstlerischen Kreisen. Für LeserInnen eine wahre Fundgrube fortschrittlicher Diskurse.
Thiede sieht die Digitale Revolution im Stadium und Status einer „Ersatzreligion“ angelangt, deren Herrschaft unsere Freiheit massiv bedroht. Politisch zeige sie totalitäre Tendenzen zum Überwachungsstaat, zu Propaganda und Manipulation öffentlicher Kommunikation, Militarismus, zur Totalökonomisierung und „Technokratie“.

Ökologisch gesehen seien Verluste an ethischem Verständnis und Subjekt-Identität sowie Risiken für Gesundheit und Umwelt durch die enorme Strahlenbelastung des Mobil- und Kommunikationsfunks festzustellen. Zu beobachten sind Erfahrungen der Beschleunigung, der Digitalisierung von Leib und Seele bzw. des Sozialen und der Psyche, der Dominanz virtueller Welten.

Thiede betont: „Auf ein Schlechtreden der digitalen Revolution wollen alle diese Überlegungen mitnichten hinaus.“ Er rät aber angesichts der oft überfordernden Situation: „Nicht dumpfe Digitalisierungsphobie steht an, sondern spirituelle Wachsamkeit im Blick auf das Drohende und Herausfordernde … Dem zunehmenden Digitalisierungsdruck mutigen Freiheitswillen entgegenzustellen … ist heute erste Bürgerpflicht.“ Das gilt hochaktuell auch für die von Thiede aufgezeigte und prognostizierte Problematik digitaler Stromzähler, die wohl bald in jede Wohnung hineingezwungen werden sollen.

„Digitaler Massenwahn“

In Digitaler Turmbau zu Babel (2015) nimmt Thiede noch stärker die Breitenwirkung der Digitalisierung in der nahen Zukunft und schließlich auch Theologie und Kirche als Adressaten in den Blick.

In Anlehnung an die biblische Überlieferung vom Turmbau zu Babel (1. Mose 11) fragt er, ob das gesellschaftliche Mammutprogramm fieberhafter digitaler Allvernetzung nicht Ausdruck „einer bösen Überheblichkeit” sei, “die das Paradies auf Erden eigenmächtig zu errichten trachtet.“ Gebe es nicht bereits Züge eines “aufkommenden digitalen Massenwahns”? Gegenbewegungen von Minderheiten hätten offenbar kaum eine Chance.

Dabei habe die Gesellschaft insgesamt mit der rasant wachsenden Herrschaft des „Digitalismus“ – so nennt Thiede die entsprechende Ideologie – einen waghalsigen Weg eingeschlagen. Begeistert von den geradezu magisch anmutenden Chancen und Möglichkeiten des Digitalen begnügten sich viele Zeitgenossen, die damit verbundenen Risiken verrechnen, kleinreden oder gar in Abrede stellen zu können.

Thiede plädiert für eine ganzheitliche Wahrnehmung der Risiken und Nebenwirkungen. Er macht deutlich, dass es bei der Digitalen Revolution nicht nur um technische, sondern auch um tiefe kulturelle Veränderungen geht, deren Folgen zum Teil noch gar nicht absehbar sind und gravierende ethische Fragen aufwerfen.

Provokant stellt Thiede in Analogie zu Luthers reformatorischem Thesenanschlag vor beinahe 500 Jahren abschließend auch aktuelle 95 Thesen zur Digitalen Revolution vor.

These 4: „Technik hat dem Wohl des Menschen zu dienen. Ihr Fortschritt bedarf ethischer Begleitung und Kontrolle; er rechtfertigt nicht pauschal ‚Kollateralschäden‘.“ 

Behagliche Revolution?

Wer kundige Eindrücke, Wahrnehmungen und Analysen zu unserem digitalen Zeitalter sucht, lese unbedingt die Trilogie von Werner Thiede. Denn die notorisch als komfortabel bzw. behaglich angepriesene Digitale Revolution auf den intellektuellen Prüfstand zu stellen, erscheint uns dringlicher denn je. Hochfahrende Heilsversprechen und leichtgläubige Fortschrittsfrömmigkeit sind der historischen Moderne- und Technikforschung nicht unbekannt. Es fragt sich deshalb: Gab es in der Zivilisationsgeschichte, soweit wir sie übersehen, überhaupt so etwas wie bequeme Revolutionen?

Zum Autor

Prof. Dr. theol. habil. Werner Thiede ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern und Publizist. Seit 2006 arbeitet er als Theologischer Referent beim Regionalbischof im Kirchenkreis Regensburg. Zuvor war er Chefredakteur des Evangelischen Sonntagsblatts aus Bayern (Rothenburg o.d.Tbr.). Seit 2001 lehrt er Systematische Theologie (Dogmatik/Ethik) an der Theologischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg.

Ein Wort des Autors

Die Gesellschaft hat mit der Herrschaft des ‚Digitalismus‘ – so nenne ich die Ideologie, die auch Der Spiegel Nr. 10/2015 in einer Titelgeschichte beschreibt – einen riskanten Weg eingeschlagen. Begeistert von den geradezu magisch anmutenden Chancen und Möglichkeiten des Digitalen meinen viele Zeitgenossen, die damit verbundenen Risiken verrechnen, kleinreden oder gar in Abrede stellen zu können. Ich plädiere für eine ganzheitliche Wahrnehmung der Risiken und Nebenwirkungen. des vorherrschenden Technizismus.

Publikation zum Thema

04.10.2012Format: 14,9 x 2 x 21,1 cm Seitenanzahl: 302 Veröffentlicht am: 04.10.2012 ISBN-10: 3865814042ISBN-13: 978-3865814043Sprache: Deutsch

Mythos Mobilfunk

Kritik der strahlenden Vernunft
Autor:
Prof. Dr. Werner Thiede
Inhalt:
In der Auseinandersetzung mit der zunehmenden Luftverschmutzung unserer Lebenswelt durch elektromagnetische Felder markiert die perspektivenreiche Publikation einen neuen Meilenstein. Sie zeigt die trügerische Faszination, die von den Funk-Techniken ausgeht, aber auch das Maß an verdeckter Lüge und Gewalt, das sie in die Gesellschaft eingeführt haben und immer mehr Menschen zumuten – auf Kosten ihrer Gesundheit und Lebensqualität. Der erkennbaren Korrumpierbarkeit der menschlichen Vernunft und der Ethik-Vergessenheit von Politik und Industrie stellt Thiede eine theologisch und philosophisch fundierte Enttabuisierung des ‚Mythos’ entgegen, die der menschlichen Vernunft ihre Möglichkeiten und Rechte zurückgeben möchte.
2., aktualisierte Auflage, veröffentlicht 2014Format: 14,4 x 2 x 21,1 cmSeitenanzahl: 258 Veröffentlicht am: 30.10.2013 ISBN-10: 3643124015ISBN-13: 978-3643124012Sprache: Deutsch

Die digitalisierte Freiheit

Morgenröte einer technokratischen Ersatzreligion
Autor:
Prof. Dr. Werner Thiede
Inhalt:
Aus einer Besprechung in der Zeitschrift 'Umwelt-Medizin-Gesellschaft': "Thiede beschreibt eindringlich vier Freiheitsfallen, nämlich die politische, die ökologische, die lebenspraktische und die spirituelle Freiheitsfalle. Der Autor macht deutlich, dass es sich beim Internet der Dinge nicht um die ferne Zukunft handelt, sondern um die nächsten zehn Jahre. Umso leidenschaftlicher sein Appell zum ‚lebenspraktischen‘ Widerstand: ‚Dem zunehmenden Digitalisierungsdruck mutigen Freiheitswillen entgegenzustellen, statt freiheitsgewohnter Bequemlichkeit alle Wachsamkeit und Achtsamkeit zu opfern, ist heute erste Bürgerpflicht."
12. Februar 2015Format: 14,9 x 1,7 x 21,1Seitenanzahl: 238 Veröffentlicht am: 12.02.2015 ISBN-10: 3865817270ISBN-13: 978-3865817273

Digitaler Turmbau zu Babel

Der Technikwahn und seine Folgen
Autor:
Prof. Dr. Werner Thiede
Inhalt:
Unsere Gesellschaft hat im Zeichen der digitalen Revolution einen riskanten Weg eingeschlagen. Begeistert von den geradezu magisch anmutenden Chancen und Möglichkeiten des Digitalen meinen viele, die damit verbundenen Risiken verrechnen, kleinreden oder gar in Abrede stellen zu können. Prof. Werner Thiede plädiert indessen für eine ganzheitliche Wahrnehmung der Risiken des vorherrschenden Technizismus. Er macht deutlich, dass es bei der digitalen Revolution nicht nur um technische, sondern auch um kulturelle Veränderungen geht, deren Folgen zum Teil gravierende ethische Fragen aufwerfen. Trägt das globale Programm totaler Vernetzung Potentiale des Totalitären in sich? Thiede beschließt das Buch mit 95 Thesen, die zu einem Umdenken in Gesellschaft und Kirche auffordern.
Artikel veröffentlicht:
18.11.2015
Autor:
Prof. Dr. phil. Karl Richter, em. Literatur- und Kulturwissenschaftler; u.a. Herausgeber der neuen Münchner Goethe-Ausgabe. Dr. phil. Peter Ludwig, Literatur- und Kulturwissenschaftler; u.a. Mitwirkung an Standardwerken zu Goethe.

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