Jeannette Deckers: KI-Seepferdchen - verantwortungslos und naiv
Die Lehrerin, Autorin und Mutter Jeannette Deckers, die bereits 160.000 Unterschriften für ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre gesammelt hat, ist empört. Im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung fällt sie ein klares Urteil über die Handlungsempfehlungen der Expertenkommission. Sie ist entsetzt und kritisiert, dass die vorgeschlagene Altersgrenze von 13 Jahren schon bestehe und eigentlich gar keine neuen Schutzvorschriften eingeführt werden sollen:
- „Die Tech-Unternehmen haben heute genau das erreicht, was sie wollten: keine höhere Altersgrenze, aber die Empfehlung, die EUDI-Wallet zum Einsatz zu bringen, die ihnen noch mehr Daten liefern würde. Musk und Zuckerberg haben jeden Grund, heute die Korken knallen zu lassen. Sie lachen doch über unsere deutschen Diskussionen über Teilhabe und Medienkompetenz.“
Unter dem Mantel der kritischen Begleitung wird den Tech-Konzernen die Tür für KiTas und Schulen weit aufgemacht, umnebelt von scheinkritischen Formulierungen.[1] So gibt es in den Handlungsempfehlungen ein gut klingendes Kapitel „Selbstregulation“, das nahelegt, schon Kleinkinder könnten bei richtiger Medienerziehung immun gegen Risiken und damit fit für eine frühe Nutzung gemacht werden. Das mündet in dem absurden Vorschlag eines „KI-Seepferdchens“ für die Grundschule. Auf die Frage „Insgesamt wollen die Experten Kinder und Jugendliche für die digitale Welt rüsten, etwa mit einem „KI-Seepferdchen“ in der Grundschule. Sie sind selbst Lehrerin. Kann das gelingen?“ antwortet Jeannette Deckers:
- „Nein, das ist verantwortungslos und naiv. In Norwegen verbietet man ab August KI-Tools an Grundschulen komplett, während wir über ein „KI-Seepferdchen“ philosophieren. Die Annahme, man könne Kindern eine „digitale Mündigkeit“ vermitteln, um sie gegen hochgradig süchtig machende Algorithmen und andere Gefahren wie beispielsweise Grooming zu immunisieren, ist eine fatale Fehlannahme. Befähigung funktioniert hier entwicklungsbedingt nicht. Es ist eine bequeme Ausrede für die Politik: Man verweist auf die Eltern und die Schulen, schiebt die Verantwortung ab und muss selbst nichts mehr tun und sich erst recht keine Fehler, die in den letzten Jahren gemacht wurden, eingestehen.“
Lesen Sie das ganze Interview: Kinder und soziale Medien „Ein schlechter Witz“ – so enttäuscht ist diese Mutter von den Social-Media-Vorschlägen der Experten
Kinder werden von der Kommission zu erwachsenen Konsumenten umdefiniert
Mit der Umdefinition von Kindern zu jungen Erwachsenen, die über die Fähigkeit zur Selbstregulation verfügen, werden in den Handlungsempfehlungen den Techkonzernen die Schleusen in KiTas und Schulen hinein geöffnet. Sie haben ein dreifaches Interesse an Kindern: als zukünftige Konsumenten, deren Daten man braucht, als Absatzmarkt für die EdTech-Produkte und zu ihrer ideologischen Beeinflussung über Social Media. Dafür sollen sie möglichst früh an die Geräte gebunden werden. Dem kommen die Handlungsempfehlungen nach:
- „Digitale Medienbildung – einschließlich künstlicher Intelligenz – soll fester Bestandteil der frühen Bildung werden.“ (S.35)
- „Bereits in der Primarstufe werden Medien- und informatische Kompetenzen systematisch aufgebaut. Kinder verstehen die grundlegenden Funktionsweisen digitaler Medien früh und werden befähigt, sich in einer digitalisierten Welt ihren alters- und entwicklungsbezogenen Voraussetzungen entsprechend sicher zu orientieren.“ (S.37)
Selbst ein Social-Media-Verbot bis 13 wird damit unterlaufen. Dafür wird der Schutzbegriff umdefiniert und entkernt. Von altersbedingten Verboten ist dort keine Rede mehr:
- „Schutz schafft die Voraussetzungen dafür, dass Kinder und Jugendliche digitale Räume erkunden und nutzen können, ohne vermeidbaren Gefahren ausgesetzt zu sein.“(S.11)
- „Einseitige Ansätze greifen daher zu kurz. Schutz darf nicht in pauschalen Ausschluss münden.“ (S.11)
Die theoretische Grundlage für eine Ablehnung von Verboten, einem Kern des Jugendschutzes, wird im vorangegangenen Gutachten der Kommission unmissverständlich formuliert:
- „Grundsätzlich ist (digitale) Medienbildung eine Bildungsaufgabe von Kindertageseinrichtungen (SWK, 2022). In den Kindertageseinrichtungen bieten sich vielfältige Möglichkeiten mit Blick auf die Nutzung digitaler Medien, die Förderung von „Digital Literacy“ und frühe Elementarinformatik, sofern sie kindorientiert, mit Bedacht und qualifiziert erfolgen.“ (S. 72)
- Deshalb müssten Kinder den Umgang mit digitalen Medien schon ab der Kita lernen, Verbote seien nicht notwendig, weil „das Risiko paternalistischer Herangehensweisen (damit sind Verbote gemeint, d. Verf.) zumindest dem Anspruch nach reduziert ist, weil es stets um die Befähigung zu eigenständigem Umgang auch mit Gefährdungen geht.“ (S. 84)







