Mit ihrem Artikel „Doof gebor’n wird keiner, doof wird man gemacht …“ liefern Prof. Dr. Ralf Lankau und Peter Hensinger eine faktenreiche Generalabrechnung mit der kapitalistischen Durchdringung des Bildungswesens und den historischen Ursachen der Bildungskatastrophe, die sich trotz und wegen der Digitalisierung weiter vertieft.
Es ist ein neuer Hype in Deutschland: KI in der Schule. Die Expertenkommission der Bundesregierung schießt mit dem Vorschlag eines „KI-Seepferdchens“ für die Grundschule den Vogel ab. Norwegen verbannt KI wieder aus der Grundschule, dutzende Länder um uns herum stoppen die Digitalisierung von KiTa und Schule. Nicht so Deutschland. Man muss kein Prophet sein: Die forcierte Digitalisierung, die die Expertenkommission der Bundesregierung vorschlägt, wird die Bildungskatastrophe noch weiter vertiefen. Zwei Experten bringen es auf den Punkt:
- „Die KI-Besoffenheit von Bildungspolitik, Schulaufsicht und einem großen Teil der Erziehungswissenschaften wirkt derzeit wie ein Brandbeschleuniger nach Jahren des Zündelns mit dem Feuer der Digitalität, das bereits großen Schaden angerichtet hat.“ (Prof. Klaus Zierer, Pressemitteilung zur Enzyklika „Magnifica Humanitas")
- „Die Einführung von Künstlicher Intelligenz in Kitas, Schulen und Universitäten bedeutet, dass technisch hoch entwickelte, im Grund aber abgrundtief dumme Systeme wie ChatGPT, die nachplappern, womit sie gefüttert werden, potenziell hochbegabte junge Menschen davon abhalten, ihre eigene Intelligenz zu entwickeln. Das ist absurd.“ (Prof. Joachim Bauer: Menschlichkeit in digitalen Zeiten. Warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können, 2026, S. 166)
Bildung als Absatzmarkt – der lange Marsch der IT-Lobby
Wer noch glaubt, der im Koalitionsvertrag der Bundesregierung festgelegte Digitalpakt 2.0 sei ein Fortschrittsprojekt, wird im Artikel eines Besseren belehrt. Die Autoren zeigen präzise: Es geht nicht um Bildung – es geht um Daten, Märkte und Macht. Lankau und Hensinger zeichnen die Entwicklungslinie von den frühen Sprachlaboren über PCs und WLAN bis hin zu „selbstadaptiven, KI-gestützten Lernsystemen“ (Koalitionsvertrag) nach. Seit Jahrzehnten wird Schule Schritt für Schritt zum Experimentierfeld der Tech-Industrie umgebaut. Der aktuelle Höhepunkt: Schüler-ID, Bildungscloud und „autonomes Lernen“ per KI – festgeschrieben im Koalitionsvertrag. Der „gläserne Schüler“ wird zur verwertbaren Datenspur, perspektivisch zur Bürger-ID verdichtet. Damit folgt Bildung nicht pädagogischer Vernunft, sondern der Logik des Marktes und des Überwachungskapitalismus, der auf den Daten des gläsernen Bürgers beruht.
Die Autoren benennen Ross und Reiter: Stiftungen wie die Bertelsmann Stiftung, IT-Konzerne wie Microsoft oder Google und Netzwerke wie „Forum Bildung Digitalisierung“ treiben die digitale Transformation voran – flankiert von politischen Entscheidungsträgern, die Fortschritt mit Technisierung verwechseln. Schule wird so zur Infrastrukturmaßnahme für ein angebliches „digitales Wirtschaftswunder“.
KI im Klassenzimmer – Entmündigung statt Emanzipation
Besonders eindringlich analysieren Lankau und Hensinger den KI-Hype. Generative Systeme versprechen Effizienz, Individualisierung und Zeitersparnis. Doch was passiert real?
- Denken wird ausgelagert.
- Anstrengung wird ersetzt durch Prompten.
- Lernen schrumpft zur Optimierung von Noten.
Die Autoren sprechen von „kognitiver Schuld“: Wer das Denken an Maschinen delegiert, verlernt es. Damit knüpfen sie an Kritiker wie Manfred Spitzer und Joseph Weizenbaum an. KI rechnet – sie denkt nicht. Sie simuliert Intelligenz, ohne Verständnis. Kinder aber brauchen Widerstand, Irrtum, Scheitern, Dialog. Lernen ist ein sozialer Prozess, keine Datenverarbeitung.


