KI in der Schule: „Doof gebor’n wird keiner, doof wird man gemacht …“

Künstliche Intelligenz, Avatare, (Chat)Bots und Digitalpakte: Das ABC der Dehumanisierung von Schule und Unterricht
In der Einleitung des Artikels von Lankau/Hensinger heißt es: Die Bundesregierung hat den Digitalpakt Schule 2.0 verabschiedet. Seine Ziele sind im Koalitionsvertrag festgelegt: Eine datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung, basierend auf einer Schüler-ID (Identifikationsnummer) mit dem Ziel des autonomen Unterrichts durch „selbst adaptive, KI-gestützte Lernsysteme“. Das Erfassen der Lern- und Denkprozesse der Schüler erfolgt über die Speicherung der Lerndaten auf der Schüler-ID. Dafür soll statt mit Büchern mit Tablets unterrichtet werden, die über den Rückkanal in Echtzeit die Daten liefern, mit denen ein Algorithmus das Lernen steuern kann. Die Öffentlichkeit und selbst Lehrerverbände realisieren noch immer nicht, was das bedeuten wird. Es findet keine Reflexion statt, welche Ideologie und pädagogische Konzeption diese Maßnahmen bestimmen und warum sie noch tiefer in die Bildungskatastrophe führen werden.
Bilder:privat

Mit ihrem Artikel „Doof gebor’n wird keiner, doof wird man gemacht …“ liefern Prof. Dr. Ralf Lankau und Peter Hensinger eine faktenreiche Generalabrechnung mit der kapitalistischen Durchdringung des Bildungswesens und den historischen Ursachen der Bildungskatastrophe, die sich trotz und wegen der Digitalisierung weiter vertieft. 

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Es ist ein neuer Hype in Deutschland: KI in der Schule. Die Expertenkommission der Bundesregierung schießt mit dem Vorschlag eines „KI-Seepferdchens“ für die Grundschule den Vogel ab. Norwegen verbannt KI wieder aus der Grundschule, dutzende Länder um uns herum stoppen die Digitalisierung von KiTa und Schule. Nicht so Deutschland. Man muss kein Prophet sein: Die forcierte Digitalisierung, die die Expertenkommission der Bundesregierung vorschlägt, wird die Bildungskatastrophe noch weiter vertiefen. Zwei Experten bringen es auf den Punkt:

  • „Die KI-Besoffenheit von Bildungspolitik, Schulaufsicht und einem großen Teil der Erziehungswissenschaften wirkt derzeit wie ein Brandbeschleuniger nach Jahren des Zündelns mit dem Feuer der Digitalität, das bereits großen Schaden angerichtet hat.“ (Prof. Klaus Zierer, Pressemitteilung zur Enzyklika „Magnifica Humanitas")
  • „Die Einführung von Künstlicher Intelligenz in Kitas, Schulen und Universitäten bedeutet, dass technisch hoch entwickelte, im Grund aber abgrundtief dumme Systeme wie ChatGPT, die nachplappern, womit sie gefüttert werden, potenziell hochbegabte junge Menschen davon abhalten, ihre eigene Intelligenz zu entwickeln. Das ist absurd.“ (Prof. Joachim Bauer: Menschlichkeit in digitalen Zeiten. Warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können, 2026, S. 166)

 

Bildung als Absatzmarkt – der lange Marsch der IT-Lobby

Wer noch glaubt, der im Koalitionsvertrag der Bundesregierung festgelegte Digitalpakt 2.0 sei ein Fortschrittsprojekt, wird im Artikel eines Besseren belehrt. Die Autoren zeigen präzise: Es geht nicht um Bildung – es geht um Daten, Märkte und Macht. Lankau und Hensinger zeichnen die Entwicklungslinie von den frühen Sprachlaboren über PCs und WLAN bis hin zu „selbstadaptiven, KI-gestützten Lernsystemen“ (Koalitionsvertrag) nach. Seit Jahrzehnten wird Schule Schritt für Schritt zum Experimentierfeld der Tech-Industrie umgebaut. Der aktuelle Höhepunkt: Schüler-ID, Bildungscloud und „autonomes Lernen“ per KI – festgeschrieben im Koalitionsvertrag. Der „gläserne Schüler“ wird zur verwertbaren Datenspur, perspektivisch zur Bürger-ID verdichtet. Damit folgt Bildung nicht pädagogischer Vernunft, sondern der Logik des Marktes und des Überwachungskapitalismus, der auf den Daten des gläsernen Bürgers beruht.

Die Autoren benennen Ross und Reiter: Stiftungen wie die Bertelsmann Stiftung, IT-Konzerne wie Microsoft oder Google und Netzwerke wie „Forum Bildung Digitalisierung“ treiben die digitale Transformation voran – flankiert von politischen Entscheidungsträgern, die Fortschritt mit Technisierung verwechseln. Schule wird so zur Infrastrukturmaßnahme für ein angebliches „digitales Wirtschaftswunder“.

KI im Klassenzimmer – Entmündigung statt Emanzipation

Besonders eindringlich analysieren Lankau und Hensinger den KI-Hype. Generative Systeme versprechen Effizienz, Individualisierung und Zeitersparnis. Doch was passiert real?

  • Denken wird ausgelagert.
  • Anstrengung wird ersetzt durch Prompten.
  • Lernen schrumpft zur Optimierung von Noten.

Die Autoren sprechen von „kognitiver Schuld“: Wer das Denken an Maschinen delegiert, verlernt es. Damit knüpfen sie an Kritiker wie Manfred Spitzer und Joseph Weizenbaum an. KI rechnet – sie denkt nicht. Sie simuliert Intelligenz, ohne Verständnis. Kinder aber brauchen Widerstand, Irrtum, Scheitern, Dialog. Lernen ist ein sozialer Prozess, keine Datenverarbeitung.

Büchertitel: Verlage

Aktuelle Bücher über die pathologischen Auswirkungen digitaler Medien und KI auf Kinder und die ganze Gesellschaft. Die Autoren fordern Konsequenzen, die bisher von der Bundesregierung nicht gezogen werden. 

 

Die Folgen für Gesundheit, Lernleistung, Demokratie

Der Text bleibt nicht bei Theorie. Er verbindet die Bildungspolitik mit den alarmierenden Befunden zur „telefonbasierten Kindheit“, wie sie Jonathan Haidt in „Generation Angst“ beschreibt. Depressionen, Angststörungen, Internetsucht – der massive Anstieg seit 2010 ist dokumentiert. Der Zusammenhang zwischen exzessiver Bildschirmnutzung und sinkenden Lernleistungen wird durch Studien von Pädagogen wie Klaus Zierer belegt.

Lankau und Hensinger ziehen daraus eine politische Schlussfolgerung: Die Schüler-ID und die permanente Datenerfassung sind nicht nur pädagogisch problematisch – sie sind demokratiepolitisch gefährlich. Permanente Beobachtung erzeugt Anpassung. Anpassung untergräbt Mündigkeit. Die Algorithmen transportieren die Weltanschauung der faschistoiden Tech-Konzerne, wie es Rainer Mühlhoff in "Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus" (2025) nachweist. Wer Bildung zur datenbasierten Steuerung umformt, produziert keine kritischen Bürgerinnen und Bürger, sondern optimierte Funktionssubjekte. Hier berühren sich ihre Analysen mit der Kritik des Überwachungskapitalismus, wie ihn Shoshana Zuboff formuliert hat.

Titel: Verlage

Bücher, die die historischen und strukturellen Ursachen der Bildungskatastrophe analysieren

 

Analyse historischer Ursachen der Bildungskatastrophe

Beeindruckend ist die historische Einbettung. Vom Sputnik-Schock über OECD-Reformen bis zu PISA und Bologna zeigen die Autoren, wie Bildung systematisch ökonomisiert wurde. Begriffe wie „Humankapital“, „Output“ und „Kompetenzmessung“ haben das humanistische Bildungsideal verdrängt. Digitalisierung erscheint hier nicht als isoliertes Technikthema, sondern als logische Fortsetzung neoliberaler Steuerungsphantasien. Der Artikel kritisiert nicht nur Symptome, sondern Strukturen. Er zeigt, dass in der kritischen pädagogischen und soziologischen Literatur seit langem diese Ursachen der Bildungskatastrophe aufgedeckt wurden.

Die Alternative: Pädagogische Wende statt Technikfixierung

Lankau und Hensinger formulieren klar begründete Alternativen:

  1. Bildschirmfreie Grundbildung in Kita und Grundschule.
  2. Smartphone- und Social-Media-Regulierung bis 16 Jahre.
  3. Mehr Personal statt mehr Technik.
  4. Antizyklische Medienbildung: Schreiben, Denken, Lesen ohne KI und digitale Krücken.
  5. Digitale Souveränität durch Open-Source-Lösungen und Datenhoheit in öffentlicher Hand.

Digitaltechnik soll Werkzeug bleiben – nicht Taktgeber. Erst wenn Kinder ihre natürlichen kognitiven und sozialen Fähigkeiten entwickelt haben, kann reflektierte Mediennutzung beginnen. Das ist keine Technikfeindlichkeit. Es ist eine Verteidigung von Kindheit, Lernprozessen und Demokratie.

Fazit

Der Artikel zeigt, dass der Digitalpakt 2.0 und jetzt auch die Empfehlungen der Kommission "Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt" weniger ein Bildungsprojekt als ein industriepolitisches Programm sind. Er ist auch eine Literaturaufarbeitung für Pädagogen und Studenten, die sich für die Ursachen der Bildungskatastrophe interessieren. Der Artikel ist ein Weckruf gegen die stille Transformation der Bildung in ein datengetriebenes Geschäftsmodell. Oder zugespitzt: Wenn wir wollen, dass Kinder lernen, selbst zu denken, dann dürfen wir das Denken nicht an Algorithmen für das geplante KI-basierte autonome Lernen outsourcen.

Artikel veröffentlicht:
24.06.2026
Autor:
diagnose:funk
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