Künstliche Intelligenz oder natürliche Resilienz? Smartphones, Avatare und Lernroboter im Unterricht: Eine gute Idee?

Video Vortrag von Prof. Ralf Lankau
KI an Schulen und Hochschulen, welche Folgen wird das haben? Die Debatte um IT und KI in Schule ist für Ralf Lankau keine technische, sondern eine zutiefst politische Frage. Im Zentrum steht für ihn nicht die Effizienz von Unterricht, sondern die Zukunft demokratischer Gesellschaften. Denn digitale Infrastrukturen seien längst Teil eines Machtgefüges, das auf „die Programmierung menschlichen Verhaltens“ zielt.Dazu hielt Lankau am 20.04.2026 einen Vortrag bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Dr. Ralf Lankau ist Professor für Mediengestaltung und Medientheorie an der Hochschule Offenburg, Grafiker, Kunstpädagoge und Medienwissenschaftler. Er gehört zu den Initiatoren des «Bündnisses für humane Bildung» und Kritikern des „Digitalpakts“ und der Transformation von Schule durch Tech- und Medienkonzerne. „Zum Denken lernen als Ziel von Lehre und Unterricht brauchen wir ein menschliches Gegenüber, den direkten Dialog.“

Die Debatte um IT und KI in Schule ist für Ralf Lankau keine technische, sondern eine zutiefst politische Frage. Im Zentrum steht für ihn nicht die Effizienz von Unterricht, sondern die Zukunft demokratischer Gesellschaften. Denn digitale Infrastrukturen seien längst Teil eines Machtgefüges, das auf „die Programmierung menschlichen Verhaltens“ zielt.

Lankau verortet diese Entwicklung im Kontext des Überwachungskapitalismus: Was einst als freier Kommunikationsraum begann, habe sich zu einer Struktur gewandelt, in der Datenökonomie, Zentralisierung und Kontrolle dominieren. Schule gerät dabei in eine Schlüsselrolle – nicht nur als Absatzmarkt, sondern als Ort, an dem Erwartungshaltungen, Denkweisen und Handlungsmuster der nächsten Generation geprägt werden.

Besonders kritisch sieht Lankau die Vorstellung, Lernen lasse sich technisch steuern. Hinter Konzepten wie „adaptivem Lernen“ oder KI-Tutoren stehe die „Illusion, dass Lernen technisch steuerbar sei“. Damit werde ein Menschenbild etabliert, das den Menschen auf einen Datensatz reduziert – anschlussfähig an kybernetische Steuerungslogiken, die Gesellschaft insgesamt regulierbar machen sollen.

Die Folgen sind empirisch sichtbar: Trotz wachsender Digitalisierung sinken zentrale Kompetenzen. Studien zeigen zugleich, dass KI zwar bessere Ergebnisse produziert, aber nicht zu eigenständigem Denken führt. Lankau spricht zugespitzt von einem „Entfähigungs-Tool“: Lernende delegieren kognitive Prozesse an Maschinen und verlieren damit die Fähigkeit, Probleme selbst zu durchdringen.

Diese Entwicklung hat eine klare demokratietheoretische Dimension. Bildung zielt laut Lankau auf Mündigkeit, Urteilsfähigkeit und Partizipation – allesamt Fähigkeiten, die nicht automatisierbar sind. Sie entstehen im Dialog, im Widerspruch, in sozialen Beziehungen. Entsprechend betont er: „Wir brauchen ein menschliches Gegenüber, den direkten Dialog.“

Dem stellt Lankau zwei Logiken gegenüber: Auf der einen Seite eine technokratische Steuerungslogik mit Zentralisierung, Datensammlung und permanenter Kontrolle. Auf der anderen Seite die pädagogische Logik, die auf Beziehung, Offenheit und Unvorhersehbarkeit setzt. Der Ausgang dieses Konflikts ist für ihn offen – aber entscheidend.

Denn wenn Schule den Primat der Technik übernimmt, droht mehr als ein pädagogischer Fehlweg: Es entsteht die Gefahr, dass Bildung ihre demokratische Funktion verliert. Wenn Menschen sich an algorithmische Vorgaben gewöhnen, Entscheidungen delegieren und Wirklichkeit nicht mehr selbst durchdringen, wird Demokratie strukturell geschwächt.

Lankaus zentrale Forderung ist daher eindeutig: „IT und KI müssen steuerbar sein – nicht der Mensch.“ Bildungspolitik müsse sich am pädagogischen Auftrag orientieren, nicht an den Interessen der Tech-Industrie. Nur so lässt sich sichern, dass Schule ein Ort bleibt, an dem Menschen lernen, selbst zu denken – und damit demokratisch zu handeln.

Text: Bildungsblog der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Interview Prof. Ralf Lankau: Schüler-ID, Bildungs-TÜV und das falsche Menschenbild. Auf dem Weg zur Konditionierungsanstalt in einer Schule ohne Lehrer

Homepage von Prof. Ralf Lankau zur Bildungspolitik: https://die-pädagogische-wende.de/

Titelbilder: Beltz-Verlag

Publikation zum Thema

Bild:diagnose:funk
aktuelle Version: 02.10.2025Format: A4Seitenanzahl: 24 Veröffentlicht am: 02.10.2025 Bestellnr.: 609Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Überblick Nr. 9: Digitale Bildung - Ausweg aus der Bildungskatastrophe?


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Wie kam es zur „Digitalen Bildung“ und im Schlepptau zur WLANisierung der Schulen? Diese Reform hat eine über 50-jährige Geschichte. Sie kumulierte im Jahr 2017 im Beschluss der Bundesregierung zum Digitalpakt Schule. Mit der „Digitalen Bildung“ sollen die Ziele der neoliberalen Vorstellungen des Homo Oekonomicus, des konditionier- und verwertbaren Menschen, erstmals verwirklicht werden. Das Datensammeln durch die digitalen Medien ist dazu die Voraussetzung. Dieser Hintergrund spielt in der Diskussion fast keine Rolle, obwohl Soziologen und Pädagogen wir Prof. Jochen Krautz und Prof. Richard Münch ihn schon frühzeitig analysierten. Selbst Lehrerverbände verfielen dem inszenierten Hype der digitalen Medien, beschäftigten sich nicht mit dem pädagogischen und ökonomischen Hintergrund. Man kann die Bildungskatastrophe und die Digitale Bildung nur verstehen, wenn man ihre Historie, die pädagogischen Theorien und die ökonomischen Interessen, die sie hervorbrachten, kennt. Von Pädagogen, die diese Hintergründe kennen, gibt es heute eine heftige Kritik und die Forderung nach einer pädagogischen Wende. Dieser Überblick stellt die Geschichte und aktuelle Debatte dar.
Artikel veröffentlicht:
09.05.2026
Autor:
Ralf Lankau / RLS
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