Abbildung 1. Histopathologische Untersuchung aller Gruppen mittels H&E-Färbung. Die Mikrofotografien zeigen Myokardgewebe aus den Gruppen. Kontrolle (1A), 900 MHz-24h (1B), 1800 MHz-6h (1C), 1800 MHz-12h (1D), 1800 MHz-24h (1E) und 2100 MHz-24h (1F). Dichte pyknotische Kerne (➔), zytoplasmatische Vakuolisierung (➤), Muskelfaserverformung (➞), Gefäßstauung (+), vergrößerter Faserraum (✱), (H&E; Hämatoxylin und Eosin, Maßstab: 50 μm).
Fehlende Abwägung der Relevanz von Einflussgrößen
Es wurde vom BfS weiter kritisiert, dass einige Einflussgrößen (Verblindung gegeben? Alter der trächtigen Ratten? Ort und Art der Platzierung der Käfige, z.B. alle Gruppen im gleichen Raum? Kontrollgruppe mit abgeschalteter Antenne ausgestattet?) in der Veröffentlichung nicht erwähnt wurden. Diese hätten die Kritiker des BfS von den Autoren der Studie in Erfahrung bringen können. Die Bewertung, dass daher (!) ein „erhebliches Verzerrungsrisiko“[5] nicht ausgeschlossen werden könne, ist eine suggestive, zweckgefärbte Folgerung: Denn das Vorliegen eines Verzerrungsrisikos ist einfach nicht beurteilbar, wenn man nichts über die Berücksichtigung dieser Einflussgrößen weiß. Genauso gut könnte man umgekehrt folgern, dass (trotz der nicht dokumentierten Einflussgrößen) eine erhebliche Relevanz der Studie nicht ausgeschlossen werden kann.
Grundsätzlich erlaubt Nichtwissen eine neutrale Folgerung nur in der Form: „Kann (abschließend) nicht beurteilt werden, ohne weitere Details zu kennen.“ Nichtwissen erlaubt nicht den folgenden Schluss: Gewisse Einflussgrößen wurden nicht beachtet und daher lässt sich Abwertung rechtfertigen. Es könnte ja auch sein, dass alle Fragen zu den fehlenden Einflussgrößen positiv beantwortet werden können. Wenn alle Kritikpunkte ausgeräumt werden können oder sich als marginal erweisen, dann könnte/müsste man sagen, dass eine erhebliche Relevanz der Studie vorliegt.
Bei jeder Studie können Einflussgrößen im Spiel sein, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht beachtet oder nicht dokumentiert wurden. Auch wenn dies zum Anlass für Kritik genommen werden kann, wird vor allem ein Aspekt ignoriert, der wesentliche Bedeutung für die Bewertung der Aussagekraft einer Studie hat: Die zahlreichen Einflussgrößen haben nicht alle die gleiche Relevanz für die Aussagekraft einer Studie. Und die Verzerrung der Ergebnisse bei der Nichtberücksichtigung von Einflussgrößen muss nicht automatisch erheblich sein, sie kann sogar marginal sein.
Eine ausgewogene Bewertung der Aussagekraft einer Studie muss sich damit unter anderem mit einer Abwägung der Relevanz der verschiedenen beachteten und nicht beachteten Einflussgrößen auseinandersetzen. Solange die Relevanz der verschiedenen Einflussgrößen nicht dargelegt und deren Abwägung für eine Bewertung nicht durchgeführt wird, kann von einer ausgewogenen Bewertung nicht gesprochen werden.
Eine Abwertung der Studienergebnisse (allein) auf dem Fehlen der Dokumentation von Einflussgrößen aufzubauen, ohne ihre Relevanz im Rahmen der Studie abzuwägen und die konstruktiven Teile der Studie zu würdigen, gleicht der Abwertung einer Blume, die noch keine Blüte aufweist.
Zusammenfassung
- Fakten, die in der Studie veröffentlicht wurden, wurden nicht beachtet, die Kritik ist daher an vielen Stellen unberechtigt und kann nur zurückgewiesen werden.
- Die Kritik des BfS beruht weiterhin auf einer mangelnden Berücksichtigung des Gesamtzusammenhangs der in der Studie dargelegten Argumentation. Es werden Einzelbeobachtungen aus dem Zusammenhang gerissen, die Folgerungen der Autoren erscheinen dadurch nicht mehr zwingend. Nur so ist es dem BfS möglich, seine Scheinkritik zu formulieren.
- Weiterhin gründet sich die Abwertung der Studie auf wenige nicht in der Studie dokumentierte Einflussgrößen (siehe oben). Das BfS weiß nicht, ob oder wie sie berücksichtigt wurden. Es unterstellt aber, dass ihre Relevanz für die Aussagekraft der Studie erheblich sei. Das BfS erkennt zwar, dass die fehlenden Informationen zu diesen Einflussgrößen notwendig sind, „um die Qualität der Studie angemessen zu beurteilen“[5]. Trotz dieses Nicht-Wissens beurteilt das BfS die Aussagekraft der Studie negativ. Nicht-Wissen als Wissen auszugeben und auf diese Weise die Studienergebnisse abzuwerten, ist eine scheinlogische Täuschung des Lesers.
- Es fehlt die Abwägung und Bewertung der Relevanz aller Einflussgrößen, insbesondere der dokumentierten und untersuchten Einflussgrößen. Aufgrund fehlender Kenntnis von wenigen Informationen über das Design der Studie lässt sich keine Kritik des Studienergebnisses, schon gar nicht eine abwertende, begründen.
Die abschließende umfassende Abwertung der Studie beruht somit auf Scheinargumenten. Es wird darüber hinaus ein Bewertungsschema des BfS deutlich, das auf einer Maximalforderung, auf einem Alles-oder-Nichts-Schema beruht: Denn das BfS legt fest, a) welche Einflussgrößen adäquat zu berücksichtigen sind, b) welche Zusammenhänge mit welchen Methoden zu belegen sind und c) dass die Studie abzuwerten ist, sobald eine oder mehrere Einflussgrößen nicht berücksichtigt oder nicht dokumentiert wurden oder Zusammenhänge nicht mit letzter Sicherheit belegt sind. Solch ein Vorgehen missachtet allgemein anerkannte Bewertungsgrundsätze des Bewertens und Abwägens aller (!) berücksichtigten und ggf. nicht berücksichtigten Aspekte (siehe oben) und führt zwangsläufig zu einer einseitigen und daher verzerrten, fragwürdigen und anfechtbaren Bewertung. Außerdem ist mit Hilfe eines Alles-oder-Nichts-Schemas einem Missbrauch des Bewertungsverfahrens für parteiliche Zwecke Tür und Tor geöffnet.
Quellen
[1] Bozok S, Karaagac E, Sener D, Akakin D, Tumkaya L. (2023). The effects of long-term prenatal exposure to 900, 1800, and 2100 MHz electromagnetic field radiation on myocardial tissue of rats. Toxicol Ind Health. 2023 Jan; 39(1):1-9. doi: 10.1177/07482337221139586. Epub 2022 Nov 16. PMID: 36383165. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36383165/
[2] Vivien Hornawsky (2025). Vakuole: Definition, Bildung und Funktionen. Vgl. https://www.medi-karriere.de/wiki/vakuole/
[3] ElektrosmogReport 3/2023, veröffentlicht auf EMF:data unter https://www.emfdata.org/de/studien/detail&id=798, siehe auch unter
https://www.diagnose-funk.org/aktuelles/artikel-archiv/detail&newsid=2002
[4] EMF-Portal. Hinweis auf die Studie von Bozok et al.: https://www.emf-portal.org/de/article/49027
[5] Kompetenzzentrum Elektromagnetische Felder (KEMF) (2023): Spotlight on "The effects of long-term prenatal exposure to 900, 1800, and 2100 MHz electromagnetic field radiation on myocardial tissue of rats" by Bozok et al. in Toxicology and Industrial Health (2022). https://doris.bfs.de/jspui/bitstream/urn:nbn:de:0221-2023060938290/4/SL_Bozok_2022_EffectsOfLongterm_Deu.pdf
[6] Wikipedia (deutsch). Bradford-Hill-Kriterien: https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84tiologie_(Medizin)#Bradford-Hill-Kriterien
[7] Wikipedia (englisch). Thiobarbituric acid reactive substances (TBARS): https://en.wikipedia.org/wiki/TBARS
Fußnoten
[A] Weitere Artikel von Dr. Klaus Scheler zur Debatte um die Risiken der Mobilfunkstrahlung:
Klaus Scheler (2019): Behauptungen & Scheinargumente Teil I. "Mobilfunkstrahlung hat zu wenig Energie, um Zellen zu schädigen. Oxidativer Stress ist unplausibel."
Klaus Scheler (2019): Behauptungen und Scheinargumente Teil VIII. Prof. Lerchls Vortrag und FMK-Interview auf dem Prüfstand: „5G: Medizinische Aspekte“
Klaus Scheler (2019): Behauptungen und Scheinargumente Teil VII. "Die Strahlung der Sonne und einer Deckenlampe hat mehr Watt als ein Mobilfunksender!"
Klaus Scheler / Peter Hensinger (2022): Ergebnisse der MOBI-Kids-Studie und ihre durch das
Bundesamt für Strahlenschutz verbreitete Fehlinterpretation.
Klaus Scheler (2016): Polarisation: Ein wesentlicher Faktor für das Verständnis biologischer
Effekte von gepulsten elektromagnetischen Eellen niedriger Intensität.
Klaus Scheler (2019): Was ist wirklich dran an der Gefährlichkeit von Elektrosmog?“
[B] Oxidativer Stress liegt vor, wenn die Bildung von oxidativen ROS so hoch wird, dass sie durch die antioxidativ wirkenden Substanzen in der Zelle nicht mehr kompensiert werden kann. Dies führt zu Schäden an der Zelle.