Eine Studie - zwei Interpretationen

„Das Bundesamt möchte, dass die Wissenschaft die Aussage macht, dass es keine Effekte gibt.“
Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) bespricht und bewertet in seiner Reihe Spotlight aktuelle Studien, die Risken der Mobilfunkstrahlung untersuchen. Die Ergebnisse der Studie von Bozok et al. (2023) zu Auswirkungen auf das Herzmuskelgewebe mit dem Ergebnis, dass schädliche Auswirkungen nachgewiesen wurden, beschreibt das BfS als nicht schlüssig, der ElektrosmogReport 3/2023 kam in seiner Bewertung zur gegenteiligen Einschätzung: Die Risiken seien nachgewiesen und ernst zu nehmen. Dr. Klaus Scheler untersuchte, wie es zu diesen diametral entgegengesetzten Bewertungen kommt.
Bild: diagnose:funk

Die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit

Seit langem setzt sich diagnose:funk mit der Bewertung der Studienlage durch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) auseinander. In Brennpunkten und Homepageartikeln kritisieren wir, dass das BfS die Studienlage verfälscht darstellt (s.u. im Anhang einige unserer Publikationen).[A] Dass dies bewusst geschieht, bezeugte nun Prof. Dr. Meike Mevissen von der Uni Bern in einem Interview auf infosperber.ch:

 

  • „Mich stört dabei, dass Institutionen, wie etwa das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz, ständig alles wegdiskutieren. Auch wenn die Effekte, die gefunden wurden, klein sind, kann man das auch so kommunizieren. Das Bundesamt möchte, dass die Wissenschaft die Aussage macht, dass es keine Effekte gibt.“

Verfolgt man die über 60 Spotlight-Besprechungen des BfS, so ist eines überdeutlich: Alle Studien, die Effekte finden, werden als schlecht gemacht rezensiert, ihre Ergebnisse marginalisiert und aus der Risikobewertung ausgeschlossen. Dagegen werden Studien, die keine Effekte finden, in der Regel per se als gute Wissenschaft gelobt und in die Risikobewertung des BfS aufgenommen. Das ist bedenklich! Ein Lehrbeispiel für Agnotologie.

Die Außenstelle Cottbus des BfS, das Kompetenzzentrum Elektromagnetische Felder (KEMF), scheint ausschließlich die Aufgabe zu haben, die Unbedenklichkeit der Mobilfunktechnologie zu begründen, durch Spotlight-Studieninterpretationen, Beratung von Politikern und Pressearbeit. Allein das Spotlight-Team hat 13 Angestellte. Das kostet die Gesundheit und den Steuerzahler Millionen. Für diese Arbeit des KEMF als Flankenschutz zur Beruhigung der Bevölkerung bedankte sich 2024 auf dem 31. Runden Tisch EMF des Bundesamtes für Strahlenschutz stellvertretend für die IT-Branche Kristofer Steinijans (Telekom): „Die Begleitung durch die Initiative „Deutschland spricht über 5G“ (Dsü5G) wurde als sehr hilfreich empfunden, insbesondere die Moderation bei kleinen Kommunen.“ Die Argumente für diese mediale Entwarnungskampagne wurden vom BfS/KEMF entwickelt. 

Die – für den Laien schwer durchschaubaren – scheinwissenschaftlichen Methoden, derer sich das BfS bedient, hat Dr. Klaus Scheler, Mitglied im Vorstand von diagnose:funk und ehem. Physikdozent, anhand der beiden gegensätzlichen Interpretationen der Studie von Bozok et al. exemplarisch analysiert: Die Studie wurde im ElektrosmogReport 3/2023 von der ElektrosmogReport-Redaktion besprochen; das BfS besprach die Studie im Rahmen seiner Spotlight-Reihe. Wir bringen hier im Anschluss den kompletten  Vergleich der beiden Besprechungen von Dr. Klaus Scheler,  wie er im ElektrosmogReport 3/2025 veröffentlicht wurde.

Die Studie im Original: Bozok S, Karaagac E, Sener D, Akakin D, Tumkaya L (2023). The effects of long-term prenatal exposure to 900, 1800, and 2100 MHz electromagnetic field radiation on myocardial tissue of rats. Toxicol Ind Health. 2023 Jan; 39(1):1-9. doi: 10.1177/07482337221139586. Epub 2022 Nov 16. PMID: 36383165. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36383165/

Besprechung der Studie auf EMF:Data und im Elektrosmog 3/2023

Besprechung der Studie auf der Homepage des Bundesamtes für Strahlenschutz

 

Faksimile Bozok et al.

Kommentar zur Bewertung der Studie von Bozok et al.

von Klaus Scheler

 

Einleitung

Die Studie von Bozok et al. (2023) [1] „The effects of long-term prenatal exposure to 900, 1800 and 2100 MHz electromagnetic field radiation on myocardial tissue of rats“ untersuchte erstmalig die langfristigen Auswirkungen einer Befeldung von trächtigen Sprague-Dawley-Ratten (weiße Ratten) mit gängigen Mobilfunkfrequenzen auf das Herzmuskelgewebe ihrer neugeborenen männlichen Jungtiere.

Insgesamt wurde mit 6 Gruppen (zu n = 3) von trächtigen Sprague-Dawley-Ratten experimentiert: 1. Gruppe: Kontrollgruppe (nicht befeldet), 2. Gruppe: 900 MHz, 24 h/Tag, 3. Gruppe: 1800 MHz, kontinuierlich 6 h/Tag, 4. Gruppe: 1800 MHz, kontinuierlich 12 h/Tag, 5. Gruppe: 1800 MHz, 24 h/Tag, 6. Gruppe: 2100 MHz, 24 h/Tag. Insgesamt wurden die Tiere über einen Zeitraum von 20 Tagen befeldet. Nach 60 Tagen wurden die Jungtiere getötet und das Herzmuskelgewebe histopathologisch und biochemisch untersucht. Die Wissenschaftler beobachteten bei den Jungtieren aus den befeldeten Gruppen eine atypische Myokardmorphologie in Form von pyknotischen Nuclei (degenerierten Zellkernen), zytoplasmatischer Vakuolisierung [2], eosinophil gefärbtem Zytoplasma und eine Vergrößerung der myokardialen Muskelfasern.

Insbesondere nahmen die Herzmuskelschäden bei gleicher Befeldungsdauer (24 h/Tag) mit steigender Frequenz (900, 1800, 2100 MHz) zu, ebenso mit steigender Befeldungsdauer (6 h/Tag, 12 h/Tag, 24 h/Tag) bei gleicher Frequenz von 1800 MHz, so dass bei letzterem Ergebnis von einer Dosis-Wirkungs-Relation ausgegangen werden kann. Bei den Jungtieren aus der Kontrollgruppe traten die Schädigungen nicht auf: Ihr Herzgewebe zeigte eine typische Struktur der Herzmuskelzellen mit regelmäßigen Zellgrenzen und intaktem Endomysium.

ElektrosmogReport 3/2023ElektrosmogReport / diagnose:funk

Im ElektrosmogReport 3/2023 [3] wurde die Studie besprochen und ihre Ergebnisse als konstruktiver Beitrag zur Problematik der Wirkung von HF-EMF auf den Herzmuskel bewertet. Fast gleichzeitig zum Erscheinen der Studie im EMF-Portal [4] erschien eine Bewertung vom Kompetenzzentrum Elektromagnetische Felder (KEMF) des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) [5], das die Studie rundum abwertet mit dem Fazit „Aus diesem Grund liefert die Studie keinen verlässlichen Beitrag zum aktuellen Kenntnisstand hinsichtlich HF-EMF und Effekten auf das Herz.“

Die angeführten Gründe für die Studienabwertung werden dem Anliegen und den Aussagen der Studie nicht gerecht. Die Kritik ist daher zurückzuweisen, wie folgende Gegendarstellung im Einzelnen zeigt.

Verfälschte Darstellung der veröffentlichten Fakten

  1. Das BfS behauptet in seiner Beurteilung, es sei nicht ersichtlich, ob die Zuordnung der trächtigen Ratten zu den verschiedenen Expositionsgruppen zufällig war. Diese Aussage ist unzutreffend: Die Studie war eine „randomized study“, wie klar unter dem Abschnitt „Methods“ der Studie zu lesen ist. Also war die Zuordnung zufällig, wie es auch üblich ist wegen der allgemein akzeptierten sonst möglichen Verzerrung.
  2. Zusätzlich behauptet das BfS, es wären trächtige Ratten auf die Käfige verteilt worden. Das stimmt nicht: Den weiblichen Ratten wurde in jedem Käfig eine männliche Ratte zugeteilt zwecks Paarung. D.h. die Schwangerschaftszeiten begannen daher nicht gleichzeitig. Erst nach Eintritt der Schwangerschaft wurde bestrahlt. Daher ist auch die folgende Kritik des BfS haltlos: „Es wird nicht erwähnt, ... ob die Exposition der Tiere gleichzeitig ... stattfand.“[5] Das Vorgehen ist in der Veröffentlichung indirekt beschrieben.
  3. Das BfS behauptet außerdem, es sei nicht ersichtlich, ob „die [nicht exponierten] Tiere denselben Umgebungsbedingungen ausgesetzt waren wie die exponierten Tiere.“ Auch das ist der Veröffentlichung in dem Abschnitt „Animal care and welfare“ weitgehend zu entnehmen, zumal auf die Beachtung und Prüfung der Health Guidelines for the Care and Use of Laboratory Animals verwiesen wird.
  4. Die kritisierte geringe Zahl der untersuchten Tiere wird in dem Abschnitt „Discussion“ gut begründet: „However, animal welfare should not be ignored in these animal studies. Thus, we used a minimal number of pregnant rats (n:3) per exposure group and we examined a minimal number of male pups (n:6) from these litters in our study.”

Vernachlässigung des Gesamtzusammenhangs

Das BfS kritisiert weiter, dass die in der Studie untersuchten Substanzen MDA, ein Biomarker für Lipidperoxidation (Zellmembranschädigung), und Glutathion (GSH), ein Antioxidans in der Zelle, keine validen Biomarker für ROS (reaktive Sauerstoffspezies, Sauerstoffradikale) seien und folgert daraus: „Die Aussage der Autoren, dass ihre Ergebnisse eine Rolle von HF-EMF bei der Entstehung von oxidativem Stress[B] unterstützen, ist daher aus Sicht des BfS auf Basis der verwendeten Methoden nicht ableitbar.“

An dieser Kritik zeigt sich, dass nicht berücksichtigt wurde, welche Rolle die Messung von MDA und GSH im Gesamtzusammenhang der Untersuchungen in der Studie spielt. Dieser wird im Folgenden zunächst kurz dargestellt.

Die kritisierte Aussage der Autoren beruht unter anderem – wie eingangs erwähnt – auf ihrem Untersuchungsergebnis einer Dosis-Wirkungs-Relation zwischen HF-EMF-Exposition und verschiedenen Herzmuskelschädigungen, die bei Nicht-Exposition gerade nicht auftreten. Außerdem wurde die Konsistenz dieser Befunde zu ähnlichen Ergebnissen von anderen Studien dargelegt. Damit sind wesentliche Bradford-Hill-Kriterien [6] erfüllt und somit weitgehend gesichert, dass die HF-EMF-Exposition als Ursache für die Herzmuskelschädigungen angesehen, also ein Kausalzusammenhang angenommen werden kann. Da in anderen Studien bei Einwirkungen von HF-EMF auf Organe immer wieder vermehrt ROS festgestellt wurden, bot es sich für die Autoren an, entsprechende ROS-Marker wie MDA und GSH auf biochemischer Ebene zu untersuchen und so den Kausalzusammenhang weiter abzusichern. Die Befunde der MDA- und GSH-Werte zeigten (bis auf eine Ausnahme) analog zu den Herzmuskelschädigungen eine (statistisch signifikante) Dosis-Wirkungs-Relation: Der MDA-Wert, d.h. die Lipidperoxidation (Zellmembranschädigung), stieg signifikant mit der Dauer der Bestrahlung (Dosis) an, der GSH-Wert, d.h. die Konzentration des antioxidativ wirkenden Glutathion in der Zelle, nahm entsprechend ab.

In der Kritik des BfS wurde ausgeführt, dass der MDA-Marker in erster Linie ein Marker für Lipidperoxidation und nicht unbedingt ein Marker für ROS ist, da MDA auch auf anderem Wege entstehen kann [7]. Man kann also von MDA nicht ohne Weiteres, also nicht automatisch auf ROS schließen, aber stets von ROS auf Lipidperoxidation und damit auf entsprechende MDA-Werte. Ähnlich verhält es sich mit den GSH-Werten, da GSH nur bei in-vitro-Versuchen als valider Biomarker für ROS gilt.

Die Aussage der Autoren der Studie, dass HF-EMF die Entstehung von ROS unterstützt, mag daher formal aus den MDA- / GSH-Daten allein (!), d.h. losgelöst von den genannten Befunden, nicht zwingend ableitbar sein. Das war auch gar nicht das Anliegen der Autoren. Aber im Zusammenhang mit der Tatsache, dass in der Kontrollgruppe keine Schädigung der Herzmuskelzellen und damit keine Lipidperoxidation in den Zellen aufgetreten ist und zudem bestrahlte Gruppen und Kontrollgruppe sonst gleichen Untersuchungsbedingungen ausgesetzt waren, bleibt HF-EMF als einzige relevante Größe übrig, um die gemessenen MDA- und GSH-Werte und darüber hinaus die Dosis-Wirkungs-Relation zu erklären. Die Befunde sind damit – wie die Autoren schreiben – im Einklang mit der Annahme, dass durch HF-EMF-Exposition ROS vermehrt auftreten.

Da das BfS diese Folgerung der Autoren ohne Berücksichtigung dieses Gesamtzusammenhangs der Argumentation ablehnt, wird die Bewertung des BfS als nicht nachvollziehbar und unberechtigt zurückgewiesen.

Grafik: Bozok et al.

Abbildung 1. Histopathologische Untersuchung aller Gruppen mittels H&E-Färbung. Die Mikrofotografien zeigen Myokardgewebe aus den Gruppen. Kontrolle (1A), 900 MHz-24h (1B), 1800 MHz-6h (1C), 1800 MHz-12h (1D), 1800 MHz-24h (1E) und 2100 MHz-24h (1F). Dichte pyknotische Kerne (➔), zytoplasmatische Vakuolisierung (➤), Muskelfaserverformung (➞), Gefäßstauung (+), vergrößerter Faserraum (✱), (H&E; Hämatoxylin und Eosin, Maßstab: 50 μm).

 

Fehlende Abwägung der Relevanz von Einflussgrößen

Es wurde vom BfS weiter kritisiert, dass einige Einflussgrößen (Verblindung gegeben? Alter der trächtigen Ratten? Ort und Art der Platzierung der Käfige, z.B. alle Gruppen im gleichen Raum? Kontrollgruppe mit abgeschalteter Antenne ausgestattet?) in der Veröffentlichung nicht erwähnt wurden. Diese hätten die Kritiker des BfS von den Autoren der Studie in Erfahrung bringen können. Die Bewertung, dass daher (!) ein „erhebliches Verzerrungsrisiko“[5] nicht ausgeschlossen werden könne, ist eine suggestive, zweckgefärbte Folgerung: Denn das Vorliegen eines Verzerrungsrisikos ist einfach nicht beurteilbar, wenn man nichts über die Berücksichtigung dieser Einflussgrößen weiß. Genauso gut könnte man umgekehrt folgern, dass (trotz der nicht dokumentierten Einflussgrößen) eine erhebliche Relevanz der Studie nicht ausgeschlossen werden kann.

Grundsätzlich erlaubt Nichtwissen eine neutrale Folgerung nur in der Form: „Kann (abschließend) nicht beurteilt werden, ohne weitere Details zu kennen.“ Nichtwissen erlaubt nicht den folgenden Schluss: Gewisse Einflussgrößen wurden nicht beachtet und daher lässt sich Abwertung rechtfertigen. Es könnte ja auch sein, dass alle Fragen zu den fehlenden Einflussgrößen positiv beantwortet werden können. Wenn alle Kritikpunkte ausgeräumt werden können oder sich als marginal erweisen, dann könnte/müsste man sagen, dass eine erhebliche Relevanz der Studie vorliegt.

Bei jeder Studie können Einflussgrößen im Spiel sein, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht beachtet oder nicht dokumentiert wurden. Auch wenn dies zum Anlass für Kritik genommen werden kann, wird vor allem ein Aspekt ignoriert, der wesentliche Bedeutung für die Bewertung der Aussagekraft einer Studie hat: Die zahlreichen Einflussgrößen haben nicht alle die gleiche Relevanz für die Aussagekraft einer Studie. Und die Verzerrung der Ergebnisse bei der Nichtberücksichtigung von Einflussgrößen muss nicht automatisch erheblich sein, sie kann sogar marginal sein.

Eine ausgewogene Bewertung der Aussagekraft einer Studie muss sich damit unter anderem mit einer Abwägung der Relevanz der verschiedenen beachteten und nicht beachteten Einflussgrößen auseinandersetzen. Solange die Relevanz der verschiedenen Einflussgrößen nicht dargelegt und deren Abwägung für eine Bewertung nicht durchgeführt wird, kann von einer ausgewogenen Bewertung nicht gesprochen werden.

Eine Abwertung der Studienergebnisse (allein) auf dem Fehlen der Dokumentation von Einflussgrößen aufzubauen, ohne ihre Relevanz im Rahmen der Studie abzuwägen und die konstruktiven Teile der Studie zu würdigen, gleicht der Abwertung einer Blume, die noch keine Blüte aufweist.

Zusammenfassung

  1. Fakten, die in der Studie veröffentlicht wurden, wurden nicht beachtet, die Kritik ist daher an vielen Stellen unberechtigt und kann nur zurückgewiesen werden.
  2. Die Kritik des BfS beruht weiterhin auf einer mangelnden Berücksichtigung des Gesamtzusammenhangs der in der Studie dargelegten Argumentation. Es werden Einzelbeobachtungen aus dem Zusammenhang gerissen, die Folgerungen der Autoren erscheinen dadurch nicht mehr zwingend. Nur so ist es dem BfS möglich, seine Scheinkritik zu formulieren.
  3. Weiterhin gründet sich die Abwertung der Studie auf wenige nicht in der Studie dokumentierte Einflussgrößen (siehe oben). Das BfS weiß nicht, ob oder wie sie berücksichtigt wurden. Es unterstellt aber, dass ihre Relevanz für die Aussagekraft der Studie erheblich sei. Das BfS erkennt zwar, dass die fehlenden Informationen zu diesen Einflussgrößen notwendig sind, „um die Qualität der Studie angemessen zu beurteilen“[5]. Trotz dieses Nicht-Wissens beurteilt das BfS die Aussagekraft der Studie negativ. Nicht-Wissen als Wissen auszugeben und auf diese Weise die Studienergebnisse abzuwerten, ist eine scheinlogische Täuschung des Lesers.
  4. Es fehlt die Abwägung und Bewertung der Relevanz aller Einflussgrößen, insbesondere der dokumentierten und untersuchten Einflussgrößen. Aufgrund fehlender Kenntnis von wenigen Informationen über das Design der Studie lässt sich keine Kritik des Studienergebnisses, schon gar nicht eine abwertende, begründen.

Die abschließende umfassende Abwertung der Studie beruht somit auf Scheinargumenten. Es wird darüber hinaus ein Bewertungsschema des BfS deutlich, das auf einer Maximalforderung, auf einem Alles-oder-Nichts-Schema beruht: Denn das BfS legt fest, a) welche Einflussgrößen adäquat zu berücksichtigen sind, b) welche Zusammenhänge mit welchen Methoden zu belegen sind und c) dass die Studie abzuwerten ist, sobald eine oder mehrere Einflussgrößen nicht berücksichtigt oder nicht dokumentiert wurden oder Zusammenhänge nicht mit letzter Sicherheit belegt sind. Solch ein Vorgehen missachtet allgemein anerkannte Bewertungsgrundsätze des Bewertens und Abwägens aller (!) berücksichtigten und ggf. nicht berücksichtigten Aspekte (siehe oben) und führt zwangsläufig zu einer einseitigen und daher verzerrten, fragwürdigen und anfechtbaren Bewertung. Außerdem ist mit Hilfe eines Alles-oder-Nichts-Schemas einem Missbrauch des Bewertungsverfahrens für parteiliche Zwecke Tür und Tor geöffnet.

Quellen

[1]  Bozok S, Karaagac E, Sener D, Akakin D, Tumkaya L. (2023). The effects of long-term prenatal exposure to 900, 1800, and 2100 MHz electromagnetic field radiation on myocardial tissue of rats. Toxicol Ind Health. 2023 Jan; 39(1):1-9. doi: 10.1177/07482337221139586. Epub 2022 Nov 16. PMID: 36383165. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36383165/

[2]  Vivien Hornawsky (2025). Vakuole: Definition, Bildung und Funktionen. Vgl. https://www.medi-karriere.de/wiki/vakuole/

[3]  ElektrosmogReport 3/2023, veröffentlicht auf EMF:data unter https://www.emfdata.org/de/studien/detail&id=798, siehe auch unter
https://www.diagnose-funk.org/aktuelles/artikel-archiv/detail&newsid=2002

[4]  EMF-Portal. Hinweis auf die Studie von Bozok et al.: https://www.emf-portal.org/de/article/49027

[5]  Kompetenzzentrum Elektromagnetische Felder (KEMF) (2023): Spotlight on "The effects of long-term prenatal exposure to 900, 1800, and 2100 MHz electromagnetic field radiation on myocardial tissue of rats" by Bozok et al. in Toxicology and Industrial Health (2022). https://doris.bfs.de/jspui/bitstream/urn:nbn:de:0221-2023060938290/4/SL_Bozok_2022_EffectsOfLongterm_Deu.pdf

[6]  Wikipedia (deutsch). Bradford-Hill-Kriterien: https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84tiologie_(Medizin)#Bradford-Hill-Kriterien

[7]  Wikipedia (englisch). Thiobarbituric acid reactive substances (TBARS): https://en.wikipedia.org/wiki/TBARS

Fußnoten

[A]   Weitere Artikel von Dr. Klaus Scheler zur Debatte um die Risiken der Mobilfunkstrahlung:

Klaus Scheler (2019): Behauptungen & Scheinargumente Teil I. "Mobilfunkstrahlung hat zu wenig Energie, um Zellen zu schädigen. Oxidativer Stress ist unplausibel."

Klaus Scheler (2019): Behauptungen und Scheinargumente Teil VIII. Prof. Lerchls Vortrag und FMK-Interview auf dem Prüfstand: „5G: Medizinische Aspekte“

Klaus Scheler (2019): Behauptungen und Scheinargumente Teil VII. "Die Strahlung der Sonne und einer Deckenlampe hat mehr Watt als ein Mobilfunksender!"

Klaus Scheler / Peter Hensinger (2022): Ergebnisse der MOBI-Kids-Studie und ihre durch das
Bundesamt für Strahlenschutz verbreitete Fehlinterpretation.

Klaus Scheler (2016): Polarisation: Ein wesentlicher Faktor für das Verständnis biologischer
Effekte von gepulsten elektromagnetischen Eellen niedriger Intensität.

Klaus Scheler (2019): Was ist wirklich dran an der Gefährlichkeit von Elektrosmog?“

[B]  Oxidativer Stress liegt vor, wenn die Bildung von oxidativen ROS so hoch wird, dass sie durch die antioxidativ wirkenden Substanzen in der Zelle nicht mehr kompensiert werden kann. Dies führt zu Schäden an der Zelle.

Publikation zum Thema

diagnose:funk
Format: A4Seitenanzahl: 16 Veröffentlicht am: 12.01.2023 Bestellnr.: 250Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit zu Risiken der Mobilfunkstrahlung

Über Kampagnen eines Kartells von Industrie, Bundesamt für Strahlenschutz und ICNIRP
Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Ob Mobilfunkstrahlung gesundheitsschädlich ist oder nicht, darüber wird nicht nur eine Wissenschaftsdebatte über Ergebnisse der Forschung geführt. Bei dieser Debatte geht es auch und vor allem um Produktvermarktung, in diesem Fall um das Milliardengeschäft einer Schlüsselindustrie. Dieser brennpunkt dokumentiert die Auseinandersetzung. Im Jahr 2022 gab es vier Entwarnungskampagnen, basierend auf vier Studien mit der Botschaft: Mobilfunkstrahlung ist unbedenklich für die Gesundheit, ein Krebsrisiko besteht nicht. Das beweise die MOBI-Kids-Studie, die bisher weltweit größte Studie zu Hirntumoren und Kinder. Mit der UK-Million Women Studie liege auch der Beweis für Erwachsene vor. In einem von ICNIRP-Mitglied Prof. M. Röösli verfassten Artikel zu 5G in der Zeitschrift Aktuelle Kardiologie bekamen gezielt Mediziner diese Botschaft übermittelt. Abgeordneten des deutschen Bundestages wird vom deutschen Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und dem Umweltministerium mitgeteilt, die STOA-Studie, die Schädigungen zu Krebs und Fertilität auswertet, sei unwissenschaftlich. Diagnose:funk nahm zu allen diesen Meldungen Stellung.
Titelbild:diagnose:funk
Stand: 8.9.2025Format: A4Seitenanzahl: 28 Veröffentlicht am: 01.09.2025 Bestellnr.: 252Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

Geltende Mobilfunkgrenzwerte sind ungeeignet, die Bevölkerung umfassend zu schützen


Autor:
James C. Lin / diagnose:funk
Inhalt:
Mit diesem neuen Brennpunkt veröffentlicht diagnose:funk den Artikel „Gesundheits- und Sicherheitspraktiken und -richtlinien in Bezug auf die Exposition des Menschen gegenüber HF-/Mikrowellenstrahlung“ von Prof. James C. Lin. James C. Lin, einer der führenden Strahlungsexperten, kritisiert die Grenzwertempfehlungen der ICNIRP, die in Deutschland übernommen wurden, scharf: Sie „sind umstritten“ und „wissenschaftlich nicht begründet“, „versäumen eine wirksame Risikovorsorge und missachten zentrale Prinzipien des Strahlenschutzes.“ Die Grenzwerte ignorierten die „chronische Toxizität und Karzinogenität“ der Strahlung und seien somit „ungeeignet“, die Bevölkerung zuverlässig zu schützen. Auch aktuelle, von der WHO beauftragte Studien zu den biologischen Wirkungen der Mobilfunkstrahlung bewertet Lin negativ: Er spricht von einer „mangelnden wissenschaftlichen Qualität und der unausgewogenen Darstellung“, er kritisiert „eine erkennbare Voreingenommenheit“ der Studienautoren. Sie würden folglich die Gesundheitsrisiken verharmlosen.
April 2020Format: 10 Seiten / A4Veröffentlicht am: 03.04.2020 Bestellnr.: 240Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Der Kausalitäts-Betrug

Was die Mobilfunkdiskussion mit Alkohol, einem Affen und Kater zu tun hat- eine Auseinandersetzung mit Positionen des Bundesamtes für Strahlenschutz.
Autor:
Jörn Gutbier/Peter Hensinger
Inhalt:
Warum vertritt das Bundesamt für Strahlenschutz trotz der Studienlage, dass es keine Beweise für die Gesundheitsschädlichkeit der Mobilfunkstrahlung gibt? Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Kernargument des Bundesamtes für Strahlenschutz, der Kausalität als Kriterium für eine Schutzpolitik. Ausnahmslos alle vorliegenden Studien, so begründet es das Bundesamt für Strahlenschutz, hätten bisher keinen kausalen Zusammenhang zwischen Strahlungseinwirkung und Zellschädigungen nachweisen können. Deshalb brauche es auch keine Schutzpolitik. Korrelationen oder Indizien reichten dafür nicht aus. Warum diese Kausalitätstheorie, die wissenschaftlich logisch erscheint, unwissenschaftlich ist, dem Vorsorgeprinzip widerspricht und in der Konsequenz Geschäftsmodelle der Industrie rechtfertigt, damit setzt sich der Brennpunkt auseinander.
Ja, ich möchte etwas spenden!