Rückbesinnung: Der Lehrende als Motivator und der soziale Klassenverband als Mittelpunkt (Bild:Pexels, Max Fischer)
Peter Hensinger: Sie plädieren für eine Rückbesinnung auf das humboldtsche Bildungsideal. Warum ist das heute noch relevant?
RALF LANKAU: Weil Humboldt Bildung nicht als Ausbildung, sondern als Selbstbildung verstand. Der Mensch ist kein Mittel zum Zweck, sondern Zweck an sich, wie eingangs formuliert. Bildung dient der Entwicklung von Urteilskraft, Verantwortung und Freiheit. Die Schüler-ID hingegen verwandelt Bildungs- und Lernprozesse in ein Verwaltungs- und Kontrollprojekt.
- Damit wird nicht verhindert, dass Kinder verlorengehen – vielmehr geht verloren, was Bildung eigentlich ausmacht.
Peter Hensinger: Sie sprechen von einer notwendigen pädagogischen Wende. Worin besteht sie konkret?
RALF LANKAU: Die pädagogische Wende bedeutet, sich von der Illusion zu verabschieden, man könne Bildung „produzieren“ wie ein Konsumgut und durch mehr immer mehr Daten retten. Die Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, hat es gerade in einem Interview auf den Punkt gebracht. Wir brauchen nicht immer mehr Daten und noch mehr Daten bis in die dritte Nachkommastelle, sondern qualifizierte Erzieherinnen und Erzieher, Lehrkräfte, Betreuerinnen und Betreuer:
„Wir können ohne Ende über datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung reden. Das Wesentliche findet im Unterricht statt. Die Interaktion zwischen Lehrkräften und Schülern ist entscheidend. Und die wird nicht durch Daten gemacht, sondern die wird durch die Professionalisierung der Lehrkräfte erreicht, durch gute Aus-, Fort- oder Weiterbildungen.“ (Lin-Klitzing, msn.com, 13.01.2026)
Das Bündnis für humane Bildung formuliert dazu klare Eckpunkte: weniger Standardisierung, mehr Beziehung; Datensparsamkeit statt Datensammelwut; pädagogische Autonomie in den Schulen statt algorithmischer Standardisierung und Steuerung. Schule muss wieder Zeit, Vertrauen und Freiheit ermöglichen.
Schule muss sich wieder auf ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag besinnen. Unterrichten ist ein dialogischer Prozess, kein technisches Verfahren. Oder, um Peter Bieri zu zitieren: Bildung heißt nicht, etwas zu können, sondern jemand zu werden. Ich zitiere den Einstiegssatz von Peter Bieri und seinem Vortrag: „Wie wäre es, gebildet zu sein?“ aus dem Jahr 2005:
"Bildung ist etwas, das Menschen mit sich und für sich machen: Man bildet sich. Ausbilden können uns andere, bilden kann sich jeder nur selbst. Das ist kein blosses Wortspiel. Sich zu bilden, ist tatsächlich etwas ganz anderes, als ausgebildet zu werden. Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden - wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein." (Bieri, 2005)
Dieses Streben, „auf eine bestimmte Art in der Welt zu sein“ und darin selbstbestimmt und reflektiert agieren zu können, ist der eigentliche Bildungsauftrag allgemeinbildender Schulen. Darüber sollten wir uns verständigen, nicht über immer kleinteiligere Kompetenzraster und -stufen und den idealen Methoden der Vermessung von Kompetenzen.
Peter Hensinger: Was schlagen Sie kurzfristig und was langfristig vor?
RALF LANKAU: Kurzfristig braucht es einen Stopp der verpflichtenden Schüler-ID, keine Verknüpfung mit der Bürger-ID und bildschirmfreie Räume für Kinder. Langfristig brauchen wir eine Besinnung auf pädagogische Konzepte, die Bildungsprozesse wieder als menschliche Praxis des Erziehens und Unterrichtens begreifen. Der Appell der 75 Expertinnen und Experten (https://die-pädagogische-wende.de/aufruf-bildungspolitik-2025/) fordert genau das: Recht auf analoges Lernen, demokratische Kontrolle digitaler Infrastrukturen, die Hoheit über Daten und Datensysteme (digitale Souveränität) und eine Bildung, die Selbstbestimmung zum Ziel hat und ermöglicht– wie es in allen Landesverfassung als Bildungsauftrag steht.
Peter Hensinger: Es bleibt aber das zentrale Problem: Digitalisierung und KI setzen sich tsunamiehaft durch. Kinder und Jugendliche müssen darauf vorbereitet werden, wie werden sie medienmündig? Was ist das Konzept der antizyklischen Medienbildung?
RALF LANKAU: "Antizyklische Medienbildung", wie sie Dr. Nils B. Schulz als Begriff vom Phänomenologen Gernot Böhme für seinen Artikel „Anders als Maschinen schreiben – Ein Plädoyer für „antizyklische“ Medienbildung in digitalen Zeitalter“ übernimmt, bedeutet, nicht dem digitalen Hype hinterherzulaufen, sondern gezielt Gegenkompetenzen aufzubauen: Schreiben ohne KI, Denken ohne Assistenz, Lesen ohne Ablenkung. Sie stärkt den Menschen gegenüber der Maschine – und genau das ist heute die zentrale Bildungsaufgabe.
Man muss einen weitverbreiteten Irrtum korrigieren: Medienmündigkeit entsteht ja nicht dadurch, dass Kinder möglichst früh und möglichst intensiv digitale Geräte nutzen. Das Gegenteil ist der Fall. Wer zu früh und zu einseitig digital sozialisiert wird, lernt nur Medien zu bedienen und gewöhnt sich daran bis zur Sucht. Elke Heidenreich hat gerade beschrieben, dass selbst sie als Erwachsene sich dem Sog von Reels (Kurzvideo) nicht entziehen konnte:
„Ich habe monatelang Reels geguckt, täglich, über Stunden, und es brauchte lange, bis ich begriff: Das frisst mein Leben, meine Zeit, meine Augen, meine Gesundheit. Meinen Verstand. Ich verblöde.“ (Heidenreich 2026)
Aber Kinder sind so diszipliniert, dass sie den Quatsch abschalten?
Peter Hensinger: Sie schalten den Quatsch nicht ab, im Gegenteil, die Nutzungszeiten werden immer länger. Das in den Griff zu bekommen, ist heute eine große Herausforderung in Familien und Schulen. Wie darauf reagieren?
RALF LANKAU: Das Ziel ist nicht Technikbeherrschung, die Geräte sind eh´ kinderleicht zu bedienen, sondern Urteilsfähigkeit. Kinder und Jugendliche sollen verstehen, wie digitale Systeme funktionieren, welche Interessen hinter ihnen stehen und wie sie das eigene Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Dazu braucht es Fähigkeiten, die nicht digital entstehen: konzentriertes Lesen, eigenständiges Schreiben, argumentatives Denken, leibliche Erfahrung, soziale Interaktion.
In der Praxis heißt das: Digitale Medien werden nicht per se verboten oder ausgeschlossen, sondern altersbedingt kontextualisiert. Ihre Nutzung wird zum Gegenstand der Analyse und Reflexion. Jugendliche lernen, wie Profiling, Nudging, Data Mining und Vorhersagealgorithmen funktionieren, warum KI kein einfaches Werkzeug, sondern ein Machtinstrument ist, und warum Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung nicht nur Privatsache, sondern eine demokratische Frage ist.
Wesentlich ist dabei der Perspektivwechsel: Nicht Wie nutze ich KI möglichst effizient?, sondern Was macht KI mit mir und will ich das überhaupt? Man muss Systeme nicht nutzen, wenn sie uns mehr schaden als nutzen. Wir sind selbst handlungs- und entscheidungsfähig. Antizyklische Medienbildung stärkt damit Selbstbestimmung statt Anpassung. Sie befähigt junge Menschen, digitale Angebote abzulehnen und selbst auszuwählen, was sie nutzen, Grenzen zu setzen und analoge Räume zu verteidigen. Medienmündig ist nicht, wer alles nutzen kann. Für was? In einer Welt, die Kinder frühzeitig zu Datenspendern, Konsumenten und verwertbaren Profilen machen will, ist antizyklische Medienbildung die Voraussetzung für Freiheit.
Zusammengefasst: Antizyklische Medienbildung verhindert digitale Abhängigkeit und stärkt stattdessen menschliche Fähigkeiten. Sie befähigt Kinder, sich in einer digitalen Welt zu orientieren, ohne sich ihr auszuliefern. Erst auf dieser Grundlage kann der reflektierte Umgang mit KI und digitalen Medien gelingen – nicht als Anpassung, sondern als selbstbestimmte Praxis.
Peter Hensinger: Herr Lankau, vielen Dank für das Interview. Gerade jetzt, wo weltweit die Rechtspopulisten ihren Einfluss bei der Jugend gerade auch diesen Medien verdanken, wegen vielfacher Risiken Smartphone- und Social Mediaverbote beschlossen werden, muss die Grundsatzkritik, die Sie formulieren, gerade in Deutschland, wo die Industrielobby in der Bildungspolitik noch die Deutungshoheit hat, viel intensiver geführt werden.
Über die Autoren: Prof. Ralf Lankau (HS Offenburg) und Peter Hensinger MA sind die Sprecher des Netzwerkes Bündnis für humane Bildung. Peter Hensinger ist im Vorstand von diagnose:funk. Korrespondenz: peter.hensinger@diagnose-funk.de
Literatur und Quellen
Bieri, Peter (2005). Wie wäre es, gebildet zu sein? https://www.nzz.ch/articleDAIPS-1.182217 (15.1.2026)
Bock, Annekatrin (Herausgeber); Breiter, Andreas (Herausgeber); Hartong, Sigrid (Herausgeber); Jarke, Juliane (Herausgeber); Jornitz, Sieglinde (Herausgeber); Lange, Angelina (Herausgeber); Macgilchrist, Felicitas (Herausgeber) (2023). Die datafizierte Schule; Springer (Open Access), https://d-nb.info/1261349784
Dieckhoff, Anton; Thomas Jahn, Thomas (2025). KI: Amazon und OpenAI verhandeln über engere Zusammenarbeit. Amazon könnte zehn Milliarden Dollar in den KI-Anbieter investieren. OpenAI würde dafür die KI-Chips von Amazon nutzen – was ein Durchbruch für den Onlinekonzern wäre. (...) OpenAI hat inzwischen langfristige Verträge mit Nvidia, Oracle, AMD und Broadcom über die Lieferung von Chips und weiterer IT-Infrastruktur im Umfang von insgesamt rund 1,5 Billionen US-Dollar abgeschlossen.Handelsblatt, 17.12.2025; https://www.handelsblatt.com/technik/ki/ki-amazon-und-openai-verhandeln-ueber-engere-zusammenarbeit/100184575.html (15.1.2026)
Geldner, Andreas (2026). „Rettet das Denken: Bilder statt Texte, Künstliche Intelligenz statt menschlicher Leistung: Die Menschheit droht, in die Zeit vor der Aufklärung zurückzufallen“ (Geldner, Stuttgarter Zeitung 17.01.26), https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.online-bilderwelt-und-ki-rettet-das-denken.4b3119cb-1705-4531-b01d-c55676a62015.html
Hartong, Sigrid (2019). Learning Analytics und Big Data in der Bildung. Zur notwendigen Entwicklung eines datenpolitischen Alternativprogramms; https://www.hsu-hh.de/ggb/wp-content/uploads/sites/679/2019/11/2019Hartong_Learning-analytics_GEW.pdf
Heidenreich, Elke (2026). Social Media: Brokkoli: ist und bleibt scheiße, in SZ vom 8. Januar 2026
Herrmann, Sebastian (2026). Warum Forscher aus denselben Daten entgegengesetzte Schlüsse ziehen, in: SZ vom 13.01. 2026, https://www.sueddeutsche.de/wissen/ergebnisse-genaue-erhebung-einstellungen-forscher-analyse-li.3366101
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Schiefner-Rohs, Mandy [Hrsg.]; Hofhues, Sandra [Hrsg.]; Breiter, Andreas [Hrsg.] (2024). Datafizierung (in) der Bildung. Kritische Perspektiven auf digitale Vermessung in pädagogischen Kontexten
Schulz, Nils B. (2025). Anders als Maschinen schreiben – Ein Plädoyer für „antizyklische“ Medienbildung im digitalen Zeitalter; https://www.gew-hessen.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=10240&token=159415ab70aee8e003c0c33eea39993f47f7e156
Schwarze, Marcus (2025). Neues KI-Modell: Deepseek aus China schlägt ChatGPT – und kostet deutlich weniger. Die großen US-Konzerne entwickeln immer teurere KI-Modelle. Deepseek, ein Start-up aus China, erreicht in Vergleichstests nun eine bessere Qualität als Open AIs Flaggschiff GPT-4o – und kostet nur einen Bruchteil. in: FAZ vom 02.01.2025; https://www.faz.net/pro/digitalwirtschaft/kuenstliche-intelligenz/ki-deepseek-aus-china-schlaegt-chatgpt-4o-und-kostet-viel-weniger-110203356.html (15.1.2026)