Kommentar der Woche

Januar 2026
Die Kommentare der Woche befassen sich mit aktuellen Themen der Mobilfunkpolitik. Sie werden verfasst von Prof. a.D. Helmuth Kern und dem Journalist Bert Hauser. Beide Autoren sind Vorsitzende der Ortsgruppe "InfoMobilFunk Neckartenzlingen und Umgebung" im Mobilfunk Bürgerforum e.V. Die Kommentare werden monatsweise an dieser Stelle in einem Artikel zusammengefasst. Jede mobilfunkkritische Bürgerinitiative kann sich dieser Kommentare von Kern & Hauser frei bedienen, sie selbst weiter veröffentlichen und damit Infoarbeit leisten. Bitte als Quellenangabe diagnose-funk.org/kommentar angeben.
Kern & Hauser, Bild: Ingrid Schaeffer

28.01.2026

Wir informieren: Britisches Oberhaus stimmt für Social-Media-Verbot unter 16 Jahren

Am Donnerstag, 22. Januar 2026, veröffentlichte Euro Weekly News einen Bericht über die Abstimmung des britischen Oberhauses (House of Lords), das einen Tag zuvor mehrheitlich einem Änderungsantrag zum Children’s Wellbeing and Schools Bill (Gesetzesentwurf zum Wohlergehen von Kindern und Schulen, Anm. d. Verf.) zugestimmt hatte, um die Nutzung sozialer Medien für Kinder unter 16 Jahren zu verbieten. Damit solle in Großbritannien die politische Debatte über Online-Schäden und digitale Kindersicherheit intensiviert werden. (Quelle: https://euroweeklynews.com/2026/01/22/uk-moves-closer-to-social-media-ban-for-under-16s-after-house-of-lords-vote/) Deutschlandweit wurde in der Presse darüber berichtet. In Österreich und der Schweiz wurde die Meldung ebenfalls veröffentlicht.

DIE ZEIT berichtete in ihrer Online-Ausgabe unter der Überschrift: „Britisches Oberhaus stimmt für Social-Media-Verbot unter 16 Jahren“. Mit dieser Entscheidung wolle die Parlamentskammer Druck auf Premierminister Keir Starmer (Labourpartei) ausüben, damit er ein Social-Media-Verbot erlässt. Die Lords verlangten dieses nach dem Vorbild eines ähnlichen Gesetzes in Australien. Vom konservativen Oberhausmitglied John Nash sei der Antrag eingebracht worden; diesem wurde mit 261 zu 150 Stimmen zugestimmt. Nach der Abstimmung sagte Nash, dass die Parlamentskammer „die Zukunft unserer Kinder an erste Stelle gesetzt“ habe. Nun beginne „ein Prozess, der den katastrophalen Schaden stoppen soll, den Online-Dienste einer ganzen Generation zufügen.“ Den Antrag hatten ein Labour-Vertreter sowie ein Oberhausmitglied der Liberalen mitgetragen.

Die britische Regierung habe bereits vor der Abstimmung deutlich gemacht, dass sie den Änderungsantrag nicht akzeptieren werde. Dieser muss nun zur Abstimmung an das von der Labourpartei kontrollierte Unterhaus übergeben werden. Allerdings würden mehr als 60 Labour-Abgeordnete das Verbot unterstützen. Nun wolle die Regierung die Ergebnisse einer für den Sommer geplanten Beratung abwarten.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov vom Dezember 2025 seien 74 Prozent der Bevölkerung Großbritanniens für ein Verbot. Allerdings warnten einige Kinderschutzorganisationen davor, dass durch ein Verbot ein falsches Gefühl der Sicherheit entstehen könnte.

In Australien ist seit dem 10. Dezember 2025 das Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren in Kraft. Die Anbieter von Online-Diensten wie Tiktok, Instagram und Snapchat müssen seitdem die Konten von Nutzern löschen, die unter 16 Jahre alt sind. Geldstrafen in Höhe von umgerechnet mehr als 28 Millionen Euro drohen, wenn keine „angemessenen Maßnahmen“ zur Einhaltung der Vorschriften ergriffen werden. Laut Angaben der Behörden wurden seit Inkrafttreten des Verbots mindestens 4,7 Millionen Online-Dienst-Konten gelöscht.  (Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-01/grossbritannien-oberhaus-social-media-verbot-kinder-jugendliche – 22. Januar 2026, 3:27 Uhr; Quelle: DIE ZEIT, AFP, mp)

Diese Entscheidung des Oberhauses ist ein starkes Signal in der britischen Debatte für die Sicherheit von Kindern in der digitalen Welt und erhöht zugleich den Druck auf die Regierung, sich klar zu positionieren.

Am Montag, 26. Januar 2026, billigte das französische Parlament ein Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige. Der Gesetzentwurf geht nun an den Senat und muss am Ende vom Unterhaus beschlossen werden. Mehr dazu in unserer nächsten Ausgabe „Wir informieren“.

Herzliche Einladung zum Informationsabend mit Ingo Leipner am Donnerstag, 5. März 2026. Er spricht zum Thema: KI und Bildung - Auswirkungen auf das Denken. Beginn 19.30 Uhr, Neckartenzlingen, Aula der Auwiesenschule.


Quelle: InfoMobilFunk Neckartenzlingen

21.01.2026

Wir informieren: Die Entscheider in der Bildungspolitik sind jetzt gefragt – warum selbstbestimmte Aufmerksamkeit wichtig ist (Teil 2)

Am 8. März 2026 wird der neue Landtag auf fünf Jahre in Baden–Württemberg gewählt. Bildungspolitisch wichtige Entscheidungen zu den Themen „Verbot des privaten Smartphones in der Schule“ und „Verbot von Social Media für Jugendliche bis 16 Jahre“ stehen danach an. In diesem Zusammenhang spielt auch das Wissen um die Bedeutung der selbstbestimmten Aufmerksamkeit eine bedeutsame Rolle. Ingo Leipner zeigt das in seinem Artikel „Menschen statt Avatare – Wenn digitale Medien die Aufmerksamkeit korrumpieren“ auf und erläutert dies an drei Bedeutungsebenen von Aufmerksamkeit. 

Aufmerksamkeit und Konzentration
Abstand zu gewinnen ist die Voraussetzung für Konzentration. Wer sich in den medialen Strudel ziehen ließe, könne sich nicht mehr auf wesentliche Inhalte konzentrieren. Die Aufmerksamkeit verflache. Konzentration sei die Voraussetzung für intensives Lernen, das sei wiederum notwendig für Bewusstseinsbildung und diese müsse Ziel der Erziehung sein. Leipner bezieht sich dabei auf den Medienkritiker Neil Postman und sein 1985 erschienenes Buch: „Wir amüsieren uns zu Tode“, das heute gerade im Blick auf die fortschreitende Digitalisierung und KI sehr aktuell sei. Das Phänomen FOMO (Fear of missing out) stehe für die Angst, etwas zu verpassen. Deswegen würde rund alle 10 Minuten das Handy gecheckt und nicht bemerkt, wie diese digitale Daueraufmerksamkeit die eigentliche Aufmerksamkeit zerstöre.
Doch einen neuen entgegengesetzten positiven Trend gebe es mit JOMO (Joy of missing out), d. h. die Freude, etwas zu verpassen, weil das eigene individuelle Tempo, das eigene Wohlbefinden und das reale Leben im Vordergrund stehe. Wichtig sei heute, sich darüber klar zu werden, wieviel Aufmerksamkeit wir uns von digitalen Medien wegnehmen ließen und wie diese die Fähigkeit zur Konzentration untergraben. 

Aufmerksamkeit und soziale Interaktion
Das sei eine Fähigkeit, „ein aufmerksames und zuvorkommendes Verhalten zu entwickeln und gesellschaftlich zu kultivieren“. Wenn sich immer mehr Technik zwischen unmittelbare menschliche Kontakte schöbe, könnten wir diese Fähigkeit zur sozialen Interaktion verlieren, vermutet Leipner und bezieht sich dabei auf den Soziologen und Gesellschaftskritiker Hartmut Rosa. Für ihn seien Bildschirme potenzielle „Resonanzkiller“. Der Begriff Resonanz ist für Leipner deswegen wertvoll, da er im Sinne des Soziologen deutlich mache, dass wir uns von etwas anregen und berühren lassen. Und wir dabei nach Rosa die Erfahrung machen „dass wir selbst etwas erreichen oder bewegen können, wir erleben Selbstwirksamkeit“. Resonanz habe so mit dem Gefühl, etwas bewirken zu können, und mit einer lebendigen Beziehung zwischen Menschen zu tun. Deswegen seien Bildschirme „Resonanzkiller“, vor allem für die Generation Z (zwischen 2000 und 2019 geborene), „bei der der Bildschirm zum Monokanal zur Welt, zur einzigen Verbindung mit ihr wird.“ Darum sei es nach Rosa wichtig, „Interaktionsformen und Weltbegegnungen auch jenseits von Bildschirmen zu ermöglichen.“ 

Aufmerksamkeiten verschenken
Kleine Aufmerksamkeiten seien Geschenke an unsere Mitmenschen, so würden sich menschliche Beziehungen verwirklichen. Denn eine Aufmerksamkeit würde zur Brücke für die Erfahrung von Resonanz, d. h. von realer Begegnung. Ein echter Blumenstrauß statt 20 Likes würde die digitalen „Aufmerksamkeitsräuber“ zurückdrängen.

Leipner zieht folgendes Fazit: „Wir brauchen eine neue Bewusstseinskultur, weil die Angriffe auf unser Bewusstsein immer raffinierter erfolgen.“ Wir sollten unsere Aufmerksamkeit bewusst „weg von der funkelnden Oberfläche des Smartphones hin zum echten Leben lenken. Einem Leben, das mit Menschen aus Fleisch und Blut bevölkert ist. Und eben nicht mit Avataren aus Bits und Bytes, die zu keiner echten Resonanz in der Lage sind.

Quelle: Ingo Leipner: Menschen statt Avatare – Wenn digitale Medien die Aufmerksamkeit korrumpieren; in Monatszeitschrift info3, Bewusst leben – Gesellschaft gestalten, S.16-19, Januar 2026, Frankfurt am Main

Herzliche Einladung bereits jetzt zum Informationsabend mit Ingo Leipner am Donnerstag, 5. März 2026. Er spricht zum Thema: KI und Bildung - Auswirkungen auf das Denken. Beginn 19.30 Uhr, Neckartenzlingen, Aula der Auwiesenschule.


Kern & Hauser, Bild: Ingrid Schaeffer

14.01. 

Wir informieren: Die Entscheider in der Bildungspolitik sind gefragt (Teil 1)

Am 8. März 2026 wird der neue Landtag auf fünf Jahre in Baden–Württemberg gewählt. Bildungspolitisch wichtige Entscheidungen zu den Themen „Verbot des privaten Smartphones in der Schule“ und „Verbot von Social Media für Jugendliche ab 16 Jahren“ stehen danach an.

Argumente dafür gibt es genügend. So hat Diagnose-Funk in seiner Publikationsreihe „Überblick für den Durchblick“ in der Nr. 7 „Digitale Medien - Eine pädagogische Herausforderung!“ eine sehr fundierte und lesenswerte Darstellung herausgegeben. In ihr wird deutlich, „warum eine zu frühe und unregulierte Nutzung des Smartphones und anderer digitaler Medien zu negativen Auswirkungen führen kann. Schwerpunktmäßig werden Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und Neurobiologie behandelt. Es werden Lösungsmöglichkeiten für Eltern, Erziehende und die Politik aufgezeigt, um Kinder und Jugendliche vor einer Smartphonesucht zu bewahren.“ (Quelle: https://shop.diagnose-funk.org/Ueberblick-Kinder-und-digitale-Medien)

Doch auch von anderer Seite wurde das Thema im letzten Jahr immer wieder thematisiert, so in der Zeitschrift Eltern unter www.eltern.de:  „Wie schützt man Kinder vor den Gefahren des Internets?“ und “Bildschirmzeit bei Kindern: Dieses Risiko birgt bereits eine Stunde“  (25.02.2025), „Warum meine Kids erst als Teenager Smartphones bekommen“ (25.03.2025), „Die Kinder sollen in der Pause interagieren und sich auf dem Schulhof bewegen“ (19.05.2025), "Um Medienkompetenz zu erlangen, brauchen Kinder kein eigenes Smartphone" (21.5.2025), „Wie Eltern ihre Kinder bei der Mediennutzung kompetent begleiten“ (03.06.2025), „Handyverbot an Schulen – Ist das wirklich sinnvoll?“ (27.06.2025), „Wann ein Smartphone für Kinder sinnvoll ist – und worauf Eltern achten sollten“ (25.07.2025). Das sind Themen, die Eltern bewegen. Eine Autorin formulierte in ihrem Artikel, in dem es um das Handyverbot an Grundschulen ging: „Um Medienkompetenz zu erlangen, brauchen Kinder kein Smartphone“, „Es spricht nichts dagegen – aber alles dafür“ und am Schluss schreibt sie: „Ob sich Verbote am Ende als Erfolgsmodell bewähren? Das finden wir wohl nur heraus, wenn wir die unsägliche Diskussion über das Für und Wider beenden und einfach mal ins Handeln kommen.“

Einen anderen Aspekt der Fremdbestimmtheit durch digitale Medien behandelt der Wirtschaftsautor Ingo Leipner in seinem Artikel „Menschen statt Avatare – Wenn digitale Medien die Aufmerksamkeit korrumpieren“. In ihm wird deutlich, was geschieht, wenn wir nicht mehr Herr über unsere Aufmerksamkeit sind, sondern diese Facebook und Co. überlassen. Erschienen ist dieser Artikel in der Januarausgabe von info3, deren Schwerpunktthema „Aufmerksamkeit zwischen Ablenkung und Stärkung“ ist.

Leipner weist eingangs darauf hin, dass „unsere Aufmerksamkeit zum Einfallstor kommerzieller Angriffe auf Seele und Geist“ geworden sei. Das sei eine perfekte Methode, Menschen süchtig zu machen und damit Milliarden Umsätze zu generieren. ChatGPT und Co. hätten diese Manipulationsspirale mit rasender Geschwindigkeit weiter in die Höhe getrieben.

Warum selbstbestimmte Aufmerksamkeit wichtig ist, klärt Leipner an drei wichtigen Aspekten dieses Begriffs, wie sie im „Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache“, einem Bedeutungswörterbuch, zu finden sind. Er schreibt: „An erster Stelle steht das Konzentrationsvermögen, das eine Spielart der Aufmerksamkeit ist (I). Dann folgt die Fähigkeit, ein aufmerksames und zuvorkommendes Verhalten zu zeigen (II). Daraus ergibt sich eine dritte Sinnebene: die kleine Aufmerksamkeit als bescheidenes Geschenk (III).“ Ende Teil 1.

Quelle: Ingo Leipner: Menschen statt Avatare – Wenn digitale Medien die Aufmerksamkeit korrumpieren; in Monatszeitschrift info3, Bewusst leben – Gesellschaft gestalten, S.16f, Januar 2026, Frankfurt am Main

Wie sich diese Bedeutungen in digitalen Systemen spiegeln und was dies für eine neue Aufmerksamkeitskultur bedeutet, folgt in Teil 2. 

Herzliche Einladung bereits jetzt zum Informationsabend mit Ingo Leipner am Donnerstag, 5. März 2026. Er spricht zum Thema: KI und Bildung - Auswirkungen auf das Denken. Beginn 19.30 Uhr, Neckartenzlingen, Aula der Auwiesenschule.


Wir freuen uns über neue Mitglieder im InfoMobilFunk Neckartenzlingen und Umgebung, Ortsgruppe im Mobilfunk Bürgerforum e. V. www.mobilfunk-buergerforum.de

Die Vorsitzenden: Prof. a. D. Helmuth Kern, Bert Hauser (Telefon: 07127/35655 bzw. 07127/3594)


Alle Kommentare finden Sie hier: diagnose-funk.org/kommentar

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