Australien wirkt: Digitalminister Wildberger für Social-Media-Verbot für Kinder

Diagnose:funk schreibt an Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU)
Bundesdigitalminister Wildberger hat sich zustimmend zu einem Social-Media-Verbot für Kinder geäußert, wie es seit kurzem in Australien gilt. Die Frage nach einer Altersbeschränkung halte er für mehr als berechtigt, sagte der CDU-Politiker der Deutschen Presse-Agentur.
Minister Karsten WildbergerBild: Woithe/Ministerium

Politiker kommen ins Nachdenken angesichts vieler Meldungen über die negativen psycho-sozialen Folgen digitaler Medien auf Kinder und Jugendliche. Mehr als 70 Länder haben Regelungen zum Schutz beschlossen, Deutschland hängt hinterher. Nun reagiert nach der Bundesbildungsministerin Karin Prien auch der Digitalminister. Aus Studien, Schilderungen und Beobachtungen wisse man, so Karsten Wildberger, wie tiefgreifend Soziale Medien in die Entwicklung junger Menschen eingriffen. Darüber, was das richtige Alter sei, müsse gut diskutiert werden, meinte er und verwies auf eine von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission. Das Gremium soll bis zum Sommer Empfehlungen erarbeiten. Dabei geht es auch um Themen wie ein Handyverbot an Schulen. 

Quelle:https://www.deutschlandfunk.de/bundesdigitalminister-wildberger-zeigt-sich-offen-fuer-social-media-verbot-fuer-junge-menschen-wie-i-104.html

Fragwürdige Zusammensetzung der Expertenkommission

Es gibt Experten aus der Medienpädagogik, Medizin, Psychologie und Neurobiologie, die seit 20 Jahren vor negativen Auswirkungen digitaler Medien auf Kinder warnen. In der von Bundesbildungsministerin Prien einberufenen Expertenkommission sind sie nicht vertreten. Deshalb hat diagnose:funk am 10.10.2025 einen Brief an die Ministerin geschrieben, eine Antwort steht aus.
 

Ministerin Karin Prien (CDU)Bild: Kumi SH; Frank Peter

An Frau                                                                                              Bundesbildungsministerin Karin Prien / 10.10.2025

Glinkastraße 24
10117 Berlin

Sehr geehrte Frau Bundesbildungsministerin Karin Prien,

wir begrüßen es sehr, dass seit Ihrem Amtsantritt und durch Ihre Initiative das Thema Kinder und digitale Medien öffentlich diskutiert und eine Expertengruppe berufen wurde, die Leitlinien für die Regulierung der Nutzung in KiTas und Schulen erarbeiten soll. Allerdings können wir die Zusammensetzung des Gremiums nicht nachvollziehen. Es müsste aus ExpertInnen bestehen, die über die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern und Jugendlichen forschen und/oder auch direkte erzieherische Erfahrung haben. Das sind v.a. ExpertInnen aus der Pädagogik und Didaktik, Kinder- und Jugendmedizin und -Psychologie und Neurobiologie, die in den letzten 15 Jahren durch Primärforschung und zusammenfassende Publikationen dieses Thema behandelt haben. Auch Vertreter der Lehrerverbände müssten einbezogen sein. Die wenigsten der von Ihnen berufenen ExpertInnen haben Lösungskonzepte nachzuweisen.

Wie ist es zu begründen, dass Wissenschaftler, die schon früh auf die negativen Auswirkungen durch Publikationen hinwiesen und sich zivilgesellschaftlich aktiv einsetzten, nicht vertreten sind, wie z.B. Prof. Manfred Spitzer, Psychologe, der seit Jahren vor den Folgen dysfunktionaler Bildschirmmediennutzung warnt, die Waldorfpädagogen Professores Paula Bleckmann / Edwin Hübner u.a., die alternative Konzepte der IT-Didaktik entwickelten, Dr. Uwe Büsching, Mitautor der Blikk Studie, Berufsverband Kinder- und Jugendärzte, Hon. Prof. Dr. Christoph Möller, Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Hannover, der zu Internet- und Computersucht forscht, Prof. Martin Korte und Prof. Gertraud-Teuchert-Noodt (Neurobiologie), Prof. Ralf Lankau (Digitaldesign und Ethik), Prof. Dr. Rainer Mühlhoff, Philosoph und Mathematiker oder Frau Prof’in Dr. Alena Buyx (Ethikrat) als ausgewiesene Ethiker.

Nicht berücksichtigt sind auch ExpertInnen aus der Initiative „Bildung und digitaler Kapitalismus“  (https://bildung-und-digitaler-kapitalismus.de/ ), die die ökonomischen Hintergründe von IT und KI erarbeiten, Kolleginnen und Kollegen, die die "Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“ (2023) verfasst haben und Verfasser des Appells der 75 Experten „Humane und emanzipierende Bildungspolitik vs. digitale Transformation“. Die Kommission könnte auf bereits vorliegende Konzepte einer Erziehung zur Medienmündigkeit von diesen Expertengruppen zurückgreifen.

Sie, Frau Ministerin Prien, werden in der Tageschau zitiert: "Wenn die AfD den Bundeskanzler stellt, dann werde ich sicherlich vorher Deutschland verlassen. Das wäre nicht mehr mein Land." Wie Trump wird die AfD die Opposition unterdrücken und dabei zur Identifikation auf digitale Profile zurückgreifen. Im Koalitionsvertrag ist aber eine Schüler-ID verbindlich festgelegt, die in eine Bürger-ID übergehen soll. Damit wird der gläserne Bürger verwirklicht. Der Chaos Computer Club (CCC) kommentierte: „In der Folge liefert das (Koalitions-) Papier ein Diktaturbesteck, schlüsselfertig und maßgeschneidert. Die Folgeregierung leckt sich schon die repressionsfreudigen Klauen.“ Ein Vertreter des CCC oder von netzpolitik.org sollte in die Kommission berufen werden.

 Ohne die Integrität der durch Sie berufenen Wissenschaftler in Frage zu stellen, dieses Gremium in seiner Zusammensetzung spiegelt nicht den Stand der Forschung wider und verkürzt auf bekannte Positionen. Gerade für den Bildungsbereich muss diese Kommission aber deutlich breiter und gezielt interdisziplinär besetzt sein, vor allem mit digitalkritischen Positionen und konkreten Alternativkonzepten für eine zukunftsorientierte und digital souveräne Fachdidaktik Pädagogik. Andernfalls werden die Fehler wiederholt, die bei IT in Schulen seit mehr als 40 Jahren wiederholt werden. Wir bitten Sie, das Gremium durch entsprechend qualifizierte ExpertInnen und vor allem kontroverse Positionen zu ergänzen.

In Erwartung Ihrer Antwort

Mit freundlichen Grüßen

i.A. Peter Hensinger / Vorstand diagnose:funk

Nachträgliche Anmerkungen (02.01.2026): Die Kultusministerien der Länder schaffen gerade die Voraussetzungen für die Schüler ID (>> Baden-Württemberg, Niedersachsen). Von Datenschützern wie netzpolitik.org wird das heftig kritisiert. Für diese Datenerfassung soll laut Koalitionsvertrag jeder Schüler ggf. kostenlos ein Tablet bekommen. Die Bildungseinrichtungen, ausdrücklich eingebettet in die Datenerfassungssysteme der  >> Smart City, werden so Teil der Gesamtüberwachung. Städte, die jetzt Kitas und Schulen mit Tablets ausstatten, schaffen dafür die Voraussetzungen. Auf die Risiken der Schüler- und Bürger-ID weisen jetzt der BKA-Chef Holger Münch und die Stuttgarter Zeitung im Fall einer AfD-Regierungsbeteiligung, die angesichts neuester Wahlprognosen in Bundesländern immer wahrscheinlicher wird, hin:

  • „Die Partei könnte dann Zugriff auf schützenswerte und sensible Daten und Informationen haben, was Auswirkungen auf die übergreifende Zusammenarbeit haben würde.“ (Handelsblatt, 29.12.2025).
  • "Wer in Ländern die Regierung übernimmt, herrscht auch über Polizei und Verfassungsschutz, erlangt damit Zugriff auf sicherheitsrelevante Informationen und steuert über die Personalauswahl, welche Gesinnungsgenossen einflussreiche Posten im Machtapparat erhalten. Schulen und Universitäten, die der Obhut der Länder unterliegen, sind mögliche Vehikel autoritärer Politik. Wie man sich das vorzustellen hat, lässt sich in den USA unter der Fuchtel Donald Trumps besichtigen, der sich zu einer Art Patenonkel der Rechtspopulisten in Europa aufgeschungen hat." (Stuttgarter Zeitung 02.01.2026)

Die AfD wird nach dem Vorbild der Trumpschen Säuberungs-Praxis in den USA die Daten der Bürger- und Schüler-ID natürlich für >> ihre Politik nutzen. Der Medienpädagoge und IT – Experte Prof. Ralf Lankau bewertet dies auf unsere Anfrage hin so:

  • „IT-Systeme funktionieren nur optimal, wenn sie datenmaximiert, monopolisiert und zentralisiert sind. Das ist IT-Logik, keine Pädagogik. Richtig gruselig (und verantwortungslos) wird es, wenn man daran denkt, dass die derzeit agierenden Parteien digitale Systeme mit sehr persönlichen Daten und Bildungsbiografien aufbauen, die bei einer auch in Deutschland möglichen Beteiligung extremistischer Parteien in die Hände von autoritären Akteuren geraten können (Elon Musk hat z.B. als erste Aktion alle Personaldaten von allen Beschäftigten der US-Behörden kopiert).“ (Mail an diagnose:funk, Dez. 2025)

 

Prof. Ralf Lankau, Bild Privat

Professor Lankau warnt im Artikel "Social Media-Verbot ab 16: Die juristisch relevanten Argumente" vor Ausweichmanövern 

Die Industrie sieht den Absatzmarkt Schule in Gefahr. Deshalb werden wir eine Phase der verwirrenden Debatten erleben, mit Ausweichmanövern und Scheinanalysen, die eine Paralyse durch Relativierungen herstellen sollen, einen Handlungsstau. Vorbeugend hat der Medienwissenschaftler Prof. Ralf Lankau der Artikel "Social Media-Verbot ab 16: Die juristisch relevanten Argumente" verfasst. Darin schreibt er in der Einleitung:

"Bei der Diskussion über konkrete Gegenmaßnahmen gegen gesundheitsschädigende und persönlichkeitsverletzende Inhalte des Netzes werden Verbote wie in Australien aber oft pauschal abgewehrt, auch und gerade von Pädagogen. Exemplarisch genannt sei hier der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Stefan Düll, genannt, der als Verbandspräsident im Spiegel-Interview mit der niedersächsischen Kultusministerin Julia Willie (Hamburg) und der Journalistin Silke Fokken sagt:„Ein Social-Media-Verbot durchsetzen zu wollen, ist eine Illusion. Wir müssen anders mit dem Problem umgehen“ Zudem seien vorher „unendlich viele Fragen“ zu klären. Nachgefragt, welche das seien, führt Düll aus:

  • „Wer ist überhaupt zuständig? Die Europäische Union? Die Bundesregierung? Oder fällt das Thema unter die Kulturhoheit der Bundesländer? Dann müssten sich erst 16 Landesregierungen einigen. Und wir müssten auch klären: Was ist Social Media? YouTube gehört sicher dazu, aber was ist mit WhatsApp? Und: Wie soll man kontrollieren, ob Verbote eingehalten werden? Wie geht man um mit der Uno-Kinderrechtskonvention, die das Recht der Kinder auf Zugang zu Medien fordert, und mit dem Recht auf Information?“ (Fokken, 2025)

Ausweichmanöver statt konstruktiver Lösungsansätze

Diese Argumentation ist in mehrfacher Hinsicht eher lösungsverhindernd als hilfreich. Nach der angeblich ungeklärten Zuständigkeit zu fragen ist ein beliebtes Mittel im öffentlichen Dienst, um die eigene Verantwortung zu delegieren. Dabei kann gerade Düll als Schulleiter im ersten Schritt für die eigene Schule Regeln z.B. zu Smartphones und/oder Onlinediensten festlegen, idealiter nach einer Diskussion und im Konsens mit Kollegium und Schülervertretung.

Schulleitung und Schulträger haben das Hausrecht und können in der Schulordnung festlegen, was an dieser konkreten Schule gilt. Schulen und Kollegien haben viel mehr Autonomie als gedacht, solange diese nicht gegen Schulgesetze des Bundeslandes verstoßen. Man muss die eigenen Regeln “nur“ formulieren“ und im Kollegium und gegenüber Eltern vertreten. Beim Verbot privater Endgeräte an Schulen dürfte Düll sogar offene Türen einrennen, denn jeder, der unterrichtet, weiß, dass private Endgeräte die Aufmerksamkeit und Konzentration im Unterricht boykottieren......" 

>>> Weiterlesen ganzer Artikel "Social Media-Verbot ab 16: Die juristisch relevanten Argumente" als PDF

Lesen Sie dazu auch den Brief vom 03.07.2025 des Bündnisses für humane Bildung "Smartphones, Social Media und Suchtpozeniale vs. reales (Er)Leben" an Bundesbildungsministerin Prien. 

Nachbemerkung: Auf diese Briefe und Eingaben reagierte das Ministerium bisher weder mit einer Eingangsbestätigung noch mit einer Antwort. 

 

Publikation zum Thema

Bild:diagnose:funk
1. Auflage 2025Format: A5Seitenanzahl: 32, Preis 2,50 Euro (Mitglieder 1,50 Euro) Veröffentlicht am: 30.09.2025 Bestellnr.: 105Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

Ratgeber 5: Kinder und Jugendliche in digitalen Zeiten - stark und selbstbestimmt

So fördern Sie die gesunde Entwicklung Ihres Kindes
Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Inzwischen zweifelt niemand mehr: Smartphones und soziale Medien können Kindern und Jugendlichen massiv schaden. Was können Eltern und Schulen tun? Eine pädagogische Herausforderung. Sie ist lösbar. Kurz, konkret und verständlich hilft dabei unser neuer Ratgeber. Der Ratgeber zeigt auf, warum Kinder in erster Linie vielfältige analoge Erfahrungen brauchen – Bewegung, Natur, kreative Aktivitäten und echte soziale Begegnungen. Digitale Medien können diese wertvollen Erlebnisse nicht ersetzen, sondern nehmen nur Zeit, die Kindern für ihre natürliche Entwicklung fehlt. Besonders in den ersten Lebensjahren sollten Bildschirme konsequent gemieden werden, da das Gehirn in dieser Phase am empfindlichsten ist. Zugleich macht die Broschüre Mut und bietet konkrete Hilfestellungen: Sie erklärt, ab welchem Alter Kinder langsam und begleitet an digitale Medien herangeführt werden können, wie Eltern klare Regeln setzen und den Medienkonsum sinnvoll begrenzen. Praktische Tipps für Alltagssituationen – vom Familienessen über den Kindergarten bis zum Grundschulalter – geben Orientierung, wie Medienerziehung verantwortungsvoll gelingt.
Bild:diagnose:funk
aktuelle Version: 02.10.2025Format: A4Seitenanzahl: 24 Veröffentlicht am: 02.10.2025 Bestellnr.: 609Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Überblick Nr. 9: Digitale Bildung - Ausweg aus der Bildungskatastrophe?


Autor:
Peter Hensinger M.A.
Inhalt:
Wie kam es zur „Digitalen Bildung“ und im Schlepptau zur WLANisierung der Schulen? Diese Reform hat eine über 50-jährige Geschichte. Sie kumulierte im Jahr 2017 im Beschluss der Bundesregierung zum Digitalpakt Schule. Mit der „Digitalen Bildung“ sollen die Ziele der neoliberalen Vorstellungen des Homo Oekonomicus, des konditionier- und verwertbaren Menschen, erstmals verwirklicht werden. Das Datensammeln durch die digitalen Medien ist dazu die Voraussetzung. Dieser Hintergrund spielt in der Diskussion fast keine Rolle, obwohl Soziologen und Pädagogen wir Prof. Jochen Krautz und Prof. Richard Münch ihn schon frühzeitig analysierten. Selbst Lehrerverbände verfielen dem inszenierten Hype der digitalen Medien, beschäftigten sich nicht mit dem pädagogischen und ökonomischen Hintergrund. Man kann die Bildungskatastrophe und die Digitale Bildung nur verstehen, wenn man ihre Historie, die pädagogischen Theorien und die ökonomischen Interessen, die sie hervorbrachten, kennt. Von Pädagogen, die diese Hintergründe kennen, gibt es heute eine heftige Kritik und die Forderung nach einer pädagogischen Wende. Dieser Überblick stellt die Geschichte und aktuelle Debatte dar.
diagnose:funk
Stand: 08.10.2024Format: DIN A4Seitenanzahl: 37 Veröffentlicht am: 29.08.2024 Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

Überblick Nr. 7: Kinder und digitale Medien – Eine pädagogische Herausforderung!


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Überblick Nr. 7 dokumentiert, warum eine zu frühe und unregulierte Nutzung des Smartphones und anderer digitaler Medien zu negativen Auswirkungen führen kann. Schwerpunktmäßig werden Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und Neurobiologie behandelt. Es werden Lösungsmöglichkeiten für Eltern, Erziehende und die Politik aufgezeigt, um Kinder und Jugendliche vor einer Smartphonesucht zu bewahren.
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