Kinder, gefesselt von den Algorithmen der IT-Konzerne, um sie für den Konsum zu konditionieren: "Diese Dimension des Antizivilisatorischen ... führt zur vollständigen Schutzlosigkeit des Individuums. Mit seiner Autonomie verliert es die Kontrolle über sich selbst. Die haben dann andere" (Harald Welzer).
Selbstüberwachung als Hype - das ist neu und "zum Kotzen"
Wir erleben die Verinnerlichung der Normen der Warenwelt schon alltäglich. Die Selbstüberwachung und Selbstvermessung durch Wearables (SmartWatches, Activitiy Trackers) ist die unterwürfige Bereitschaft, den Konzernen für sein eigenes Up- und Down-Ranking persönlichste Daten zu überlassen. Dieses Einverständnis in die Aufhebung der Privatheit entspricht den Anforderungen, sich selbst als Ware mit offengelegten Eigenschaften feilzubieten, einer modernen Form des Marktplatzes für die Versteigerung von Arbeits - Sklaven. Die Nerds sind nicht gefesselt an Ketten, sondern an Wearables.
Man akzeptiert Überwachung, verzichtet auf Privatsphäre, relativiert die Risiken, man lügt sich vor, das alles gehöre eben alternativlos zum Fortschritt, zur Jugend, passt sich einem Hype an. Welzer kommentiert dieses Verhalten: "Solch achselzuckender Relativismus kommt zwar clever und abgeklärt daher, sehr smart, aber ich finde ihn zum Kotzen"(S.115). Selbst in Umweltverbänden wie dem BUND oder NaBu wird die zentrale Rolle der Digitalisierung bei der Zerstörung von Demokratie und Umwelt verdrängt. Auf deren Argumentation, man dürfe sich von den Nutzern, besonders der Jugend, nicht isolieren: "Man muss sich der Entwicklung anpassen, weil man sonst die Entwicklung verpasst" (S.212) - ja welche denn? - geht Welzer ein: "Das Phantasma, die Digitalisierung würde das Leben verbessern, führt zu wirklicher Entfremdung und Entmächtigung"(S.224).
Es ist so: weder ökologische Bewegungen, noch die GRÜNEN und die LINKE analysieren diese Zusammenhänge, sondern schwimmen im Mainstream mit. In der Regel sind viele Aktivisten mit ihrem Personal BigBrother (PBB), genannt Smartphone, verschwistert, bis hin zur Sucht, nehmen naiv die Risiken in Kauf und befinden sich in der Freiheitsfalle. Sie sind (un)freiwillige Datenlieferanten und dabei Spielbälle in der von ihnen nichtreflektierten Abwärtsbewegung zur Klimakatastrophe - wir amüsieren uns zu Tode: "Erstens merken wir nicht, dass die Dinge aus dem Ruder laufen, weil sie das schleichend tun, und zweitens ist die Wahrscheinlichkeit, dass man daraus eine Konsequenz zieht, äußerst gering, weil wir meinen, einen Nutzen davon zu haben"(S. 202). Die Realität übertrifft Orwells Fiktion.
Das nennt Welzer einen "Selbstentmündigungsfatalismus"(S.224), der sich weigert, dem Digitalismus auf den Grund zu gehen. Welzer appelliert: "Es kommt darauf an, Entwicklungen, die das Leben ungerechter machen, zu bekämpfen, und Strategien, die es gerechter machen, zu unterstützen und auszubauen" (S.212). denn:
- "Wenn Ökosysteme, wenn das Klimasystem, wenn der Stoffwechsel nicht mehr funktionieren, ist es nicht egal. Dann geht vom Überlebensstandpunkt betrachtet nichts mehr"(S.233.)