Brief von diagnose:funk an die Bundesregierung: Expertenkommission - wo bleibt die Meinungsvielfalt?
Die Bundesbildungsministerin Karin Prien hat eine Expertenkommission eingesetzt, die Vorschläge für die Regelung des Einsatzes digitaler Medien und Social Media von Kindern und Jugendlichen erarbeiten soll. Wir haben der Ministerin einen Brief geschrieben, in dem wir die Zusammensetzung der Kommission kritisieren. Er wurde am 10.10.2025 per Mail und Post versandt. Bis heute (12.12.2025) kam keine Antwort.
An Frau Bundesbildungsministerin Karin Prien, 10.10.2025
Sehr geehrte Frau Bundesbildungsministerin Karin Prien,
wir begrüßen es sehr, dass seit Ihrem Amtsantritt und durch Ihre Initiative das Thema Kinder und digitale Medien öffentlich diskutiert und eine Expertengruppe berufen wurde, die Leitlinien für die Regulierung der Nutzung in KiTas und Schulen erarbeiten soll. Allerdings können wir die Zusammensetzung des Gremiums nicht nachvollziehen. Es müsste aus ExpertInnen bestehen, die über die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern und Jugendlichen forschen und/oder auch direkte erzieherische Erfahrung haben. Das sind v.a. ExpertInnen aus der Pädagogik und Didaktik, Kinder- und Jugendmedizin und -Psychologie und Neurobiologie, die in den letzten 15 Jahren durch Primärforschung und zusammenfassende Publikationen dieses Thema behandelt haben. Auch Vertreter der Lehrerverbände müssten einbezogen sein. Die wenigsten der von Ihnen berufenen ExpertInnen haben Lösungskonzepte nachzuweisen.
Wie ist es zu begründen, dass Wissenschaftler, die schon früh auf die negativen Auswirkungen durch Publikationen hinwiesen und sich zivilgesellschaftlich aktiv einsetzten, nicht vertreten sind, wie z.B. Prof. Manfred Spitzer, Psychologe, der seit Jahren vor den Folgen dysfunktionaler Bildschirmmediennutzung warnt, die Waldorfpädagogen Professores Paula Bleckmann / Edwin Hübner u.a., die alternative Konzepte der IT-Didaktik entwickelten, Dr. Uwe Büsching, Mitautor der Blikk Studie, Berufsverband Kinder- und Jugendärzte, Hon. Prof. Dr. Christoph Möller, Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Hannover, der zu Internet- und Computersucht forscht, Prof. Martin Korte und Prof. Gertraud-Teuchert-Noodt (Neurobiologie), Prof. Ralf Lankau (Digitaldesign und Ethik), Prof. Dr. Rainer Mühlhoff, Philosoph und Mathematiker oder Frau Prof’in Dr. Alena Buyx (Ethikrat) als ausgewiesene Ethiker.
Nicht berücksichtigt sind auch ExpertInnen aus der Initiative „Bildung und digitaler Kapitalismus“ (https://bildung-und-digitaler-kapitalismus.de/ ), die die ökonomischen Hintergründe von IT und KI erarbeiten, Kolleginnen und Kollegen, die die "Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“ (2023) verfasst haben und Verfasser des Appells der 75 Experten „Humane und emanzipierende Bildungspolitik vs. digitale Transformation“. Die Kommission könnte auf bereits vorliegende Konzepte einer Erziehung zur Medienmündigkeit von diesen Expertengruppen zurückgreifen.
Sie, Frau Ministerin Prien, werden in der Tageschau zitiert: "Wenn die AfD den Bundeskanzler stellt, dann werde ich sicherlich vorher Deutschland verlassen. Das wäre nicht mehr mein Land." Wie Trump wird die AfD die Opposition unterdrücken und dabei zur Identifikation auf digitale Profile zurückgreifen. Im Koalitionsvertrag ist aber eine Schüler-ID verbindlich festgelegt, die in eine Bürger-ID übergehen soll. Damit wird der gläserne Bürger verwirklicht. Der Chaos Computer Club (CCC) kommentierte: „In der Folge liefert das (Koalitions-) Papier ein Diktaturbesteck, schlüsselfertig und maßgeschneidert. Die Folgeregierung leckt sich schon die repressionsfreudigen Klauen.“ Ein Vertreter des CCC oder von netzpolitik.org sollte in die Kommission berufen werden.
Ohne die Integrität der durch Sie berufenen Wissenschaftler in Frage zu stellen, dieses Gremium in seiner Zusammensetzung spiegelt nicht den Stand der Forschung wider und verkürzt auf bekannte Positionen. Gerade für den Bildungsbereich muss diese Kommission aber deutlich breiter und gezielt interdisziplinär besetzt sein, vor allem mit digitalkritischen Positionen und konkreten Alternativkonzepten für eine zukunftsorientierte und digital souveräne Fachdidaktik Pädagogik. Andernfalls werden die Fehler wiederholt, die bei IT in Schulen seit mehr als 40 Jahren wiederholt werden. Wir bitten Sie, das Gremium durch entsprechend qualifizierte ExpertInnen und vor allem kontroverse Positionen zu ergänzen.
In Erwartung Ihrer Antwort
Mit freundlichen Grüßen
i.A. Peter Hensinger
Vorstand diagnose:funk