Digitalpakt Schule: Heiße Luft und hohe Kosten

Bundesrechnungshof fordert Ende des Digitalpakts Schule
Das Zauberwort für den Fortschritt hieß „Digitale Bildung“. Der Misere des Bildungswesens sollte mit technischen Mitteln begegnet, die „Kreidezeit“ mit Laptops und WLAN überwunden werden. In Wirklichkeit war und ist das nur Begleitpropaganda für die Absicht der Industrie, Schule und Bildung zu ihrem Absatzmarkt zu machen. Der Hype ist verebbt. Der Bundesrechnungshof fordert nun ein Ende des Digitalpakts Schule. Warum dies schlüssig ist, begründet Prof. Ralf Lankau in seinem Artikel "Digitalpakt Schule: Heiße Luft und hohe Kosten". Doch wie lernen Kinder und Jugendliche, Medien souverän zu nutzen? Dies wurde in der aktuell veröffentlichten MünDig-Studie, geleitet von Prof. Dr. Paula Bleckmann, beantwortet (s.u.).
Initiatoren Bündnis für humane Bildung Bild: diagnose:funk

Es zeichnet sich ab, wovor das Bündnis für humane Bildung seit 2017 warnt: Die "Digitale Bildung" beschleunigt die Bildungsmisere. Gerade die Pandemie zeigte: Lernen ist analog, motivierende LehrerInnen und ErzieherInnen sind unverzichtbar. Laptops und Smartphone können sie nicht ersetzen. Digitale Geräte sind nicht mehr als Hilfsmittel. Immer mehr stellt sich heraus, dass sie auch eine Droge für die Heranwachsenden sind und Lernen behindern. Der Bundesrechnungshof fordert nun ein Ende des Digitalpaktes. Der Medienpädagoge Prof. Ralf Lankau kommentiert in einem Artikel diese Entwicklung und resümiert:

  • „Schulen sind unterfinanziert und unterbesetzt. Nur müssen Gelder auch an den Schulen ankommen und es muss dort entschieden werden können, für was sie sinnvoll und notwendig eingesetzt werden: für qualifizierte Lehrkräfte, Mentoren und Tutoren, für Schulsozialarbeiter und Psychologen. Das ist das zentrale Ergebnis der Studien aus der Pandemie.“ (s.dazu den Artikel von R. Lankau: Lehren aus der Pandemie)

Dem können wir nur zustimmen und hinzufügen: Auch der Millionen Euro verschlingende WLAN-Ausbau der Schulen muss gestoppt werden. Er ist nicht nur pädagogisch überflüssig, sondern auch höchst gesundheitsschädlich, wie immer neue Studien nachweisen. Anstatt die SchülerInnen von Smartphones abhängig zu machen, brauchen wir eine Erziehung zur Medienmündigkeit. Man kann dem Bundesrechnungshof nur zustimmen, wenn er schreibt: „Der Erfolg der Digitalisierung misst sich nicht am Mittelabfluss oder den Klickzahlen, sondern am Kompetenzgewinn der Lernenden“.

Prof. Dr. phil. Ralf Lankau, Sprecher Bündnis f. humane BildungBild: D. Curticapean

Digitalpakt Schule: Heiße Luft und hohe Kosten. Bundesrechnungshof fordert Ende des Digitalpakts Schule

Ralf Lankau

(Auszüge, >> Original) Wer sich an die vollmundigen Versprechen der damaligen Bundesbildungsministerin Johanna Wanka zum Digitalpakt Schule 2016 erinnert oder die Pressemeldung Nr. 16 ihrer Nachfolgerin aus dem März 2022 liest, dürfte vom Bericht des Bundesrechnungshofes (10.01.2022) überrascht sein, der ein Ende dieser Ausgaben fordert.

 

 

Berliner Milliarden für das digitale Klassenzimmer

Ein Fünf-Milliarden-Euro-Programm für „digitale Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), verteilt auf fünf Jahre, sollte im Jahr 2016 die etwa 40.000 Schulen in Deutschland flächendeckend mit digitaler Ausstattung (Breitbandanbindung, WLAN, Endgeräte) versorgen ...  Gedauert hat die Umsetzung länger als geplant. Im Jahr 2016 durch das Finanzministerium blockiert, im Wahlkampf 2017 ausgespart, stand der Digitalpakt Schule erst 2018 wieder auf die Agenda des Bundestages und wurde 2019 in Kraft gesetzt.

Der 2019 gestartete „Basis-Digitalpakt Schule“ für den Ausbau der Infrastruktur in Schulen wurde mittlerweile auf 6,5 Milliarden Euro erweitert ... Seit Beginn der Pakt-Laufzeit 2019 seien mittlerweile 1,2 Milliarden Euro für den Ausbau der digitalen Infrastruktur an Schulen ausgegeben, laufende Projekte im Umfang von 2,4 Milliarden Euro bewilligt, so das BMBF im März 2022. „Auch wenn der Digitalpakt Fahrt aufnehme, blieben die Zahlen hinter den Erwartungen zurück, eine weitere Beschleunigung sei dringend nötig“, so die derzeitige Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (Pressemeldung No. 16 vom 4. März 2022).

Der Bundesrechnungshof widerspricht vehement. In einem Bericht an den Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages nach § 88 Abs. 2 BHO über die Prüfung länderübergreifender Maßnahmen im Zusammenhang mit dem „DigitalPakt Schule“ fordert er stattdessen das Ende des Digitalpakts Schule  ... Auch seien weder der pädagogische Nutzen noch Lernerfolge ersichtlich. Aufgrund der beschränkten Steuerungs- und Kontrollrechte des BMBF sollten die Finanzhilfen im Rahmen des Pakts eingestellt, auf die Verlängerung des Pakts verzichtet werden.

Scheitern mit Ansage

... Die vom BMBF finanzierte HPI-Schulcloud, auch als Bundes-Schulcloud bekannt und mittlerweile in „dBildungscloud“ umbenannt, wurde den Ländern 2018 ohne Bedarfserhebungen der schulischen IT-Infrastruktur angeboten ... Das BMBF habe die weitere Entwicklung dennoch unterstützt, ohne Interesse von Seiten der Länder an einer Bundesschulcloud. Wer hat das Projekt trotzdem forciert?

Gleiches gilt für die Pseudonymisierung, das sogenannte ID Management über die HPI-Schulcloud. Ende 2018 stand eine Lösung für ein übergreifendes ID-Management als freie Software-Lösung („Open Source“) zur Verfügung. Nur stellte das BMBF auch hier fest, dass auf Länderseite dafür das Interesse fehlte (S. 23) Der Bundesrechnungshof zeigt sich ob solcher Fehlplanungen deutlich irritiert:

  • "Weder bei den Projekten zur Schulcloud, noch zum ID-Management und zur Lehrerfortbildung hat das BMBF vorab den Bedarf und die Notwendigkeit seiner Zuwendungen untersucht. Dies ist insbesondere auch deshalb nicht hinnehmbar, weil es sich nicht um ergebnisoffene Forschungsprojekte handelte, sondern um Projekte mit denen das BMBF strategisch zentrale Bereiche der Digitalisierung der Schulen an sich ziehen wollte." (29)

Die Bemühungen des BMBF für bundesweite Maßnahmen und einheitliche Standards für die Digitalisierung der Schulen sei generell gescheitert und wäre vermeidbar gewesen ...:

  • „Die Bemühungen des BMBF, bundesweit übergreifende Maßnahmen und einheitliche Standards für die Digitalisierung der Schulen zu befördern, hält der Bundesrechnungshof für gescheitert. Von weiteren eigenen Strategien und Begleitprojekten zur Digitalisierung der Schulen außerhalb des „DigitalPakts Schule“ muss das BMBF absehen. Es fehlt ihm hierfür nicht nur die Zuständigkeit. Seine Initiativen führen vielmehr zu Angeboten, die redundant zu denen der Länder und damit unwirtschaftlich sind.“ (Zusammenfassung)

Man kann die Lektüre des Berichts des Bundesrechnungshofes all denen empfehlen, die über die Finanzierung von Bildungseinrichtung entscheiden. Schulen sind unterfinanziert und unterbesetzt.

  • Nur müssen Gelder auch an den Schulen ankommen und es muss dort entschieden werden können, für was sie sinnvoll und notwendig eingesetzt werden: für qualifizierte Lehrkräfte, Mentoren und Tutoren, für Schulsozialarbeiter und Psychologen. Das ist das zentrale Ergebnis der Studien aus der Pandemie.

So aber ist der Digitalpakt Schule nur ein weiteres Beispiel für Dilettantismus und versuchten Dirigismus aus Berlin samt erfolgreicher Lobbyarbeit der IT-Wirtschaft für ihre Partikularinteressen.

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Prof. Dr. Paula Bleckmann, Bild privat

Was tun? Die Ergebnisse der MünDig-Studie (Mündigkeit und Digitalisierung)

»Medienbildung findet nicht nur am Bildschirm statt!«

 

Wie lernen Kinder und Jugendliche, Medien souverän zu nutzen? Und was können Eltern, Kindergärten sowie Schulen tun, um sie dabei zu unterstützen? Diesen Fragen geht die MünDig-Studie (»Mündigkeit und Digitalisierung«) unter der Leitung von Paula Bleckmann nach. Sie ist Professorin für Medienpädagogik an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter und erläutert im Interview nicht nur die aktuell (Juli 2022) veröffentlichten Ergebnisse, sondern auch die Auswirkungen der Pandemie auf die digitale Bildung.

>>> Zusammenfassung der Studienergebnisse: Neue Studie zur Mediennutzung im Kontext der Reformpädagogik

>>> Interview mit Prof. Paula Bleckmann: »Medienbildung findet nicht nur am Bildschirm statt!«

>>> Link zur MünDig-Studie

„Bündnis für humane Bildung“: Hochschullehrer, Wissenschaftler und engagierte Bürger gründeten 2017 das „Bündnis für humane Bildung“. Ihre Überzeugung lautet: Bildung lässt sich nicht digitalisieren! Digitale Instrumente können Bildungsprozesse nur unterstützen. Alternativen sind gefragt.

Website: http://www.aufwach-s-en.de

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Vortrag von Ingo Leipner, Autor der Buches "Die Lüge der digitalen Bildung" über digitale Medien und Kinder und Kurzversion der DVD "Aufwach(s)en im Umgang mit digitalen Medien"

Publikation zum Thema

Format: DIN B5Seitenanzahl: 156 Veröffentlicht am: 30.10.2018 Bestellnr.: 111Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:media

Gesund aufwachsen in der digitalen Medienwelt

Orientierungshilfe für Eltern und alle, die Kinder und Jugendliche begleiten.
Autor:
Autorenteam diagnose:media
Inhalt:
Viele Beobachtungen und Studien von Experten zeigen, dass der zu frühe Kontakt von Kindern und Jugendlichen mit den neuen Medien mit erheblichen Risiken für ihre Entwicklung und ihre Gesundheit verbunden ist. Wir wissen heute: Erst wenn das Kind seine biologisch notwendigen Entwicklungsschritte in den verschiedenen Lebensabschnitten gut bewältigt hat, kann es die Fähigkeit zu einem kompetenten und selbstbestimmten Medienumgang entwickeln. Das Buch nimmt die übergeordnete Fragestellung auf, was Kinder bzw. Jugendliche für ihre gesunde Entwicklung in verschiedenen Entwicklungsphasen brauchen. Der pädagogische Standpunkt der Autoren versucht eine Balance aufzuzeigen zwischen den Wünschen der Kinder und Jugendlichen und den Einschränkungen, die als Vorsorgemaßnahmen zur Abwendung von Gefahren erforderlich sind.
Format: DVDSeitenanzahl: 40 Min. Hauptfilm, 75 Min. Bonustracks Veröffentlicht am: 23.02.2021 Bestellnr.: 954, Preis 17,90 EuroSprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Aufwach(s)en im Umgang mit digitalen Medien

Was Eltern und Erzieher wissen sollten: Wie der Gebrauch digitaler Medien die Gehirnentwicklung beeinflusst
Inhalt:
Regie: Klaus Scheidsteger / Drehbuch: Gertraud Teuchert-Noodt, Peter Hensinger, Klaus Scheidsteger / Musik: Markus Stockhausen / Länge: 40 Minuten. Bonustracks: Vortrag Prof. G. Teuchert-Noodt zum Stand der Forschung (30 min) / Video über die Bedeutung des Stirnhirns (15 min) / Vortrag Peter Hensinger zum Forschungsstand WLAN (30 min). Diagnose:funk will Eltern und ErzieherInnen mit diesem Film darin unterstützen, die Entwicklung ihrer Kinder unter dem Einfluss digi­taler Medien bestmöglich zu verstehen. Ihr Kind soll zu einem gesunden, selbstsicheren und intelligenten Menschen he­ranwachsen, um später mit den komplexen Anforderungen des Lebens gut zu­rechtkommen zu können. Wie kann das gelingen, wenn Kinder heutzutage im Alltag unzähligen digitalen Medien ausgesetzt sind, die ihren Bewegungsdrang einschränken und ihre sinnli­chen Erfahrungen verkümmern lassen? Hier müssen Eltern und Erzieher die rich­tigen Entscheidungen treffen. Dieser Film vermittelt Wissen von berufener Seite, der Hirnforschung. Prof. Gertraud Teuchert-Noodt forschte an ihrem Institut über 25 Jahre über das Ler­nen und die Gehirnentwicklung. Ihre Erkenntnisse über die Wirkungen digitaler Medien auf die Gehirnentwicklung werden im Film verständlich dargestellt.