Wissenschaftliche Expertise der STOA-Studie im Faktencheck

Wissenschaftliche Ergebnisse für die Politik
Der Technikfolgenausschuss des EU-Parlaments, STOA abgekürzt, veröffentlichte im Juli 2021 eine sehr umfangreiche wissenschaftliche Übersichtsarbeit über die Studienlage zu Mobilfunkstrahlung und Gesundheit. Diesen Review mit dem Titel „Health Impact of 5G“ hat diagnose:funk mit Genehmigung von STOA ins Deutsche übersetzt (siehe Publikationen am Ende des Artikels). Der Befund der Studie lässt sich auf einen Satz reduzieren: Mobilfunkstrahlung ist schädlich.
Brennpunkt diagnose:funk

In der kompakt-Ausgabe Nr. 2/2022 sowie in Webinar Nr. 19 haben wir in einem ausführlichen Faktencheck die Methodik der STOA-Studie erläutert. Das Fazit lautet: Die STOA-Studie ist ein fundierter, wichtiger Review und arbeitet die Studienlage zum Thema Mobilfunkstrahlung und Gesundheit umfassend auf. Sie wurde von einem wissenschaftlichen Team unter Leitung der renommierten Krebsforscherin Dr. Fiorella Belpoggi verfasst. Als Scoping Review mit genau festgelegten, objektiven Ein- und Ausschlusskriterien ist die STOA-Studie für Politikerinnen und Politiker die Basis für verantwortliches Handeln.

Nun stellen wir Ihnen in einem zweiten Faktencheck sowie in Webinar Nr. 20 (siehe Video unten) die wissenschaftliche Expertise der Studie vor, die gerne von Mobilfunk-Lobbyisten angezweifelt wird: In einem Brief an Bundestagsabgeordnete (als PDF) stellt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) Behauptungen zur angeblichen Unwissenschaftlichkeit auf, die aber an der Realität vorbeischrammen.

Die STOA-Studie ist auch Thema von Webinar Nr. 21 "Die politischen Forderungen der STOA-Studie".

>>> Dieser Artikel mit einem Zusatzkapitel zu den Regeln wissenschaftlicher Arbeit und Publikation erscheint in der kompakt-Ausgabe 3/2022.
>>> Hier können Sie ihn als PDF-Datei herunterladen.

Behauptungen des Bundesamtes für Strahlenschutz

Wenn Politikerinnen und Politiker im Gespräch mit Bürgerinitiativen nachfragen, mehr wissen wollen oder bislang noch den Äußerungen des Bundesamtes für Strahlenschutz glauben, ist es hilfreich, auch detailliert Auskunft geben zu können.

Das BfS versucht, auf zwei Ebenen die STOA-Studie zu diskreditieren:

  • Mit Kritik an ihrer Methodik. Das haben wir im ersten Faktencheck bereits analysiert und als haltlos aufgedeckt.
  • Mit der Unterstellung, die STOA-Studie habe Studien einbezogen, deren Ergebnisse wissenschaftlich nicht haltbar seien, wie die NTP- und die Ramazzini-Studien. Daher unterzieht diagnose:funk auch die inhaltlichen Behauptungen des Bundesamtes, die aus dem eingangs erwähnten Brief an Bundestagsabgeordnete stammen, einem ausführlichen Faktencheck.

 

STOA-Studie: wissenschaftlich seriös?

Das Bundesamt schreibt auf Seite 3 des Briefes an die Bundestagsabgeordneten:

  • „1. Die Autorin [der STOA-Studie, Anm. diagnose:funk] ist gleichzeitig auch Autorin der Ramazzini-Studie. Es entspricht nicht seriösen wissenschaftlichen Gepflogenheiten, die eigene Arbeit zu bewerten.“

Die Ramazzini-Studie von 2018 ist die bislang größte Tierstudie, in der an 2448 Ratten die krebsauslösende Wirkung von Mobilfunksendemasten (also des sogenannten Fernfeldes) untersucht wurde. Die Tiere wurden bereits als Föten im Bauch der Muttertiere mit Strahlungswerten deutlich unterhalb der in Deutschland geltenden Grenzwerte bestrahlt – und die Bestrahlung dauerte bis zum natürlichen Tod der Ratten. Daraufhin wurden sie auf Krebs untersucht.

Diese Studie durchlief den oben erwähnten Peer-Review-Prozess erfolgreich. Dann folgte die Veröffentlichung der Ramazzini-Studie im angesehenen Wissenschaftsmagazin „Environmental Research“ im August 2018. Bis heute wurde die Studie auch nicht aufgrund eines möglichen Beschwerdebriefs (ein sogenannter „Letter to the Editor“) zurückgezogen. Das spricht für ihre Qualität.

Es handelt sich also um eine Studie, die ganz formal Teil der wissenschaftlichen Erkenntnis zum Thema Mobilfunk und Krebs geworden ist – ob das dem BfS gefällt oder nicht. Wieso sollten die Autoren der STOA-Studie, Frau Dr. Belpoggi und ihr Team, diese allgemein anerkannte Studie nicht in ihre Untersuchung mit aufnehmen?

Fakt ist: Es ist wissenschaftlich seriös, eine Studie, die zudem einen Peer-Review-Prozess erfolgreich durchlaufen hat, in ein Review aufzunehmen – völlig unabhängig von der Autorenschaft der betreffenden Studie.

 

Ramazzini-Studie und NTP-Studie nicht vergleichbar?

Weiter schreibt das Bundesamt für Strahlenschutz in seinem Brief:

  • „2. NTP- und Ramazzini-Studie benutzen sehr unterschiedliche Expositionsstärken und die NTP-Studie wurde nicht auf die Bestätigung der Ramazzini-Studie ausgelegt. Die Ramazzini-Studie findet Effekte auch bei Expositionsstärken, die deutlich niedriger sind als alle Expositionsstärken, die in der NTP-Studie verwendet werden. Die NTP-Studie findet jedoch erst Effekte bei maximaler Exposition. Bei niedrigeren Expositionen, die aber immer noch deutlich über denen der Ramazzini-Studie liegen, findet die NTP-Studie keine Effekte. D.h. entgegen der Darstellung der Autorin widersprechen sich die Studien aus Sicht des BfS eher als dass sie sich bestätigen.“

Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen und dann auch noch die falschen Schlüsse gezogen. Doch zunächst ein paar Fakten zu beiden Studien:

Die Ramazzini-Studie hatte als Strahlungsquelle einen GSM-Sendemast, der die Ratten täglich 19 Stunden lang kontinuierlich bestrahlte. Hierbei handelte es sich also um eine ähnliche Situation, wie wenn Menschen ohne eigenes Smartphone vom nächstgelegenen Sendemast oder von Mobiltelefonen ihrer Mitmenschen bestrahlt werden.

Die zum Vergleich herangezogene US-amerikanische NTP-Studie hingegen bestrahlte die Tiere mit Werten, wie wir sie vom Handy am Ohr kennen, also mit deutlich stärkeren Strahlungswerten. Die Bestrahlung fand täglich 18 Stunden lang in 10-Minuten-Intervallen statt (10 Minuten an, 10 Minuten aus usw.) Das ist vergleichbar mit Vieltelefonieren. Die unterschiedlichen Expositionsstärken und -zeiten der beiden Studien stellen also unterschiedliche Alltagssituationen dar.

Die sogenannte NTP-Studie wurde im Rahmen des „National Toxicology Program“ vom Nationalen Institut für Umwelt- und Gesundheitswissenschaften der USA (NIEHS) erstellt. Sie besteht eigentlich aus vielen Einzelstudien an Ratten und Mäusen, die mit GSM- und CDMA-Mobilfunk (= UMTS in den USA) jeweils zwei Jahre lang bestrahlt wurden. Die Gesamtstudie benötigte 10 Jahre für die Durchführung und hat den Staat 25 Mio. US-Dollar gekostet. Der Peer-Review-Prozess wurde sogar gleich zweimal erfolgreich absolviert. Die Ergebnisse sind belastbar und ernst zu nehmen.

Der Unterschied der beiden Studien liegt aber nicht nur in den Strahlungsstärken, sondern auch darin, wann die Versuchstiere getötet und auf Krebs untersucht wurden: Die NTP-Tiere wurden nach zwei Jahren Experimentdauer getötet, wie es internationale Richtlinien für Krebsexperimente vorschreiben. Dies entspricht 65 Menschenjahren (siehe weißer Pfeil in der Grafik unten). Doch 80% der Krebsfälle treten sowohl beim Menschen (rote Balken) als auch bei Versuchsratten (gelbe Balken) erst jenseits dieser Lebensdauer auf. Wer sich also an die internationalen Richtlinien hält, findet nur wenige Tiere, die Krebs durch Mobilfunkstrahlung bekommen. Wenn jedoch Forscher die These aufstellen, dass lebenslange Bestrahlung durch Mobilfunksendemasten krebsauslösendes Potenzial haben könnte, muss man dies im Experiment auch so umsetzen, wie das Ramazzini-Institut es getan hat: Bestrahlung bis zum natürlichen Tod.

Vergleichbar sind jedoch die Ergebnisse der beiden Studien: Sie zeigen bei bestrahlten Tieren eine signifikante Zunahme von Krebs an Schwann-Zellen des Herzens, sogenannte Herz-Schwannome. Schwann-Zellen umhüllen und stützen Nervenzellen. Diesen Zelltyp findet man bei Säugetieren und Menschen nicht nur am Herzen, sondern überall im Körper an Nervenzellen des peripheren Nervensystems (also an allen Nervenzellen außer in Gehirn und Rückenmark). Auch Hirntumore (Gliome) treten bei beiden Studien auf, Tendenz: Mehr Strahlung führt zu mehr Krebs.

Fakt ist: Die unterschiedlichen Expositionsstärken der NTP- und der Ramazzini-Studie stellen unterschiedliche Alltagssituationen nach: Sendemast bzw. Handy am Ohr. Ratten, die vom Sendemast dauerbestrahlt werden, bekommen Krebs gegen Lebensende. Versuchstiere, die (wie Vieltelefonierer) höheren Strahlungswerten ausgesetzt sind, entwickeln schon früher Krebs. Beide Studien zeigen: Mobilfunkstrahlung ist schädlich, denn bestrahlte Versuchstiere beider Studien entwickelten Krebs an den Schwann-Zellen und an den Glia-Zellen im Gehirn. Somit sind die Studien und ihre Ergebnisse sehr gut vergleichbar.

Grafik: Versuchstiere werden nach 104 Wochen zur Untersuchung der Krebsentwicklung getötet – doch 80% der Krebsfälle enstehen bei Ratten und Menschen erst nach diesem Zeitpunkt.Bildquelle: https://www.youtube.com/watch?v=9vjZdRSu4u0&t=639

 

Aussagekraft der Ramazzini-Studie und der NTP-Studie eingeschränkt?

Nächster Punkt im Schreiben des BfS an Bundestagsabgeordnete:

  • „3. Darüber hinaus haben beide Studien andere sehr spezifische Aspekte, die ihre Aussagekraft einschränken. Das BfS hat hierzu ausführliche Stellungnahmen verfasst [11,12]“

In den hier genannten Stellungnahmen bemängelt das Bundesamt auf seiner Webseite das Studiendesign und die Methoden der beiden Studien in zahlreichen Punkten, die Übertragbarkeit der Studienergebnisse auf den Menschen wird angezweifelt. Dabei werden Mutmaßungen und Unterstellungen in den Raum gestellt. So kennen wir die Vorgehensweise auch von Mobilfunk-Lobbyisten.

 

Die Antworten von BERENIS, der Expertengruppe zu Beratung der Schweizer Regierung

Doch wie bewertet z.B. die „Beratende Expertengruppe nicht-ionisierende Strahlung“ (BERENIS) der Schweizer Bundesregierung diese beiden Studien? In ihrer Newsletter-Sonderausgabe vom November 2018 (als PDF) schreiben die Schweizer:

  • „Die NTP- und die Ramazzini-Studie entsprechen dem neuesten Stand der Durchführung von Studien an Tieren, da sie während des gesamten experimentellen Verfahrens sowohl strenge Richtlinien in „Guter Laborpraxis“ (GLP) als auch fortschrittliche Verfahrensweisen der Pathologie und Statistik anwandten. Darüber hinaus wurden in beiden Studien verschiedene Dosisgruppen (SAR oder Feldstärke) verwendet, was eine Bewertung von Dosis-Wirkungs-Trends ermöglicht.“

Weiterhin lobt die BERENIS die sehr große Anzahl verwendeter Versuchstiere in beiden Studien sowie die Tatsache, dass in beiden Studien die Tiere nicht – wie sonst üblich – in engen Röhren eingesperrt wurden, sondern sich in ihren Käfigen frei bewegen konnten. Die Folge: „Daher können Stress-Effekte in beiden Studien ausgeschlossen werden.“

Und zur Handhabung der unbestrahlten Kontrolltiere bemerkt die BERENIS, dass dies „der OECD-Richtlinie 451 (2009) und daher verfahrenstechnisch dem neuesten Stand entspricht.“

Nach der Aufarbeitung der Methodik äußert sich die BERENIS auch zu den Ergebnissen und deren Interpretation:

  • „Obwohl Herz-Schwannome beim Menschen praktisch nicht vorkommen, sind diese Ergebnisse von Interesse, da Akustikusneurinome in epidemiologischen Studien mit der Mobiltelefonnutzung in Verbindung gebracht wurden (Akustikusneurinome sind ebenfalls Schwannome, sogenannte vestibuläre Schwannome).“

Die Ergebnisse beider Studien können laut der BERENIS auf den Menschen übertragen werden. Die Experten schreiben zunächst zur NTP-Studie,

  1. dass es „in der Toxikologie üblich ist, höhere Dosen zu untersuchen, um mögliche Gefahren eines Wirkstoffs zu bewerten.“
  2. dass „ein Anstieg der Karzinogenität für GSM- und CDMA-Expositionsbedingungen gefunden [wurde]. Da die Befunde für beide Expositionsarten ähnlich sind, deuten sie darauf hin, dass die Modulation der Signale weniger relevant ist.“
  3. dass „die Verwendung von Mobiltelefonen lokal SAR-Werte von bis zu 2 W/kg verursachen“ kann. „Daher sind die Ergebnisse der NTP-Studie vor allem für die Expositionssituation relevant, bei der ein Mobiltelefon körpernah verwendet wird.“

Und zur Ramazzini-Studie sagt die BERENIS, dass „ein dosisabhängiger Trend für bösartige Herz-Schwannome gefunden [wurde], was sich mit den Ergebnissen der NTP-Studie deckt.“

Die Tatsache, dass männliche Versuchstiere in den Studien vermehrt Krebszellen entwickelten, ist laut der BERENIS und entgegen den Behauptungen des BfS ebenfalls keine Schwäche der Studien:

  • „Unterschiede zwischen den Geschlechtern und insbesondere eine Zunahme von Tumoren lediglich bei männlichen Tieren werden in toxikologischen Tierstudien allerdings häufig beobachtet (Kadekar et al. 2012). Daher ist die Tatsache, dass die statistisch signifikante Zunahme der Schwannome nur bei männlichen Ratten gefunden wurde kein Grund, dieses Ergebnis per se in Frage zu stellen.“

In ihren Schlussfolgerungen stellt die BERENIS die hohe wissenschaftliche Qualität und den Stand der Labortechnik insbesondere der NTP-Studie noch einmal hervor. Und weiter:

  • „Die Resultate dieser zwei Tierexperimente sind von grosser wissenschaftlicher Relevanz und gesundheitspolitischer Bedeutung, weil gemäss der Einstufung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) positive Ergebnisse aus Tierversuchen mit lebenslanger Exposition bei der Einstufung des Krebsrisikos eines Wirkstoffes bzw. einer Umweltnoxe ein sehr grosses Gewicht haben [...] Beide neuen Tierstudien zeigten trotz methodischer Unterschiede relativ konsistente Ergebnisse bei Schwannomen und Gliomen, und zudem einen dosisabhängigen Trend in Bezug auf eine Zunahme der Karzinogenität dieser Tumoren.“

Die abschließenden Worte im BERENIS-Newsletter sind an die Politik gerichtet:

  • „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die BERENIS aufgrund der Ergebnisse und deren Bewertung das Vorsorgeprinzip zur Regulierung von HF-EMF unterstützt. Eine vollständige Risikobewertung unter Berücksichtigung aller verfügbaren Studien (Tierstudien und epidemiologische Studien) ist ausserdem notwendig, um abzuschätzen, ob die derzeitig gültigen Grenzwerte geändert werden sollten.“

Mit der STOA-Studie liegt nun eine derartige vollständige Risikobewertung unter Berücksichtigung aller verfügbaren Studien vor. Und die STOA-Studie empfiehlt ab Seite 152 als politische Optionen die massive Senkung der Grenzwerte sowie die Einführung von Mobilfunk-Verbotszonen zum Schutz gefährdeter Menschen.

 

Dr. Linda Birnbaum, ehem. Direktorin des NTP und Dr. Ron Melnick, Planer der NTP-Studie, weisen Kritik an der Studie zurück

Die frühere Leiterin des Nationalen Instituts für Umwelt- und Gesundheitswissenschaften der USA (NIEHS) und des National Toxicology Program (NTP), Dr. Linda S. Birnbaum, stellt im Juni 2022 in einem Artikel klar (Übersetzung durch diagnose:funk):

  • „Die von NTP und RI [= Ramazzini-Institut, Anm. diagnose:funk] untersuchten mehreren tausend Tiere entsprachen in etwa der lebenslangen Exposition gegenüber Mobilfunkstrahlung beim Menschen, und beide stellten eine Zunahme der gleichen Tumorarten fest, was die gesammelten Beweise für schädliche Auswirkungen bei niedrigen Werten bestätigt. [...] Die Ergebnisse dieser Studien deuten darauf hin, dass die lange Zeit vertretene Annahme, die Erwärmung sei die einzige Schädigung durch drahtlose Hochfrequenzstrahlung, nicht mehr gültig ist.

Auch Dr. Ron Melnick, der als Chef-Toxikologe die NTP-Studien konzipierte, äußert sich im Fachmagazin „Environmental Research“. Bereits die Überschrift seines Aufsatzes spricht von „unbegründeter Kritik, die darauf abzielt, die Ergebnisse der schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit zu minimieren“. Im Artikel widerlegt er acht Vorwürfe gegenüber der NTP-Studie und schließt mit folgender Bemerkung:

  • „Das Expertengremium [= Peer-Review, Anm. diagnose:funk] erkannte eindeutig die Gültigkeit und biologische Signifikanz der gesundheitsschädlichen Wirkungen durch Mobilfunkstrahlung an, die in den NTP-Studien festgestellt wurden. Die Gesamtergebnisse der NTP-Studien deuten darauf hin, dass die Hochfrequenzstrahlung von Mobiltelefonen für verschiedene Organe exponierter Personen potenziell krebserregend ist.“ (Übersetzung durch diagnose:funk)

 

Die Einschätzung von ICNIRP und Prof. James C. Lin

Auch die Internationale Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (ICNIRP) sah sich zu einer Stellungnahme zu beiden Studien genötigt. Die ICNIRP ist dafür bekannt, dass sie sich in ihrer Bewertung der Studienlage sehr mobilfunklobbyfreundlich äußert und bis heute ausschließlich Hitzeeffekte durch Mobilfunkstrahlung als problematisch ansieht – den sogenannten thermischen Effekt. Andere, also nicht-thermische Effekte wie Krebs, verminderte Fruchtbarkeit oder oxidativen Zellstress akzeptiert die ICNIRP bis heute nicht als Folgen von Mobilfunkstrahlung. Auf den Empfehlungen der ICNIRP basieren in den meisten Ländern die Grenzwerte für Sendemasten und Mobiltelefone.

Trotzdem schreibt die ICNIRP in ihrer Stellungnahme, in der sie die hohe Qualität der beider Studie ausdrücklich betont (als PDF):

  • „Die Studien [...] weisen bemerkenswerte Stärken auf. [...] Dies macht es besonders wichtig, sie im Detail zu betrachten, da die in diesen Studien erzielten Schlussfolgerungen den aktuellen wissenschaftlichen Konsens in Frage stellen“ (Übersetzung durch diagnose:funk)

Mit dem angeblichen wissenschaftlichen Konsens ist die Ansicht der ICNIRP und der Mobilfunk-Lobby gemeint, Mobilfunkstrahlung hätte nur einen thermischen Effekt. Merkt die ICNIRP hier, dass mit der Anerkennung der NTP- und Ramazzini-Studien die Basis ihrer weltweiten Grenzwertempfehlungen wegbrechen würde, weil die nicht-thermischen Gesundheitsschäden inzwischen nachweisbar sind? Werden deshalb von ICNIRP (und dem Bundesamt für Strahlenschutz) die beiden Studien mit zahlreichen Behauptungen und falschen Zusammenhängen öffentlich schlecht gemacht?

Die Europaabgeordneten Prof. Klaus Buchner und Michèle Rivasi veröffentlichten im Jahr 2020 eine Aufarbeitung der zahlreichen Verbindungen vieler ICNIRP-Mitglieder zur Mobilfunk-Lobby und den daraus erwachsenen Interessenskonflikten. Die Autorin des in diesem Faktencheck analysierten Briefs an Bundestagsabgeordnete, Dr. Gunde Ziegelberger, arbeitet nicht nur für das BfS, sie leitet auch das Sekretariat der ICNIRP.

James C. Lin, emeritierter Professor der Universität von Illinois Chicago, veröffentlichte 2019 einen Fachartikel, in dem er die Bedeutung der NTP- und der Ramazzini-Studie hervorhebt. Prof. Lin war von 2004 bis 2016 Mitglied der ICNIRP, er ist Herausgeber der Fachzeitschrift „Bioelectromagnetics“. Und er war Mitglied des Review-Gremiums, das die NTP-Studie begutachtete. In seinem Artikel weist Lin die Versuche ausdrücklich zurück, die Bedeutung der Studienergebnisse herunterzuspielen. In Richtung der Weltgesundheitsorganisation und deren Internationaler Agentur für Krebsforschung (IARC) fordert Prof. Lin als Schlussfolgerung aus den beiden Studien:

  • „Es ist an der Zeit, dass die IARC ihre frühere auf epidemiologischen Ergebnissen beruhende Einstufung zur Exposition hochfrequenter elektromagnetischer Felder im Hinblick auf deren Karzinogenität für den Menschen verschärft.“

Fakt ist: Die Aussagekraft der NTP- und Ramazzini-Studien ist stark. Das bestätigen namhafte Wissenschaftler und unabhängige Gremien weltweit. Die Behauptungen und Unterstellungen gegenüber beiden Studien sind klar und deutlich widerlegt. Das Ergebnis beider Studien lautet: Mobilfunkstrahlung kann Krebs auslösen.

 

Mobilfunkstrahlung beschleunigt Krebswachstum

In einer ersten Studie aus dem Jahr 2010 hatte das Fraunhofer-Institut für Toxikologie und experimentelle Medizin (ITEM) in Hannover herausgefunden, dass Mobilfunkstrahlung bereits vorhandene Krebszellen schneller wachsen lässt. Um die Ergebnisse wissenschaftlich weiter zu klären, beauftragte, finanzierte und veröffentlichte das BfS zwei Wiederholungsstudien, die beide zum gleichen Ergebnis kamen: Mobilfunkstrahlung lässt den Krebs schneller wachsen.

Die Schweizer Experten von BERENIS bezeichnen auf Seite 7 ihrer Newsletter-Sonderausgabe vom November 2018 diese Erkenntnis als relevant, „da Menschen nicht nur HF-EMF [also Mobilfunkstrahlung, Anm. diagnose:funk], sondern auch anderen karzinogenen oder co-karzinogenen Substanzen ausgesetzt sind, wie beispielsweise Zigarettenrauch.“

Doch das Bundesamt für Strahlenschutz sieht in seinem Schreiben an Bundestagsabgeordnete „keinen Anlass [...], von der grundsätzlichen Position abzuweichen“ und schreibt lapidar:

„Auch die Arbeiten zur Tumorpromotion [13], die in dieser Arbeit [also der STOA-Studie, Anm. diagnose:funk] als ausschlaggebend betont werden, sind dem BfS bekannt“

Fakt ist: Mobilfunkstrahlung lässt vorhandene Krebszellen schneller wachsen. Diese Erkenntnis wurde durch zwei Wiederholungsstudien im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz bestätigt. Die Trotzreaktion des Bundesamtes für Strahlenschutz ist wissenschaftlich unseriös, das Amt ist unglaubwürdig.

 

5G im Millimeterwellenbereich

Der letzte Punkt des BfS-Schreibens an die Abgeordneten betrifft den hohen 5G-Frequenzbereich, also jenseits von 24 GHz. Das Bundesamt erwartet bei diesen Frequenzen „direkte Effekte – wenn überhaupt – nur auf der Körperoberfläche“. Angesichts der bisher wenigen vorhandenen und eher aussageschwachen Studien ist die Einschränkung „wenn überhaupt“ eine unwissenschaftliche Aussage durch das Bundesamt für Strahlenschutz. Ist das BfS voreingenommen?

Fakt ist: Über die biologischen Auswirkungen der hohen 5G-Frequenzen ist noch wenig bekannt. Wer trotzdem verharmlosende Vermutungen äußert, handelt unseriös und manipulativ.

 

Bestätigung durch neue Reviews

Die Ergebnisse der STOA-Studie werden durch neue Reviews bestätigt:

  • In seinem systematischen Review zu Studien über die Wirkungen von Mobilfunksendeanlagen schreibt Balmori (2022):
    „Bei Betrachtung aller insgesamt ausgewerteten Studien (n=38) zeigten 73,6 % (28/38) Auswirkungen: 73,9% (17/23) für die Hochfrequenz-Krankheit, 76,9% (10/13) für Krebs und 75,0% (6/8) für Veränderungen biochemischer Parameter.“ (Übersetzung durch diagnose:funk)
  • Birnbaum et al. (2022) schreiben in ihrem oben bereits erwähnten Artikel: „Systematische Übersichten finden ein erhöhtes Tumorrisiko bei einer kumulativen Gesprächszeit von nicht weniger als 1000 Stunden.“ (Übersetzung durch diagnose:funk)
    Dies bezieht sich auf den systematischen Review von Choi et al. (2020), der Menschen als Vieltelefonierende definiert, die in 10 Jahren mehr als 1.000 Stunden mit dem Handy am Ohr telefoniert haben. Das entspricht 17 Minuten pro Tag.
  • Zum Thema Mobilfunk und Fruchtbarkeit erschien ein systematischer Review von Kim et al. (2021) mit dem folgenden eindeutigen Ergebnis: „Die Nutzung von Mobiltelefonen verringerte die Gesamtqualität der Spermien durch Beeinträchtigung der Beweglichkeit, Lebensfähigkeit und Konzentration. Sie war in der Gruppe mit hoher Handynutzung noch weiter reduziert. Insbesondere in In-vivo-Studien war der Rückgang bemerkenswert, wobei die klinische Signifikanz in der Subgruppenanalyse noch größer war. Daher ist die langfristige Nutzung von Mobiltelefonen ein Faktor, der als Ursache für die Verringerung der Spermienqualität in Betracht gezogen werden muss.“ (Übersetzung durch diagnose:funk)

 

Fazit: Die Aussage ist klar – jetzt folgen Taten!

Mit der STOA-Studie liegt erstmals eine Zusammenstellung der wissenschaftlichen Studienlage zu Mobilfunkstrahlung und Gesundheit vor. Sie wurde von höchster europäischer Autorität, dem Technikfolgenausschuss des EU-Parlaments, beauftragt und dient als Hintergrundmaterial für Parlamentarierinnen und Parlamentarier. Die in der STOA-Studie ausgewerteten Studien basieren alle auf den Regeln, die in der internationalen Wissenschaft zu gesicherten Ergebnissen führen. Dass deren Ergebnisse der Mobilfunk-Lobby nicht gefallen, ist nicht der STOA-Studie anzulasten. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den aussagestarken NTP- und Ramazzini-Studien sowie auf den Studien zur Tumorförderung. Die Aussage der STOA-Studie ist klar und durch neue Reviews bestätigt: Mobilfunkstrahlung kann Krebs erzeugen und die Fruchtbarkeit schädigen – kurz: Mobilfunkstrahlung ist schädlich.

Die Bürgerinitiativen und diagnose:funk haben mit der STOA-Studie einen Trumpf auf der Hand, den wir jetzt gemeinsam ausspielen müssen. Die Ablenkmanöver und Störfeuer von der Seitenlinie führen nicht zum Spielabbruch. Im Gegenteil: Sie bestärken uns erst recht darin, die Politik mit den vorliegenden soliden wissenschaftlichen Ergebnissen zum Handeln aufzufordern: Vorsorgepolitik ist das übergreifende Stichwort. Senkung der Grenzwerte, ein Netz für alle, mobilfunkfreie Zonen zum Schutz gefährdeter Menschen – ähnlich dem Rauchverbot – und Mobilfunkvorsorgekonzepte in den Kommunen sind erste konkrete Forderungen. Denn beim Thema Mobilfunk muss bundespolitisch und lokal gehandelt werden. Packen wir es also an und sorgen wir dafür, dass den wissenschaftlichen Erkenntnissen Taten folgen.

Publikation zum Thema

Januar 2022Format: A4Seitenanzahl: 12 Veröffentlicht am: 18.01.2022 Bestellnr.: 246Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

STOA-Studie: Gesundheitliche Auswirkungen von 5G


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Dieser Brennpunkt fasst die Ergebnisse der 198-seitigen STOA-Studie zusammen. Das Science and Technology Options Assessment Komitee (STOA) des Europäischen Parlaments veröffentlichte im Juni 2021 die Studie "Gesundheitliche Auswirkungen von 5G. Aktueller Kenntnisstand über die mit 5G verbundenen karzinogenen und reproduktiven Entwicklungsrisiken, wie sie sich aus epidemiologischen Studien und experimentellen In-vivo-Studien ergeben". Die Studienlage zu Krebs und Fertilität wird in der Studie dargestellt und daraus Forderungen für den Strahlenschutz abgeleitet. Die Studie wurde im Auftrag der STOA erarbeitet, das kompetente Autorenteam setzt sich aus Wissenschaftlern des Ramazzini-Institutes (Italien) zusammen. Die deutsche Übersetzung stammt von diagnose:funk und ist auch als Buch zum Selbstkostenpreis erhältlich.
STOA-Studie (Übersetzung)Grafik: diagnose:funk
Format: A4Seitenanzahl: 200 Veröffentlicht am: 20.01.2022 Bestellnr.: 554Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

STOA-Studie: Gesundheitliche Auswirkungen von 5G (deutsche Übersetzung der Gesamtstudie)


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Komplette deutsche Übersetzung der bisher weltweit wohl umfangreichsten Auswertung des Forschungsstandes zu den Auswirkungen der bisherigen Mobilfunkfrequenzen (GSM, UMTS, LTE) und zur neuen 5G-Technologie. Im vorliegenden Review werden die Gesundheitsaspekte Krebs und Fertilität untersucht. Die Studie wurde im Auftrag des Komitees zur Technikfolgenabschätzung des EU-Parlaments (STOA) erarbeitet. Das kompetente Autorenteam setzt sich aus Wissenschaftlern des Ramazzini-Institutes (Italien) zusammen, das führend auf diesem Gebiet ist. Studienleiterin war Prof. Fiorella Belpoggi. Die Studienlage mit scheinbar widersprüchlichen Studienergebnissen wird transparent aus­gewertet. Der Review klärt endgültig, dass Mobilfunkstrahlung gesundheitsschädlich ist. Die Übersetzung erfolgte textgetreu durch diagnose:funk, das EU Parlament übernimmt für die Richtigkeit keine Verantwortung. Der Verkaufspreis ist ein Unkostenbeitrag. Der Vertrieb wurde durch die STOA legitimiert.
Artikel veröffentlicht:
21.08.2022
Artikel aktualisiert:
17.10.2022
Autor:
Matthias von Herrmann

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