Ziad Mahayni (I): Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz

KI als Scheinantwort auf eine Welt in der Krise
Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung ist die Digital-Only-Gesellschaft vereinbart. Ihre Grundlage ist der gläserne Bürger, dessen Daten mit Schüler-ID und Bürger-ID erfasst werden sollen. Glasfaser und Mobilfunk sind die Hauptschlagadern für die Datenübertragung. Sie bilden eine Grundlage für die Steuerung der Smart City, für Konsum und Wirtschaftsprozesse, für Bildung und nicht zuletzt für die Kriegsführung mit autonomen Drohnen. Mit der Künstlichen Intelligenz wird auch ein neues Weltbild geschaffen, von einem menschen- hin zu einem technikzentrierten. Der Philosoph Ziad Mahayni [1] legt mit seinem Buch „Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“ eine tiefgreifende Analyse unserer Zeitenwende vor. Nicht nur die Bildung, alle Lebensbereiche werden durch die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz umgekrempelt. Eine Technologie wird vom Werkzeug zum Akteur. Dann richten wir gesellschaftliche Prozesse nach ihr aus, werden von ihr und den Tech-Monopolen abhängig. KI spiegelt den Zeitgeist einer Gesellschaft, die ihre Probleme mit natürlicher Intelligenz nicht mehr beherrscht und als Rettungsanker auf technische Beherrschbarkeit hofft.
Titelbild: Kohlhammer

Seit ChatGPT am 30. November 2022 von dem Unternehmen OpenAI veröffentlicht wurde, grassiert der Boom von Künstlicher Intelligenz in allen Lebensbereichen als Symbol eines neuen Fortschritts. Und wieder ohne Technikfolgenabschätzung, obwohl tausende IT-Spezialisten vor negativen Folgen in Appellen warn(t)en. Die Geschichte wiederholt sich. Es erinnert an den Autoboom der 60er Jahre. Wer ihn kritisierte, war von gestern. Autobahnen und Straßen zerschnitten die Landschaften, Städte wurde autogerecht umgebaut, ÖPNV und Zug zurückgedrängt. Der Verbrenner fraß Ressourcen, verpestete die Luft, um seinen Treibstoff Öl wurden Kriege geführt. Heute werden Datenautobahnen gebaut, die Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts. Sie sind der Supertreibstoff für die KI, eine der leistungsfähigsten Techniken der Geschichte, mit der Wachstum und Machtausübung gesichert werden sollen. So das Versprechen.

Der Philosoph Ziad Mahayni[1] geht in seinem Buch „Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“ und im Essay „Wozu lernen, wenn KI schon alles weiß?“ dieser Entwicklung auf den Grund. Künstliche Intelligenz fällt nicht zufällig in eine Zeit tiefgreifender Verunsicherung. Klimakrise, Artensterben, Umweltzerstörung, Kriege, Arbeitsplatzabbau, soziale Polarisierung, psychische Krisen und die Erosion demokratischer Institutionen überlagern sich. Mahayni spricht von einer Verbindung von digitaler Revolution, ökologischer Krise, „Psychokrise“ und Demokratieabbau. Der bisherige „Modus Operandi der Spätmoderne“ ist an seine Grenzen gekommen.

  • Gerade in dieser Situation entfaltet KI ihre enorme Suggestivkraft. Je unübersichtlicher die Wirklichkeit wird und je deutlicher Politik bei der Bewältigung der Krisen versagt, desto attraktiver erscheint eine Technologie, die riesige Datenmengen analysiert, Entwicklungen prognostiziert und gesellschaftliche Prozesse optimiert. KI spiegelt damit den Zeitgeist einer Gesellschaft, die ihre Probleme nicht mehr beherrscht und als Rettungsanker auf technische Beherrschbarkeit hofft.

Doch die Technik entwickelt sich schneller als Gesellschaft und Politik ihre Folgen verstehen und regulieren können. Mahayni weist darauf hin, dass im KI-Zeitalter die Geschwindigkeit der Technologieentwicklung die menschliche Anpassungsgeschwindigkeit übersteigt. KI wird reflexhaft an Schulen eingeführt, Städte beschließen ohne Debatten die KI-gesteuerte Smart City. Eine demokratische Politik aber bräuchte Zeit für Diskussion, wissenschaftliche Prüfung und Gesetzgebung. Die Gesellschaft soll also eine Technologie kontrollieren, deren Entwicklung ihr davonläuft – und ausgerechnet diese Technologie verspricht ihr, die Kontrolle zurückzugeben.

Bilder: unsplah

Hitzewellen, Klimakatastrophen, Armut und Kriege - der Kapitalismus zerstört Natur und Umwelt

„Exponentielle Steigerung von Verstand ohne Vernunft“

Über Ursachen von  Klimawandel, Artenverlust und Ressourcenverbrauch wissen wir seit Jahrzehnten sehr viel. Das Problem besteht darin, dass das Wachstums- und Profitprinzip den Takt vorgibt. Um deren Folgen zu beherrschen, bräuchte man nur genügend Daten, Rechenleistung und Algorithmen, so die Verheißung der KI. Doch die großen Krisen unserer Zeit sind nicht entstanden, weil wir zu wenig wissen oder zu schlecht rechnen können. Ein Selbstbetrug!

Hier wird Mahaynis Unterscheidung von Verstand und Vernunft entscheidend. Verstand fragt, wie ein vorgegebenes Ziel möglichst effizient erreicht werden kann. Vernunft fragt, ob dieses Ziel überhaupt sinnvoll ist. KI vervielfacht die Möglichkeiten des Verstandes, kann aber nicht bestimmen, welche Gesellschaft wir wollen. Mahayni nennt dies deshalb die „exponentielle Steigerung von Verstand ohne Vernunft“.

Eine KI kann den Energieverbrauch einer Stadt optimieren, aber nicht entscheiden, welche Lebensweise erstrebenswert ist. Sie kann Verkehrsströme steuern, aber nicht bestimmen, welche Mobilität wir brauchen. Sie kann Kriegsführung effizienter machen, aber nicht beantworten, wie Frieden geschaffen wird. Die großen Krisen unserer Epoche sind deshalb nicht nur Daten- und Wissens-, sondern vor allem ein Vernunftproblem.

  • KI droht zur Scheinlösung zu werden: Ressourcenverschwendung lasse sich intelligenter vermeiden, Klimafolgen genauer prognostizieren,– die Wirtschaftsweise aber, die sie hervorbringen, bleibt bestehen. Technik erzeugt die verführerische Illusion, wir müssten Profitsystem und Lebensweise nicht grundsätzlich verändern, weil die nächste Technologie ihre Folgen beherrschbar machen werde.
Buchtitel: Verlage

Die "Entfähigung des Menschen" durch die Digitalisierung prognostizierte bereits Prof. Manfred Spitzer vor 15 Jahren, der Vorsitzende des Technikfolgenausschusses des Bundestages, Prof. Armin Grunwald, wies frühzeitig auf die antidemokratische politische Dimension hin. Welche Folgen nun die KI haben wird, das analysieren Prof. Rainer Mühlhoff und Prof. Joachim Bauer.

Herr und Knecht: Wer bestimmt den Algorithmus?

Damit stellt sich die Machtfrage. Die KI-Infrastruktur befindet sich überwiegend nicht in demokratischer Hand, sondern bei einer Tech-Elite mit einem totalitären Weltbild: Demokratie gilt als zu langsam, Regulierung als Fortschrittshindernis, technische Steuerung effizienter als gesellschaftliches Aushandeln. Prof. Rainer Mühlhoff beschreibt die politischen Folgen in seinem Buch „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“. Damit bekommt Mahaynis Herr-Knecht-Dialektik eine politische Dimension: Wir schaffen eine Technologie, die vom Werkzeug zum Akteur wird. Dann richten wir gesellschaftliche Prozesse nach ihr aus, werden von ihr und den Tech-Monopolen abhängig.

  • So wird KI zum Spiegel unserer Zeit: Eine verunsicherte Gesellschaft, die angesichts von Klimakatastrophe, Umweltzerstörung und Kriegen nach Orientierung sucht, begegnet einer Maschine, die auf nahezu jede Frage eine Antwort produziert. Nur die wichtigste kann sie nicht beantworten:

In welcher Welt wollen wir leben?

„Der Mensch geht, die Maschine übernimmt. Was lapidar klingt, könnte die Welt stärker verändern als die Entdeckung der Elektrizität oder die Entdeckung des Fließbands.“ (Spiegel 33/26, S. 10). Der technische Verstand der Maschine ist an den Interessen derjenigen ausgerichtet, die sie entwickeln und kontrollieren. Mehr denn je entscheidet sich unsere Zukunft daran, ob die menschliche Vernunft damit Schritt halten kann.

Der Spiegel berichtet bereits über Proteste gegen den „Tech-Faschismus“ und gegen umweltzerstörende Datenzentren. Zugleich wird über eine „Neudefinition des Kapitalismus“ diskutiert. Denn ohne Regulierung der Technologie könnte selbst die Zeit für einen Umbau des Wirtschaftssystems fehlen. Was auch immer die Lösung sein wird: Sie muss auf einem zunehmend geschädigten Planeten gefunden werden. „Nehmt ihnen die Welt aus der Hand, eh sie verbrannt!“, sang vor 50 Jahren die österreichische Popgruppe „Schmetterlinge“. Angesichts der Hitzewellen bekommt der Satz neue Aktualität.

  • Keine KI senkt die Temperaturen – und eine KI, die lediglich zerstörerisches Wirtschaftswachstum beschleunigt und den Menschen das Denken abgewöhnt, löst keine der Krisen, die sie zu beherrschen verspricht. Im Gegenteil: KI wird zum Teil des Problems.

Link zum Verlag: Ziad Mahayni „Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“ (2026)

[1] Ziad Mahayni ist Professor für Angewandte Ethik an der Hochschule Karlsruhe und Leiter des Zentrums für ethische Fragen im 21. Jahrhundert. Er hat an der TU-Darmstadt, Université de Bordeaux und der Harvard University Chemie und Philosophie studiert und lehrte zuvor in den Bereichen Future-Design und Creative Entrepreneurship. Er ist Herausgeber der Buchreihe "Ethische Fragen im 21. Jahrhundert" und betreibt den Podcast "Auf der Kippe - Philosophie für das digitale Zeitalter".

Wiener Popgruppe Schmetterlinge (1975): Bilanztanz „Nehmt ihnen die Welt aus der Hand, eh sie verbrannt!"

Artikel veröffentlicht:
19.08.2026
Autor:
diagnose:funk
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