Seit ChatGPT am 30. November 2022 von dem Unternehmen OpenAI veröffentlicht wurde, grassiert der Boom von Künstlicher Intelligenz in allen Lebensbereichen als Symbol eines neuen Fortschritts. Und wieder ohne Technikfolgenabschätzung, obwohl tausende IT-Spezialisten vor negativen Folgen in Appellen warn(t)en. Die Geschichte wiederholt sich. Es erinnert an den Autoboom der 60er Jahre. Wer ihn kritisierte, war von gestern. Autobahnen und Straßen zerschnitten die Landschaften, Städte wurde autogerecht umgebaut, ÖPNV und Zug zurückgedrängt. Der Verbrenner fraß Ressourcen, verpestete die Luft, um seinen Treibstoff Öl wurden Kriege geführt. Heute werden Datenautobahnen gebaut, die Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts. Sie sind der Supertreibstoff für die KI, eine der leistungsfähigsten Techniken der Geschichte, mit der Wachstum und Machtausübung gesichert werden sollen. So das Versprechen.
Der Philosoph Ziad Mahayni[1] geht in seinem Buch „Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“ und im Essay „Wozu lernen, wenn KI schon alles weiß?“ dieser Entwicklung auf den Grund. Künstliche Intelligenz fällt nicht zufällig in eine Zeit tiefgreifender Verunsicherung. Klimakrise, Artensterben, Umweltzerstörung, Kriege, Arbeitsplatzabbau, soziale Polarisierung, psychische Krisen und die Erosion demokratischer Institutionen überlagern sich. Mahayni spricht von einer Verbindung von digitaler Revolution, ökologischer Krise, „Psychokrise“ und Demokratieabbau. Der bisherige „Modus Operandi der Spätmoderne“ ist an seine Grenzen gekommen.
- Gerade in dieser Situation entfaltet KI ihre enorme Suggestivkraft. Je unübersichtlicher die Wirklichkeit wird und je deutlicher Politik bei der Bewältigung der Krisen versagt, desto attraktiver erscheint eine Technologie, die riesige Datenmengen analysiert, Entwicklungen prognostiziert und gesellschaftliche Prozesse optimiert. KI spiegelt damit den Zeitgeist einer Gesellschaft, die ihre Probleme nicht mehr beherrscht und als Rettungsanker auf technische Beherrschbarkeit hofft.
Doch die Technik entwickelt sich schneller als Gesellschaft und Politik ihre Folgen verstehen und regulieren können. Mahayni weist darauf hin, dass im KI-Zeitalter die Geschwindigkeit der Technologieentwicklung die menschliche Anpassungsgeschwindigkeit übersteigt. KI wird reflexhaft an Schulen eingeführt, Städte beschließen ohne Debatten die KI-gesteuerte Smart City. Eine demokratische Politik aber bräuchte Zeit für Diskussion, wissenschaftliche Prüfung und Gesetzgebung. Die Gesellschaft soll also eine Technologie kontrollieren, deren Entwicklung ihr davonläuft – und ausgerechnet diese Technologie verspricht ihr, die Kontrolle zurückzugeben.


