Dr. Hanna Schnyder Etienne: «Mit der Starlinkbodenstation rollen wir für eine private amerikanische Firma mit besten Beziehungen zur US-Regierung den roten Teppich aus»

Starlink in Leuk: Zwei Hausärzte warnen vor gesundheitlichen Belastungen, ökologischen Folgen und geopolitischer Abhängigkeit
Eine geplante SpaceX/Starlink Bodenstation mit 40 Antennen sorgt in Leuk (Kanton Wallis, Schweiz) für große Besorgnis. Die Anlage ist zwar bewilligt, aber noch nicht rechtskräftig. Die Ärzte Dr. Roman Kuonen und Dr. Hanna Schnyder Etienne kämpfen dagegen – das Verfahren liegt beim Staatsrat und könnte bis vor das Bundesgericht gehen. Sie warnen vor gesundheitlichen Risiken, ökologischen Folgen und geopolitischen Abhängigkeiten. Im Interview erläutern sie, warum die WHO Studie von 2025 von Mevissen et al., die enorme Sendeleistung der Antennen und die fehlende Datensouveränität für sie ein klares Signal sind, das Vorsorgeprinzip ernst zu nehmen.
Dr. Roman Kuonen und Dr. Hanna Schnyder EtienneBild: privat

KOMPAKT: Wie haben Sie von den Plänen für die Starlink‑Bodenstation erfahren und was hat Sie als Hausärzte in Leuk dazu bewogen, sich aktiv gegen das Projekt zu engagieren?

Hanna Schnyder-Etienne: Wir haben die Informationen durch einen Presseartikel im Juni 2025 erhalten, einen Tag bevor die Bürgerversammlung (Urversammlung) in der Gemeinde Leuk durchgeführt wurde. Kurz vorher im Frühjahr 2025 kam eine Übersichtsstudie der WHO heraus, dass die Mobilfunkstrahlen im Tierversuch nachweislich krebsfördernd sind, dies auch unterhalb der schweizerischen Grenzwerte. Die zuständige EU-Kommission forderte die Staaten auf, die hochfrequenten elektromagnetischen Strahlen tief zu halten zum Schutze der Bevölkerung. Dies hat uns sensibilisiert und bewogen, uns gegen das Projekt zu engagieren. 

KOMPAKT: Die im Mai 2025 erschienene wichtige WHO‑Übersichtsstudie von Mevissen et al. zu hochfrequenter Strahlung, die Sie erwähnen, zeigt biologische Risiken auf. Warum bereiten Ihnen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse gerade mit Blick auf die Gesundheit Ihrer Patienten in Leuk Sorgen?

Hanna Schnyder-Etienne: Bei Tieren wurde ein Zusammenhang zwischen hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung und Krebserkrankungen festgestellt (insbesondere Hirntumoren und Tumoren im Herz) bei Exposition mit hochfrequenter Strahlung im Bereich 100 kHz bis 300 Gigaherz (GHz). Die geplanten 40 Starlink Satellitenantennen strahlen im Bereich von 25-30 GHz, also im Bereich des von der WHO untersuchten Strahlungsbereichs. Die Leistung einer Starlink Satellitenantenne wird mit 7'244'360 W EIRP angegeben und ist damit um ein Vielfaches höher als im Bereich des Mobilfunks 5G. Damit ist eine Gesundheitsschädigung für Menschen in der Umgebung der Station möglich, und nach unserer Ansicht muss aufgrund des im Umweltrecht verankerten Vorsorgeprinzips gehandelt werden. Die sorgfältige Risikoabwägung bei so viel Nichtwissen ist dringend.


... Ansonsten lassen wir uns hier auf ein Bevölkerungsexperiment ein!
 

KOMPAKT: Die Satellitenbetreiber betonen ja stets, dass alle gesetzlichen Grenzwerte eingehalten werden. Welche gesundheitlichen Risiken oder langfristigen Beschwerden befürchten Sie für die Bevölkerung, die von reinen Grenzwerten vielleicht nicht ausreichend abgedeckt werden?

Roman Kuonen: Die WHO-Studie hat negative Auswirkungen bei Tieren nachgewiesen. Die Menschen sind vergleichbar in den biologischen Wirkungen der Strahlung. Insbesondere ist zu erwähnen, dass die zitierte Studie Krebserkrankungen nachgewiesen hat unterhalb der geltenden Grenzwerte! Als korrekte Schlussfolgerung müssten also die Grenzwerte gesenkt werden, um den Bevölkerungsschutz zu gewährleisten, wie dies auch die zuständige EU-Kommission fordert, indem sie die Staaten auffordert, die hochfrequenten elektromagnetischen Strahlen zum Schutze der Bevölkerung möglichst tief zu halten. Ansonsten lassen wir uns hier auf ein Bevölkerungsexperiment ein! «Late lessons from early warnings » muss vermieden werden. Forschen vor Bauen ist notwendig. 

Satellitenbodenstation auf dem Brentjong-Plateau in LeukBild: Christian David_Wikimedia Commons


KOMPAKT: In Leuk stehen ja schon seit Jahrzehnten große Satellitenschüsseln, die das Areal zu einer der bedeutendsten Satellitenbodenstationen der Schweiz machen. Warum bringt die geplante Starlink‑Anlage aus Ihrer Sicht dennoch ein völlig anderes Risiko mit sich als der bisherige Satellitenpark?

Roman Kuonen: Die alten grossen Satellitenschüsseln sind auf geostationäre Satelliten (Entfernung 36 000 km) ausgerichtet und damit dauernd in die gleiche Richtung strahlend. Die neuen geplanten Starlink Satellitenantennen sind nicht vergleichbar mit den alten Antennen. Es wird eine neue Technologie eingeführt. Starlink Satelliten sind auf Umlaufbahnen nahe der Erde, 500-800 km entfernt (LEO-Satelliten), und somit von der Erde aus gesehen dauernd in Bewegung.  Jede einzelne Starlink Antenne ist folglich beweglich, folgt dem Satelliten und sendet mit viel mehr Leistung und in einem viel höheren Frequenzbereich zu den Satelliten in einem Abstrahlwinkel von 140 Grad (ab 20 Grad über der Horizontalen), rundum und dies 40-mal bei 40 Antennen! Aus physikalischen Gründen entstehen Streustrahlungen, sogenannte Nebenkeulen. Nach wie vor haben wir keine Einsicht in das Antennendiagramm zur Beurteilung der Strahlenbelastung und der Streustrahlung.

KOMPAKT: Als Ärzte blicken Sie deshalb auch mit großer Sorge auf die Natur. Welche Auswirkungen der Strahlung auf die Tierwelt und die Umwelt im Wallis bereiten Ihnen die größten Sorgen?

Roman Kuonen: Eine Gefährdung von Natur und Umwelt ist nicht auszuschliessen. In der Luft sind besonders Vögel und Insekten (inkl. Aeroplankton) betroffen, deren Gesundheit und Orientierungssinn leidet, was durch unabhängige Forschung belegt ist. Somit können Zugvögel in Gefahr kommen – und dies in dem Naturpark Pfyn-Finges mit der grössten Vogelvielfalt der Schweiz.

Steinadler im Naturpark Pfyn-Finges© Giles Laurent, gileslaurent.com

Wollen wir überhaupt in der Schweiz eine solche Station?
 

KOMPAKT: Sie haben sich daher Unterstützung aus der Politik geholt, etwa von Nationalrat Christophe Clivaz und SP Co‑Präsident Cédric Wermuth. Was erhoffen Sie sich von diesen Allianzen für Ihren Widerstand vor Ort?

Hanna Schnyder-Etienne:  Es stellen sich bei der geplanten Starlink-Bodenstation viele Fragen, beispielsweise zur digitalen Abhängigkeit, zu den geopolitischen Konsequenzen, zu demokratischen Entscheidungsprozessen und zur Neutralitätspolitik. Ebenso bedürfen die ökologischen Fragen einer Diskussion. Die geplante Anlage würde sehr viel Strom verbrauchen. Der Bedarf entspricht dem jährlichen Verbrauch von rund 400 durchschnittlichen Einfamilienhäusern. Eine breite öffentliche und politische Diskussion zu diesen Themen ist notwendig. Es darf nicht sein, dass nur rein rechtliche und technische Abklärungen getroffen werden ohne Diskussion der Grundsatzfrage: Wollen wir überhaupt in der Schweiz eine solche Station? Wenn ja, unter welchen Bedingungen?

Bei bewaffneten Konflikten könnte Leuk als Standort dieser strategisch wichtigen Bodenstation ins Visier geraten. Ebenso könnte dieses Satelliteninternet mit einem Knopfdruck in den USA unterbrochen werden. Ausserdem haben die Schweizer Behörden kein Rechtsanspruch auf Zugang und Kontrolle der Daten in diesem privaten Satellitennetzwerk. Doch die Schweiz muss ihre Datensouveränität behalten und kontrollieren können. Diese geo- und neutralitätspolitischen Aspekte bedürfen einer Klärung in einem demokratischen Prozess.


Die Haltung des Bundesrates zur digitalen Souveränität ist für uns unverständlich, realitätsfremd und entspricht einer Haltung des «Kopf in den Sand stecken»


KOMPAKT: Gemeindepräsident Alain Bregy und der Bundesrat verteidigen das Projekt mit Argumenten wie Arbeitsplätzen und digitaler Souveränität. Warum greift diese rein wirtschaftlich‑technische Sichtweise aus Ihrer ärztlichen Perspektive zu kurz?

Hanna Schnyder-Etienne: Hier verweisen wir auch auf die Antwort auf die vorherige Frage. Zu den Arbeitsplätzen ist folgendes auszuführen: Die geplante Anlage würde nach unserem Wissen für die Dauer von 6-7 Jahren nur 3-4 Arbeitsplätze sichern. Satelliten-Bodenstationen werden sowieso ferngesteuert betrieben und gewartet, was bekanntlich von Leitzentralen irgendwo auf der Welt aus erfolgen kann. Die Technik der alten grossen Satellitenantennen ist heute überholt. Der Markt für Telekommunikationsdienstleistungen ist seit Jahrzehnten liberalisiert. Es liegt nicht an der öffentlichen Hand unterstützend einzugreifen, wenn es ein Unternehmen versäumt hat, die Zeichen der Zeit zu erkennen und sich rechtzeitig zu restrukturieren.

Die Haltung des Bundesrates zur digitalen Souveränität ist für uns unverständlich, realitätsfremd und entspricht einer Haltung des «Kopf in den Sand stecken». Mit der Starlinkbodenstation rollen wir für eine private amerikanische Firma mit besten Beziehungen zur US-Regierung den roten Teppich aus, vergrössern unsere Abhängigkeit und haben gleichzeitig keine Möglichkeit zu kontrollieren und einzugreifen. Wir nehmen dafür sogar noch Risiken in Kauf für Mensch und Umwelt! Eine solche Haltung unserer Regierung erscheint uns als fahrlässig und gegen die Interessen der Bevölkerung gerichtet.

KOMPAKT: Verständlicherweise stecken Sie viel Herzblut in diese Initiative. Welche konkreten Schritte haben Sie im Dorf bereits unternommen, und wie reagieren eigentlich die Leukerinnen und Leuker im Alltag auf Ihr Engagement?

Roman Kuonen: Zusammen mit vielen besorgten Menschen haben wir Ende Juni 2025 eine Einsprache eingelegt wegen Strahlenrisiken, gesundheitlicher Gefährdung und politischer Brisanz.

Ende November 2025 erteilte die Gemeinde Leuk die Baubewilligung und wies unsere Einsprache ab. Ende Dezember 2025 haben wir Beschwerde gegen diese Baubewilligung beim Walliser Staatsrat eingelegt. Im November 2025 haben wir einen Verein gegründet zur Unterstützung unseres Widerstandes. Wir werden von vielen Menschen unterstützt aus der Region, aber auch aus der ganzen Schweiz.
 

Wirtschaftliche Aspekte dürfen keinen Vorrang haben vor sozialen, gesundheitlichen, ökologischen und geopolitischen Anliegen


KOMPAKT: Das Verfahren liegt aktuell beim Staatsrat und könnte bis vor das Bundesgericht gehen. Was erhoffen Sie sich jetzt von den Behörden und Gerichten für die Zukunft von Leuk?

Hanna Schnyder-Etienne: Wir fordern eine umfassende Beurteilung des Projektes unter Berücksichtigung aller Aspekte, insbesondere unter dem Gesichtspunkt des Vorsorgeprinzips und der Einzelfallprüfung. Wirtschaftlich Aspekte dürfen keinen Vorrang haben vor sozialen, gesundheitlichen, ökologischen und geopolitischen Anliegen. Ohne diese Abklärungen hätte diese Baubewilligung von der Gemeinde gar nicht gegeben werden dürfen.

KOMPAKT: Vielen Dank für Ihre Zeit und die ausführlichen Einblicke. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg in Ihrem Einsatz für Leuk.


Link zur Webseite der Bürgerinitiative: https://schutzvorsatellitenstrahlungregionleuk.ch
 

SpaceX-Chef Elon MuskFoto: Wikimedia Commons

Hintergrund: Wer steckt hinter dem Projekt? SpaceX und Starlink kurz erklärt:

Hinter dem Ausbauprojekt auf dem Brentjong-Plateau in Leuk steht das US-Raumfahrtunternehmen SpaceX von Elon Musk. SpaceX hat die Raumfahrt revolutioniert, indem es wiederverwendbare Raketen entwickelte und damit die Kosten für den Transport ins All drastisch senkte. 

Dieses technologische Fundament nutzt das Unternehmen für sein Megaprojekt Starlink: Eine gigantische Konstellation aus tausenden kleinen Satelliten, die die Erde im niedrigen Orbit (LEO) umkreisen, um weltweiten, schnellen Internetzugang zu garantieren. Damit das System funktioniert, können die Satelliten nicht nur untereinander kommunizieren, sondern müssen ihre Datenpakete auch zur Erde senden. Hier kommt die Satellitenbodenstation in Leuk ins Spiel, die als sogenanntes Gateway (Datentor) fungieren soll. (Quelle: https://starlink.com/de/technology)

Mehr Informationen über Starlink und militärische Mobilfunkanwendungen in unserer Serie Militäranwendungen. Das Militär als Treiber des 5G-Ausbaus

Artikel veröffentlicht:
08.07.2026
Autor:
diagnose:funk
Ja, ich möchte etwas spenden!