Auch deutsche und österreichische Mediziner und psychiatrische Dienste schildern eindringlich, wie verheerend die Auswirkungen der frühen Nutzung auf Kleinkinder ist:
Dr. Katrin Klöpper – Ärztliche Leiterin der Kinder- und Jugendambulanz/Sozialpädiatrisches Zentrum Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf – berichtet über die Therapiestunde des fünfjährigen Khalid: der Junge wirke nervös wie ein gefangenes Tier, könne nicht spielen und kaum auf Ansprache reagieren. Seine kognitive, sprachliche und emotionale Entwicklung sei deutlich verzögert. Klöpper und ihr Team sind überzeugt, dass der Junge gesund zur Welt kam – und seine Behinderung später erwarb– verursacht durch intensiven Medienkonsum in den ersten Lebensjahren. Sie warnt,
- „das bunte Treiben auf dem Bildschirm bindet die Aufmerksamkeit kleiner Kinder so stark, dass sie darüber alles vergessen. Sie bewegen sich nicht, spielen nicht, lernen nicht. Sie verpassen Hunderte Gelegenheiten, soziale Interaktion zu üben.“
Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von „sensorischer Deprivation“, einem entwicklungsverzögernden Mangel an visueller, akustischer und taktiler Stimulation. Einige Forscher verwenden inzwischen den Begriff „Medienautismus“ oder „virtueller Autismus“. Tragisch: „Kinder wie Khalid werden vermutlich nie selbstständig leben können oder dem ersten Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen", prognostiziert Klöpper.
Die Neurobiologin Dr. Keren Grafen schildert, dass sie in ihrer Praxis zunehmend Kinder sieht, deren neuronale Entwicklung durch frühe und intensive Bildschirmnutzung schwer beeinträchtigt ist. Sie beschreibt in einem Vortrag auf der 23. Umweltmedizinischen Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für klinische Umweltmedizin e.V. (EGKU), dass algorithmisch gesteuerte digitale Reize zu einer Art „neuronaler Verrottung“ führen können. Grafen warnt, „digitale Reize verändern die Architektur des Gehirns“ und betont, dass Kinder heute in digitalen Lebensräumen aufwachsen, in denen schnelle Bildfolgen, Likes und Swipen Wahrnehmung und Selbstkonzept prägen. Dadurch reife ein Gehirn nicht mehr durch direkte Erfahrung, Berührung und soziale Interaktion, sondern durch zweidimensionale Stimuli – mit tiefgreifenden Folgen für Denken, Fühlen und Identitätsentwicklung.
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Von einer dramatischen sensorischen Verarmung berichtet auch die Kinderärztin Dr. Arnika Thiede in einem Interview "Sie können Handys bedienen, aber nicht mit Besteck essen". Die Ärztin hat im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz fast täglich mit verhaltensgestörten Kleinkindern zu tun. Der Grund: exzessiver Medienkonsum. Thiede warnt:
- „Ein exzessiver digitaler Medienkonsum kann unter anderem zu Adipositas und Schlafstörungen führen. Das Gehirn verändert sich auch strukturell und funktionell. Je früher und länger digitale Medien konsumiert werden, desto ausgeprägter sind die Veränderungen, die sich trotz Reduktion der Bildschirmzeit bis ins Erwachsenenalter ziehen können.“
Im Juni 2023 veröffentlichten elf deutsche Fachverbände aus Medizin und Psychologie die „Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“, in der unter anderem ein weitgehender Schutz kleiner Kinder vor Bildschirmmedien empfohlen und für Kinder bis drei Jahren ein konsequenter Verzicht auf Bildschirmmedien gefordert wird. Für ältere Kinder und Jugendliche wird grundsätzlich empfohlen, die Bildschirmzeit möglichst gering zu halten und diese altersgerecht zu begrenzen. Zudem wird geraten, Kindern unter neun Jahren keine eigene Spielkonsole zur Verfügung zu stellen und Bildschirmmedien weder zur Belohnung noch zur Bestrafung oder Beruhigung einzusetzen.