Thailand will Schutzmaßnahmen für Kinder in der digitalen Welt verschärfen

Dagegen bleiben deutsche Empfehlungen unverbindlich
Ein aktueller Bericht der staatlichen, aber unabhängig agierenden Gesundheitsstiftung Thai Health Promotion Foundation (ThaiHealth) zeigt alarmierende Zahlen: In Thailand verbringen bereits über 72 % der Kleinkinder bis zwei Jahre täglich mehr als eine Stunde vor dem Bildschirm. Die Zahlen stehen im Kontext einer insgesamt sehr hohen Internetnutzung: 93,1 % der thailändischen Bevölkerung sind täglich fast acht Stunden online, berichtet die medizinische Tourismusplattform ArokaGO. Die Regierung will nun gegensteuern.
Bild: Frank Ching / Unsplash

Angesichts drohender Entwicklungsstörungen hat die Regierung reagiert und ThaiHealth angewiesen, Vorschläge für strengere Regeln zu erarbeiten. Gemeinsam mit dem Digitalministerium plant ThaiHealth eine nationale Strategie zum Schutz der Kinder vor Online‑Gefahren, die sowohl Prävention als auch Bildung umfasst.

Zu den zentralen Empfehlungen gehört: Kinder im Alter von 0-2 Jahren sollen keine Bildschirme nutzen. Darüber hinaus setzt ThaiHealth auf einen breit angelegten Ansatz:

 

  • Digitale Resilienz durch Medien‑, Digital‑ und Gesundheitskompetenz,
  • Lernwerkzeuge und Bildungsprozesse für Schulen und Gemeinden,
  • Proaktive Kampagnen für einen gesunden Mediengebrauch,
  • Sperrung schädlicher Inhalte zum Schutz von Kindern vor digitalen Risiken
  • Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Staat, Privatsektor und Zivilgesellschaft.

Artikel im Original: Bildschirmzeit für thailändische Kinder sorgt für Bedenken: 72,6 % überschreiten die empfohlenen täglichen Grenzwerte | ArokaGO

 
„Wir haben nicht genug in den Schutz unseres zukünftigen Humankapitals* investiert“, so Danaya Wasuwat, Expertin beim Thai Media Fund, einer staatlichen Förderorganisation, die sich der Entwicklung sicherer, verantwortungsvoller und kreativer Medien widmet. Man habe das Thema schlichtweg unterschätzt. 

Thailands jüngste Initiativen zeigen ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass der Schutz von Kindern im digitalen Raum nicht nur Gesundheitspolitik ist, sondern eine Investition in die Zukunft des Landes. Die Maßnahmen könnten international als Beispiel dienen – insbesondere für Länder, die ebenfalls mit steigender Bildschirmzeit von Kindern und zunehmenden digitalen Risiken konfrontiert sind.

* Humankapital ist ein problematischer Begriff, weil er auf die industrielle Verwertbarkeit fokussiert

Kinder müssen spielen, statt Zeit mit Bildschirmmedien zu verbringen.Bild: cottonbro studio / pexels

Auch deutsche und österreichische Mediziner und psychiatrische Dienste schildern eindringlich, wie verheerend die Auswirkungen der frühen Nutzung auf Kleinkinder ist:

Dr. Katrin Klöpper – Ärztliche Leiterin der Kinder- und Jugendambulanz/Sozialpädiatrisches Zentrum Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf – berichtet über die Therapiestunde des fünfjährigen Khalid: der Junge wirke nervös wie ein gefangenes Tier, könne nicht spielen und kaum auf Ansprache reagieren. Seine kognitive, sprachliche und emotionale Entwicklung sei deutlich verzögert. Klöpper und ihr Team sind überzeugt, dass der Junge gesund zur Welt kam – und seine Behinderung später erwarb– verursacht durch intensiven Medienkonsum in den ersten Lebensjahren. Sie warnt,

  • „das bunte Treiben auf dem Bildschirm bindet die Aufmerksamkeit kleiner Kinder so stark, dass sie darüber alles vergessen. Sie bewegen sich nicht, spielen nicht, lernen nicht. Sie verpassen Hunderte Gelegenheiten, soziale Interaktion zu üben.“

Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von „sensorischer Deprivation“, einem entwicklungsverzögernden Mangel an visueller, akustischer und taktiler Stimulation. Einige Forscher verwenden inzwischen den Begriff „Medienautismus“ oder „virtueller Autismus“. Tragisch: „Kinder wie Khalid werden vermutlich nie selbstständig leben können oder dem ersten Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen", prognostiziert Klöpper.

Die Neurobiologin Dr. Keren Grafen schildert, dass sie in ihrer Praxis zunehmend Kinder sieht, deren neuronale Entwicklung durch frühe und intensive Bildschirmnutzung schwer beeinträchtigt ist. Sie beschreibt in einem Vortrag auf der 23. Umweltmedizinischen Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für klinische Umweltmedizin e.V. (EGKU), dass algorithmisch gesteuerte digitale Reize zu einer Art „neuronaler Verrottung“ führen können. Grafen warnt, digitale Reize verändern die Architektur des Gehirns“ und betont, dass Kinder heute in digitalen Lebensräumen aufwachsen, in denen schnelle Bildfolgen, Likes und Swipen Wahrnehmung und Selbstkonzept prägen. Dadurch reife ein Gehirn nicht mehr durch direkte Erfahrung, Berührung und soziale Interaktion, sondern durch zweidimensionale Stimuli – mit tiefgreifenden Folgen für Denken, Fühlen und Identitätsentwicklung.

>>>Mehr dazu auf diagnose-funk.org/2306

Von einer dramatischen sensorischen Verarmung berichtet auch die Kinderärztin Dr. Arnika Thiede in einem Interview "Sie können Handys bedienen, aber nicht mit Besteck essen". Die Ärztin hat im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz fast täglich mit verhaltensgestörten Kleinkindern zu tun. Der Grund: exzessiver Medienkonsum. Thiede warnt:

  • „Ein exzessiver digitaler Medienkonsum kann unter anderem zu Adipositas und Schlafstörungen führen. Das Gehirn verändert sich auch strukturell und funktionell. Je früher und länger digitale Medien konsumiert werden, desto ausgeprägter sind die Veränderungen, die sich trotz Reduktion der Bildschirmzeit bis ins Erwachsenenalter ziehen können.“


Im Juni 2023 veröffentlichten elf deutsche Fachverbände aus Medizin und Psychologie die „Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“, in der unter anderem ein weitgehender Schutz kleiner Kinder vor Bildschirmmedien empfohlen und für Kinder bis drei Jahren ein konsequenter Verzicht auf Bildschirmmedien gefordert wird. Für ältere Kinder und Jugendliche wird grundsätzlich empfohlen, die Bildschirmzeit möglichst gering zu halten und diese altersgerecht zu begrenzen. Zudem wird geraten, Kindern unter neun Jahren keine eigene Spielkonsole zur Verfügung zu stellen und Bildschirmmedien weder zur Belohnung noch zur Bestrafung oder Beruhigung einzusetzen. 

Die klaren Empfehlungen der Mediziner und der Autoren der Leitlinie unterscheiden sich deutlich von den unverbindlichen deutschen Handlungsempfehlungen: Die Pressekonferenz am 24.06.2026 zu den Empfehlungen der Expertenkommission „Kinder‑ und Jugendschutz in der digitalen Welt“ vermittelte zwar den Eindruck, dass der Kinder- und Jugendschutz nun konsequent angegangen werde – entsprechend positiv berichtete die Presse – nach Analyse von diagnose:funk, dem Bündnis für humane Bildung und Prof. Ralf Lankau zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Die 114-seitigen Empfehlungen enthalten zwar zahlreiche Bekenntnisse zu Schutzabsichten, wirken jedoch wie ein Gefälligkeitsgutachten für die IT-Branche, das Kinder und Jugendliche deren Interessen und Zielsetzungen ausliefert.

Das Bündnis für humane Bildung kritisiert weiter, dass die Empfehlungen eine frühe Digitalisierung und KI‑Nutzung propagieren, den Schutz von Kindern zugunsten von digitaler Teilhabe zurückstellen, entwicklungspsychologische Erkenntnisse ignorieren und mit dem Konzept der „digitalen Vernachlässigung“ (zu verstehen als Mangel an digitaler Förderung bzw. Ausbildung im Umgang mit digitalen Medien; Anm. d:f) Eltern sogar zur frühen Mediennutzung bei kleinen Kindern verpflichten würden.

Es stellt sich die Frage, ob der Schutz von Kindern im digitalen Raum tatsächlich konsequent als oberste Priorität der Empfehlungen behandelt wurde: Neue Osnabrücker Zeitung: Kinder und soziale Medien „Ein schlechter Witz“ – so enttäuscht ist diese Mutter von den Social-Media-Vorschlägen der Experten.

 

Publikation zum Thema

Bild:diagnose:funk
1. Auflage 2025Format: A5Seitenanzahl: 32, Preis 2,50 Euro (Mitglieder 1,50 Euro) Veröffentlicht am: 30.09.2025 Bestellnr.: 105Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

Ratgeber 5: Kinder und Jugendliche in digitalen Zeiten - stark und selbstbestimmt

So fördern Sie die gesunde Entwicklung Ihres Kindes
Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Inzwischen zweifelt niemand mehr: Smartphones und soziale Medien können Kindern und Jugendlichen massiv schaden. Was können Eltern und Schulen tun? Eine pädagogische Herausforderung. Sie ist lösbar. Kurz, konkret und verständlich hilft dabei unser neuer Ratgeber. Der Ratgeber zeigt auf, warum Kinder in erster Linie vielfältige analoge Erfahrungen brauchen – Bewegung, Natur, kreative Aktivitäten und echte soziale Begegnungen. Digitale Medien können diese wertvollen Erlebnisse nicht ersetzen, sondern nehmen nur Zeit, die Kindern für ihre natürliche Entwicklung fehlt. Besonders in den ersten Lebensjahren sollten Bildschirme konsequent gemieden werden, da das Gehirn in dieser Phase am empfindlichsten ist. Zugleich macht die Broschüre Mut und bietet konkrete Hilfestellungen: Sie erklärt, ab welchem Alter Kinder langsam und begleitet an digitale Medien herangeführt werden können, wie Eltern klare Regeln setzen und den Medienkonsum sinnvoll begrenzen. Praktische Tipps für Alltagssituationen – vom Familienessen über den Kindergarten bis zum Grundschulalter – geben Orientierung, wie Medienerziehung verantwortungsvoll gelingt.
Artikel veröffentlicht:
02.07.2026
Autor:
diagnose:funk
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