Schwalben sammeln sich im Herbst im Südschwarzwald vor den Zug in den Süden
Unbestritten ist, so Bächler, der thermische Effekt hochfrequenter Strahlung. In unmittelbarer Nähe von Sendeanlagen kann sich Körpergewebe erwärmen. Besonders empfindlich reagieren Vogelembryonen und Nestlinge, bei denen bereits geringe Temperaturerhöhungen zu Entwicklungsstörungen oder erhöhter Sterblichkeit führen können. Wie Bächler festhält, ist dieser Zusammenhang „wissenschaftlich unbestritten“, und bereits „eine Temperaturerhöhung von mehr als 0,5 °C kann die Embryonen schädigen“.
Kritisch ist dies vor allem dort, wo Mobilfunkantennen in oder an Gebäuden installiert werden, die von Vögeln als Brutplätze genutzt werden – etwa Kirchtürme oder andere hohe Bauwerke. Bächler weist ausdrücklich darauf hin, dass „aufgrund der räumlichen Nähe von Brutkolonien und Sendeantennen die Bruten von thermischen Effekten betroffen sein können“ und dass der Schutz während der Brut- und Nestlingszeit „zwingend“ zu berücksichtigen ist.
Unter kontrollierten Laborbedingungen konnte wiederholt gezeigt werden, dass schwache elektromagnetische Felder den Magnetsinn von Vögeln stören können, der für die Orientierung vieler Zugvögel entscheidend ist. Bächler fasst den Forschungsstand zusammen:
- „Ebenfalls wissenschaftlich klar nachgewiesen ist die Beeinflussung des Magnetkompasses der Vögel durch niedrig dosierte elektromagnetische Strahlung.“
Ebenso gibt es deutliche Hinweise darauf, dass sowohl nieder- als auch hochfrequente Strahlung oxidativen Stress in den Zellen erhöht und den Hormonhaushalt beeinflussen kann. Laut Bächler konnte
- „unter kontrollierten Laborbedingungen nahezu konsistent nachgewiesen werden, dass … elektromagnetische Strahlung selbst im Niedrigdosisbereich den oxidativen Stress in den Körperzellen erhöht.“
Was als gesichert gilt: Das Vorsorgeprinzip anwenden!
Bächler unterscheidet zwischen gut belegten und unsicheren Effekten. Als wissenschaftlich gut belegt gilt die Störung des Magnetsinns von Vögeln. Die Beeinflussung des Magnetkompasses durch schwache elektromagnetische Felder im Niedrigdosisbereich ist „wissenschaftlich klar nachgewiesen“. Diese Effekte treten bereits bei Feldstärken auf, die im Bereich heutiger Umweltbelastungen liegen, allerdings nur bis etwa 100–116 MHz.
Unter Laborbedingungen zeigen viele Studien zelluläre Effekte, u.a. erhöhte Bildung reaktiver Sauerstoffverbindungen (ROS), Veränderungen von Stresshormonen und Stressproteinen, Störungen des Melatoninhaushalts. Bächler bewertet die Evidenz hier als stark, aber nicht vollständig abgeschlossen geklärt.
Gleichzeitig betont der Autor die Grenzen der Übertragbarkeit von Laborergebnissen auf das Freiland:
- „Ob und in welchem Ausmass diese im Labor gefundenen nicht-thermischen Effekte von NIS die Vögel auch unter natürlichen Lebensbedingungen beeinträchtigen, ist schwierig zu beurteilen.“
Aus diesen Erkenntnissen leitet Bächler klare Empfehlungen für den Vogelschutz ab. Nicht-thermische Wirkungen elektromagnetischer Strahlung sind real und teilweise gut belegt, ihre Bedeutung im Freiland aber noch unzureichend geklärt; gerade deshalb – und wegen unbestrittener thermischer Risiken an Brutplätzen – ist eine konsequente Anwendung des Vorsorgeprinzips wissenschaftlich und rechtlich geboten. Die schweizerische Vogelwarte empfiehlt ausdrücklich, „für Brutstandorte das Vorsorgeprinzip zu berücksichtigen“ und die bestehenden Schutzbestimmungen sinngemäß auch auf Vögel anzuwenden.
Erich Bächler: Zum Einfluss von nichtionisierender Strahlung (NIS) auf Vögel: rechtliche Situation, wissenschaftlicher Stand und Empfehlungen für den Vogelschutz, Ornithologischer Beobachter, 122, 2025
Download: https://www.ala-schweiz.ch/images/stories/pdf/ob/2025_122/OrnitholBeob_2025_122_352_Baechler.pdf, https://kurzlinks.de/e1ry

