Ein Ergebnis der ATHEM-3 Studie: Chromosomenabberationen durch Langzeitbestrahlung.
„Die Befundlage bedeutet keinesfalls, dass ein negatives Ergebnis (kein Effekt) ein positives aufhebt!“
DIAGNOSE:FUNK: Wie beurteilen Sie die Einschätzung von Lutz / Adlkofer: „In lebenden Organismen finden biologische Prozesse wie Zellteilung, Zelldifferenzierung usw. statt, die die Moleküle, speziell die DNA und die RNA sehr verletzbar machen. Chemische Verbindungen werden aufgebrochen und neue gebildet. DNA-Ketten werden geöffnet, vervielfältigt und neue Zellen werden gebildet. Eine viel tiefere Energieschwelle kann für eine Störung der zellulären Prozesse genügen. Es wird überhaupt sehr schwer sein, eine untere Energieschwelle zu definieren, um eine Störung in Lebensprozessen, für die die molekulare Instabilität eine Vorbedingung ist, auszuschließen.“
PROF. MOSGÖLLER: Im Prinzip stimmt alles hier Angeführte, aber wir bewegen uns von der Praxisnähe weg in die Tiefen theoretischer Wissenschaft. Ja, es gibt Daten, die Effekte und Einflüsse auf die Zellteilung und Zelldifferenzierung zeigen. Auch die Untersuchungen in den von mir koordinierten Projekten belegen, dass die Expositions-assoziierten DNA-Schädigungen in einigen - nicht allen - Zellen real sind. In ATHEM-1 konnten wir sehen, dass es robuste (widerstandsfähige) und auch empfindliche Zellen gibt. Diese Befundlage wird manchmal als widersprüchlich kommuniziert. Aber die Befundlage bedeutet keinesfalls, dass ein negatives Ergebnis (kein Effekt) ein positives aufhebt. Wissenschaftlich lohnend wäre es zu wissen, warum manche Zellen DNA-Schäden bekommen, und herauszufinden, wie andere Zellen die eigene DNA schützen.
DIAGNOSE:FUNK: Was bedeutet diese Diskussion für den Alltag?
PROF. MOSGÖLLER: Es gibt immer wieder Versuche, den Befund, dass es robuste und sensible Zellen gibt, in der öffentlichen Diskussion als Widerspruch darstellen. Dem widerspreche ich vehement. Allerdings, wenn wir durch Forschung herausfinden, was den Unterschied ausmacht zwischen robust widerstandsfähig und sensibel, haben wir einen Schlüssel, wie man sich im Alltag gegen elektromagnetische nicht-thermische Wirkungen schützen kann. Nach meiner Einschätzung ist der Ruf nach geringeren Grenzwerten wenig hilfreich. Alternativ ist die Organisation von Schutzmaßnahmen - zusätzlich zu den ICNIRP-Grenzwerten - eine naheliegende Lösung, insbesondere wenn es absehbar ist, dass die Exposition über Jahre besteht.
DIAGNOSE:FUNK: Nochmals zur Studienlage. Wie groß ist nach Ihrer Meinung die derzeitige Evidenz, dass Mobilfunkstrahlung für Dauernutzer zu Krebs und Fertilitätsschädigungen führen kann?
PROF. MOSGÖLLER: Für diese Frage braucht es den Begriff Dosis. Zur Erinnerung: "Es ist die Dosis, die das Gift macht". Bei geringer Dosis - also geringe Nutzerfrequenz, geringe Intensität, geringe Expositionszeit - würde mir die Frage nach einer Krebserkrankung kein Kopfzerbrechen bereiten, hingegen bei hemmungsloser Exposition über Jahre schon eher. Vermutlich ist es ähnlich wie beim Tabakkonsum, die meisten Raucher mit Lungenkrebs sind starke Raucher über Jahre. Wenn wir über die toxische Dosis bei nicht-thermischen Wirkungen reden, müssen wir in Jahren denken.
Bezüglich Beeinträchtigung der männlichen Fertilität gibt es relativ konsistente Tierstudien. Bei Human-Studien sind die Ergebnisse nicht so eindeutig. Ich führe das darauf zurück, dass im Tierexperiment die Versuchsbedingungen gut kontrolliert sind, in einem Test-System mit nur einem Risiko-Faktor (EMF-Exposition) und einem Endpunkt (Spermienqualität) ist die Chance, einen direkten Zusammenhang aufzudecken, besser als bei Humanstudien. Bei Humanstudien spielen unterschiedlichste Co-Faktoren eine Rolle. Ein spezifischer Effekt kann im Rauschen der anderen untergehen. Anders gesagt: Wenn ich davon ausgehe, dass die Exposition mit HF-EMF Auswirkungen auf die männliche Fertilität hat, ist die HF-EMF Exposition einfach nur ein Faktor mehr, zusätzlich zu den vorhandenen, wie Stress, Lebensstilfaktoren, hautenge Jeans, Umwelteinflüsse, Ernährung, etc.
DIAGNOSE:FUNK: Sie sagen, „für niedrigere Grenzwerte fehlen uns so entscheidende Dinge wie eine Wirkschwelle“. Auf eine scheinbar fehlende Kausalität beruft sich u.a. das Bundesamt für Strahlenschutz für seine Entwarnungen. Aber liegen nicht Evidenzen für einen Wirkmechanismus vor, z. B. die Auslösung von oxidativem Zellstress, einer Ursache entzündlicher Erkrankungen, wie sie Yakymenko (2015) und Mevissen (2021) in ihren Reviews dokumentieren, aber auch ihre eigenen Athem-Studien?
PROF. MOSGÖLLER: Die Arbeiten zu oxidativem Zellstress als kausalem Wirkmechanismus liefern einen Schlüssel zum besseren Umgang mit den Effekten, die sich uns präsentieren. Es hat sich gezeigt, dass Antioxidantien wie Melatonin, Vitamin C und E, Zink, Selen, Polyphenole und noch viele mehr, die Effekte der HF-EMF Exposition mildern oder abfangen können. Solches bestätigt 1.) den Effekt an sich und 2.) den oxidativen Mechanismus. Angesichts der Befundlage haben wir nicht die Kausalität hinterfragt, sondern uns gefragt "was tun?". Das Ergebnis unseres Tuns ist jener LSB, der das Prinzip Vorsorge in ein Gemeinschaftsprojekt integriert. Mit Hilfe des LSB lassen sich Unsicherheiten sachlich und transparent abhandeln. Der LSB ist nicht als Verhinderer konzipiert, sondern als Ermöglicher eines Gemeinschaftsprojektes.
Zur Wirkschwelle: Eine Wirkschwelle besagt nichts anderes, als dass ich mich, wenn ich mit der Dosis darunter liege, auf der sicheren Seite befinde. Bei jeder Grenzwertfestlegung beginnt man mit einer Wirkschwelle. Manchmal gibt es mit einem Abschlag-Sicherheitsfaktor und landet mit dem Grenzwert also unter der Wirkschwelle, aber das lassen wir bitte bei ausgebildeten Toxikologen.
Die scheinbar fehlende Kausalität, die Sie ansprechen, darf ich mit einer Analogie erklären: Stellen Sie sich vor, ein Spaziergänger wird von einem Golfball am Kopf getroffen. Was ist die Kausalität seines Kopfschmerzes? Der Golfer meint, es liegt am Wind, der Wind ist schuld, er hat den Ball vertragen. Ein Neuro-Experte hat Recht, ohne Nerven gäbe es keinen Schmerz, also sind die Nervenbahnen kausal. Ein Unfallchirurg-Experte hat Recht, ein gebrochener Schädel-Knochen im Röntgen erklärt den Schmerz kausal, und so weiter und so weiter …. Während die Experten die Kausalitätsfrage diskutieren, erklärt der Golfclub vor der Presse, dass täglich 1000 Golfbälle durch die Luft fliegen ohne Kopfschmerzen zu verursachen. In solcher Situation braucht ein Betroffener Geduld und starke Nerven oder einen Leitfaden, wie man mit der Situation umgeht. Wem nützt es, und wen schützt es, wenn man grundsätzlich diskutiert, aber für den konkreten Fall keine Lösung anbietet.
Der LSB ist eine Anleitung, wie man mit einem theoretischen Risiko im Fall einer konkreten Anlagen-Errichtung bewusst sachlich vorgeht. Das kann sehr nützlich sein, besonders dann, wenn die Suche nach einer Einigung bezüglich Kausalität oder Wirkschwelle noch Jahre andauert.
„Es ist keine gute Idee, einen Laptop am Schoß liegend zu betreiben!“
DIAGNOSE:FUNK: Gehe ich recht in der Annahme: Die Dauerbelastung durch Mobilfunkmasten ist ein schädigender Faktor, dem wir zwangsweise ausgesetzt sind. Die Nahfeldbelastungen werden aber immer größer, durch WLAN-Hot-Spots, durch die eigene Smartphone- und Tablet-Nutzung. Wie sehen Sie hier das Verhältnis?
PROF. MOSGÖLLER: Mir sind keine Studien bekannt zur Frage, dass biologische Effekte daran geknüpft sind, ob ich in einer Nahfeld-Situation oder Fernfeld-Situation exponiere. Aber Vorsicht, die Begriffe Nahfeld-Exposition und Fernfeld-Exposition werden normalerweise verwendet, um auszudrücken, dass nach Antennenaustritt das elektrische und das magnetische Feld getrennt vorliegen, bevor sie sich im Fernfeld gekoppelt ausbreiten. Diese Eigenschaft macht Messungen im Nahfeld schwierig. Wenn eine Welle sich im Fernfeld ausbreitet und das elektrische und magnetisches Feld miteinander verbunden sind, und senkrecht aufeinander stehend in Phase schwingen, ist die Erfassung mit Messgeräten zuverlässiger. Typischerweise herrschen bei WLAN-Routern physikalisch betrachtet spätestens ab 50 cm Abstand gut erfassbare Fernfeldbedingungen.
Unabhängig von diesen Überlegungen ist es keine gute Idee, einen Laptop auf dem Schoß liegend zu betreiben, schon gar nicht mit WLAN-Anbindung. Wenn Sie einen Laptop direkt auf dem Schoß nutzen, ist der Körper drei verschiedenen physikalischen Einflüssen gleichzeitig ausgesetzt: Hochfrequenzstrahlung (HF) durch WLAN und Bluetooth, Niederfrequenz-Feldern (NF) durch die Elektronik und die Batterie sowie lokale Wärme, die der männlichen Fruchtbarkeit abträglich ist. Eine Platte oder ein sogenanntes Knie-Tablett zwischen Schoß und Laptop schafft Abstand und die Lüftungsschlitze an der Unterseite eines Laptops können ihrer Bestimmung gerecht werden.