Interview mit Prof. W. Mosgöller: Leitfaden Senderbau – aktueller denn je

„Roaming, also ein Netz für alle, könnte in der Bevölkerung schlagartig die Exposition mit hochfrequenten elektromagnetischen Feldern reduzieren.“
Die Auseinandersetzungen um den Bau von Mobilfunkmasten hören nicht auf. Anwohner werden überrumpelt, Gemeinderäte beugen sich den Plänen der Betreiber, Streit herrscht in der Kommune. Das muss nicht sein. Bereits 2014 wurde in Wien der Leitfaden Senderbau (LSB) veröffentlicht, der Versorgung und Gesundheitsschutz regelt. Mit dem Editor des LSB, Prof. Dr. Wilhelm Mosgöller, führten wir ein Interview.
Quelle: aegu.net/pdf/Leitfaden.pdf

Im Jahr 2014 wurde in Wien der Leitfaden Senderbau (LSB) veröffentlicht. Im Vorwort heißt es: „Der vorliegende Leitfaden beschreibt Strategien und Vorgangsweisen, um dem Bedürfnis nach technischer Innovation einerseits und dem verständlichen Wunsch nach geringen Immissionen andererseits gerecht zu werden.“ Aus zwei Gründen war er bahnbrechend.

  1. Er wurde gemeinsam herausgegeben von Institutionen mit - oberflächlich betrachtet - unterschiedlicher Interessenslage: Wiener Arbeiterkammer, AUVA – Allgemeine Unfallversicherungsanstalt, Wirtschaftskammer, Bundesinnung der Elektro-, Gebäude-, Alarm-, u. Kommunikationstechniker, Wiener Umweltanwaltschaft, Österreichische Ärztekammer, Wissenschaftler der Medizinischen Universität Wien vom Institut für Umwelthygiene und Institut für Krebsforschung.
  2. Zum zweiten wurde ein Wert für die gesamte HF-EMF Immission von 1000 µWatt/m2 vorgeschlagen, das ist tausendfach unter dem Grenzwert der ICNIRP. Allerdings ist es kein Grenzwert im klassischen Sinne, sondern ein Grenzwert für die Entscheidung, ob oder nicht es eine Einbindung der geplant exponierten Bevölkerung, insbesondere der Anrainer, geben soll. 

Wie aktuell der LSB ist, zeigt sich angesichts der Smart City-Planungen und der Vision IoT (Internet of Things). Mit Prof. Dr. Wilhelm Mosgöller, der als Wissenschaftler an der Erarbeitung des LSB federführend beteiligt war, konnten wir ein Interview führen.

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Der Leitfaden Senderbau in seiner zweiten Auflage ist abrufbar bei:

Achtung, es gibt ein gleichnamiges Dokument (Leitfaden Senderbau), herausgegeben 2020 vom österreichischen FMK (Interessensvertretung der österreichischen Mobilfunkbranche).
 

Prof. Wilhelm Mosgöller, Bild privat

„Warum spricht niemand über alternative Schutzkonzepte?“

 

DIAGNOSE:FUNK: Herr Prof. Mosgöller, im Leitfaden Senderbau konnten Sie bedeutende Organisationen überzeugen, sich auf Strategien für die sozial verträgliche Errichtung stationärer Sendeanlagen zu einigen. Welche zentralen Argumente überzeugten die Beteiligten?

PROF. MOSGÖLLER: Es brauchte keine besondere Überzeugungsarbeit, die Probleme waren da, man musste sie nur zur Kenntnis nehmen, anstatt sie wegzudiskutieren. Die Errichtung stationärer Mobilfunk-Basisstationen ist damals wie heute ein gemeinsames Projekt für die Gemeinden, Betreiber und Bevölkerung. In jedem Projekt gibt es Reibungsverluste und Verlierer, wenn einer der Beteiligten die Sichtweisen anderer ignoriert und seine eigenen Interessen als primäres Projektziel erklärt.

Was nur wenige wissen, vor dem LSB für die Bevölkerung gab es einen Vorgänger-Leitfaden, und zwar für beruflich Exponierte (Dachdecker, Antennenmonteure, etc.). Bei dieser Broschüre saßen die Mobilfunk-Anbieter mit am Tisch, sie waren mit dem Ergebnis, welches sich an den für sie so wichtigen ICNIRP-Grenzwerten orientierte, sehr zufrieden, erkennbar daran, dass sie diesen Leitfaden dutzendfach bestellten und verteilten.

Bei der Allgemeinbevölkerung ist die Exposition nicht auf die Arbeitszeit begrenzt, sondern liegt mitunter rund um die Uhr vor. Das ICNIRP-Grenzwert-Konzept verhindert Wärmeschäden. Allerdings für so genannte a-thermische, bzw. nicht-thermische Wirkungen und Dauerexposition ist das Konzept nicht stimmig. Ich kann die ICNIRP schon verstehen, für niedrigere Grenzwerte fehlen uns so entscheidende Dinge wie die systematische Erforschung einer Wirkschwelle, wie wir es aus anderen Bereichen kennen. Die Frage, die uns beschäftigte: "Warum spricht niemand über alternative Schutzkonzepte?“ wie beispielsweise Vorsorgestrategien, die wir im Leitfaden Abschnitt 5.3 erklären.

Vorsorgestrategien funktionieren nicht über Begrenzung der maximal erlaubten Exposition, sondern minimieren diese über organisatorische Maßnahmen und mindern somit das mit der Exposition verbundene Risiko. Genau dieser Lücke haben wir uns gewidmet, im LSB geht es um organisatorische Schutzstrategien.

DIAGNOSE:FUNK: Was war Ihre Rolle bei der Entwicklung des Leitfadens?

PROF. MOSGÖLLER: Mein Beitrag war primär die Koordination der Mitwirkenden. Jeder im Team hatte Erlebnisse und Erfahrungen. Einseitig vorangetriebener Netzausbau durch Anbieter lässt offene Fragen unberücksichtigt und insbesondere Fragen der Anrainer. Wenn Anrainer überrumpelt werden, entsteht Widerstand, das kostet Energie und enorme Reibungsverluste bei allen Beteiligten.

DIAGNOSE:FUNK: Was war das Ziel des Leitfadens?

PROF. MOSGÖLLER: Konstellationen mit unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen wohnt ein Konfliktpotenzial inne. Mobilfunk ist gekommen und wird bleiben. Der LSB kann bei Bauvorhaben einen konstruktiven dialoggesteuerten Prozess anstoßen, um den Netzausbau im Konsens zu realisieren. Der Leitfaden Senderbau (LSB) beschreibt Strategien und Vorgangsweisen, um einerseits dem Bedürfnis nach technischer Innovation und andererseits dem verständlichen Wunsch nach möglichst geringen Immissionen gerecht zu werden. Der LSB berücksichtigt wissenschaftliche Erkenntnisse und bewährte Risikomanagement-Strategien. Die konkreten LSB-Empfehlungen richten sich an Baubehörden, Betreiber-Gesellschaften, aber auch an Anrainer.

Daten aus dem Review von Balmori (2022)Grafik:diagnose:funk

>>> Link zum Review von Balmori (2022)

 

Glaubenskriege draußen lassen!

 

DIAGNOSE:FUNK: Sie sprechen im LSB von einem "Planungszielwert", also einer Expositionsschwelle von 1000 µWatt/m² weit unter dem offiziellen Grenzwert. Wie ist dieser begründet?

PROF. MOSGÖLLER: Unter der Federführung des Teams von Professor Michael Kundi analysierten wir die damals vorhandenen rund 30 Basisstationsstudien nach den Prinzipien einer Metaanalyse. Das ist ein wissenschaftliches Verfahren, um bei gegebener Streuung zwischen den einzelnen Studien einen einvernehmlichen Wert zu finden. Dabei stellte sich heraus, dass bei vielen Studien, die keine Effekte beschrieben, die Immission mit HF-EMF unter 1 mW/m² Leistungsflussdichte lag, während in Studien, die Effekte berichteten, in der Regel eine Immission darüber vorlag. Ein mW/m², also 1000 µW/m², erschien uns im Sinne des Vorsorgegedankens vertretbar und technisch machbar, sowohl was biologische Effekte betrifft wie ein funktionierendes Mobilfunk-Netz. Die Analyse und Ableitung kann jeder transparent im Leitfaden auf Seite 30 nachlesen.

DIAGNOSE:FUNK: Hatte der Leitfaden auch praktische Auswirkungen?

PROF. MOSGÖLLER: Die Praxistauglichkeit war eine Grundbedingung, auf die sich alle Mitwirkenden geeinigt hatten. Allein die Möglichkeit, bei Einhaltung des Planungszielwertes keine weiteren Vorkehrungen treffen zu müssen, ist ja für sich schon einmal sehr praktisch. Zeichnet sich ab, dass der Planungszielwert nicht eingehalten werden kann, beispielweise weil bestehende Immissionen mit der geplanten Zusatzbelastung diesen Wert überschreiten, so lautet die Empfehlung: Noch einmal nachsehen, ob es vielleicht geeignete alternative Standorte gibt.

  • Die Gemeindebewohner kennen ja das eigene Umfeld am besten. Sie aktiv einzubinden, anstatt zu überrumpeln, lässt viele Konflikte gar nicht erst entstehen. Wenn man sich darauf einlässt - der LSB beschreibt einen sachlichen Prozess, bei dem jeder gewinnen kann und soll. 

DIAGNOSE:FUNK: Wie kann das funktionieren?  Sind die Argumente für strahlungsminimierte Standorte wissenschaftlich abgesichert?

PROF. MOSGÖLLER: Auf Basis der damaligen Studienanalyse konnten wir evidenzbasiert empfehlen, bei extrem geringer Belastung nicht weiter über mögliche Schadwirkungen nachzudenken, also der Bevölkerung aber auch dem Betreiber "grünes Licht“ zu geben für die geplante Errichtung.

Wir wissen natürlich, dass viele Beschwerden und Symptome erst dadurch entstehen, wenn Anrainer überrumpelt und vor vollendete Tatsache gestellt werden. Ich kenne Fälle von Familien, die aus dem Sommerurlaub zurückkommend überrascht wurden von einer "Riesen-Krake" (Mobilfunkantenne) auf dem Dach ihres Wohnhauses. Ich erinnere mich an einen besonders skurrilen Fall. Die Klimaanlage für die Basisstation-Elektronik hat Infraschall erzeugt, dieser war im darunterliegenden Schlafzimmer zwar nicht klar hörbar, aber schlafraubend. Die EMF-Messungen als Antwort auf die Beschwerden waren natürlich nutzlos und irreführend. Der Konflikt eskalierte, nachdem man den Betroffenen und dem Bürgermeister der Gemeinde den EMF-Messbefund übermittelte, die Antennen waren noch nicht an. Der Befund für sich war richtig, aber es war der falsche Befund. Es war nicht die HF-EMF-Abstrahlung, sondern Infraschall von der Klimaanlage für die Elektronik.

Welche Folgen hat es, wenn die hochsensiblen Organismen von Kindern einer Dauerbestrahlung ausgesetzt sind? Im Bild: Bürgerinitiative Cavertitz in AktionQuelle: cavertitz-gegen-5g.de

Bürgerinitiativen erleben meist arrogante Mobilfunkbetreiber, die nicht zu Kompromissen bereit sind! Im Bild: Initiative in Cavertitz. 

 

DIAGNOSE:FUNK: Die deutschen Behörden aber argumentieren: es braucht keine solchen Schutzmaßnahmen, die nicht-ionisierende Strahlung ist ungefährlich, weil die Betreiber die Grenzwerte einhalten!

PROF. MOSGÖLLER: Wenn Anrainer-Interessen systematisch ausgeblendet werden, und das blinde Vertrauen in die Grenzwerte zuallererst der Investitionssicherheit der Netz-Betreiber dient, ist schon einiges schiefgelaufen. Der LSB versucht in dieser Konstellation den Beteiligten eine gemeinsame Handlungsgrundlage zu geben. Das ist jetzt natürlich sehr verkürzt dargestellt. Natürlich geht es der Bevölkerung in erster Linie darum, dass die derzeitigen Grenzwerte systematisch die sogenannten nicht-thermischen Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder nicht in das Schutzprinzip miteinbeziehen.

  • Anderslautende Beteuerungen und Bemühungen, es so aussehen zu lassen, dass es die nicht-thermischen Wirkungen gar nicht gäbe, werden zunehmend unglaubwürdiger. Mittlerweile gibt es hinreichend Evidenz zu nicht-thermischen Wirkungen, offen ist die Wirkschwelle, sie wird aber gebraucht als Voraussetzung für eine neue Grenzwert-Festlegung.

DIAGNOSE:FUNK: Bei den offenen Fragen: die betroffenen Anwohner können doch nicht warten, bis sie geklärt sind!

PROF. MOSGÖLLER: Offene Fragen sind nichts Ungewöhnliches. Aber bis auch der letzte Skeptiker auf der pro oder contra Seite überzeugt ist, braucht es Forschung und Zeit. Es ist das Gebot der Stunde, die vorsorgliche Minimierung von Exposition anzudenken. Es gilt ein Grundsatz frei nach Paracelsus: „Es gibt kein Gift, jedes Ding ist Gift, allein die Dosis macht, dass ein Ding zum Gift wird." Für Mikrowellen Anwendungen übersetzt bedeutet dies, dass man die Dosis geringhalten sollte. Das gilt für beide Komponenten einer Exposition, Intensität und Zeit. Es ist wie bei der Sonneneinstrahlung. Sonnenlicht ist lebenswichtig, macht aber Hautverbrennungen, wenn man ungeschützt zu lange exponiert ist. Bei nicht-thermischen HF-EMF Exposition sind wir noch dabei, die kritische Expositions-Dosis (Intensität und Dauer) herauszufinden. 

 

Paracelsus, Bild: Wikipedia

Es ist die Dosis, die das Gift macht!

 

DIAGNOSE:FUNK: Sie kennen sich, nicht zuletzt als Studienleiter der ATHEM-1 bis 3 Studien, zu den biologischen Wirkungen der nicht-ionisierenden Strahlung bestens aus. Ab welcher Leistungsflussdichte und Dosis stellt die Forschung biologische Auswirkungen fest, vor denen geschützt werden muss?

PROF. MOSGÖLLER: Danke für das Kompliment "mich auszukennen", das muss ich an viele Projekt-Partner weiterreichen. Ab welcher Leistungsflussdichte geschützt oder die Exposition gekürzt werden muss … ? Lassen Sie es mich mit einer Analogie erklären. Wenn Sie Auto fahren, gibt es den Grenzwert für Geschwindigkeit, entweder Schritt-Tempo in Fußgängerzonen oder über 100 auf Landstraßen. Ab welcher Geschwindigkeit treten Risiken auf, vor denen man sich schützen muss? Ein passionierter Schnellfahrer wird Ihnen sagen ab 300 km/h, ein Schuldirektor wünscht sich vor seiner Schule Schritttempo oder maximal 30 km/h.

Die Analogie endet hier, weil HF-EMF sieht man nicht, und man kann nicht ausweichen. Beim Autoverkehr kann ich mich mit allen Vor- und Nachteilen entscheiden, neben der Hauptstraße zu wohnen oder abgelegen. Bei Mobilfunkanwendungen entscheiden andere für mich, ohne mich auch nur anzuhören. Wer dann beginnt, sich für das Thema zu interessieren, findet eine Studienlage die, gelinde gesagt verwirrend ist. Wer hier polemisiert, es gäbe keine nicht-thermischen Wirkungen, verspielt die Chance auf Konsens.

DIAGNOSE:FUNK: Was wäre ein schützender Grenzwert, insbesondere wenn Sie die Ergebnisse der ATHEM 3 Studie heranziehen? Sie ergab ja, dass die Langzeitbestrahlung zu Chromosomenschäden führen kann. Ist man mit 1000 µWatt/m² im sicheren Bereich?

PROF. MOSGÖLLER: Ich warne davor, sich bei solchen Fragen auf eine einzige Studie zu beziehen. Aber es verhält sich so, dass die Athem-3 Ergebnisse mit den Empfehlungen im LSB, die sich auf 30 Funkmaststudien beziehen, kongruent sind.

In der ATHEM-3-Studie (Gulati et al. 2024) statistisch signifikant gefundene Chromosomen-Schäden: keine Schäden (A); dizentrisch (B); Fragment (E); Chromatid-Lücke (F)Gulati et al. / ATHEM-3-Studie / diagnose:funk

Ein Ergebnis der ATHEM-3 Studie: Chromosomenabberationen durch Langzeitbestrahlung. 

 

„Die Befundlage bedeutet keinesfalls, dass ein negatives Ergebnis (kein Effekt) ein positives aufhebt!“

 

DIAGNOSE:FUNK: Wie beurteilen Sie die Einschätzung von Lutz / Adlkofer: „In lebenden Organismen finden biologische Prozesse wie Zellteilung, Zelldifferenzierung usw. statt, die die Moleküle, speziell die DNA und die RNA sehr verletzbar machen. Chemische Verbindungen werden aufgebrochen und neue gebildet. DNA-Ketten werden geöffnet, vervielfältigt und neue Zellen werden gebildet. Eine viel tiefere Energieschwelle kann für eine Störung der zellulären Prozesse genügen. Es wird überhaupt sehr schwer sein, eine untere Energieschwelle zu definieren, um eine Störung in Lebensprozessen, für die die molekulare Instabilität eine Vorbedingung ist, auszuschließen.“

PROF. MOSGÖLLER: Im Prinzip stimmt alles hier Angeführte, aber wir bewegen uns von der Praxisnähe weg in die Tiefen theoretischer Wissenschaft. Ja, es gibt Daten, die Effekte und Einflüsse auf die Zellteilung und Zelldifferenzierung zeigen. Auch die Untersuchungen in den von mir koordinierten Projekten belegen, dass die Expositions-assoziierten DNA-Schädigungen in einigen - nicht allen - Zellen real sind. In ATHEM-1 konnten wir sehen, dass es robuste (widerstandsfähige) und auch empfindliche Zellen gibt. Diese Befundlage wird manchmal als widersprüchlich kommuniziert. Aber die Befundlage bedeutet keinesfalls, dass ein negatives Ergebnis (kein Effekt) ein positives aufhebt. Wissenschaftlich lohnend wäre es zu wissen, warum manche Zellen DNA-Schäden bekommen, und herauszufinden, wie andere Zellen die eigene DNA schützen.

DIAGNOSE:FUNK: Was bedeutet diese Diskussion für den Alltag? 

PROF. MOSGÖLLER: Es gibt immer wieder Versuche, den Befund, dass es robuste und sensible Zellen gibt, in der öffentlichen Diskussion als Widerspruch darstellen. Dem widerspreche ich vehement. Allerdings, wenn wir durch Forschung herausfinden, was den Unterschied ausmacht zwischen robust widerstandsfähig und sensibel, haben wir einen Schlüssel, wie man sich im Alltag gegen elektromagnetische nicht-thermische Wirkungen schützen kann. Nach meiner Einschätzung ist der Ruf nach geringeren Grenzwerten wenig hilfreich. Alternativ ist die Organisation von Schutzmaßnahmen - zusätzlich zu den ICNIRP-Grenzwerten - eine naheliegende Lösung, insbesondere wenn es absehbar ist, dass die Exposition über Jahre besteht.

DIAGNOSE:FUNK: Nochmals zur Studienlage. Wie groß ist nach Ihrer Meinung die derzeitige Evidenz, dass Mobilfunkstrahlung für Dauernutzer zu Krebs und Fertilitätsschädigungen führen kann?

PROF. MOSGÖLLER: Für diese Frage braucht es den Begriff Dosis. Zur Erinnerung: "Es ist die Dosis, die das Gift macht". Bei geringer Dosis  - also geringe Nutzerfrequenz, geringe Intensität, geringe Expositionszeit - würde mir die Frage nach einer Krebserkrankung kein Kopfzerbrechen bereiten, hingegen bei hemmungsloser Exposition über Jahre schon eher. Vermutlich ist es ähnlich wie beim Tabakkonsum, die meisten Raucher mit Lungenkrebs sind starke Raucher über Jahre. Wenn wir über die toxische Dosis bei nicht-thermischen Wirkungen reden, müssen wir in Jahren denken.

Bezüglich Beeinträchtigung der männlichen Fertilität gibt es relativ konsistente Tierstudien. Bei Human-Studien sind die Ergebnisse nicht so eindeutig. Ich führe das darauf zurück, dass im Tierexperiment die Versuchsbedingungen gut kontrolliert sind, in einem Test-System mit nur einem Risiko-Faktor (EMF-Exposition) und einem Endpunkt (Spermienqualität) ist die Chance, einen direkten Zusammenhang aufzudecken, besser als bei Humanstudien. Bei Humanstudien spielen unterschiedlichste Co-Faktoren eine Rolle. Ein spezifischer Effekt kann im Rauschen der anderen untergehen. Anders gesagt: Wenn ich davon ausgehe, dass die Exposition mit HF-EMF Auswirkungen auf die männliche Fertilität hat, ist die HF-EMF Exposition einfach nur ein Faktor mehr, zusätzlich zu den vorhandenen, wie Stress, Lebensstilfaktoren, hautenge Jeans, Umwelteinflüsse, Ernährung, etc.

DIAGNOSE:FUNK: Sie sagen, „für niedrigere Grenzwerte fehlen uns so entscheidende Dinge wie eine Wirkschwelle“. Auf eine scheinbar fehlende Kausalität beruft sich u.a. das Bundesamt für Strahlenschutz für seine Entwarnungen. Aber liegen nicht Evidenzen für einen Wirkmechanismus vor, z. B. die Auslösung von oxidativem Zellstress, einer Ursache entzündlicher Erkrankungen, wie sie Yakymenko (2015) und Mevissen (2021) in ihren Reviews dokumentieren, aber auch ihre eigenen Athem-Studien?

PROF. MOSGÖLLER: Die Arbeiten zu oxidativem Zellstress als kausalem Wirkmechanismus liefern einen Schlüssel zum besseren Umgang mit den Effekten, die sich uns präsentieren. Es hat sich gezeigt, dass Antioxidantien wie Melatonin, Vitamin C und E, Zink, Selen, Polyphenole und noch viele mehr, die Effekte der HF-EMF Exposition mildern oder abfangen können. Solches bestätigt 1.) den Effekt an sich und 2.) den oxidativen Mechanismus. Angesichts der Befundlage haben wir nicht die Kausalität hinterfragt, sondern uns gefragt "was tun?". Das Ergebnis unseres Tuns ist jener LSB, der das Prinzip Vorsorge in ein Gemeinschaftsprojekt integriert. Mit Hilfe des LSB lassen sich Unsicherheiten sachlich und transparent abhandeln. Der LSB ist nicht als Verhinderer konzipiert, sondern als Ermöglicher eines Gemeinschaftsprojektes.

Zur Wirkschwelle: Eine Wirkschwelle besagt nichts anderes, als dass ich mich, wenn ich mit der Dosis darunter liege, auf der sicheren Seite befinde. Bei jeder Grenzwertfestlegung beginnt man mit einer Wirkschwelle. Manchmal gibt es mit einem Abschlag-Sicherheitsfaktor und landet mit dem Grenzwert also unter der Wirkschwelle, aber das lassen wir bitte bei ausgebildeten Toxikologen.

Die scheinbar fehlende Kausalität, die Sie ansprechen, darf ich mit einer Analogie erklären: Stellen Sie sich vor, ein Spaziergänger wird von einem Golfball am Kopf getroffen. Was ist die Kausalität seines Kopfschmerzes? Der Golfer meint, es liegt am Wind, der Wind ist schuld, er hat den Ball vertragen. Ein Neuro-Experte hat Recht, ohne Nerven gäbe es keinen Schmerz, also sind die Nervenbahnen kausal. Ein Unfallchirurg-Experte hat Recht, ein gebrochener Schädel-Knochen im Röntgen erklärt den Schmerz kausal, und so weiter und so weiter …. Während die Experten die Kausalitätsfrage diskutieren, erklärt der Golfclub vor der Presse, dass täglich 1000 Golfbälle durch die Luft fliegen ohne Kopfschmerzen zu verursachen. In solcher Situation braucht ein Betroffener Geduld und starke Nerven oder einen Leitfaden, wie man mit der Situation umgeht. Wem nützt es, und wen schützt es, wenn man grundsätzlich diskutiert, aber für den konkreten Fall keine Lösung anbietet.

Der LSB ist eine Anleitung, wie man mit einem theoretischen Risiko im Fall einer konkreten Anlagen-Errichtung bewusst sachlich vorgeht. Das kann sehr nützlich sein, besonders dann, wenn die Suche nach einer Einigung bezüglich Kausalität oder Wirkschwelle noch Jahre andauert. 

 

„Es ist keine gute Idee, einen Laptop am Schoß liegend zu betreiben!“

 

DIAGNOSE:FUNK: Gehe ich recht in der Annahme: Die Dauerbelastung durch Mobilfunkmasten ist ein schädigender Faktor, dem wir zwangsweise ausgesetzt sind. Die Nahfeldbelastungen werden aber immer größer, durch WLAN-Hot-Spots, durch die eigene Smartphone- und Tablet-Nutzung. Wie sehen Sie hier das Verhältnis?

PROF. MOSGÖLLER: Mir sind keine Studien bekannt zur Frage, dass biologische Effekte daran geknüpft sind, ob ich in einer Nahfeld-Situation oder Fernfeld-Situation exponiere. Aber Vorsicht, die Begriffe Nahfeld-Exposition und Fernfeld-Exposition werden normalerweise verwendet, um auszudrücken, dass nach Antennenaustritt das elektrische und das magnetische Feld getrennt vorliegen, bevor sie sich im Fernfeld gekoppelt ausbreiten. Diese Eigenschaft macht Messungen im Nahfeld schwierig. Wenn eine Welle sich im Fernfeld ausbreitet und das elektrische und magnetisches Feld miteinander verbunden sind, und senkrecht aufeinander stehend in Phase schwingen, ist die Erfassung mit Messgeräten zuverlässiger. Typischerweise herrschen bei WLAN-Routern physikalisch betrachtet spätestens ab 50 cm Abstand gut erfassbare Fernfeldbedingungen.

Unabhängig von diesen Überlegungen ist es keine gute Idee, einen Laptop auf dem Schoß liegend zu betreiben, schon gar nicht mit WLAN-Anbindung. Wenn Sie einen Laptop direkt auf dem Schoß nutzen, ist der Körper drei verschiedenen physikalischen Einflüssen gleichzeitig ausgesetzt: Hochfrequenzstrahlung (HF) durch WLAN und Bluetooth, Niederfrequenz-Feldern (NF) durch die Elektronik und die Batterie sowie lokale Wärme, die der männlichen Fruchtbarkeit abträglich ist. Eine Platte oder ein sogenanntes Knie-Tablett zwischen Schoß und Laptop schafft Abstand und die Lüftungsschlitze an der Unterseite eines Laptops können ihrer Bestimmung gerecht werden.

Bild: diagnose:funk

Statt Mehrfachbestrahlung durch vier Netzbetreiber, mit einem Netz für alle (Roaming) kann die Strahlenbelastung minimiert werden.

 

Die Alternativen sind da!

 

DIAGNOSE:FUNK: Diagnose:funk schlägt zur Strahlenminimierung zwei Hauptmaßnahmen vor, die sofort umgesetzt werden könnten: Roaming, also ein Netz für alle, die Trennung der Indoor- und Outdoorversorgung durch Kleinzellen in Kommunen, die nur den Außenbereich versorgen. Was halten Sie davon? 

PROF. MOSGÖLLER: Das sogenannte Roaming, also ein Netz für alle - derzeit noch nebeneinander konkurrierenden - Mobilfunkbetreiber könnte in der Bevölkerung schlagartig die Exposition mit hochfrequenten elektromagnetischen Feldern erheblich reduzieren. Ein Smartphone muss den Energieverbrauch und die Abstrahlung hoch regeln, wenn der Mobilfunkmasten des Anbieters weit weg steht. Derartiges entfällt, wenn das Smartphone nur zur nächstgelegenen Basisstation senden muss, dann braucht es weniger Batterie, und man generiert weniger HF-EMF-Exposition für sich und die Umwelt. 

Der Trennung von Indoor- und Outdoor-Versorgung kann ich sehr viel abgewinnen. Derzeit müssen ja, um Indoor alle Räume zu versorgen, die Felder einer Outdoor-Sendeanlage mehrere Hausmauern durchdringen, was stellenweise relativ hohe Expositionen mit sich bringt. Expositionssparender und auch energetisch effizienter wäre es, dass in Zukunft jedes Haus einen Glasfaser-Anschluss bekommt. Aber auch schon jetzt kann die Licht-Technologie (LiFi) die Indoor WLAN-Exposition deutlich senken und gleichzeitig das Hausnetz um ein Vielfaches effizienter machen. Lichtleiter wie Glasfaser oder POF (Polymer-Optische-Fasern) bringen das Signal ohne jede HF-EMF Exposition entlang der Elektroinstallation in jedes Zimmer. Das ist nebenbei noch abhörsicher, vor allem aber schneller und stabiler als wir es selbst von 5G erwarten dürfen.

Ich bin zuversichtlich - allein aufgrund der technischen Überlegenheit - Lichtleitersysteme werden in absehbarer Zeit die heute noch HF-emittierenden WLAN-Hotspots eindämmen.

 

Bild: Heinrich-Hertz-Institut Berlin

Alternative LiFi statt WiFi: Es werde Licht!

 

DIAGNOSE:FUNK: Ja, für die Lichttechnologie werben wir schon über 15 Jahre. Dazu kommt im Innenbereich, dass der weltweite IoT-Markt (Internet der Dinge) bis 2030 etwa 40,8 Milliarden Verbindungen erreichen soll, also alles wird vernetzt, die Haushaltsgeräte im Smart Home, TV mit WLAN, der Saugroboter, die Kaffeemaschine, der Herd, Alexa, und, und,  und, …. In den angestrebten Smart Citys soll alle Kommunikation, ob Verwaltung, Mobilität oder der Bildung auch über mobile Daten erfolgen! Was ist hier der Ausweg?

PROF. MOSGÖLLER: Das IoT (Internet of Things) ist eine Zukunfts-Vision, von der wir gar nicht mehr allzu weit weg sind. Allerdings: Eine Indoor-Versorgung per WLAN, wie wir es heute kennen, würde angesichts der angestrebten Vernetzung bald an die physikalischen Grenzen stoßen.

Wenn wir uns ein Smart-Home im Vollausbau vorstellen, sind wir gut beraten, bei der nächsten Hausrenovierung bzw. Wohnungsrenovierung Lichtleiter neben die elektrischen Leitungen in die Rohre zu legen. Dies erlaubt, jeden Raum anzupeilen bzw. bereitet vor, dass viele Geräte miteinander kommunizieren, ohne dass WLAN-Hotspots nötig sind. Die HF-EMF Dauer-Exposition fällt weg. Was Indoor-Dauerexposition mit HF-EMF bzw. deren Abschirmung bewirken kann, wird im derzeit laufenden ATHEM-4 Projekt untersucht.

DIAGNOSE:FUNK: Welchen max. Strahlungswert würden Sie für eine Neuauflage des Leitfaden Senderbau heute vorschlagen?

PROF. MOSGÖLLER: Ich entschlage mich der Aussage und hoffe, dass die Verbreitung von Indoor-Lichtleiter-Systemen diese Frage bald überflüssig macht.

DIAGNOSE:FUNK: Lieber Prof. Mosgöller, danke für das Interview und Ihre Beharrlichkeit in der Hoffnung, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse durchsetzen, und wir nicht in Galileischen Zeiträumen denken müssen.

Das Interview führte Peter Hensinger vom diagnose:funk Vorstand

Weitere Informationen ______________________________________________

> Artikelserie und Interview mit Prof. Wilhelm Mosgöller zur ATHEM-3 Studie

> Auch deutsche Juristen verlangen ein regulatives Eingreifen. Die Kommunen hätten nicht nur die Möglichkeit, sondern die Pflicht, ihre Einwohner vor den Auswirkungen der Strahlenbelastung von Mobilfunk-Sendeanlagen zu schützen. Denn die Studienlage beweise, dass von der Mobilfunkstrahlung Gesundheitsrisiken ausgehen. Das ist die Kernaussage der Dissertationsschrift „Kommunale Mobilfunkkonzepte im Spannungsfeld zwischen Vorsorge und Versorgung“ (2022) von Anja Brückner. Diese Dissertation ist eines der umfangreichsten Rechtsgutachten zu den Rechten und Pflichten der Gemeinden und eine Abmahnung erster Klasse für die bisherige Behördenpraxis, siehe dazu diagnose-funk.org/2109

Publikation zum Thema

diagnose:funk
Stand: 08.10.2024Format: A4Seitenanzahl: 22 Veröffentlicht am: 14.06.2024 Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Überblick Nr. 3: Zeigt Mobilfunk auch nicht-thermische Wirkungen?


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Überblick Nr. 3 setzt sich mit einer Hauptbegründung für die Ungefährlichkeit der Mobilfunkstrahlung auseinander: Die gesetzlichen Grenzwerte würden vor Gesundheitsrisiken schützen. Es würde keine Beweise für nicht-thermische Wirkungen geben. Jedoch: Der Ausschluss von Studien mit nicht-thermischen Wirkungen für die Risikobewertung wird inzwischen von europäischen Gremien kritisiert, ebenso in juristischen Gutachten. Dieser Überblick stellt die Diskussion um das thermische Dogma seit den 1950er Jahren bis heute dar. diagnose:funk dokumentiert darin exemplarisch 70 Studien, die nicht-thermische Wirkungen zeigen. Damit wird die Schutzfunktion der geltenden Grenzwerte wissenschaftlich in Frage gestellt.
April 2020Format: 10 Seiten / A4Veröffentlicht am: 03.04.2020 Bestellnr.: 240Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Der Kausalitäts-Betrug

Was die Mobilfunkdiskussion mit Alkohol, einem Affen und Kater zu tun hat- eine Auseinandersetzung mit Positionen des Bundesamtes für Strahlenschutz.
Autor:
Jörn Gutbier/Peter Hensinger
Inhalt:
Warum vertritt das Bundesamt für Strahlenschutz trotz der Studienlage, dass es keine Beweise für die Gesundheitsschädlichkeit der Mobilfunkstrahlung gibt? Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Kernargument des Bundesamtes für Strahlenschutz, der Kausalität als Kriterium für eine Schutzpolitik. Ausnahmslos alle vorliegenden Studien, so begründet es das Bundesamt für Strahlenschutz, hätten bisher keinen kausalen Zusammenhang zwischen Strahlungseinwirkung und Zellschädigungen nachweisen können. Deshalb brauche es auch keine Schutzpolitik. Korrelationen oder Indizien reichten dafür nicht aus. Warum diese Kausalitätstheorie, die wissenschaftlich logisch erscheint, unwissenschaftlich ist, dem Vorsorgeprinzip widerspricht und in der Konsequenz Geschäftsmodelle der Industrie rechtfertigt, damit setzt sich der Brennpunkt auseinander.
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