Industrie und Bundesamt für Strahlenschutz an einem Tisch mit einer Meinung

So geht Lobby (III): Wie das Bundesamt für Strahlenschutz Industrieinteressen flankiert
Teil III von "So geht Lobby" zeigt, wie eine Behörde Industrieinteressen bedient. Von staatlichen Organen erwartet der Bürger, dass sie einen Interessenausgleich zwischen seinen Interessen und den Profitinteressen der Industrie herstellen. Das ist immer weniger der Fall. Der Soziologe Ulrich Beck schreibt in seinem Buch „Weltrisikogesellschaft“ (2007), der Staat mutiere zum „Legitimationsorgan“ von Industrieinteressen, dadurch herrsche eine „organisierte Unverantwortlichkeit“. Nur noch der Bürger, so Beck, hätte ein Interesse an der Wahrheit, weil er nicht vom Profitsystem profitiere. Zwei Beispiele, wie eine staatliche Behörden der Industrie den Weg für ihre Geschäftsinteressen freimacht.
Bild: diagnose:funk

Die Telekom bat 2019 das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) auf dem 18. Runden Tisch EMF um Argumentationshilfe gegen den anschwellenden Protest gegen den 5G-Ausbau:

  • „Herr Unger/Telekom berichtet über öffentliche Diskussionen bezüglich des 5G-Standards ... Herrn Unger zufolge sei eine klare, koordinierte Kommunikation des Bundes nötig, Länder und Kommunen bräuchten Unterstützung des Bundes.“ (Protokoll 18. RTEMF)

Auf Anregung der Industrie, so dokumentiert das Protokoll des 18. Runden Tisches weiter, wurde das KEMF (Kompetenzzentrum Elektromagnetische Felder) als Abteilung des BfS gegründet. Es organisierte dann für die Bundesregierung die Entwarnungskampagne ‚Deutschland spricht über 5G‘. Für diesen Flankenschutz bedankte sich auf dem 31. Runden Tisch EMF stellvertretend für die IT-Branche Kristofer Steinijans (Telekom):

  • „Die Begleitung durch die Initiative ‚Deutschland spricht über 5G‘ (Dsü5G) wurde als sehr hilfreich empfunden, insbesondere die Moderation bei kleinen Kommunen.“ (Protokoll 31. RTEMF)

Besser kann man die dienstbeflissene Funktion des Bundesamtes für Strahlenschutz als „Legitimationsorgan“ (Beck) nicht bestätigen. Das wird auch durch die Tatsache bestätigt, dass das BfS statt Forschung für den Strahlenschutz ständig neue Studien zur Risikokommunikation in Auftrag gibt für Strategien, wie man Kritiker widerlegt und Geschäftsinteressen der IT-Branche schützt.

Organisierung von Gefälligkeitsstudien

Das zweite Beispiel. Um Argumente für die Ungefährlichkeit von Produkten zu bekommen, wird versucht, die Wissenschaft zu instrumentalisieren. Einen Einblick, wie das Bundesamt für Strahlenschutz vorgeht, gab Prof. Meike Mevissen in einem Interview auf infosperber.ch (16.01.2026), sie sagte:

  • „Mich stört dabei, dass Institutionen, wie etwa das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz, ständig alles wegdiskutieren. Auch wenn die Effekte, die gefunden wurden, klein sind, kann man das auch so kommunizieren. Das Bundesamt möchte, dass die Wissenschaft die Aussage macht, dass es keine Effekte gibt … Die Forschung ist sehr politisch und wir sind immer wieder mit der Haltung konfrontiert, dass es keine Gesundheitsrisiken geben darf. Das behindert unsere Arbeit manchmal.“

Neben den Versuchen, Gefälligkeitsstudien zu organisieren, beschäftigt das BfS in seiner Außenstelle KEMF-Cottbus (Kompetenzzentrum elektromagnetische Felder) 13 Angestellte, die die Spotlight-Studienbesprechungen verfassen, in denen „ständig alles wegdiskutiert“ wird. Ein exemplarisches Beispiel dieser Methode analysierte Dr. Klaus Scheler im Homepageartikel „Eine Studie - zwei Interpretationen“.

>>> Mehr dazu auf diagnose-funk.org/1657diagnose-funk.org/2322 und > MicrowaveNews.

Publikation zum Thema

diagnose:funk
Format: A4Seitenanzahl: 16 Veröffentlicht am: 12.01.2023 Bestellnr.: 250Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit zu Risiken der Mobilfunkstrahlung

Über Kampagnen eines Kartells von Industrie, Bundesamt für Strahlenschutz und ICNIRP
Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Ob Mobilfunkstrahlung gesundheitsschädlich ist oder nicht, darüber wird nicht nur eine Wissenschaftsdebatte über Ergebnisse der Forschung geführt. Bei dieser Debatte geht es auch und vor allem um Produktvermarktung, in diesem Fall um das Milliardengeschäft einer Schlüsselindustrie. Dieser brennpunkt dokumentiert die Auseinandersetzung. Im Jahr 2022 gab es vier Entwarnungskampagnen, basierend auf vier Studien mit der Botschaft: Mobilfunkstrahlung ist unbedenklich für die Gesundheit, ein Krebsrisiko besteht nicht. Das beweise die MOBI-Kids-Studie, die bisher weltweit größte Studie zu Hirntumoren und Kinder. Mit der UK-Million Women Studie liege auch der Beweis für Erwachsene vor. In einem von ICNIRP-Mitglied Prof. M. Röösli verfassten Artikel zu 5G in der Zeitschrift Aktuelle Kardiologie bekamen gezielt Mediziner diese Botschaft übermittelt. Abgeordneten des deutschen Bundestages wird vom deutschen Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und dem Umweltministerium mitgeteilt, die STOA-Studie, die Schädigungen zu Krebs und Fertilität auswertet, sei unwissenschaftlich. Diagnose:funk nahm zu allen diesen Meldungen Stellung.
April 2020Format: 10 Seiten / A4Veröffentlicht am: 03.04.2020 Bestellnr.: 240Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Der Kausalitäts-Betrug

Was die Mobilfunkdiskussion mit Alkohol, einem Affen und Kater zu tun hat- eine Auseinandersetzung mit Positionen des Bundesamtes für Strahlenschutz.
Autor:
Jörn Gutbier/Peter Hensinger
Inhalt:
Warum vertritt das Bundesamt für Strahlenschutz trotz der Studienlage, dass es keine Beweise für die Gesundheitsschädlichkeit der Mobilfunkstrahlung gibt? Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Kernargument des Bundesamtes für Strahlenschutz, der Kausalität als Kriterium für eine Schutzpolitik. Ausnahmslos alle vorliegenden Studien, so begründet es das Bundesamt für Strahlenschutz, hätten bisher keinen kausalen Zusammenhang zwischen Strahlungseinwirkung und Zellschädigungen nachweisen können. Deshalb brauche es auch keine Schutzpolitik. Korrelationen oder Indizien reichten dafür nicht aus. Warum diese Kausalitätstheorie, die wissenschaftlich logisch erscheint, unwissenschaftlich ist, dem Vorsorgeprinzip widerspricht und in der Konsequenz Geschäftsmodelle der Industrie rechtfertigt, damit setzt sich der Brennpunkt auseinander.
Januar 2022Format: A4Seitenanzahl: 12 Veröffentlicht am: 18.01.2022 Bestellnr.: 247Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

Wie die Telekommunikationsindustrie die Politik im Griff hat


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
diagnose:funk legt in diesem Brennpunkt eine Recherche zur Lobbyarbeit der Mobilfunkindustrie und BITKOM-Branche zur Digitalisierung vor, basierend auf der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE „Beziehungen von Telekommunikationsunternehmen zur Bundesregierung“ (Bundestagsdrucksache 18/9620, 13.09.2016). Sechs Grafiken verbildlichen die Verflechtungen. Politisch eingeordnet wird diese Analyse auf Grund eigener Erfahrungen mit Besuchen bei Bundestagsabgeordneten und dem neuen Buch „Lobbyland. Wie die Wirtschaft unsere Demokratie kauft“ (2021) des ehemaligen Dortmunder SPD-Abgeordneten Marco Bülow über seine 18-jährigen Erfahrungen im Bundestag und weiteren Literaturrecherchen.
Artikel veröffentlicht:
25.04.2026
Autor:
diagnose:funk
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